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Neue jüdische Presse · 1908-05-01 · Heft 17 (1.5.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 17 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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sette 2. Nr. 17. Krünkftrrter ZsrarWWs KamÜteMM. etwa sechzig Jahre in anationalen Verhältnissen gelebt, so ist es auch nicht zu verlangen, daß er am Abend seines Lebens urplötzlich und ohne unmittelbare Triebkraft national und zionistisch wird. Niemand will seine Vergangenheit, die sonst rein und makellos ist, verleugnen. Und ein solches fast übermenschliches Aufstreben durften wir auch von Charles L. Hallgarten nicht verlangen. Charles Hallgartens Stellung zum Zionisnrus war eine Tragödie, und im Sinne der aristotelischen Aesthetik war auch hier der tragische Held eine erhabene Gestalt, die aus parteipolitischen Gründen und Rücksichten zu verlleinern eine objektive Ungerechtigkeit und Banalität wäre. Wie jede große Persönlichkeü will auch Charles Hallgarten aus seiner Zeit und seinem Milieu heraus begriffen und beurtellt werden. Und man trage dem großen Toten nichts nach, well er gegen den Zionismus im Namen der Religion protestierte. Sein Protest gegen den Zionismus war durch sein ganzes Leben und Mllieu, sowie durch seine Zeü bedingt, und da er den Protest nicht mft seinem deutschen oder amerikanischen Nationalismus begründen konnte, so begründete er chn im Namen der Religion, der er doch'angehörte. Als Virtuos der Phllantropie glaubte er das Judentum mü seiner feinen Natur allein identisizieren zu dürfen, und so hielt er sich selbst auch für einen guten Juden. Er kämpfte gegen das Nationaljudentum, während er selbst unbewußt ein treuer Sohn seines Volkes, wie ein edles Glied der menschlichen Gesellschaft war, und diese seine unbewußte Treue zum Judentum gab er in seiner Betelligung an allen jüdisch-humanitären und jüdisch - wissenschaftlichen Unternehmungen Ausdruck. Und so war auch Charles Hallgarten in einem gewissen Sinne der große Jude neben dem großen Menschen. In das innere jüdische Werden hat er wenig oder gar nicht eingegriffen, und er hat nicht im geringsten den Werdegang des Judentums bestimmt, aber nach außen hat er unseren Kredit wid Ansehen nicht als historische Gesamthell, sondern als Individuen und Glieder einer Gesamthell vermehrt. Für diese Vermehrung und Vergrößerung unseres Ansehens nach außen werden ihm spätere Generationen seines Volkes Dank wissen. Aber in der allgemeinen Geschichte der Phllantropie wird er immer als der Helo gefeiert werden, und ein Strahl von seinem Ruhme wlld immer auf sein Volk zurückfallen. Charles Hallgarte«. „Und ein Fürst und ein Großer ist gefallen in Israel", diese Worte des Königs David sprach ich unwillkürlich, als die Nachricht vom plötzlichen Hinscheiden dieses einzigen Mannes mich erreichte. — Die wichtigsten Daten und Taten des großen Menschenfreundes sind ja von den Tagesbläüern aller Schattierungen erwähnt und gepriesen worden. Ich kann es mir also ersparen, zu wiederholen, was in diesen Tagen so oft gesagt worden ist. Das Lebensuerk des einzigen Mannes liegt ja sonnenllar vor aller Augen; hier in Frankfurt wenigstens gibt es wenige im öffeilllichen Leben tätige Männer, die nicht auf die eine oder andere Art mit ihm zusammengekommen sind. 9dm er dahingegangen ist, krampst sich unser Herz zusammen, dem: wir wissen, daß der Verlust, den die Menschhell und vor clllem Israel erlitten hat, unersetzlich ist. Diejenigen, welche die Mittel hätten, wenigstens die materielle Lücke, die durch Hallgartens Hinscheiden in die jüdische Wohltättgkcit gerissen ist, auszufüllen, gehen hinüber in das Lager des „herrschenden" Glaubens. Immer mehr „christelt" cs in den Rechen der jüdischen Millionäre. Und diese traurige Tatsache erinnert uns umso schmerzlicher daran,. welch einen guten Juden wir verloren haben. Dmn Hallgarten war ein guter Jude in seinem großen, edlen und reinen Fühlen. Die religiöse Betäügung seines Judentums freilich war noch geringer als selbst die des radikalsten Reformjuden. Ich sprach einmal gelegentlich mü chm über diesen Punkt , und er entschuldigte sein Nichterscheinen in der Synagoge an den hohen Feiertagen mit der sarkastischen Bemerkung: „Ich zahle nicht mit einem Prozent". Und dennoch war er ein echter, ein edler Jude, einer, der steifnackig sein Judentum den Mächttgen dieser Erde gegenüber betonte, der ihnen stolz zurief: „Ein Hebräer bin ich, und den Herrn des Himmels und der Erde