Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 17 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 17 Frankfurter JsraelitiWA FamilienLlatt. Agitation gegen daS badische Reformgebetbuch beteiligt; ebenso haben eine Reihe von Mitgliedern die Bestrebungen der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" zur Vertiefung der Religiosität auf dem Lande durch Vorträge unterstützt. — Anläßlich des Semesterbeginns sei darauf hingewiesen, daß Anmeldungen, Anfragen usw. an den Schriftführer des Präsidialvereins Sträßburg, Herrn cand. Math. S. Meyer, Straßburg i. Elf., Studenten-Platz 6, zu richten sind. Berlin. Hilfsverein der deutschen Juden. — Herr Dr. Paul N a t h a n-hat sich 'zum zweiten Male nach P a l ä st i n a begeben, um persönlich daselbst die Vorbereitungen für die nächsten Schulgründungen zu treffen. — Der Hilfsverein hat weitere 10 000 Fr. zugunsten der durch den Brand Geschädigten in H a s k i e U, der Vorstadt Konstantinopels, überwiesen. Karlsruhe. Die Israel. Landessynode wurde am 11. April, abends 8% Uhr, von dein landesherrlichen Kommissär des Oberrats, Geheimer Oberregierungsrat B e ch e r e r, mit einer BZgrüßungsansprachc eröffnet. In das Präsidium wurden R.-A. Dr. Stadecker -Mannheim als erster Präsident, Stadtrat Louis Marx -Bruchsal als Vizepräsident und Rabbiner Dr. Eschelbacher -Bruchsal und Rechtsanwalt Dr. Levis-Karlsruhe als Schriftführer gewählt. Es folgte sodann die Bildung der Kommissionen. Die zweite Sitzung begann am 13. April, vormittags 11 Uhr. Tagesordnung: Gebetbuchsfrage. Die Kultuskommission gibt eine Erklärung ab, die die guten Absichten des Oberrats anerkennt, ihn aber bittet, die Gebetbuchsfrage zurückzuziehen. Rabbiner Dr. Oppenheim-Mannheim erklärt namens der Minorität, daß diese in. der Zurückziehung der Vorlage keinen Verstoß des OberratS gegen feine Pflicht der liberalen Richtung innerhalb der Landessynagoge gegenüber erblicke. Geh. Hofrat Dr. R o s i n dankt im Namen des Oberrats für die Anerkennung, die in den Anträgen niedergelegt ist; der Oberrat verzichte, wenn der Antrag der Kommission die einstimmige Billigung der Synode findet, auf die Beratung und Abstimmung der Vorlage. Der Kommissionsantrag wird einstimmig angenommen. Nach einstimmiger Annahme der von der Adreßkommission verfaßten Adresse an den Großherzog lvird in die Beratung des B o r a n s ch l a g s eingctreten. Die Gesamtausgaben betragen 75 800 Mark, Deckungsmittel sind 10 000 Jk vorhanden, so daß 65 800 Jk durch Steuern zu decken sind. Nach ^den für 1908 ausgestellten Steuerregistern betragen die beziehbaren Vermögenssteueranschläge 812 Millionen Mark, die Einkommensteucranschläge 34 Millionen Mark, sodaß von ersteru 48 Pfg., von letzteren 12 Pfg. von je 100 Jk. zu erheben sind. Bei der Position „Aufbesserung gering besoldeter Religionslehrer 26000 Jk“ cntspinnt sich eine längere Debatte. R o t s ch i l d empfiehlt die Petition des „Landesverein israel. Religionslehrer" um durchgreifende Besserung der Lage der Religionslehrer. Die Petition wird dem Oberrat empfehlend überwiesen, über Ziffer 5 der Petition jedoch, daß der Synode fortan 3 Lehrer angehören sollen, zur Tagesordnung übergegangen. Der Präsident eröffnet die Sitzung ain 14. April vormittags 9 Uhr mit der Mitteilung, daß um 12 Uhr der Großherzog das Präsidium empfangen werde. Dr. Levis berichtet über den Verordnungscntwurf betreff die Verfassung und Verwaltung der Gemeind e n. In der Verordnung wird u. a. bestimmt, daß die jüd. R e i ch s a u s l ä n