Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692578--03917-2698677- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Frankfurter JsraeWMes Familienblatt. ijih. 16. Pflicht zu sterben", die zn Voltaires 100. Geburtstag erschien, stellt eine tiefgreifende Betrachtung über die wirtschaftlichen und ethischen Grundlagen eines Zukunftsstaates dar. Mit dem Buche „Die technischen Fortschritte ^nach ihrer ästhetischen und kulturellen Bedeutung" schlug er die Brücke von seinen technischen zu seinen literarischen Leistungen, von welch' letzteren hier die „Phantasien eines Realisten" genannt seien. Aus -er Lehrerwett. Rowohorndok lM'Nsker Gouvern.) Montag verschied unser Ralv Jechiel Epstein, bekannt in der Mischen Gelehrtenwelt durch seine hervorragenden Mischen Kenntnisse. Er stand 33 Jahre der hiesigen Mischen Gemeinde vor. A«S den Vereinen. Frankfurt a. M. Am Samstag, den 4. er, hat der Verein „Nach lath 'Zwi" seine dieswinterliche Tätigkeit eingestellt. Ein arbeitsaber auch' erfolgreiches Semester hat dieser Verein hinter sich, und er kann mit Genugtuung konstatieren, dass er sich eine große Anzahl neuer, und worauf wir besonderen Wert legen, junger Freunde erworben hat. Neben einer größeren Anzahl von Vorträgen hiesiger Mitglieder, bot der Verein seinen Hörern vier Abende, zu welchen er erprobte und rühmlichst bekanMe auswärtige Kräfte gewonnen hatte. Rabb. Dr. Hi rschfeld, Gießen, sprach über den neuesten Papyrusfund in Elephantine, Rabb. Dr. Kotteck, Homburg, über „Don Jsak Abarbarnell", Rabb. Dr. Kahn, Fulda, über Judentum und Assimilation und endlich, um auch die Literatur zu ihrem Rechte kommen zu lassen, Herr Leo Munk aus Köln über die drei Glaubensworte Schillers. Außer zu diesen Borträgen hatte der Verein seine Mitglieder zu einer größeren Anzahl von Lektüreabenden eingeladen, an denen, unter Zugrundelegung des Pentateuchkommentars von S. R. Hirsch, schwierige Stellen der Thauroh eingehend erörtert wurden. Auch zwei Vorlesungen für Damen (Referenten: Rabb. Dr. Bamberger, Hanau, Prof. Dr. A. Sulzbach, Hier) haben im letzten Semester stattgefunden. Jedoch wurde diese Einrichtung durch die Gründung des neuen Frauenbundes erübrigt — dessen 'konstituierende Versammlung, wie nebenbei erwähnt werden darf, voin Verein „Nachlath "Zwi" einberufen worden war —, der ja in erjolgreicher Weise die geistigen Interessen seiner Mitglieder befriedigt. Wie alljährlich wurde das Chanukkäh- und Purimfest in geeigneter Weife festlich begangen. Bei ersterem hielt Herr Rabb. Dr. Kahn, Fulda, die obenerwähnte Rede „Judentum und Assimilation", das letztere wurde in den Wumen der Frankfurt-Loge zur allgememen Zufriedenheit eines Publikums von ca. 600 Personen durch ein glänzendes Programm gefeiert. Es erübrigt sich noch, einer neuen Einrichtung des Vereins Erwähnung zu tun, die von allen Seiten aufs lebhafteste begrüßt wurde und sehr schöne Erfolge gezeftigt hat. Herr Dberlehrer Dr. I. H. B o n d i Hatte es in liebenswürdigster Weise übernommen, insbesondere der Jugend, das Erstlingswerk unseres großen Rabbiners Samson Raphael Hirsch, die „Neunzehn Briefe", zu erschließen. In zehn Vorlesungen, die an jedem zweiten Samstag in dem Hörsaale der neuen Synagoge stattgefunde» haben, hat er es in glänzender Weise verstanden, an Hand der ersten drei Briefe, nach jeweils vorangegangener Lektüre, eine ganze Weltanschauung zu entwickeln, die dem zahlreichen Publikum, insbesondere den jüngeren Hörern, eine feste Grundlage gab, eine Waffe, um den tendenziösen Zeitungsberichten, den modernen Zeitströmungen überhaupt, mutig und ohne Furcht entgegentreten und -sehen zu können. Es waren besonders die Thesen des Monismus, auf