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Neue jüdische Presse · 1908-05-01 · Heft 17 (1.5.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 17 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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" ,f.. zu Nr. 17 des KMfürler lfmeßftfdien lamtfienßtaffes. Inhalt der BeUage: Artikel: Stürmer. — Jüdische Frauen in der Zeit nach Mendelssohn — Jüdische Heimatknnst. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Kunst und Literatur.— Vereins-Kalender. Stürmer! (Schluß.) „Wir werden kämpfen!" — doch wogegen? Die Methode, das freie Wort zu unterdrücken und gegen seine Urheber Ketzergerichte abzuhalten, hatte doch nur solange einen gewissen Sinn, als die Welt noch in Finsternis steckte und das freie Wort in der Stube des Zensors ausgemerzt werden konnte; mit dem Moment aber, da die Fesseln der Menschheit zerrissen und das freie Wort allüberall laut vernehmbar wurde, war diese Methode wertlos und deshalb lächerlich geworden. Denn ivas nützt es, daß ich von meinen 4 Ellen jedes freie Wort fern halte, lvenn ringsherum mächtige Akkorde der Freiheit ertönen? Was nützt es, die Fenster meiner Stube zu schließen, wenn die Türen sperrangelweit geöffnet sind? Nicht durch Unterdrückung, sondern nur durch E n t g e g e n t r e t c n, durch einen geistigen Wettkampf, kann man heute zum Siege gelangen, — und gar merkwürdig muß cs deshalb erscheinen, daß, 7 während die unmoderne jüdische Orthodoxie Rußlands sich längst mit dem freien Wort abgefunden hat — sämtliche jüdischen Zeitschriften Rußlands in hebräischer, russischer nnd polnischer Sprache und im Jargon sind mehr oder minder radikal nnd werden trotzdem von der Orthodoxie gelesen*) — ein großer Teil der in ox derneu jüdischen Orthodoxie Westeuropas sich mit dem freieir Wort in der jüdischen Presse nicht abfinden kann. Vielleicht mag eine Dogmenreligion auf solche Weise operieren müssen, eine solch' hohe sozialethische Gesetzgebung, wie das Judentum es ist, hat es wahrlich nicht nötig! Auch darf man nicht vergessen, daß der Katholizismus, von dem nian sich bei der Verdmnmung des freien Wortes hat beeinflussen lassen, immer noch eine Macht bildet, während das Judentum machtlos ist und mit der Benutzung der Methode des Katholizismus die Gefahr heraufbeschwört, sich seine unabhängigen auch nur teilweise geweckten Anhänger abspenstig zu machen. Uebrigens ist der Katholizismus wenigstens konsequent. 'Der fromme Katholik wird nie daran denken, ein demokratisches Blatt zu lesen, geschweige denn zu abonnieren. Dagegen selbst dem orthodoxen Juden nach unserer Stürmer Ideal wird es nie einfallen, eine Tageszeitung der rechtsstehenden Parteien zu abonnieren; die Frankfurter Zeitung, die man gern liest, schadet nicht, — doch, der „Häolam", den man gar nicht kennt, da doch das Neuhebräische selbst dem im Talmud bewanderten und bibelkundigen deutschen Juden Beschwerden macht, soll Verwüstungen innerhalb der Orthodoxie anrichten!. Und trotzdem und alledem hat dieser Unsinn für eine separierte Orthodoxie noch einen gewissen Sinn; — aber was soll man von Männern halten, die mit einer solchen Methode innerhalb einer Partei, die Männer aller Richtungen — auch der radikalsten — umfaßt, anfangen? Wem will man damit nützen? Dem Misrachi schadet man sicherlich nur! Und wem will man damit imponieren? Etwa den Zionisten! Oder den Scharfmachern innerhalb der Orthodoxie, indem man. ihnen zeigt,, daß man ihnen an Jntransigenz nicht nachsteht! „Wir werden kämpfen!" — Doch wogegen? Es ist ein „Chillul Schabbos" in den Büros *) Uebrigens ist es, wie das Buch „Hiob" zur Evidenz beweist, eine urjüdische Art, das freie Wort zum Ausdruck kommen zu lassen. der zionistischen Leitung begangen worden. Nicht aus Prinzip, als etwas Erlaubtes und