d c r in den Gemeinden weder stimmberechtigt noch wählbar sind. An dieser Bestimmung glaubt der Oberrat festhalten zu sollen und macht die Annahme der Verordnung davon abhängig. Die Kommission hat hier eine Milderung eintreten lassen, indem sie einen Beisatz eingefügt hat, dahingehend: „Reichsausländern kann das Stimmrecht auf Anraten des Synagogenrats durch den Oberrat verliehen werden."' W. B ä r will eine Karrenzzeit bis zu zehn Jahren einführen. Dr. Kasewitz-Freiburg führt aus, es handle sich weniger um eine praktische als um eine prinzipielle Frage. Mit Annahme der oberratlichen Verordnung sanktioniere mail die Politik der Feindseligkeit. Marx-Bruchsal vertritt den oberratlichen Standpunkt. Dr. Simon-Heidelberg will keinen Unterschied zwischen Ausländern und Einheimischen machen. Geh. Hofrat Dr. Rosin möchte warnen, dieser Frage eine allzu große prinzipielle Bedeutung beizumessen. Die tatsächlichen Verhältnisse liegen so, daß ein Unterschied zwischen ausländischen und deutschen Juden bestehe. Die aus dem Osten uns zuwandernden Elemente seien doch in vielfacher Beziehung, besonders in kultureller Beziehung anders geartet, als die deutschen Juden. Unsere jüdischen Gemeinden würden von deutscher Kultur und deutscher Gesetzgebung beherrscht und deshalb könne nur der Gesichtspunkt maßgebend sein, wie wird am zweckmäßigsten die Willensbestimmung bei der Bildung einer jüdischen Gemeinde hergestellt. Nach einer kurzen Pause erklärt Dr. Kasewitz-Freiburg, daß er und mmmmm- - ' seine Anhänger an ihrer prinzipiellen Auffassung festhalten, dem Kommissionsantrag aber zustimmen, um das Zustandekommen der Verordnung zu ermöglichen. Es wird sodann der Kommissionsantrag angenommen.- Die übrigen Bestimmungen werden ohne erhebliche Aenderungen nach der oberratlichen Vorlage angenommen. Neu ist die folgende Bestimmung: „Von der Wählbarkeit sind u. a. auch ausgeschlossen diejenigen, mit deren Zustimmung ihnen gehörige Kinder unter 16 Jahren aus der israelitischen Religionsgemeinschaft" des Großherzogtums ausgeschieden sind." In der Schlußsitzung, nachmittags 3 Uhr beginnend, berichtet der Präsident über die Audienz beim Großherzog, der die Versicherung gab, daß er — wie in der Thronrede ausgesprochen — im Geiste seines Vaters regiere und an dem Wohl der Israeliten und ihrer Religionsgemeinschaft herzlichsten Anteil nehme. Die neue Gemeinde-Verfassung wird nach kurzer Debatte einstimmig angenommen. Dr. K a s e w i tz, Dr. P i n k u ß, Carlebach u. Bauer werden als Synodalausschuß gewählt. Geheimer Oberregierungsrat Dr. Mayer, der Vorsitzende des Oberrats, schließt mit einem ausführlichen Ueberblick über die geleistete Arbeit die Tagung. Posen. Freilinnigl — Die Stadtverordneten gewährten dem jüdischen Krankenhause eine Subvention von 10000 Jk, und zwar mit den Stimmen der Konservativen, Polen und 3 jüdischen Freisinnigen und gegen die Stimmen der übrigen Freisinnigen, darunter einer Anzahl Juden. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Bogelfrei! — In unserer Hauptstadt chatten auf Ihrer Flucht vor den Pogromen etwa 1500 russische Juden Halt'gemacht und führen hier nun ein schweres, armseliges, aber ehrliches Dasein. Jetzt sollen sie wieder den Wanderstab in die Hand nehmen! Und warum? Weil sie Juden sind und es das erste Gebot für das sich als Großmacht fühlende Ungarn ist, ei» antisemitisches Prestige sich zu erwerben. Graf Andrassy, der Minister des Innern, hat in einein Erlasse die energische Durchführung des vor etwa 5 Jahren beschlossenen