Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 17 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692579--03934-2698696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sitan&futtet frnrlitifitrs faniltriklitt. 11- -"i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpretS pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. Ml. I.— stet inS HauS. Bet der Post abonniert im In» und Ausland Mt. 1,02 (ein. schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mt. 1,50, sonstige Länder Mt. 2.— < -- i K-daKti-rl und ch-fchäftsst-ll«: SrsnKfurt a. m.» vildelnstraße 4/ö, «cke LleichsKaße T-refo« 10207. HsrEg-Ver: Kaks cheste. InsertionSpreis«: Die viergespaltene Prtitzeil«. »fl«. Die Aeklamrzrile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Beritnblichkeit. Beilagen: Preis nach UeSeretrüunst. - Freitag, den 30. Nissan 5668 (1. Mai 1908). 6 Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Charles L. Hallgarten. — Charles Hallgarten. — AusallerWelt. — Feuilleton: Der Prior. — Sprechsaal. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Aus der Geschäftsw elt. — Familiennachrichten. Charles L. Hallgarte«. Versuch einer Persönlichkeit von Maxime Le Maltre-Bern. ' Noch bevor der erste Sonnenstrahl durch das lichte Himmelsgrau den Weg zum grünen Erdengewand fand, um Tal und Wiese zu küssen, hat ihn der große Weltverderber in die Nacht des Todes und der Bewußtlosigkeit herabgezerrt. Am vierten Pesachtag hat Charles L. Hallgarten für immer seine Augen geschlossen, an diesem Unglückstag haben viele Bedrückte ihrem Befreier, Arme und vom Schicksal Verfolgte ihren Wohltäter, Waise ihren Vater und Witwen ihren Ernährer verloren, und am siebenten Pesachtag hat die deutsche Judenheit einen ihrer edelsten und besten Söhne zu Grabe getragen. Und wenn infolge des Festes die Trauer eine stille, feierliche, die Klagerufe und Schmerzensfchreie der Waisen und Witwen, der Gebrochenen und Unglücklichen ob dem Heimgange des großen Wohltäters und großen Menschenfreundes gedämpft und weniger laut waren, so ist der große Verlust nicht weniger unersetzlich, die Lücke nicht weniger unausfüllbar. Denn wo sind die jüdischen Großen, die nicht Sklaven ihres Geldes sind, wo die jüdischen Reichen, die sich vom hohen Piedestal chrer sozialen Stellung und Situation zu dem vom Schicksal Zertretenen herablassen, um ihn aufzurichten? Und wo unsere Philanthropen und Wohltäter, deren humanitäre Betätigung allein ihr Leben ausfüllt? Wo die großen Geber, denen nicht das Geben, sondern das wirkliche Helsen und das Helfenwollen ein heiliger Ernst und Lebensinhalt ist? Charles L. Hallgarten war nicht nur der große Philanthrop, der große Helfer in der Not, sondern er war auch ein großer Mensch, dessen scharfe Charakterkonturen und seelische Feinheiten dem psychologischen Analytiker nicht verborgen bleiben können. Denn Charles L. Hallgarten steht als Mensch nicht nur mit dem sozialen Kämpfer, sondern auch mit dem Dichter auf einer Stufe, und seine Individualität ist auch zunächst nnter dem Gesichtswinkel des Aesthetischen zu betrachten. Zum Dichter, beziehungsweise zum Künstler machte ihn nicht das Geben und Helsen, sondern die Art, wie er gegeben und geholfen hat. Der eine hilft aus Erbarmen, der andere aus trockener Pflicht, ein anderer wieder aus gleichgiltiger Gutherzigkeit. Charles L. Hallgarten hat nicht nur aus Pflicht und Erbarmen, aus Gutherzigkeit und Menschenfreundlichkeit gegeben und geholfen, sondern weil er jedem, der an ihn herangegangen, mit- und nachfühlen konnte, well er sich in die verschiedensten und verwickeltsten Situationen versetzen konnte. Diese Fähigkeit,, alles.zu sehen, alles mit- und nachzufühlen, machte ihn zum Künstler, zum Dichter, dessen Kunst sich nicht in Vers und Bild verlautbart, sondern im Rekonstruieren zusammengebrochener Welten, im Entwirren ineinander verschlungener Schicksalsknänel. Und so war seine Kunst nicht die dichtende oder die singende, sondern die des tätigen Künstlers, des Architekts und des klugen Baumeisters. Und seine Kunst, die er gepflegt, ist eine uni so höhere und feinere, als ihr Objekt nicht Steine und Ziegel, sondern Menschenleben und Menschenschicksalc waren. Wie jeder wahre Künstler war auch er einfach und bescheiden. Trotz seiner fröhlichen, freien Millionen, die nicht ihn, sondern die er beherrschte, trotz seiner