Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692578--03922-2698678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
zu Nr. 16 des Icanfefiirfec IsmeKMen fftwittofiittftes. Inhalt der Beilage: Artikel: Stürmer. — Jüdische Frauen in der Zeit nach Mendelssohn. — Personalien. — Aus den Vereinen.— Aus der zionistischen Bewegung. — Sprechsaal.—Bunte Chronik. — Kunst undLiteratur. — Aus der Geschästswelt. — Barmizwohs. — Vereins-Kalender. Stürmer! Es wird Alarm geblasen, die Offiziere rufen zum Sturm! Was ist geschehen? Ist der Feind in Sicht? Die Burg ist dem Feind ohne Kampf ausgeliefert, die Fahne ist entweiht! Der Kulturzionismus ist der Feind, Herr Nachum Sokolow sein Wortführer; — das ist der kurze Sinn des Anklage-Artikels Herrn Dr. Feuchtwanger's. Und die Belege? a.) Das offizielle Organ „Haolam", b) die Organisation „Jwriah", c) der Verlag „Sinai", ä) das Jaffaer Gymnasium. Welches ist das Vergehen des „Haolam"? Unseren Lesern sind die Auszüge aus dem „Haolam" Nr. 45, Nr. 57 und „Haolam" II, Nr. 3 bekannt. Wir wollen nicht untersuchen, wie weit die ans einem Ganzen herausgerissenen und die — laut Geständnis des Schreibers selbst — bloß dem Sinne nach wiedcrgegebenen Sätze mit dem eigentlichen Texte übereinstimmen; allein: zugegeben, daß es so ist, so muß doch ein solches Verfahren befremdend wirken. .Drei Stellen — die allergefährlichsten natürlich — werden ins Treffen geführt. Nun hat Herr Sokolow, wie Herr Dr. Feuchtwanger selbst zugibt, erklärt, daß die beiden ersten ohne sein Wissen in die Zeitung kamen, — und der dritte? Herrn Dr. 'Fink kennt alle Welt, rmd keiner, der ihn kennt, wird es wagen, seine Frömmigkeit in irgendwelchen Zweifel zu ziehen; — und nicht nur das: auch seine Lamdonus wird niemand bemängeln; — und siehe! Herr Dr. Fink hat öffentlich bekundet, daß der am! meisten angefochteue Artikel Horovitz's sein religiöses Empfinden in keiner Weise verletzt hat. Und Herr Dr. Fink ist nicht der einzige fromme und gelehrte Leser des „Haolam". Auch Herr Rabbiner Reines, der Präsident des Misrachi, und noch viele andere gelehrte fromme Männer zählen zu den Lesern und teils auch zu den Mitarbeitern dieses Blattes! Sonderbar muß es daher anmuten, daß gerade diejenigen, die den „Haolam" nicht lesen, weil ihnen das Lesen des Hebräischen Beschwerden macht und auf Uebersetzung anderer angewiesen sind, Alarm schlagen. „Die. religiösen Zionisten müssen es aufs schärfste verurteilen", meint Herr Dr. Feuchtwanger, „daß ein offizielles zionistisches Organ systematisch die Tendenz verfolgt, das traditionelle Judentum zu bekämpfen und den Geist des Unglaubens zu verbreiten." Dieses behaupten darf nur einer, der den „Haolam" selbst liest und genau kennt! Allein: wie darf man eine solche Beschuldigung auf Grund von Zuflüsterungen und Unterbreitungen anderer wagen? Es ist unkorrekt, wenn man nur von Artikeln freisinniger Natur spricht. Wir haben bereits ausgeführt, daß die Redaktion des „Haolam" diesen Standpunkt für recht' zu halten glaubte, daß man alle Richtungen zu Wort kommen lassen darf. Auf die Artikel: „ma nosno lonn orez Jisroel" von „Ben-Owi" folgte eine Antwort von einem auf dem Boden der Tradition stehenden Rabbiner zu Cardiff, Herrn Dr. Salkind; das letzte Wort hatte also die Tradition. Auf die Artikel „Hachsidus W'ho haskolo" von Horovitz folgte eine scharfe Antwort von Mises; auch in diesem Falle hatte die Bejahung das letzte Wort. Und noch eins: das Abnorme des jüdischen Volkes bringt es mit sich, daß das A.