Fremdengcsetzes den dafür verantwortlichen Behörden zur Pflicht gemacht, und die Polizei ist nun überall tätig, diesen Befehl aufs rigoroseste durchzuführen. Czernowitz, 24. April. Jüdische Bolksbank und Sparkasse. — Nachdem in Kohman am 5. April die erste derartige „Jüdische Volksbank und Sparkasse" ins Leben gerufen wurde, folgt nun die zweite in Sereth. Am 25. April, 9 Uhr abends, findet nämlich in Sereth 'im dortigen Bierpalaste die konstituierende Generalversammlung der Genossenschaft „Jüdische Volksbank und Sparkasse" statt. Für das Komitee läd zu dieser Versammlung Dr. Ch. Kinsbrunner, der sich ebenso wie Dr. S. Schajowicz große Verdienste um das Zustandekommen dieser wirtschaftlichen Organisation erworben hat. Kolomea. Hilfsverein stür galizische Juden zu Kolomea. — Ueber die Tätigkeit des Vereines in den: ersten Viertelajhr 1908 ist zu berichten: In den ersten Ausschußsitzungen wurde darüber debattiert, welcher Arbeit der Verein sich allererst widmen soll. Schließlich kam man überein, außer dem Arbeitsvermittlungsbureau, das bereits geöffnet ist, keine weitere Arbeit zu unternehmen, als für den Verein ju agitieren und die Idee der Selbsthilfe in Galizien zu verbreiten. Diese in Galizien überaus schwierige Arbeit wurde von Herrn I. Weber, Magid der Jsr. KultuSgemeinde zu Kolomea, der auch ein volles Jahr unermüdlich an der Gründung des Vereins gearbeitet hat, geleistet. Herrn Weber gelang es infolge seiner rednerischen Fähigkeiten, in den Städten Sniatyn, Zablotow, Kossöw, Czartkow, Gwozdziec, Harodenka, Zalcszczyki, Stanislau, Kaluß, Drohsbycz, Przemysl eine ansehnliche Anzahl Mitglieder zu gewinnen. Bei den letzten Ausschußsitzungen wurde auch zur Regelung des Armenwesens die Gründung einer jüdischen allgemeinen Unterstützungskasse in Kolomea beschlossen Rußland. Petersburg. Die Mörder von Bjalostok begnadigt! — Bon den Begnadigungen der Pogromhelden, an die man sich allmählich gewöhnt, ist die der Raubmörder von Bjalostok die haarsträubendste sowohl der Persönlichkeit der Verbrecher als des Zeitpunktes wegen, an dem die. Begnadigung erfolgt. Von den Hooligans, welche der Teilnahme am Bjalostocker Pogrom beschuldigt werden, sind bis jetzt nur diejenigen gerichtet worden, welche den Pogrom an der Eisenbahnstation Bjalostok veranstaltet haben. Die Untaten an der Eisenbahnstation sind bekanntlich die grausamste Episode des ganzen Pogroms. Auf der Station wurden Juden, die mit den Zügen ankamen und nichts ahnend sich auf den Perron hinauswagten, von Hooligans überfallen und nach schrecklichen Quälereien ermordet, im Beisein und unter Zuziehung der ganzen Stationsverwaltung und des Militärs. Der Stationschef selbst und einige Stations-Bedienstete haben an dem Morden teilge¬ Seite S. nommen. Die erste Gertchtsuntersuchung ergab solche Resultate, daß das Gericht nach den ersten Sitzungen ~ sich genötigt sah, Vertagung eintreten zu lassen, um die ganze Sache einer neuen Untersuchung zu unterziehen. Das zweite Gericht verurteilte die Schuldigen zu Zwangsarbeit und zum Verluste der bürgerlichen Rechte. Nun sind alle diese Helden begnadigt worden. Einem, Demjanitschenko, sind acht Jahre" Zwangsarbeit in ein Jahr Gefängnishast verwandelt worden. Demjanitschenko hat folgendes getan: Als einige verwundete Juden auf dem Platze vor dem Bahnhof liegen blieben, eilte er herber und zerschmetterte ihnen die Schädel mit seinem Fuße und mit einem Stein. Nach dieser Heldentat trat ' er ruhig zur Seite und reinigte seine blntbedeckten Stiefel im