Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 17 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Gifte 4. gehen, sie selbst brückte die Tür wieder irt’i Schloß und blieb im Vorzimmer. Die Königin war allein, lag ausgestreckt auf einer Causeuse. Ms sie den Prior eintreten sah, erhob sie sich hastig. Das war jedoch nicht mehr das zarte, blasse, willenlose Wesen, das die Staatsklugheit vor zwölf Jahren dem Könige von Spanien vermählt, das war vielmehr ein selbstbewußtes und willenstarkes Weib in der vollen Pracht ihrer zur vollen Blüte gelangten Schönheit. Sie war dem Geistlichen mit ausgestreckier Hand entgegengeeilt. Er neigte sich und führte ihre Hand leicht an seine Lippen. „Majestät haben befohlen —" „Ja, ich habe befohlen," versetzte sie, schwer aufatmend, „zum letzten — ach, zum allerletzten Mal!" Er blickte sie verständnislos an. „Zum letzten Mal?" „Zum letzten Male habe ich Euch zu mir befohlen. — Wißt Jhr's denn nicht? — habt Jhr's noch nicht erfahren, daß der Großinquisitor —" „Einem Schlagfluß erlegen ist? — gewiß, das habe ich erfahren, aber —" „Er war ein böser Mensch, voll teuflicher Mordgier, ich hätte ihn gehaßt, wenn Ihr mirs nicht verboten hättet." „Und dennoch sehe ich Eure Majestät tief erschüttert von seinem Hinscheiden." „Und das versteht Ihr nicht, trotz Eurer Klugheit, trotz Eurer Weisheit, denn Ihr seid zu rein, zu edel, zu großherzig, als daß Ihr die Niedertracht der Menschen in ihrem vollen Maße begreifen könnt — das muß ich Euch lehren, so wie Ihr mich gelehrt habe, das Gute zu begreifen und zu üben." Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie fort. „Ich kann mir kaum einen schlechteren Menschen denken, als den, der heute verblichen ist — und dennoch hat er manch' Gutes gewirkt, dennoch danke ich's ihm, daß ich nicht untergegangen bin in dem Schlamm dieses Hoflebens — denn er hat Euch hochgeschätzt — er hat meinen Gemahl veranlaßt, Euch zu meinem Seelsorger zu ernemien und was ohne Euch aus mir geworden wäre, das weiß ich nicht — ebensowenig wie ich weiß, was ohne Euch aus mir werden wird." Mit leidenschaftlicher Gcberde ergriff sic seine Hand und preßte sie mit ihren beiden Händen gegen ihren wogenden Busen. „Fühlt Ihr wie mein Herz klopft?" flüsterte sie, „es klopft für Euch — "für Euch allein." „Majestät!" stammelte er, die Farbe wechselnd, indem er sich vergebens bemühte, seine Hand zurückzuziehen. „Was wollt Ihr?" fuhr sie noch immer flüsternd fort, „lasset mir doch Eure Hand — Eure liebe, liebe Hand — ich sagte Euch doch, es ist zum letzten Male. — Ja so, Ihr wisset noch immer nicht. — Kommt, setzet Euch, damit wir in niöglichster Ruhe das Erforderliche besprechen können." Er entsprach ihrer Aufforderung, froh, dadurch wenigstens seine Hand frei zu bekommen. Sie ließ sich ihm gegenüber nieder und begann: „Es wird Euch vermutlich bekannt sein, daß der damalige Prior des hiesigen Dominikanerklosters ursprünglich zu meinem Beichtvater bestimmt war und ist es selbstverständlich, daß er Euch, die Ihr ihm in dieser Beziehung vorgczogen wurdet, gehässig wurde. Weniger selbstverständlich ist es, daß seine Gehässigkeit gegen Euch noch anhält, obgleich er Euch überflügelt hat, denn er ist doch Kardinal geworden, und ich weiß aus zuverlässiger Quelle, daß er demnächst zum Großinquisitor ernannt werden wird, und daß es dann sein erstes sein >vird, Rache an Euch zu nehmen. Daruin müßt Ihr fliehen, so bald als cs möglich, wo möglich noch in dieser Nacht," fügte sie hastig hinzu. „Ich fühle mich Eurer Majestät zu hohem Dank verpflichtet und werde geiviß Euer» gütigen Rat befolgen, aber vor dem Begräbnis ist cs doch unmöglich." „Im Gegenteil," fiel sie hastig ein, „cs ist nicht nur nicht unmöglich, sondern dringend geboten. — Ihr seid doch