verehre ich." Die Tatsachen, die ich meine, sind zu bekannt, als daß ich sie in Erinnerung bringen müßte. Das Bewußtsein von dem ethischen und materiellen Werte, der hier dem Judentum verloren gegangen ist, durchdringt die weitesten jüdischen Kreise. Am schmerzlichsten aber macht es sich geltend in dem engen Kreis derer, die mit ihm und durch ihn die Tränen der Armen und Hllslosen trocknen halsen. Wie oft saß ich mit ihm zusammen in seinem Arbeitszimmer und beriet mit ihm über einen „schweren Fall", der gerade zu erledigen war. Zähle ich heute die Summen zusammen, die ich von ihm nach Hause trug, so ergeben sich viele Tausende. Künstler, Studenten, in Not geratene Familienväter, für sie alle fand ich bei ihm Gehör. Was mich am meisten rührte, war, daß er mll häufig auch in solchen Fällen gab, wo er über die Würdigkeit der zu Unterstützenden nicht meiner Meinung war. Wenn ich hartnäckig blieb, so fügte er sich zuweilen mit einer sarkastischen Bemerkung über meinen Optimismus. Nun sind sie dahin .die Stunden der Beratungen zum Wohlc der Leidenden. Schmerzlich für uns, die Mittler seines Wohltuns, schmerzlicher für die Notleidenden! Mit tränenerstickter Sttmme rufen wir Dir ins Grab: Lebe wohl, Du milder Weiser, Du lluger und edler Helfer, Du treues, jüdisches Herz! Du warst eine Krone Deines Stammes, eine Zierde der ganzen Menschheit! Alethes. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Der Bund jüdischer Korporationen sendet uns auf den „Perke«"-Artikel in der vorigen Nummer eine Widerlegung, der wir mit Vergnügen Raum gewähren, da sie zeigt, daß man den „V. I. St." auch Nicht bei einem ihre Jnteressenspähre berührenden Vorkommnis den Vorwurf machen kann, nicht energisch die jüdische Ehre gewahrt zu haben. Die Widerlegung lautet: II Der Studentenausschuß der Universität Heidelberg hat an die vier Ausschüsse der Universität Freiburg, deren einer der V. I. St. ist, einen Brief gerichtet, in dem er sie aufforderte, gemeinsam an die Regierung das Ersuchen zu richten, den ausländischen (d. h. russisch-jüdischen) Studenten die Aufnahme an den badischen Hochschulen zu erschweren. Es wird nun von „Perkeo" für den K. C. der Ruhm in Anspruch genommen, dies verhindert zu haben, und es wird mit Bedauern konstattert, daß „von den übrigen Freiburger jüdischen Korporationen keine auch nur einen Schritt getan hat, diesen Beschluß irgendwie zu inhibieren, und ihre Untättgkeit wird für immer ein trauriger Punkt in ihrer Geschichte sein". Demgegenüber stellen wir fest: Unmittelbar nach dem Eintreffen jenes Briefes des Heidelberger Ausschusses wandte sich der V. I. St.-Freiburg an die übrigen drei Freiburger Ausschüsse, um ein gemeinsames Vorgehen gegen den Ausschuß der Universität Heidelberg zu veranlassen. Da ihm dies nicht glückte (die anderen Ausschüsse lehnten zum Teil eine Beantwortung in dem vom V. I. St.-Freiburg geplanten Sinne ab), sandte er allein einen scharfen Protest an den Studentenausschuß der Heidelberger Universität, und es ist doch zweifelhaft, ob nicht dieser Protest mindestens soviel dazu beigettagen hat, die Resolution zu Fall zu bringen, wie die Tätigkeit des K. C. Warum erzählt uns übrigens nicht der Herr, der dem K. C. doch offenbar recht nahe steht, weshalb es der K. C.-Berbindung in ^Heidelberg nicht gelungen ist, die Absendung jenes Briefes überhaupt zu verhindern? 2) An der Universität Marburg hatte man dem V. I. St. die Aufnahme in den Studentenausschuß verweigert, und es wird von „Perkeo" behauptet: „Der jüdische Verein hat es leider hier auch an Selbstbewußtsein fehlen lassen, sonst hätte es dazu nicht kommen können." Hierauf crllären wir folgendes: Es ist Usus, daß neugegründete Korporationen an einer Universität um Aufnahme in den eventuell bestehenden Studentenausschuß nachsuchen. Aufgefordert vom Rektor tat die» auch der B. I. Dt.-Marburg. Er erhielt darauf vom Ausschüsse die Antwort, daß aus den (vom Rektor genehmigten) Statuten nicht ersichtlich sei, daß der B. I. St. nationale Bestrebungen verfolge und daher sein-Gesuch abgelchnt werden müsse. (Bekanntlich gibt es bei den meisten deutsche» Korporationen keinen Passus in den Vereinsstattlten, in dem von nationalen Besttebungen die Rede ist. Daß Korporationen irgendwie zweifelhafter Richtung vom Rektor nicht genehmigt werden, versteht sich von selbst.) Es wäre uns nach diesem abschlägigen Be- - scheid natürlich ein leichtes gewesen, den Ausschuß auflösen zu lassen; wir hätten uns nur mit einer Beschwerde an oie Universitätsdeputation zu.wenden brauchen, und es ist keine Frage, daß nach der Stellungnahme des Rektors zu'uns die Auflösung des Ausschusses erfolgt wäre. Dieser für einen neugegründeten Verein sicherlich unvornehme Weg paßte uns aber nicht, vielmehr schrieben wir den: Rektor und dem Ausschuß, daß wir zwar auf deutsch-vaterländischem Boden ständen, daß wir aber eine Aenderung des nunmehr bestehenden Verhältnisses zum Ausschüsse nicht wünschten, mit anderen Worten, daß uns die Stellungnahme des Ausschusses ganz gleichgültig wäre, und daß wir auch ohne ihn ferttg werden würden. Wir glauben, daß wir so den einzig ehrenhaften Weg eingeschlagen haben. 