die Herr Dr. B o n d i einging, und an welchen er treffend zeigte, wie haltlos die ganze Entwickelungstheorie ist, die fast täglich durch Funde, Ausgrabungen usw. kläglich Fiasko leiden. Er zeigte andererseits, wie noch keine Wissenschaft es vermocht hat, auch nur das geringste zu beweisen, was gegen Gott, die Göttlichkeit der Thora spräche. Marburg. Bereinigung jüdischer Akademiker. — Der Verein zählte im vergangenen Semester 12 Mitglieder. Der Vorstand setzt sich zusammen aus den Herren cand. jur. JsaakBreuer (1. Vorsitzender), stud. jur. Carl Cohn und sind, med. Willy Hofmann. Es fanden 10 Vortragsabende statt, an denen folgende Herren sprachen: Herren Dr. M. Schlesinger („Die Wohlgemuth'sche Kritik der Wasmannfchen Vorträge", 2 Abende), stud. med. M. Michael („Das Zeitalter der Amonäer"), stud. med. PH. Frank („Sabbathai Zelot"). stud. med. W. Hofmaun („Das adiabanische Königshaus"), cand. Phil M. Baer („Die Stellung der Juden unter Napoleon L"), cand, jur. I. Breuer („Ein Stück Zeitgeschichte"), cand. med. bent. I. Baer („Der Sabbath"), stud. jur. C. Gohn („Das Wunder im Judentum"), cand. math. H. Schloß („Die Prophetie im Judentum"). Die Leitung der Schiurim hatten die Herren Provinzialrabb incr Dr. Munk und Oberlehrer Bergel übernommen. . Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Statt. (Fortsetzung.) Heute fühlte er sich doch schon sicherer in seiner neuen Würde! Gestern war er wie vor den Kopf gestoßen gewesen, hatte mcht um sich gesehen, hatte nur gewünscht, daß der Wagen noch'recht lange weiter rollen möge, bevor er sein Ziel erreiche. Heute aber sah er, wie die Leute überall stehen blieben und in die Höfkalesche guckten, und wenn sie den Priester in derselben erblickten, sich ehrfurchtsvoll verneigten. Aber er erkannte auch ein Augenpaar, das ihm finster und gehässig begegnete, cs war das des Priors des Dominikanerklosters, den man vor kurzem als künftigen Beichtvater Ihrer Majestät bezeichnet hatte. Den mußte es wurmen, einen andern auf dem von ihm ersehnten Posten zu sehen. Er nahm sich deshalb vor, die Königin zu ersuchen, ihn nicht mehr in einem Hofwagen abholen zu lassen, da das nur den Neid der Kollegen erregen könne; sie möge ihm die Zeit bestiinmeu, zu der sie seinen Besuch wünsche, er werde dann pünktlich 'zur Stelle sein. Ms er den königlichen Palast erreicht hatte, ward er zuerst zu der diensthabenden Palastdame geführt, die ihm mitteilte, daß sein gestriger Zuspruch auf Ihre Majestät eine» außerordentlich günstigen Einfluß geübt habe; Seine Majestät lasse ihm ausdrücklich dafür danken und ihn ausfordern, in derselben Weise fortzufahren. Dann geleitete sie ihn in den an die Sakristei der Schloßkirche angrenzenden Raum, in dem der Beichtstuhl für die Majestäten sich befand. Es währte nicht lange, so erschien die Königin und ließ sich auf dem für sie bcstimmten Sitz nieder, denn sie wünschte zu beichte». — Und nun schüttete sie ihm ihr volles Herz aus. Sie habe alles, was ex ihr gestern gesagt habe, nicht vergessen, habe vielmehr reiflich darüber nachgedacht und sehe ein, daß er in jeder Beziehung recht habe. Sie müsse sich bezwingen. Und sie werde sich beherrschen, werde nicht mehr ihr Herz aus der Zunge tragen, werde niemanden Einblick gewähren in ihre geheimsten Gedanken, nur ihrem Beichtvater, ihrem Seelsorger müsse sic alles sagen, sonst könne sie es nicht ertragen, und er müsse ihr Absolution erteilen für jedes Unrecht, das sie getan, für jedes Gute, das sie zu tun unterlassen und für jeden sündhaften Gedanken. Dann erzählte sie ihm, daß sie in der vergangenen Nacht viel geweint habe, sie habe vermutlich geträumt, denn immer wäre es ihr gewesen, als