sonst, wenn cs andere betrifft, so einsichtsvoll, den tausendsten Fall berechnend — und jetzt, wo es Eure eigene geheiligte Persönlichkeit betrifft, da wollt Ihr ihm blindlings in's Garn laufen? — Das dürft Ihr nicht." „Aber ich bitte sehr —" Sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Rein, das dürfet Ihr nicht. Bedenket doch, das, was ich Euch gesagt habe, das ist nicht nur mir, das ist auch andern bekannt. Und wenn vielleicht auch noch einige Wochen vergehen werden, bevor die offizielle Er nennung des Kardinals zum Großinquisitor erfolgt, daß sie erfolgen wird, daran zweifelt keiner und darum wird er schon jetzt Kreaturen finden, seine etwaigen Gewaltsmaßregeln zu vollziehen. — Nein, nein, das dürft Ihr nicht abwarten! dem dürft Ihr Euch nicht aussetzen —" Er atmete schwer auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Majestät wissen mit Bestimmtheit? — ist nicht doch vielleicht ein Irrtum möglich?" Sie warf den Kopf zurück und rang die Hände. „Immer noch dieser Zweifel! — Ach, wie wenig kennt Ihr mich! wie wenig ahnt Ihr, welch' unsagbar großes Opfer ich bringe, iridem ich Euch zur Flucht antreibe. — Ich weiß noch nicht einmal, ob ich die Trennung von Euch überleben werde — aber das weiß ich, wenn ich erfahren würde, daß Euch auch nur ein Frankfurter IsraelitiMes Familienblatt. Haar gekrümmt worden wäre, das würde mich zur Verzweiflung bringen, zum Wahnsinn — dann würde ich keine Rücksicht mehr kennen, dann würde ich's hinaus schreien in alle Welt — daß ich Euch liebe —" fügte sie flüsternd hinzu, indem sie das zuckende Antlitz in den Hände» barg. Erdfahle Leichenfarbe überzog das Antlitz des Priors. „Majestät!" stammelte er, „ich bitte flehentlich — nicht diese Sprache! — ich darf sie nicht hören." „Warum solltet Ihr bas nicht hören dürfen?" fragte sie flüsternd, indem sie die Hände sinken ließ und mit heißen, glühenden Augen zu ihm hinüber schaute. „Ihr seid Priester und habt Keuschheit gelobt, das weiß ich — und ich weiß auch, daß Ihr Euer Gelöbnis haltet — daß Ihr kein 2pct& liebet — aber daß Ihr nicht hören dürftet, daß man Euch liebt. — Geht, geht, ich bin nicht umsonst Eure Schülerin gewesen, um nicht zu wissen, wie viel Menschenwerk bei den Satzungen unterläuft, die uns als göttlich bezeichnet werden." „Verzeihung, Majestät, daß ich widerspreche, nie habe ich als Menschenwerk bezeichnet das Gebot der Treue, die die Gattin dem Gatten schuldet." „Ach so, das meint Ihr — verzeihet, ich halte Euch nicht verstanden — doch seiet unbesorgt, ich folge Eurer Weisung,!vie ich Euch immer gefolgt bin. — Obgleich ich meinen Gatten weder achten noch lieben kann, nie werde ich ihm die Treue brechen — davor schützet mich .meine Liebe zu Euch. — Doch ich vergaß schon wieder, daß Ihr das nicht hören wollt — verzeiht, ich werde nicht mehr davon sprechen, es ist auch nicht mehr Zeit dazu; saget mir nur, daß Ihr meine Bitte erfüllen und noch in dieser Nacht flüchten werdet, so tverde ich Euch sagen, in welcher Weise ich Eure Flucht bereits vorbereitet habe." „Majestät sind allzugütig, gewiß, wenn es mir möglich sein wird, werde ich noch in dieser Nacht flüchten." (Fortsetzung so gt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkett der. Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur. Ueber das zionistische Organ Haolam hat man zu Gericht gesessen, uud man hat es schließlich verurteilt, mit und ohne Spezialisierung seiner Sünden. Da aber nach jüdischem-Gesetze selbst bei einem Kapitalverbrechen auch nach bereits ausgesprochenem Urteil entlastende Argumente inimer noch gehört werden müssen, und ich solche vorzutragen habe, so darf ich wohl von Ihnen, sehr verehrter Herr Redakteur, erhoffen, daß Sie für ineine Ausführungen die Spalten ihres geschätzten Blattes öffnen werden. Schon bei den Personalien des Angeklagten ist es von Wichtigkeit, scstzustcllcn, daß er, Haolam, seinem wesentlichen Inhalte nach eine Zeitschrift für Wissenschaft und Literatur des Judentums darstellt. Ein solches Organ muß volle Bewegungsfreiheit haben und darf daher seinen Mitarbeitern nicht die Vertretung einer bestinlinlen religiösen Richtung vorschrciben. Andererseits aber müßte cs aufs Schärfste mißbilligt werden, iocmt ein solches Organ in tendenziöser Weise systematisch eine Richtung — also die des traditionellen Judentums, wie es behauptet wurde — bekämpfte, oder wenn es — wie es ebenfalls von anderer Seite behauptet wurde — fortdauernd religionsseindlichc Artikel verbreiten würde. Hat aber Haolam sich dieses Vergehens schuldig gemacht? Prüfen wir doch den Tatbestand, auf dem Herr Dr. Feuchtlvanger seine Anklage in diesem Sinne aufbaut. Zunächst muß sestgestcllt werden, daß unter sechzig Nummern mit niehreren Hundert Artikel», die bis zur Erhebung der Anklage seitens des Herrn Dr. Feuchtlvanger erschienen waren, nur 3—4 in» kriminicrt werden konnten. Das Material ist also nicht sehr reichlich vorhanden und kann, so belastend cs auch aussallen mag, durchaus nicht genügen, um ein systcinatisch und fortdauernd betriebenes Vergehen zu begründen. Bei näherer Betrachtung schrumpft aber noch 'dieses geringe Material noch erheblich ein. Zugegeben muß vor allem werden, daß der Artikel in Nr. 45 von Benowi „moh nosnoh lonn crcz jisroel" die schärfste Verurteilung verdient. Der Verfasser erlaubt sich hier eine ganz unqualifizierbare Verspottung und Verhöhnung des traditionellen Judentums. Herr Dr. Feuchtlvanger selbst'verschweigt aber in loyaler Weise nicht, daß Herr Sokolow erklärt habe, der Artikel sei ohne sein Wissen in die Zeitung gekommen. Außerdem darf ich noch hinzufügen, daß Nr. 50 des Haolam eine Entgegnung bringt (und zwar aus der Feder eines durchaus nicht auf dem Boden des traditionellen Judentums stehenden Schriftstellers), in der die Ausführungen Benowis als das, lvas sie wirklich sind, bezeichnet werden, als der Ausdruck einer ganz unerhörten Frechheit und Unverschämtheit. Dagegen kann die aus Nr.'47 angeführte Stelle — so wie sie tatsächlich im Haolam zu lesen ist — die Anklage des Herrn Dr. Feuchtwanger nicht begründen. Er bringt sie nämlich in Nr. VI. folgender Fassung: „Der Haolam hat schon wiebirholt über die Mittelschulen seine Meinung kund gegeben. Wenn der Misrachi die Jeschiwo's. und Talmubtauroh's in Palästtna verbessern will, dann Dank. Wer wenn er die Absicht hat, eine „koschere" Mittelchule zu gründen unter Aufsicht der Jerusalemer Rabbiner und Rabboim der dortigen Jeschiwoh's — nach dem Muster der Mittelschule, welche die Frankfurter Frommen in ihrer Stadt besitzen, in diesem Falle werden wir kämpfen." Aus diesem Satze kann znan nur eine Gehässigkeit gegen die gesetzestreuen Judeil herauslesen. Dagegen gewinnt er einen ganz änderen Sinn, wenn man den begründenden Nachsatz betrachtet, den Herr Dr. Feuchtwanger anzuführen offenbar vergessen hat. Er lautet nämlich: „Die Misrachisten haben auch wie die Zionisten die Aufgabe, vor allem die bereits bestehenden nationalen und zionistischen Jnstttute zu verbessern, sie ollen aber unter keinen Umständen neue Gründungen' mit einer Parteifärbung unternehmen, nur um Konkurrenz zu machen." Nimmt man die Ausführung in diesem Zusammenhang, so kann man die ausgesprochene Ansicht vielleicht nicht für richtig, keinesälls aber in ihr etwas Verletzendes finden. Zu .adeln ist freilich die spöttische Bezeichnung „kochere" Mittelschulen. Es ist aber eine Aeußerung, )eren Harmlosigkeit nur noch von ihrer Geschmacklosigkeit überboteu wird. Herr Dr. Feuchtwanger führt ferner einen Artikel über Chassidismus von