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Neue jüdische Presse · 1908-04-15 · Heft 16 (15.4.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. an dem Geschicke unseres Volkes sprechen darf, so kann . man wohl sagen, Moses Mendelssohn ist es gelungen, die Renaissance jüdischen Geisteslebens in die Wege zu leiten, allerdings dank der Gunst veränderter politischer Verhältnisse, dank der hcrausziehenden Morgenröte einer neuen Zeit. Der Ruf nach Freiheit und Gleichheit, der alle Lande erfüllte und seinen erschütternden Ausklang in den hochbewegten Stürmen der französischen Revolution finden sollte, war auch in die Häuser und Herzen der Juden gedrungen. Tie Aufklärung, die Folge der Vernunftreligion der Encyklopädistcn, die von Frankreich aus inr Laufe des 18. Jahrhunderts alle in Kirche und Staatswesen, in Gerichtsbarkeit und bürgerlichem Leben bestehenden Verhältnisse erschüttert hatte, die Aufklärung Ivar auf ihrem Siegeszuge von dem philosophischen Friedrich d. Gr. mit offenen Armen empfangen worden, und der. Geist der Vorurteilslosigkeit und der Gedankenfreiheit, der das Zeitalter Friedrichs d. Gr. beherrschte, beeinflußte auch die gedrückte Lage unserer Väter, der Geist der Toleranz schuf eine Jndenfrage. Erklärten aber gerecht und human denkende christliche Zeitgenossen, wie Dohm in seiner Schutzschrift für die Juden und zuletzt Lessing im „Nathan", die. traurige Ausnahmestellung un- Väter, den schweren Druck der Gesetze, unter welchen sie zu seufzen hatten, die Intoleranz der Christenwelt als fernerhin nicht vereinbar mit den immer weiter um sich greifenden Aufklärnngsidccn, so besaßen anderseits die Juden im Lager der Aufklärung auch machtvolle Gegner. Friedrich der Große selbst tat wenig, um die Stellung der Juden gesetzlich zu heben. Er hat es nicht über sich bringen können, ihnen auf dem Gebiete der bürgerlichen Gleichstellung Rechte einzuräumcn, welche als die Konsequenzen seiner Ansichten hätten gelten dürfen. Der Vorschlag der Akademie, Mendelssohn als Mitglied derselben' zu bestätigen, ist von Friedrich d. Gr. glattweg abgelehnt worden, und zwar aus dem Grunde, Iveil der König die Mitgliedschaft seiner kaiserlichen Freundin Katharina von Rußland übertragen Ivollte, und er diese Ehrung zu schmälern glaubte, wenn er sic gleichzeitig zur Genossin eines Juden niachte. Mendelssohn aber hatte sich ein Recht auf diese Auszeichnung errungen, denn bei der Prcisschrift über die metaphysischen Wissenschaften hatte er den Sieg davongetragen und unter den Bewerbern keinen Geringeren als Kant geschlagen. Wenn aber auch die Proklamation aller Menschenrechte, von deren Mahnrufe inan gerade sich im Zeitalter Friedrichs d. Gr. so viel erhofft und versprochen hatte, erst einer viel späteren Zeit beschiedcn sein sollte, so begann man doch schon in vorurteilsloseren Kreisen den Juden als Nebenmenschcn anzuerkennen, und lange bevor die Juden gleichberechtigt waren im politischen, wie im Stäatsleben, hatten sie die Gleichberechtigung erlangt in der Gesellschaft und in der Literatur. Mendelssohn hatte hier die Brücke entdeckt, über welche ein Weg von dem bisher mit Geringschätzung behandelten preußischen Schntzjnden zum glcichgcachteten deutschen Bürger führte. Vor allem galt es, dem Juden statt des Jargon, den er sprach, und der weder deutsch noch hebräisch war, die reine deutsche Sprache, das Mittel des geistigen Verkehrs zu geben; und dieses Mittel, Mendelssohn reichte es ihnen mit seinen philosophischen und ästhetischen Schriften, vor allem aber mit seiner Bibelübersetzung. Er, der es noch miterlebt hatte, daß man einen bei dem Tragen eines deutschen Buches ertappten Judenknaben der jüdischen . Gemeinde verwies, er unternahm das Ricsenwagnis, deutsch zu schreiben, die Bibel in die deutsche Sprache zu übersetzen, er veranlaßtc die Gründung einer Schule, in welcher die jüdische Jugend die deutsche Sprache erlernte, und er, der nur einfacher Buchhalter war, er öffnete zuerst sein Haus der Geselligkeit. Bald folgten seinem Beispiele viele andere, so daß man, wie Schleiermacher in seinen ^Erinnerungen sagt, eine Gesellschaft in wirklich großem Stile damals nur in den Häuser» der Juden fand. Berlin selbst war trotz Friedrich d. Gr., trotz Areigcisterei und Philosophie noch sehr kleinstädtisch; Frankfurter Israelitisches Familienblatt. die Gelehrten und der Hof vertraten