-C. statt eines offiziellen Organs zwei Organe — eines in Deutsch und eines in Hebräisch' — herausgeben muß. Alle beide erhalten beträchtliche Zuschüsse von.der Parteikasse; doch kann sich die Partei diesen Luxus für die Dauer nicht leisten: es muß dem einen Organ die Möglichkeit geboten werden, sich selbst tragen zu können; es muß ihm ein größerer Leserkreis gewonnen werden. Und wie die Verhältnisse gegenwärtig liegen, muß dieser Leserkreis in Rußland gesucht werden; und um den russischen Leser zu gewinnen, darf sich die Zeitung nicht bloß, auf trockene Parteinachrichten und Parteipolitik beschränken. Ist es doch der russische Jude von jeher gewöhnt, in seinen Zeitschriften — sogar in den täglichen — Artikel populärwissenschaftlicher und kritischer Natur vorzufinden! Herr Dr. Feuchtwanger beliebt, uns einen anderen Grund anzugeben; andeutungsweise gibt er uns zu verstehen, daß, wenn die „Welt" sich bezüglich der Tradition in vorteilhafter Weise von dem „Haolam" abhebt, der Unterschied darin zu suchen ist, daß die „Welt" von den deutschen Zionisten verstanden wird und somit von ihnen überwacht werden kann (wie es scheint, glaubt Herr Dr. Feuchtwanger, daß das ausschließliche Recht der Kontrolle und Ueberwachung in Sachen der Religion den deutschen Zionisten znstehe); — anders aber der hebräische „Haolam", der nicht kontrolliert werden kann. Diese Selbsterkenntnis, daß in unseren deutschen Gauen nicht allzuviel „Lamdonus" vorzufinden ist und nicht einmal eine hebräische Zeitung verstanden wird, verdiente uneingeschränktes Lob, ivenn sie nicht in unbeabsichtigter Weise begangen wäre. Nimmt doch derselbe Herr Dr de facto mit seinem Benehmen die Haltung eines Sanhedrin ein. Nun verstehen >vir aber nicht, wenn er bei uns nicht gelesen und nicht verstanden >vird, wo steckt dann die ungeheuere Gefahr des „Haolam"? Die russischen Juden, die den „Haolam" lesen und verstehen, erblicken in ihm keine Gesahr. Hat vielleicht Herr Dr. Feuchtwanger das Mandat bekomnteit, die russischen Juden zu erziehen? . So weit der „Haolam". — Doch Herr Dr. Feuchtwanger ist ein gar zu gestrenger Herr, er möchte alles, was im Zionismus gedeiht, mit Stumpf und Stiel ausrotten: Der „Haolam" muß eingehen, die „Jwrijah" ihre Vereine schließen, Sinai in der Wiege sterben, auch das Gymnasium muß untergehen. Mit „Haolam" haben wir uns beschäftigt, wir kommen nun zu der „Jwrijah". Die „Jwrijah" ist eine Organisation zurBelebung derhebräischen Sprache. Laut ihrem Programm verfolgt sie nur ,das eine Ziel, hebräisch zur Umgangssprache des jüdischen Volkes zu machen; mit der Religion als solcher hat sie nichts zu tun. Herr Dr. Feuchtwanger erzählt uns von dem Jwrijah-General-Sekretär, der im Aufträge des Büros über Bibelkritik Vorträge halten soll. Wir haben diese Vorträge nicht gehört, Herr Dr. Feuchtwanger auch nicht, und wir können darüber kein Urteil fällen. Angenommen aber, daß Herrn Dr. Feuchtwangers Vermutungen richtig sind, was sagt das? Ein Sekretär ist absetzbar! Üebrigens wird es dem intransigentesten Katholiken nie einfallen, gegen die Förderung der deutschen oder französischen Sprache aufzutreten, weil ein Kultusminister freisinnig ist und die Wunder der christlichen Religion leugnet. Das A.-C. fördert moralisch die „Jwrijah" — und wie könnte es anders sein? — aber in keiner Weise sucht es sie nach irgend welcher Richtung zu beeinflussen, denn die „Jwrijah" ist in ihrer Leitung autonom. Und „Sinai"? „Sinai" ist eine selbständige Organisation, die, von privater Seite ausgehend, jüdische Missen^chaft fördern will. Sie ist bestrebt, alles, was zur jüdischenWissenschaft gehört, in die hebräische Sprache und Literatur aufzunehmen. Aber sie verfolgt keine religiöse Tendenz. Die Unternehmer sind zufälligerweise Zionisten, und da sie es sind, und für eine Entfaltung der jüdischen Wissenschaft in der hebräischen Sprache eintreten, so verhält sich das A.-C. naturgemäß dieser Gesellschaft gegenüber wohlwollend. Das tun alle weltlichen Regierungen — und das A.