höre sie die Stimme der jungen Marranin, die ihr vorwerfe, daß sie ihn nicht gerettet habe. ' Er wiederholte, was er bereits gestern gesagt hatte, daß sie ihr Möglichstes in dieser Beziehung getan habe, sie dürfe sich keine weiteren Gedanken darüber machen, dürfe namentlich gegen Keinen sich darüber aussprechen. Denn was sie darüber äußern würde, könne als Anklage gegen ihren königlichen Gemahl gedeutet werden. Und davor müsse sie sich vor allem hüten, müsse vor allem bestrebt sein, die Liebe und das Vertrauen ihres Gatten in möglichst hohem Grade zu erringen, denn nur wenn ihr das gelungen sei, könne sie mit Zuversicht hoffen, auf dem hohen Posten, auf' den sie gestellt, segensreich für die Menschheit zu wirken. Dann erteilte er ihr, kraft seiner priesterlichen Macht vollständige Absolution für jede Sünde, die sie begangen und für jedes Gute, das sie unterlassen habe. Erleichtert atmete sie tief auf. Sie hätte ihm gern noch lange zugehört, ihr war so wohl. Wenn er zu ihr sprach; in seiner Nähe fühlte sie sich geborgen. Wer er bat, sie möge ihn entlassen, er wolle kommen, so oft sie es wünsche, zu j«er ihr beliebigen Zeit; doch glaube er seine Besuche nicht allzusehr ausdehnen zu dürfen, damit man ihn nicht verdächtige, sich bei ihr einschmeicheln zu wollen. Sie ersuchte ihn daher, sich täglich in der zehnten Stunde bei ihr einfinden zu wollen, damit seine Worte ihr Stütze sein könnten für den ganzen Tag. Er versprach es, erteilte ihr den Segen und entfernte sich, um dem ihn: gewordenen Rufe des Großinquisitors zu entsprechen. Dieser empfing ihn, ihm Glück wünschend zu seiner neuen Würde. „Die ich doch einzig und allein Eurer Eminenz verdanke, wofür ich »leinen tief empfundenen Dank zu genehmigen bitte." Der Großinquisitor wiegte den mächtigen Kopf hin und her. „Ihr wisset, Herr Prior, daß ich Euch wohl will, daß ich Euch gern gefällig bin, aber ich muß Euch offen gesteheil, als ich Seiner Majestät geraten habe, statt des Dominikaners Euch zum Beichtvater Ihrer Majestät zu ernenne», da habe ich weniger daran gedacht. Euch einen Gesallen zu erweisen. Euch, zu nützen, als vielmehr der Sache, der wir beide dienen. Denn die junge Königin ist doch noch ein halbes Kind, oder vielmehr ein ganzes und dabei so zart und so sensibel und — man Isagt, sie habe prachtvolles Haar, das ihr bis zu den Knieen reicht. —Aber Ihr kennt doch das Sprichwort, je länger das Haar, desto kürzer der Verstand. — Und wen» nun da der Dominikaner zu ihr gekommen wäre — ein tüchtiger Prediger ist er, bas mutz man ihm lassen, auf der Kanzel stellt er seinen Mann, donnern kann er, vermutlich besser wie Ihr, obgleich Eure Predigten doch auch sehr beliebt sind — aber — wie gesagt — wenn der Dominikaner zu der' Königin gekommen wäre, zehn gegen eins möchte ich wetten, daß er statt sie zu beruhigen, ihre Erregung noch maßlos gesteigert hätte. — Und das wäre nicht gut gewesen, hätte viel böses Mut machen können. Während Ihr, >vie mir gesagt worden ist, ein wahres Wunder geleistet haben sollt. Na, mich hat das nicht gewundert, ich habe Euch' gekannt, darum habe ich Euch empfohlen, keiner findet so schöne Worte und Redewendungen wie Ihr und' dabei Euer sanftes, sich in's Ohr schmeichelnde Organ —" „Euer Eminenz wird mich noch eitel machen," versetzte der Prior lächelnd. „Hat nichts zu sagen" entgegnete der Andere gleichfalls lächelnd. „Doch vergessen wir nicht an den nevous verum. Habt Ihr noch den Schlüssel. Herr Prior? — Ihr wisset, welchen ich meine." „Den von der Pestzelle?" sragte der Prior, die Farbe wechselnd. „Eben den. Aber es ist doch'nicht notwendig, den grausigen.Namen auszusprechen, dabei überläust einem gleich die