Rechtmäßiges; im Stillen hat man das Unrecht begangen! Das kann bei jeder -Organisation, auch der konfessionellsten, passieren! Man hat am Sabbat gearbeitet in der Annahme, daß es nicht herauskommt. Daß organisierte Zionisten Kundschafter hinschicken, um zum Nutzen und Frommen der geschworenen Widersacher des Zionisnrns bn{3 Unrecht ans Tageslicht zu bringen, hat man nicht für möglich gehalten. Jetzt ist die absolute Sabbatruhe verbürgt worden. — Wogegen wollt ihr nun kämpfen? — Etwa gegen die Sabbatruhe? Es klingt das wie ein billiger Witz, ist aber leider keiner. Ein Organ, das unser Erbe — auf separatistischem Wege — antreten möchte, bedauert aufs tiefste die Erklärung, daß die Sabbatruhe absolut ist. „Statt offen zu sagen" — heißt es dort — „innerhalb des Zionismus verlange ich für den A b fall voin . jüdischen Gesetze, für die A b - s ch a f f u n g der religiösen Sabbatrnhc dieselbe Existenzberechtigung nnd dieselbe Würde wie für Gesetzes treue nnd Sabbat Hut, dreht und wendet sich Herr Sokolow wie eine Schlange, um schließlich mit dem Rabulistenkunststück zu enden: „Sie, die Sabbatruhe, ist absolut!" — Und dies soll streng, religiös und echte Frömmigkeit sein?! Wie klüglich, wie jämmerlich! Anstatt sich zu freuen, daß der offizielle Zionismus erklärt, daß die Sabbatrnhe absolut ist, ärgert man sich darüber. Man hätte es gern gesehen, lvenn die Leitung einer so v ol kstümlich en nnd gewaltig en Partei, wie es die zionistische Bewegung ist, Erklärungen dahin abgegeben hätte, daß der Zionismus den Abfall vom jüdischen Gesetze, die Abschaffung der Sabbatruhe betreibt, denn dann hätte die Alleinseligniachcnde erklären könneii: Ueberall herrscht Abfall, alles macht in Posches, nur wir sind die einzigen Vertreter des Judentums, nur wir sind die einzigen Juden, alles andere ist unjüdisch, alles andere ist Abfall, im besten Falle nationale Reform! Und wenn dies festgestellt gewesen wäre, dann hätte sich von selbst für jeden gcsetzestreuen Zionisten die Konsequenz ergeben, aus dem Zionisnius auszutreten nnd sich der reorganisierten Chaluka anznschließen, die allein inistande ist, die „echte" Mitzwas Jeschnw Erez Israel zu erhalten. ... Man "sieht: die Hetze gegen den Zionismus war gut ausgedacht — das Unglück war nur, daß die Absicht für jeden — mit Ausnahme einiger Kurzsichtiger, die sich in ihrer Einfalt aufhctzen ließen, die Kastanien für Andere, für Interessenten aus dem Feuer zu holen nnd sich vor aller Welt lächerlich zu machen, — bald zu erkennen war. ... Einen Erfolg hat die Offenlegung dieser Fäden aber gehabt: der Welt ist gezeigt worden, daß auch »ach der Reorganisation alles beim alten geblieben ist und daß auch die neue n Männer nichts neues gebracht haben. „Wir werden kämpfen!" — doch wodurch? Physisch steht der Misrachi am B e g i n n des Ausbauens seiner Organisation. Und geistig? „Auj li im aumar weauj li im lau aumar", weh mir, wenn ich sagen sollte, und weh mir, wenn ich nichts sage — und doch muß es zum Heile der Gesetzestreuen einmal gesagt werden. Die Orthodoxie hat es bis dato nicht verstanden, die Zahl der Geistig-Regen in ihrer Mitte zu entwickeln und zu vermehren; vielmehr war alles dazu angetan, dieselben hinauszustoßen und sie den Liberalen zuzuführen. Denn nicht ein jeder bringt es fertig, seine Existenz aufs Spiel zu setzen; ja, es gehört eine außerordentliche Ueberzeugungstreue und Idealismus dazu, um sich über den materiellen Schaden und die moralischen Kränkungen, die einem von seinem Gesinnungsgenossen für gegenteilige Ansichten — auch bei den noch so reinsten Motiven und besten Absichten — hin zugefügt werden, hinwegzusetzen. Unsere Orthodoxie verlangt kategorisch von allem — auch bei rein taktischen Fragen — daß es nach einer bestimmten Schablone gearbeitet wird. All die überlieferten