3) Beim Empfang des Prinzen August Wilhelm in der Universität Straßburg sollten zehn offizielle Vertreter der Studendenschaft ausgelost werden; als nun eine Korporation erllärte, sie würde sich durch Juden nicht vertteten lassen, schied der V. I. St. aus dem provisorischen Studentenausschuß aus. Herr „Perkeo" schreibt: „Eine Beschwerde des Vereins beim Rektor blieb bis jetzt ohne Erfolg, der Empfang hat stattgefunden und der jüdische Verein hat sich diesen Schimpf gefallen lassen. Allerdings ist es dann kein Wunder mehr, wenn die jüdischen Studenten und Studentenverbindungen, die nichts auf sich halten, zum Gespötte der anderen werden." Demgegenüber stellen wir folgendes fest: Der Empfang hat in der Tat stattgefunden, denn der B. I. St.-Sraßburg konnte ihn nicht hindern. Vorher jedoch hat er dem Rektor und dem provisorischen Aüsschusse mitgeteilt, daß er sich an den Vorbereitungen zur Begründung des Ausschusses nicht mehr beteiligen werde. Er hat darauf hin, als aus Anlaß von Kaisers Geburtstag ein gemeinsamer Kommers der gesamten Studentenschaft stattfinden sollte, am schwarzen Brett der Universität eine Bekanntmachung erlassen, daß er sich an diesem Komnrersc nicht beteiligen werde und hat die Studentenschaft zu einem eigenen Kommerse am folgenden Tage eingeladen. Wir allerdings können es nicht hindern, daß der Herr, der seinen Namen nicht nennt, meint, wir wären, da wir nichts auf uns halten, zun: Gespötte geworden. Wir verweisen ihn jedoch ans Nr. 9 der „Straßburger Akademischen Mitteilungen" (des offiziellen Organs der Straßburger Universität) vom 17. Februar 1908, in welcher eine offizielle Erklärung des V. I. St. - Straßburg erlassen ist, in der es heißt, „daß wir der Meinung sind, daß es sich weder mit der Würbe selbstbewußter Juden noch mit der einer studenttschen Korporation verträgt, die vorhandenen Gegensätze zu vertuschen und einen faulen Frieden herbeizuführen," und ferner verweisen wir ihn auf Nr. 51 der „Frankfurter Zeitung" vom 20. Februar 1908, in welcher bas zu lesen ist, 'was wir ja bereits in unserem vorwöchentlichen Berichte geschrieben haben, daß durch das Ausscheiden des V. I. St. der ganze Ausschuß der Universität Sttaßburg vorläufig inhibiert ist." Berlin. Es ist nun IV- Jahre her, daß die „Vereinigungen Jüdischer Akademiker" zu Berlin, München und Straßburg den „Bund Jüdischer Akademiker" begründet haben. Seitdem hat diese Organisation der gesetzestreuen Studentenschaft Deutschlands erfreulicherweise einen bedeutenden Aufschwung genommen, indem während des Sommer- Semesters 07 in Marburg und Heidelberg, im Laufedes folgenden Winter-Semesters in Leipzig und Würzburg „Vereinigungen Jüdischer Akademiker" sich gebildet haben. Die B. I. A. haben das Bestteben, den Zusammenschluß aller gesetzestteuen Studenten herbcizuführen und in ihnen die echt'jüdische Weltanschauung zu Pflegen und zu vertiefen. Sie erreichen diesen Zweck durch die wissenschaftliche Behandlung der Fragen, die sich einem gesetzestreuen Studenten aufdrängen, während die Geselligkeit durch Kneipen, regelmäßige Ausflüge, Rudern usw. gesorgt ist. Die Erörterung der wissenschaftlichen Probleme geschieht in den zahlreichen Borträgen und Diskussionen, in denen neben den- Ansichten der jüngeren Mitglieder auch die gereifteren der „Alten Herren" zu Tage treten. In den größeren Vereinen ist außerdem für die jüngeren Semester ein Fuchsenunterricht eingeführt, in dem die grundlegenden Prinzipien der jüdischen Welt- und Lebensanschauung und die wichtigsten Epochen der jüdischen Geschichte' behandelt werden. In allen Bereinigungen werden regelmäßig S ch i u r i m abgehalten, deren Leitung in bewährten Händen liegt. Auch nach außen hin hat der B. I. Al für die gesetzestreue Sache gewirkt. Beispielsweise haben sich Mitglieder der meisten BundeSvereinigungen an her-

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