Gänsehaut. — Also habt Ihr den Schlüssel?" „Gewiß, Eure Eminenz hat mich doch beauftragt, denselben in Verwahrung zu nehmen. Wenn da ein Unschuldiger hinein käme, das wäre doch gradezu Mord." . ' „Ahm!" machte der Großinquisitor, „gewiß, wenn da ein Unschuldiger hinein käme, bas wäre ein Mord. Aber es 'handelt sich hier keineswegs um einen Unschuldigen, sondern um Einen, den wir aus gewissen Gründen, das heißt, ans gewissen uns gebotenen Rücksichten nicht so strafen können, wie er es verdient. Das ist der Kandidat für die bewußte Zelle." ' „Ich verstehe Eure Eminenz und möchte nnr um 'die erforderliche Vollinacht bitten." Seit diesem Tage verging selten ein Monat, in dem die Pestzelle nicht wenigstens einmal in angebliche Aktivität getreten wäre; es kam jedoch auch vor, daß sie zwei oder dreimal rasch hintereinander benutzt wurde. Der Großinquisitor lachte sich ins Fäustchen, wie rasch und sicher die ärgsten Feinde des Herrn, 'wie er sie bezeichnet«, der Ivohlverdiente» Strafe erlagen; der Prior dankte jedesmal Gott aus vollem Herzen, wenn es ihm gelungen war, auch nur ein Menschenleben der Mordgier der Inquisition zu entreißen. Daß in dem ineist überfüllten Gefängnisse die Sterblichkeit sich steigerte, macht keinen staunen, es kümmerte sich auch'niemand darum. Sein Amt als Beichtvater und Seelsorger der Königin gewährte ihm auch meist volle Befriedigung, das Herz seines hohen Beichtkindes war in seiner Hand wie Wachs, seinen Beifall zu erringen, war Ihrer Majestät höchster Wunsch, und da sie allen Weisungen des weisen Mannes pünktlich entsprach, gelang es ihr in Wirklichkeit, manches Gute zu vollbringen und hin und wieder auch manch drohendes Unheil hintan zu halten. — Doch in der ersten Zeit konnte er sich dieser Erfolge wenig erfreuen, Angst und Sorge um das Schicksal seines Bruders ließen kaum ein anderes Gefühl in ihm aufkommen. Erst nach nahezu vier Monaten erhielt er Nachricht von seinem Bruder, daß er sein Ziel, die Hauptstadt der Niederlande, glücklich erreicht, die Schwester und deren Familie bei bestem Wohlsein getroffen habe und in daS Geschäft seines Schwagers eingetrcten sei. Auch die Schwester schrieb dem unbekannten Bruder einige Worte .inniger Liebe und Sehnsucht, so entstand ein unsichtbarcs Band zwischen den Geschwistern, die einander nie gesehen hatten, denn der Prior antwortete umgehend. Es entspann sich, wie die Brüder es verabredet hatten, ein regelmäßiger Briefwechsel, aber in Amsterdam erhielten sie auch häufig mündliche Nachricht.von dem fernen Bruder durch Flüchtlinge, die er vom Tode errettet und denen er zur Flucht verholfen hatte. . Zwölf Jahre jvaren vergangen, waren dahingerauscht in den Strom der Zeiten. Wer die Zeiten hatten sich wenig geändert. Noch, wütete die Inquisition init ungeschwächter Mordgier, noch waren Gefängnisse und Galeeren überfüllt, noch loderten von Zeit zu Zeit die Flammen'der Scheiterhaufen empor, die edelsten der Edel» zu vernichten und die wenige», die der Prior des Benediktincrklosters zu retten vermochte, waren wie Wassertropsen im Meere. Es war gegen Abend, der Tag ivar drückend schwül gcivcsen, erst jetzt nach Sonnenuntergang hatte sich ein kühlender' Luftzug erhoben, der die Menschen erleichtert aufatmen machte. Der Prior befand sich in seinem Zimmer, den Folianten, in den: er getesen hatte, hatte er znrückgeschobe» und war aufgestanden, denn die zunehmende Dunkelheit erschwerte das Lesen. Er trat zum'Fenster und blickte hinauf zu dem Abendhimmel, an dem das Abendrot mählich verblaßte, ein seltsamer Druck lag ihm auf der Brust, war es die Schwüle des verflossenen Tages? —oder — Ein leichtes Klopsen an seiner Tür veranlahte ihn, sich