Horodetzki (Haolam II 3) an und begründet seine Entrüstung durch Zitierung einiger aus dem Zusammenhang gerissener Sätze. Sieht man aber den ganzen Aufsatz im Zusammenhang, o findet man wohl manche der dort ausgestellten Behauptungen objektiv unwahr; die Ausführungen in ihrer Gesamtheit wirken aber durchaus nicht verletzend. Hier wird Nämlich dargelegt, daß die Religion auf Gesetzlichkeit und dem angeborenen religiösen Empfinden beruht. Das Gesetz sucht in dem religiösen Gefühl Wurzel zu schlagen, während die religiösen Empfindungen mit ihrer eigenen Expanionskrast gegen die Fesselung durch bestimmte Normen sich sttäuben. Findet Herr Dr. Feuchtwanger diesen Gedanken so unjüdisch? Dann erinnere ich ihn daran,. daß er schon im Talmud (Traktat Sabbath Fol. 88) zum Ausdruck kommt. (Kofoh hakodosch boruch hu alechem har kagigis.) Viele Aeußerungen Horodetzki's wie auch Horwitz's stimmen freilich sticht mit den Anschauungen der gesetzestreuen Juden überein. Die Herren machen aber gar kein Hehl daraus, daß sie zu dieser 'Kategorie nicht gehören. Sie sind unsere Gegner. Die Gegner und ihre Kampfesart zu kennen, ist aber immer von Wichtigkeit.« Wollen wir aber ihre Tätigkeit paralysieren/ so kann das keinesfalls durch entrüstungsvolle Deklamationen geschehen, sondern nur durch, 'das eine wirksame Mittel, das uns schon die Mischnah lehrt: „wdaa mah schetoschuw lepikuros." Die Herren machen uns diese Aufgabe wirklich nicht sehr schwer. Es ist beispielsweise sehr leicht, uachzuweisen, baß die Behauptung Horodetzki's, die er ohne jegliche ihm so hochgepriesene Kritik gewissen protestantischen Theologen nachspricht, daß nämlich die Propheten die Thora bekämpft hätten, tatsächlich unwahr ist. Unwahr ist es ferner, wenn er den Talmud in einen Gegensatz zu den Propheten bringt. Wer den Talmud kennt, der weiß, daß er überall durchtränkt ist vom Geiste der Propheten, und wenn Horodetzki sich Lar zu der Behauptung versteigt, die Talmudlehrer hätten die Bücher der ^Propheten verstecken und vernichten wollen, so dokumentiert er damit, daß er die betreffenden Stellen im Talmud (Traktat Sabbath Fol. Ba. 30) nicht begriffen hat. Anstatt sich zu entrüsten, sollte man also lieber widerlegen. Daß Haolam auch solchen Widerlegungen seine Spalten öffnet, ist in Nr. 16 d. Bl. bereits nachgewicsen worden. Uebrigens hat Haolanr auch zahlreiche Arbetten gebracht, die dem Sinne des traditionellen Judentums durchaus entsprechen. So 7ehr ich es mißbillige, daß im offiziellen Bureau einer zionistischen Institution das Religionsgesetz durch Arbeiten am Sabbat verletzt werde, so kann ich doch andererseits einer zionistischen Zeitschrift bas Recht nicht absprechen, jede religiöse Anschauung zum Ausdruck zu bringen, wenn es nur in einer angemessenen Form geschieht. In der heutigen Zeit, in der religions- und traditionsfeindliche Lehren durch tausend Kanäle ins Volk strömen und dort in alle Schichten , eindringcn, wäre es übrigens ganz zwecklos, einen winzigen Zuslußarm abzuschneiden. Der Effekt wäre gleich Null. Haolam kann übrigens auch'schon deswegen keinen 'Schaden anrichten, weil er nur solchen Lesern zugänglich ist, die die hebräische Sprache verstehen, und mit dem jüdischen Schrifttum vertraut sind. Solche Männer sind aber, sofern sie überhaupt auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen, gegen das von einem Epikuros produzierte Toxin durch ' ihre Kenntnisse sehr wirkungsvoll immunisiert. Mit vorstehenden Ausführungen glaube ich den Nachweis erbracht zu haben, daß die B e h a u P t u n g des Herrn Dr. Feuchtwanger, Haolam verfolge systematisch die Tendenz, das traditio nelleJudentumzu bekämpfen, nicht zutrifft, und daß diemehrfach ausgesprocheneEntrüstung überdieseZeitschrift durchaus ungerechtfertigt ist.