das Zopftum und die Mittelklassen lebten nach Art ihrer Väter in altdeutscher Beschränktheit, sie versammelten sich beim Maße Bier, und ihr Horizont reichte bis zur Bewunderung der Siege des alten Fritz. Der Jude aber lebte von jeher in zwei Welten, in der Geschäftswelt und in der Bücherwelt des Talmud, der seine Geisteskräfte stets verstärkt und für neue Bildungsclementc cnipfänglich erhielt. Die Pforten eines dritten Universums erschlossen sich dem Inden mit der reinen deutschen Sprache, und infolge der Mendclssohn'schcn Anregung warf sich die jüngere Generation auf die Sprachkcnntnis, auf die Philosophie und auf die Wissenschaften. In diese neue Well aber strömten mit hinein, eroberten in der Gesellschaft sich den ersten Platz und wurden tonangebend die Frauen und Töchter Israels. Was man heute eigentlich Frauenbewegung nennt, ist ini Grunde genommen weiter nichts anderes als ein Teil oder auch nur die letzte Konsequenz jenes kultur-historischen Prozesses, durch den zu Beginn des verflossenen Jahrhunderts die Frau in der Gesellschaft zu erhöhter Macht und Bedeutung gelangt ist; und mit dieser Errungenschaft mag der Frau dann der Gedanke und wohl auch der Mut gekommen sein, den Kampf um die Gleichberechtigung auf sämtlichen übrigen Linien zu eröffnen. Berliner Jüdinnen aber waren cs, die diese Gesellschaft geschaffen haben und jenen ungezwungenen Wellton, der die Eigentümlichkeit der preußischen Hauptstadt geworden ist und von dort aus anregend und fördern gewirkt hat auf das gesamte Deutschland. Berliner Jüdinnen haben auch zuerst einen Salon für geistvolle Unterhaltung begründet; an gemeinsamen Abenden, an denen jeder sein Bestes bot, suchte man sich die Äeisteswerke der Denker und Dichter in gegenseitigem Gedankenaustausch zu vollem Eigentum zu machen. Nirgends gab es daher so viel gebildete Frauen und Mädchen wie unter den Jüdinnen Berlins, und sie waren an Elastizität und Fassungsgabe des Geistes ihren christlichen Schwestern bei weitem überlegen. Sic suchten sich Kenntnisse der englischen Sprache anzueignen und vertieften sich in die Werke Shakespeare's, sie lernten italienisch und lasen den Tasso in der Ursprache, sie wurden feurige Goethebewunderinnen, sie berauschten sich an den englischen Zeitromanen, die ihren Mädchenherzcn süße Kost boten, und sie kannten, wie Henriette Herz, die Venns der „Berliner Salons", in ihren Erinnerungen sagt, keinen sehnsuchtsvolleren Wunsch, als selbst Romanheldin zu werden. (Fortsetzung folgt.) Personalien. Frankfurt a. M. Ein Tag noch, dem Tage, an dem er das Dekret erhalten hatte, das ihn nach einem arbeitsreichen Leben in den erbetenen Ruhestand versetzte, ist Professor Dr. Josef Werner im Alter von 68 Jahren verschieden. Mit ihm hat die Frankfurter Judcnheit einen Mann, der sie mit Stolz erfüllte, verloren, denn er war ein Mann von edlem, graben Charakter und innigster Neligiösität, von hervorragendem jüdischen Wissen (er hatte bei Rabbi Michael Landsberg in Berlin gelernt) und von einer gradezu universelken Bildung. Wie hoch er geschätzt wurde, sagen die Worte, die der Direktor - der Wöhlerschule, an welcher Schule der Dahingeschiedene Jahrzehnte wirkte, vorige Woche an die scheidenden Abiturienten richtete, indem er sie darauf hinwies, daß sie in Bezug auf Bildung, Charakter und Religiosität kein besseres Vorbild fürs Leben haben könnten als ihren Professor Dr. Werner. Aber auch für die Allgemeinheit hat der Verschiedene mit ungeioöhnlicher Kraft und Freudigkeit selbstlos gewirkt. 38 Jahre lang hat er den Bericht des Israelitischen Waisenhauses, als dessen Vorstandsmitglied er ständig das ganze Getriebe der Anstalt und das Wohl jedes einzelnen Zöglinges derselben überwachte, geschrieben, und es verdient hierbei die interessante Tatsache Erwähnung, daß jeder der 38 Berichte originell — ohne Bezugnahme auf einen der bereits geschriebenen Berichte und verschieden von .jedem dieser — abgefaßt wurde. Auch' den Kuratorien des Rufs. Lehrerseminars, des Ämaan Zion, des Israelitischen Waisenhauses und .der Lämmelschule in Jerusalem, der Israel. Religionsschule, der Snattchstiftung usw. hat er angehört. Vier Jahrzehnte hat er — gleichfalls ehrenamtlich Nr. 16. — in der KlauSsynagvge die Thoravorlesung versehen, und auch als Baat-Kaure u. Baal-Tefilloh ist er wirklich hervorragend gewesen. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Montefiore-Verein. Die jetzt schulentlassenen und neu hier aukommenden jungen Leute werden ans den Montefiore-Verein aufmerksam gemacht -und der Beitritt. zu demselben dringend empfohlen. Was' der Verein auf erzieherischen, geistige», gesellschaftlichen und nicht zuletzt aus religiösen Gebieten leistet, ist ja allgemein bekannt und anerkannt, so daß sich ein Eingehen auf Einzelheiten wohl erübrigt, zumal der „Mvntefiore" in Kürze mit seinen, Sommerprogramm an die Oeffentlichkeit treten wird. Nur soviel'sei bemerkt, daß der Vorstand immerfort bemüht und bestrebt ist, die Bereinstätigkeit zu erweitern und zu bereichern. Die infolgedessen stetig wachsende Mitgliederzahl und die Einrichtungen des Vereins stellen an die Finanzen so große Ansprüche, daß die unterstützenden Mitglieder dringend gebeten werden, ihre Beiträge zu erhöhen und dem Verein neue Gönner zu gewinnen. Aus -er zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Die Generalversammlung der Zion. Ortsgruppe nahm folgende Resolutionen an: „Die Generalversammlung der Zionistischen Vcreiiligung, Ortsgruppe Frankfurt a. M., spricht ihre schärfste Mißbilligung aus, daß in den offiziellen Zionistischen Bureaus in Köln am Sabbat gearbeitet worden ist und hofft, daß in Zukunft alle offizielle Bureaus am Sabbat geschlossen sind." (Antrag Martin Levigard, einstimmig angenommen.) „Zugleich verurteilt die Versammlung die Haltung der offiziellen Blätter des Zionismus, die „Welt" und „Haolam", die durch ihre Aeußerungen die Gefühle der 'gesetzestreuen Zionisten verletzen, bas eine durch antireligiöse Artikel, das andere durch beschimpfende 'Attribute und Schmähungen, mit denen sie die gesetzestreuen Zionisten überschütten. Die Versammlung verlangt also, daß von berufener Seite aüf die Leitung dieser Blätter Einfluß geübt wird, daß diese Haltung sich ändert, die dazu angetan ist, die ruhige Entwicklung des Zionismus zu gefährden." (Antrag Professor Dr. Sulzbach, angenommen mit 19 gegen 17 Stimmen.) Frankfurta. M. Die Misracht-Ortsgruppe faßte in ihrer am 7. crt. stattgehabten General-Versammlung folgende Resolution: „Die Misrachi-Ortsgruppe Frankfurt a. M. drückt ihre tiefe Empörung aus'über die von dem ossiziellen Organe Haolam systematisch verfolgte Tendenz, das traditionelle Judentum zu bekämpfen. Sic ist ferner tief entrüstet, daß in den sämtlichen offiziellen zionistischen Büros in Köln am sabbat in gleicher Weise wie an Werktagen gearbeitet worden ist. Sie sieht in diesen Tatsachen auch eine Verletzung der auf dem letzten Kongreß wie auch'auf früheren Kongressen abgegebenen Erllärungen der Führer, sowie des Beschlusses auf dem 2. Kongresse, daß der Zionismus nichts unternehmen wird, was dem Religionsgesetz des Judentums widerspricht. Sprechsaal. (Ohne Verantworllichkell der Redattion.) Löbliche Redallion! (Fortsetzung aus Nr. 14.) Es dürfte an der Zeit sein, die grundlegende Frage nach dem Zukunftsprogramm — denn es ist kcins da — eingehend zu prüfen, um uns cklar zu werden, ob wir den politischen Jdeenkreis, in den, wir. uns nach unserem bisherigen politischen Bildungsgang bewegen, die Politischen Einrichtungen unserer Wirtsvölker auf unsere dereinstige Gemeinschaft kritiklos übertragen, ob wlr etwas grundsätzlich Neues schaffen, oder ob wir auf dem sicheren Fundament des Alten, das neue Staatsgebäude errichten wollen. Es kommt dabei nicht auf den in weiter Ferne liegenden Zeitpunkt an, in dem dieses Staatengebilde ins Leben treten soll, aber die Frage ist innig verknüpft mit dem wichtigen Programmpunkt zionistischer Gcgenwartsarbeit, der Vorbereitung des Bokkes. Daran muß der Misrachi tätigen, ziekbewußten Anteil nehmen. Das Recht darf ihm von keiner Selle bestritten werden. Er hat ein vitales Interesse daran, der zionistischen Bewegung in ihrer Entwicklung die seinen Anschauungen entsprechende Richtung zu geben, die altjüdischen Volksideale zu erhalten und neu zu beleben. Einst schien es überflüssig zu sein, einer organisierten Partei von Gesetzestreuen diese Aufgabe zuzuwenden, denn es wäre verständlich gewesen, eine -spontane Entwicklung vom Nationalen zum Traditionellen zu gewärtigen. Aber nachweisjähriger eifrigerWerbearbeit, die erfüllt war von den aufdringlichen Schlagworten der DigeS und der inhaltschweren „Rückkehr znm Judentum vor

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