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Neue jüdische Presse · 1908-04-15 · Heft 16 (15.4.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 11 der Rückkehr ins Indenland" ist diese Hoffnung zu Grabe getragen. Wie stellte sich diese Rückkehr dar! Die neue Lehre von der rein nationalen Erfassung des Judentums bildete eine Reform schlimmerer Art als die der Gebetbuch- und Synagogenreform des vorigen Jahrhunderts. Man verkündete damals wohl die Notwendigkeit und Berechtigung der Weiterentwicklung der jüdischen Gedankenwelt, aber man anerkannte die Kontinuität der Geschichte. Der Zionismus dagegen lehrt, das jiid. Gesetz sei ein Produkt des st a a t l i ch e n Lebens, die Nation das Primäre, der religiöse Charakter des jüdischen Volkes das Judentum im eigentlichen Sinne eine Erfindung der Nabbinen des Mittelalters und der Neuzeit. Es beruft sich so gern auf die nationalen Mahnrufe der Propheten, während er ihre religiösen Forderungen völlig ignoriert. Man hat gegen den Misrachi den Vorwurf erhoben, er wäre lästig dadurch, daß er sich als Kontrollstation aufführe. Wenn er sich zu einer solchen Aufsicht berufen sah, so trägt er dafür nicht die Verantwortung, und an der Leitung liegt es, sie überflüssig zu machen. Aber er hat die Pflicht, darüber zu wachen, daß nicht geistige Konti e b a n d e geschmuggelt wird, seinc^ Stimme gegen die systematische Verwirrung der Begriffe laut und vernehmlich zu erheben. Der Misrachi kann, in der Erfüllung dieser moralischen und historischen Pflicht gar nicht aggressiv genug sein; und ich 'möchte bei dieser Gelegenheit dagegen Einspruch erheben, als hätte ich in einer diese Frage behandelnden Diskussion mich gegen ein „agg resives Vorgehen" des Misrachi ausgesprochen. Ich 'habe nZch nur wie bisher immer gegen die Vermittlungspolitik des Misrachi und dagegen gewendet, daß wir die Verbreitung von Ideen, die wir für irrig halten, ausschließlich mit Protesterklärungen zu töten versuchen. Man mußte darin Enttäuschungen der schlimmsten Art erleben. Aber davon wird keineswegs der Verstoß gegen die aus freien Stücken von der Leitung gewährleistete Sabbatruhe berührt. Eine Gefährdung des Misrachi bestand m. E. viel eher darin, daß man auf hie bewußte Geschichtsklitterung der Nationalen, auf die Entstellungen, auf die offenen und versteckten Angriffe nichts zu antworten wußte. Es liegt inir fern, die bona fides des offiziellen Organs irgendwie zu bezweifeln, aber die Reserve, die Sie sich aufcrlegten, war das Zeichen einer irrigen Taktik. Sie haben aus Liebe zum Frieden gehandelt, aber es ist ein fauler Frieden. Zwischen den Anschauungen dieser beiden Kategorien von Juden gähnt ein Abgrund. Und dennoch hatten und haben wir ei» Recht, eine Pflicht, am zionistischen Werke mitzuarbeiten, denn noch"ist das letzte Wort nicht gesprochen. Das Baseler Programm ist der Ausgangspunkt einer neuen bedeutungsvollen Epoche der Geschichte unseres Volkes, deren Entwicklung wohl 'erst in ferner Zukunft ihren Abschluß finden dürfte. Es handelt sich ja nicht um eine rein soziale Bewegung, sondern um die Regeneration des jüdischen Volks. Da dürften wir Gesehestrcucn nicht fehlen. — Der Misrachi muß kämpfe n. Er muß Stolz empfinden, für eine gute und gerechte Sache mit scharfen Waffen zu streiten, er darf nicht die demütige Dulderrolle spielen wollen, in der er sich 'bisher gefiel und nur Kränkung und Enttäuschung erlebte. Er muß sein genau umschriebenes Parteiprogramm aufstellen, dessen Grundlage etwa die Forderung bildet: derZion ismuserstrebt