hohen sozialen Position und seiner reichen Bildung protzte er nicht mit seinem Kosmopolitismus noch mit seinem deutschen Nationalismus. Auch darin sticht er von manchen seiner Schicksalsgenossen merklich ab. Der reiche Jude vergißt über seinem Reichtum sein Volk oder Charles L. Hallgarten. fein Milieu. Im ersten Falle hat er ein auffallend schwaches Gedächtnis für alles, was Juden und Judentum anbetrifft, oder durch den Zwang der Umstände veranlaßt, erhebt er sich oder will sich mindestens über alles Irdische erheben. Seinem Volke will er nicht mehr angehören, andere Völker gewähren ihm keinen Einlaß oder schenken ihm nicht die genügende Aufmerksamkeit, weil er doch Jude ist, und so glaubt er am besten aus dem Dilemma herauszukommen, indem er sich gar kosmopolitisch heißt, kosmopolitisch tut und kosmopolitisch prahlt. Er macht aus der Not eine Tugend, er idealisiert sein Gebrechen, denn im Grunde schiebt er nicht, sondern wird geschoben — er ist aus dem Kreise geschichtlicher Werbung, die sich auf Grund des Jndividuationsgesetzes vollzieht — herausgeworfen. , Charles L. Hallgarten aber war zu sehr Künstler, um Snob zu sein, zu fein, um nicht von dm fratzenhaften Geberden der Parvenüs angeödet zu werden. Und so war ihm nichts fremder und ferner als Protzentum und lächerlicher Snobismus. Allein dieser Punkt, das Verhältnis Charles L. Hallgartens zu seinem Volke, das zwar nicht der größte Lichtpunll in seinem Leben war, darf Ro. 17. hier nicht übersehen oder gar verschwiegen werden. Meine Art, wie ich alle historische Erscheinungenbetrachte, gibt mir die Gewähr, daß ich auch bei der Erörterung dieses Punktes weder die Weihe der Trauerfeier um d en großen Toten verletzen, noch die Gesamtgestalt des Dahingegangenen verkleinern werde. Friedrich Naumann hat in seinem prächtigen Nachrufe Charles Hallgarten scherzweise einen amerikanischen Zionisten genannt. Charles L. Hallgarten war aber überhaupt kein Zionist. In den ersten Jahren des Zionismus in seinem modernen Gewände war er ein ausgesprochener Gegner, ja Feind des Zionismus. Von einem Manne mit einem ausgeprägten Verständnis für die Wirllichkeit des Lebens, wie es der große Heimgegangene war, war allerdings eine andere Stellungnahme zum Zionismus zu erwarten, denn Hallgarten war auch Jude genug, um Zionist zu sein. Er war als Jude kein philantropischer Verschwender wie Baron Hirsch, kein jüdisch-humanitärer Enthusiast wie Moses Montcfiore, kein weitblickender Praktiker wie Adolph Cremieux und kein genialer jüdischer Staatsmann und Volkspollliker wie der unsterbliche Herzl, aber er hatte viele Charakterzüge und Eigenschaften von all' diesen Männern, Enthusiasmus, Ernst, Sinn für die Wirllichkeit und ein warm schlagendes Herz für seine unglücklichen Volksgenossen. Und so muß es Wunder nehmen, daß ein Jude von der Bedeutung eines Hallgarten an einem Tage gegen den Zionismus auftrat, ja den Zionismus im Namen der jüdischen Religion, als deren Träger er sich selbst nie ausgab, verdammte. In der Hitze des Parteikampfes ist seinerzell manches harte Wort gegen den Verstorbenen gefallen, allein heute, wo wir die Dinge aus der historischen Distanz betrachten können und wo uns auch die Majestät des Todes Ruhe der Beovachtung diktiert, ist es möglich, auch für dieses Rätsel eine Lösung zu finden. Wenn wir einmal die Gesamtgestalt des Toten vom Gesichtswinkel des Aesthetischen betrachten» werden wll auch nicht umhin können, auch diesen Punkt anders als durch das Prisma des Aesthetischen zu schauen. Charles L. Hallgarten hatte das Unglück, vom eisernen Zahn des Rades der Geschichte nicht fest genug eingezwängt zu werden. Er war — zerrissen wie sein Volk — amerikanischer Staatsbürger, ständiger Gast in Deutschland — bei all' dem ein Jude. Amerika ist kein Nattonalstaat und beim Amerikaner ist wohl ein Bürgersinn, aber kein Nationalgefühl entwickelt. Auf „deutsch-national" durste er erst recht keinen Anspruch erheben, und seine jüdische Erziehung war nichts weniger als im nationalen Sinne geleitet. Bei dieser Lage der Dinge war ihm der Begriff national von vorneherein stemd und die nationale Wertung konnte ihm umso weniger sympathisch sein, als er oft sehen und hören mußte, welches Unheil zuwellen aus nationalen Gliederungen und Differenzierungen hervorgeht. Und es ist nicht Jedermanns Sache, Historiker zu sein. .... Wenn ein Mau»