-C. ist keine Synode und soll es auch nicht sein. Und das Gymnasium? Man sagt, es sei antireligiös, die Leitung bestreitet es öffentlich und stellt fromme Ellern der Schüler als Zeugen — und solange keine Beweise vom Gegenteil vorhanden sind, hat man kein Recht, das Gymnasium zu verdammen. Das A.-C. hat dem Gymnasium noch keine Subvention gewährleistet, da hat man doch kein Recht, dem A.-C. die gerüchtweise verbreiteten Sünden des Gymnasiums zur Last zu legen. Herr Dr. Feuchtwanger versucht nachzuweisen, daß das A.-C. kulturzionistisch im Sinne der einstmals bestandenen demokratischen Fraktion arbeitet. Als Beweis hierfür nimmt er die vier obengenannten Institutionen, die antireligiös seien und vom A.-C. teils getragen, teils gefördert werden. Nun'— mit der Widerlegung seiner Anklagen ist diese seine Behauptung widerlegt. Kulturzionistisch ist innerhalb der zionistischen Organisation gegenwärtig nur der Misrachi, denn die „Pauelei Zion"-Fraktion ist in erster Linie eine 'soziale Organisation, und gleich allen sozialistischen Organisationen kümmert sie sich nicht um die Religion. Aber das Vorgehen unserer Stürmer gegen alles und alle ist dazu angetan, eine linksstehende Kulturfraktion zur Abwehr ins Leben zu rufen; und was soll dieser unsinnige Ruf: „Wir kämpfen!" bezwecken? Der Misrachi ist gegenwärtig numerisch schwach — und anstatt positiv zu arbeiten,Schulenzngründen, traditionell-jüdischeLiteraturzu verbreiten und die Organisation auszubauen, verlegt man desMisrachi Tätigkeit auf Gesinnungsriecherei und Proteste, alles unjüdische, vom Klerikalismus übernommene Dinge. Und was noch schlimmer ist: man nimmt Methoden an, die nur für ganz starke Organisationen passen, aber nicht für eine Fraktion, die erst ihre Organisation ausbauen will. Der Klerikalismus, dessen Methode unsere Stürmer angenommen haben, versteht aber'zu schweigen, wenn die Lage es gebietet. Freilich verfährt auch der extreme Flügel der westeuropäischen Orthodoxie nach derjelben Methode; doch wenn dies noch so unjüdisch ist und zum Schaden der Gesamtheit sowie der Orthodoxie selbst ausschlägt, so hat es insofern einen Sinn, weil dieser Flügel auf dem Boden der Separation steht, was bei dem Misrachi nicht der Fall sein kann, da er doch auf der ersten und grundlegenden Voraussetzung des ,,K' l a l" (Gesamtheit) fußt. Der Misrachi muß, indem er nicht anders als innerhalb der Gesamtheit arbeiten kann, einen Boden der Verständigung finden; allein, was jetzt geschieht, muß notwendigerweise zum Bruch führen. Herr Dr. Frank geht sogar so weit, Garantien für alle Ewigkeit zu verlangen, und noch mehr: er nimmt die plumpe, ausgeklügelte Lüge der Feinde des Zionismus von der nationalen Reform auf; ein Verfahren, das nur verständlich ist, wenn man die Absicht hat, sich vom Zionismus zu trennen. Es ist ja kein Geheimnis mehr, wer — ohne daß sie es wissen — hinter unseren Stürmern steht: die Fäden, die nach Rom führen, sind ofsensichtlich . . . man bezweckt, 1. den Zionismus zu diskreditieren, 2. die Loslösung der gesetzestreuen Zionisten von der zionistischen Gesamtheit, damit man eventuell einen separierten Zionismus ins Leben rufen kann . . (Schluß folgt.) Jüdische Frauen i« der Zeit nach Mendelssohn. Von E. B. Der Beginn einer neuen Aera jüdischen Geisteslebens ist für uns eng verknüpft mit dem Namen Moses Mendelssohn Für die Juden, die in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters von den kulturellen Bestrebungen, von der zeitgenössischen Bildung der Staaten, in deren Mitte man sie ja nur duldete, vollständig ausgeschlossen, einzig und allein dem Studium des Talmud lebten, für unsere Väter war mit Moses Mendelssohn der Zeitpuntt gekommen, wiederum in das Kulturleben der Völker einzutreten und ein wichtiger Faktor in der Geschichte desselben zu werden. Wenn man vom Wallen irdischer Mächte 4780