für das jüdische Volk eine rechtlich-gesicherte Heimstätte in Palästina auf der Basis der überlieferten Lehre des Judentums. Es wäre in der Tat eine Kraftprobe, aber sie muß unternommen tvcrdcn. Der Misrachi war schon einmal das 'Zünglein an der Wage der Kongreßvcrhandlnngen, das kann und wird wiederkommen. Denn nichts erhöht die Werbekrast des Misrachi inehr, als die klare Erkenntnis seiner Ziele und die kraftvolle, mutige Vertretung seiner Ideale )n großer Volksversammlung. Es ist noch" nicht zu spät. Das zionistische Ideal, die. Neubelebung des hei ligen Landes, die Iudustrieali - sieruicg seiner Bevölkerung wird allseitig anerkannt. Unsere engeren Gesinnungsgenossen werden zu uns kommen und wir werden mit der moralischenKraftunserArgumentedie brutale Macht der Zahlen verbinden und den Sieg erringen. Altona, 12. Llpril 1908. D r. Frau ck. Sehr geehrter Herr Redakteur! Mit Einschr. - Brief vom 30. März sandte ich an. die Redaktion der „Welt" untenstehende Erwiderung gegen eine „Notiz-Buch"-Ausführung des Herrn Sökolow. Da ich hierauf ohne Antwort blieb, so bat ich mit Schreiben vom 5. crt. nochmals um Bescheid, worauf ich bis zum 10. crt. wiederum nichts erhalten habe. Zur selben Zeit, in welcher unser Präsident in London die Worte sprach: „Die zionistische Organisation hat vor den andere» jüdischen ^^nisationen das voraus, daß sie auf einem demo- Prinzip aufgebaut ist, während die anderen jüdischen Hilfsorganisationen nach dem alten System der Wohltätigkeit, der Phylanthropie auf dem System der Autokratie eingerichtet sind. --Wir können heute auch öffentlich über unsereeigenenFehl e r sprechen"-zur selben Zeit schaltete Herr Sökolow wie ein Diktator oder Kosak in der Redaktionsstubc der „Welt". Wäre die „Welt" Privat- Eigentum des Herrn S., so könnte er gereizt und übelgelaunt dem Gegner das Wort vielleicht selbst im Sprechsaal versagen. Aber die „Welt" als Partei- Organ sollte doch nicht der Willkür eines Einzelnen ausgeliefert sein und mit Mitteln kämpfen, die eine ersprießliche, ehrliche Arbeit im Zionismus unmöglich machen. Hochachtungsvoll Joseph Hackenbroch. An den Redakteur der „Welt" Herrn N. Sokolow K ö l». Im Anschlüsse an den letzten Teil „Aus meinem Notizbuchc" in Nr. 13 der „Welt" erlaube ich mir zu bemerken: Der „salbungsvolle Anonymus" des Frankfurter Israelitischen Familienblattes glaubt, daß seiner Person entschieden zu viel Ehre zu Teil geworden ist. Der Ehrgeiz „dem Geschlechte der -Lyriker" anzugehören, hat ihn nicht aufgestachclt, den Ruhm eines „Epikers" beansprucht er nicht. Der Ernst der Sache hatte ihm die uygcwohntc Feder in die Hand gedrückt und nicht zum „Gottcskosäckchen, selbsternannten Glanbenswächtcr und Seelenrichter" für einzelne Personen fühlt er sich berufen. Und wenn der Anonymus „die klirrenden Schlüssel gegen die Rcdaktionsstube des „Haolam" schwang," so glaubte er nicht, daß diese Stube ausschließlich als die „Ihrige" zu betrachten sei. Durfte er doch wohl glauben, daß dieses aus Parteigeldern subventionierte Blatt die Verpflichtung habe, die feierlichen Erklärungen dreier Kongresse zu respektieren und nicht fortgesetzt die sckiärsste Lauge aus die Ideale der traditionellen Juden zu ergießen. Denn glücklicherweise ist das „Am-Haarazcntum" der deutschen Zionisten noch nicht allgemein so weit fortgeschritten, daß sie die Hetzartikel des „Haolam" nicht mehr verletzen und entrüsten könnten, weil — — — sie „h cbräis ch" geschrieben sind und daß die Entweihung des Sabbat ihnen gleichgültig wäre! Gegen diese