Grase. Die Nachricht von dieser Begnadigung wird von den Organen des Verbandes des russischen Volkes unter der fett gedruckten Ueberschrift: „Kaiserliche Gnade" im Volke verbreitet. Der Chef der Regierung will anscheinend neue Pogrome verhüten, und der Kaiser begnadigt in derselben Zeit diejenigen, die sich schwerer, unmenschlicher Verbrechen schuldig gemacht haben. Welche Wirkung unter diesen Umständen das Zirkular Stolypins, das Maßregeln gegen Pogrome empfiehlt, haben kann, ist leicht begreiflich. Es ist kein Wunder, daß bei solchen Verhältnissen immer von neuembennruhigendeNachrichtenaus der Pr ovinz kommen. «Rufs. Korresp." Ldefsa. Der Kaiser hat dem shiesigen Gerda n d des r u s s. Volkes, der sich bekanntlich durch die Veranstaltung von Pogromen so sehr verdient gemacht hat, sein Porträt übersandt. Amerika. New-Aork. Die jüdische Wanderung in Musik gesetzt. — Der junge, aber schon zu einem bedeutenden Rufe gelangte Tondichter Stahlb e r g hat die jüdische Wanderung zum Borwurfe für eine große Symphonie gewählt. Das Werk führt den Titel „Hebers Weltenmeer" und zerfällt in 4 Teile: 1. Fort in die Fremde, 2. Kurzweil an Bord, 3. Lied des Auswanderers und 4. Land 'in Sicht. Die Aufführung hat bereits stattgefunden und ein sehr günstiges Urteil der Kritik gezeigt. — Ein Bild Josef Israels. — Ein neues Bild Josef Israels „Ein Rabbiner, den Talmud lesend" war hier ausgestellt und fand im Senator Clark für 1000 Dollars seinen Käufer. Ncw-Nork. Während voriges Jahr 18ü00Pfd. Mazzoth vor Pefach verteilt wurden, sind dieses Jahr mehr als 50 000 Pfund verteilt worden, — einberedtesZeichenderwirtschaftlichen Krisis. Boston. Großfeuer. Bei dem Großfeuer in der Vorstadt Chelsea wurden zwei orthodoxen Gemeinden gehörende Synagogen zerstört und zahlreiche arme jüdische Familien ihres Heims beraubt. © feuiffefon. © Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.! „Ihre Majestät ist doch hosfentlich nicht erkrankt?" „Erkrankt nicht, aber sehr erschüttert — Ich hätte es nie geglaubt, daß es Ihrer Majestät so nahe gehen würde." »Ihr sprechet in Rätseln, so redet doch, was ist geschehen?" „Ich weiß eigentlich nicht, ob ich befugt bin, es Euch mitzuteilen — aber es bleibt ja doch kein Geheimnis, daß Seine Eminenz der Großinquisitor vor noch nicht zwei Stunden einem Schlaganfall erlegen ist." Der Prior erblaßte bis auf die Lippen. „Das hat Ihre Majestät erschüttert — selbstverständlich — es hat auch mich erschüttert — Kommet, lasset uns eilen." Er griff nach seinem Hute und beide verließen das Kloster. Raschen Schrittes eilten die Männer dahin, dem Befehle der Königin zu entsprechen. In den Straßen von Madrid herrschte ein ungewohntes gedämpftes Leben, größere und kleinere Gruppen standen hier und dort, doch vernahm man kaum ein lautes Wort. Sie hatten den königlichen Palast erreicht, ein Lakai ttat ihnen entgegen, schien den Geistlichen erwartet zu haben., »Ich soll Hochwürden zu der Gräfin Castilani führen, bitte mir zu folgen." Er schritt voran, der Prior folgte ihm die breite Marmorstiegen aufwärts. Ans der obersten Stufe trat ihnen die genannte Gräfin, Palastdame der Königin, entgegen. ,Hhre Majestät erwartet Euch mit Ungeduld, hochwürdiger Herr, Ihre Majestät ist sehr angegrisfen, hoffentlich gelingt es Eurem oft bewährten Zuspruch. die mächttg erschütterte Gemütsruhe wieder in's Gleichgewicht zn bringen." Sie hatte bei diesen Worten die Tür zu dem Boudoir der Königin geöffnet und forderte den Geistlichen durch eine Handbewegnng auf hinein zn