taktischen Fehler werden als heiliges Verniächtnis weitergeschleppt, und weh dem, der es wagt, Einwendungen zu machen oder gar für seine Person eine andere vernünftigere Taktik im Interesse des gesetzestreuen Judentums einzuschlagcn, ganz gleich, wer der Betreffende ist, mag seine Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und Weisheit noch so weit und noch so erprobt sein, es wird ihni kein Pardon gegeben, er wird verketzert — ganz gleich in welcher Fornr, sei es die Beschuldigung der Gemäßigkeit oder sogar der liberalen Aspirationen — und wenn möglich, verbrannt, gleichviel ob physisch, materiell oder moralisch. Dieses Systenr führte dazu, daß Todesstille in der Orthodoxie einkehite; auch die wenigen mehr oder minder Geistig-Regen, die ihr dank ihrer Treue erhalten blieben, verstummten und verlernten allmählich das Sprechen oder — was noch schlimmer — sie eigneten sich die Sprache der Nichtdenkeiiöeu an. Und so ist es still, todcsstill, keine lebendige Regung, kein lebendiger Laut. So die Orthodoxie! Woher sollen da die geistig hohen Kräfte innerhalb des Misrachi, der sich aus Orthodoxen rekrutiert, kommen? Dem Misrachi liegt eine unendlich große Aufgabe ob, ihni ist es beschieden, seinen Einfluß innerhalb der größtenregsten und volkstümlichsten jüdischen Partei der Gegenwart und der viel, sehr viel verheißenden Zukunft geltend zu machen; ihm liegt es ob, die Linken der Partei nach der Mitte zu lenken und sie zur Bejahung, zur Geniäßigkeit zu erziehen, die Mäßigen aber nach rechts zu führen. Einer ethisch-national-sozialen Gesetzgebung muß das. was einer Dogmenkonfession unmöglich ist, niöglich sein. Um aber dieses Ziel zu erreichen, muß der Misrachi mit Takt und Klugheit Vorgehen, er braucht nur nach urjüdischer Art zu handeln, die da sagt: „Lau b'chajil w'lau b'chauach, ki im boruach", nicht mit Gewalt und physischer Kraft, sondern durch Geist. Er kann unmöglich die Fehler der Orthodoxie mit in die zionistische Partei hinüberschleppcn; er muß von Alef beginnen nnd ganz neue methodische Bahnen einschlagen; er muß vor allem sich um sich selbst kümmern nnd positiv arbeiten, indem er geistige Kräfte hcranzicht nnd a l l m ä h l i ch f ü r die A r b e k t d e s Misrachi erzieht, damit sie in Wort und Schrift wirken; er niuß Schulen zur Heranbildung von gesunden, urwüchsigen, ganzen Juden, die als Muster mit ihrer Jüdischkeit und Menschlichkeit dienen können, gründen u. d. m.; er muß mustergiltig und erzieherisch wirken, direkt für seine Partei und indirekt für die andern. Das ist der einzige gangbare Weg; alles andere kann nur dazu führen, den Misrachi in der Wiege zu ersticken. Den Feinden Zions mag das als erwünscht erscheinen, aber für die Freunde Zions ist es erst recht ein Grund, sich mit aller Kraft gegen eine solche Methode aufznlehnen. Dies ist unsere Pflicht gegen den Zionismus, der nur Gutes und Rechtes erstrebt, aber noch mehr gegenüber der gesetzestreuen Judenheit und denjenigen Misrachisten, die anders verfahren und nach der Methode der intransigenten extremen Orthodoxen handeln. Diese Misrachisten mögen es noch so gut meinen, sie versündigen sich schwer sowohl gegen den Zionismus, dem sie noch angehören, wie auch gegen das gesetzestrcue Judentum. Sie glauben, ihre Handlungsweise damit zu entschuldigen, daß ein scharfes Vorgehen auf die Trennungsorthodoxie Eindruck macht und womöglich sie zum Anschluß an den Zionismus veranlaßt. Doch dies ist ein Wahn, denn Leute, die eine völlige Trennung von Andersdenkenden als einen Jdealzustand betrachten, werden sich schwerlich dazu hergeben, sich an eine Partei, die alle Richtungen umfaßt, anzuschließen; um der Stärkung des rechten Flügels im Zionismus willen werden sie es ebensowenig tun, wie sie es 4785

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