wiederholten Verfehlungen (Verletzung von Kongreß-Erklärungen) hat es an „Chakiroth Udrisschoth" nicht gefehlt — es bedarf keiner „sieben Male", denn der „talmudfeste" Herr Redakteur mag wohl wissen, daß Personen, deren Wirken in verantwortungsvoller Weise die Oesfentlichkeit berührt, von vornherein stillschweigend als verwarnt gelten. Allein nach allen Versprechungen auf mehrmalige Proteste von orthodoxer Seite konnten Sie nicht Herr in ^Jhrer" Redaktionsstube werden. Trotzdem werden Sie aber in den Ausfühxungeii des „Anonymus" schwerlich einen persönlichen Angriff gefunden haben. Wenn das Eingehen des „Häolanc" gefordert wurde, so glaubt der „Anonymus" noch nicht, daß Sie „zur Untätigkeit in Sibirien" verurteilt sein sollten, blieb Ihnen doch als Generalsekretär der zionistischen Organisation und als Redakteur der „Welt" ein reiches Feld zur rührigsten Betätigung. Nicht „Ketzergerichte" möchten wir gesetzestreuen Zionisten innerhalb der Bewegung abhalten. „Denken und denken lassen", den Grundsatz wollten wir aber „berücksichtigt" wissen, wenn wir die breite zionistische Oesfentlichkeit über Vorfälle anriefen, für die es keinen anderen Ausweg mehr geben konnte. Der Zionismus, als eine jüdische Volksbewegung, welche Wahrheit, Freiheit und Recht genießen und betätigen will, muß eine öffentliche Kritik an begangenen Fehlern vertragen können. Diese „Oeffentlichkeit" scheint Ihnen aber nicht genehm zu sein. Denn in einem Kabinettsstück ersten Ranges versuchen Sie, mit Hem.„Anonymus des Franks. Jsr. Familienblattcs" abzurechnen; ein literarisches Kabinettsstück, in deni Sie jedes Eingehen aus die Sache mit Bravour umgangen haben! „Selber denken und — -keinen denken lassen!" Der Anonymus war auf drei Möglichkeiten Ihrer Beantwortung gefaßt: Gar keine Antwort, Verneinung einer beabsichtigten Stellungnahme gegen das gcsctzestrene Judentum, oder Inanspruchnahme des Rechtes den eigenen Standpunkt, sei es auf Kosten wesjeden, zu vertreten. Sie aber, Herr Redakteur, sind mit Geschick einen weiten Weg gegangen, indem Sie den Lesern der „Welt" den Sachverhalt gänzlich vorenthielte» und einen persönlichen Kampf kämpften mit Grundsätzen, die auf einem Boden gediehen sind, den Sie sonst nicht zur Basis Ihres Denkens und Handelns „verwenden" können. Hochachtungsvoll „Der Anonymus aus dem Frkst. Jsr. Familienbl." Joseph Hackenbroch. Bunte Chronik. Alfred Drey'sus, der Jude. Unter diesem Titel veröffentlicht B j ö r n st - i c ii c Björn son — veranlaßt durch die Uebergehung Dreyfus' bei der Einweihung des Denkmals Scheuer-Kestncr's, dessen Persönlichkeit ja erst durch die Dreysus - Affaire die Höhe ihrer Bedeutung erstieg — einen Aufsatz in der Wiener „Zeit". In diesem Aufsatz heißt es: „Er hätte Oberstleutnant werden müssen, wurde aber nur Major. Gewiß, wäre er nicht Jude gewesen, hätte man diese neue Ungerechtigkeit nicht den bereits begangenen hinzugefügt. Zwei Jahre blieb er in der Arncee, um den Beweis seiner Fähigkeiten zu geben. Ueberall begegnete man ihm mit Achtung. Aber als er sah, daß.er infolge der Zurücksetzung in seinem Avancement niemals die höchsten Grade erreichen könne, bat er um 'eine Verabschiedung. Mit aller Beschleunigung wurde seinem Wunsch entsprochen — durch den General Picguart! Dieser Jude war unbequem. Man möge mir erlauben, nur an ein, aber charakteristisches Moment dieses langen und schrecklichen Martyriums zu erinnern. Man wird daraus ersehen, was in Wirklichkeit Alfred Dreyfus ist. Er befand sich auf der Teufelsiusel krank und war durch die drückende Hitze, den Kummer und die Trennung von seiner Familie vollständig erschöpft. Er konnte kein Glied bewegen, ohne in Schweiß gebadet zu sein, nicht einmal essen, ohne wahnsinnige Schmerzen zu erdulden. Diesen Augenblick hielt man für den richtigen, um ihm Fesseln anzulegen. Er fragte nach dem Grunde, aber seine Wächter hatten den Befehl, zu schweigen. Die Ketten wurden in seiner fieberhaften Phantasie Schlangen, die ihn umwanden, um ihm den letzten Tropfen Blut auszusaugen. Unbekannte, perverse Wesen hatten ihn diesen Bestien zur Beute hingeworfen. Aber angesichts dieser Leiden nahm er alle Kräfte zum Kampfe zusammen. Nein, er wollte, er konnte nicht sterben, denn damit hätte er seine Frau, seine Kinder »erraten, denen er einen fleckenlosen Namen hinterlafsen mußte. Und deshalb mußte er anshalteu, bis zu dem Tage, an dem seine Unschuld' ans Licht kommen würde. Ein Christ hätte in solch verzweifelten Stunden alle seine Kraft in das inbrünstige Gebet gelegt und wäre damit vor dem Throne Gottes erschienen, um die Erlösung, ein Wunder, zu erflehen. Wer bei Alfred Dreyfus schöpften Phantasie und Willen, genährt an den tiefen Lebensquelleu seiner Rasse, in der Ucberlieferung und der Liebe, neue Krast. Diese unerschöpfliche Liebe rettete ihn. Neben dem christlichen Wunder erscheint da ein anderes Wunder. Ist Gott in dem ersten, so ist er nicht minder in dem zweiten. Der Tag wird kommen, wo man den Kindern in der Schule diesen wunderbaren Beweis der Kraft der Unschuld, diesen Sieg der Liebe und Hingebung an die Rasse, erzählen wird. Noch an eine Einzelheit will ich erinnern. Warum hatten Bernard Lazare zuerst, dann Scheurer- Kestner, Josef Rcinach, Zola und seine Freunde einen so tiefen Glauben au Dreyfus' Unschuld, daß sie für ihn ihren Ruf, ihr Vermögen und ihr Leben cinsetzten? Geschah cs, weil sie "den wahren Verfasser des Bordercaus kannten? Das war ohne Zweifel schwerwiegend. Aber der Eindruck, den. sie selbst oder ihre Freunde von einer Gattin wie Lucie Hadamard, von einem Bruder wie Matthias Dreyfus erhielten, von Personen, die so würdig und vollkommen geartet und so tief dem unglücklichen Opfer ergeben waren — das entflammte sie und machte ihre Ueberzeugung unerschütterlich. Sicher, Alfred Dreysus verdient es, daß man sein Andenken der Welt heute ins Gedächtnis ruft. Dieser Kampf hatte bedeutendere Folgen als die öffentliche Anerkennung seiner Unschuld. Die erste war der Erfolg seiner bewunderungswürdigen Verteidiger, deren Glauben und Genie die Welt mitrissen. Die Sache vcranlaßte die heftigen Proteste der großen Mehrheit der Franzosen und fast aller Zeitungen. Man verlangte, daß die Grenzen respektiert werden sollten: „Unsere Angelegenheiten gehen das Ausland nichts an." Mer die Grenzen wurden überschritten, aller Widerstand wurde nutzlos, der Sturm brauste, und eine Stimme, die Stimme der ganzen Welt, schrie: „Warum diese Ungerechtigkeit?" Das ist das erstemal, daß etwas Aehnliches in der Welt geschah. Ich glaube, das ist der Beginn eines Zeitalters, das die Vereinigung aller Menschen von gutem, offenem Willen sehen und das keine Grenzen kennen wird, wenn die Rufe des Unglücks oder des Genies ertönen werden. Eine andere wunderbare Folge der Affäre war die Beschleunigung der Trennung von Kirche und Staat. Hätte die hohe Geistlichkeit nicht mit den Nationalisten, dem Generalstab und den Monarchisten gemeinsame Sache gemacht, wäre ihre gemeinsame Niederlage nicht so vernichtend gewesen, so hätte die

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