Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 16. umzuwenden. Ein Laienbruder trat ein mit einem Leuchter mit brennender Kerze, den er auf den Tisch stellte, gleichzeitig meldete er einen Boten Ihrer Majestät der Königin. „Guten Abend Padro, was gibts Neues?" wandte sich der Prior an den Eintretenden. „Meine erhabene Gebieterin läßt Euch ihren Gruß entbieten ünd läßt Euch' ersuchen. Euch 'sofort zu ihr bemühen zu wollen." Der Prior blickte ihn betroffen an. „Jetzt soll ich kommen? — zu dieser Stunde?" „Ihre Majestät läßt bitten, ohne Verzug." Und als der Laienbruder sich entfernt hatte, 'rügte er, einige Schritte nähertretend, in gedämpftem Tone hinzu, indem er ein ziemlich umfangreiche» Paket auf den Tisch legte: „Dieses schickt Euch'Ihre Majestät, Ihr dürft es jedoch erst öffnen, wenn Ihr heimkömmt, aber bis dahin schließet es ein, bewahret es wohl." Kopfschüttelnd schloß der Prior eine Truhe auf, legte das Paket hinein und schloß wieder zu. «Fortsetzung folgt). Rege«. Skizze von S. S i l e » s k i. Es regnet, langsam, unermüdlich, ohne aufzuhören. Wie viele Tage sinds schon, daß es regnet, grau, trüb ohne Hoffnung. . Eisig Leb steht beim Fensterchen und blickt hinaus auf die Gaffe. „Kannst Du Dich," sagt er zu seinem Weibe, das in der dunklen Stube mit irgend etwas herumhantierte, „an einen Tag erinnern, an dem keine Wolken am Himmel gewesen wären." „Versündige Dich nicht, Eisig Leb," ist ihre Antwort. „Gott kann uns noch helfen; wie oft hat er uns schon beigestanden! — Wie kannst Du nur immer murren?" „Murren, heißt das murren!" ist seine Antwort zurück. „Ich frage Dich nur, weil ich an alles, was nicht von heute ist, vergessen habe. Hörst Du, Blümele, an alles. Ich weiß nicht mehr, wie jchs in meinen jungen Jkhren hatte, gut oder schlecht. Wüßte gerne, ob bei meiner.Geburt ein Engel geweint hat, oder der Satan gelacht. — Schau mich nicht so erschrocken an," sagt er ohne Uebergang zu der Frau, die nun neben ihm steht und seinen Arm packt, „ich rede nicht irre. Ich weiß, baß ich Leb Eisig, der Dorfgeher, bin, der gehn muß, Wenns auch in Strömen regnet, wenn die Wege überschwemmt sind, wenn der Fuß bei jedem Schritte im Moraste stecken bleibt, wenn sein bissel Ware vom Rücken Heruntertriest, das dann niemand mehr brauchen kann. Sage nein, wenn Du kannst; sage, daß ich ein Träumer bin, ein Schwarzseher. Sage, was Du willst» nur überzeuge mich vom Gegenteil, — und ich will Dir die Füße küssen. — Du schweigst, Blümele, schweigst, weil Du nicht reden kannst, weil Dir die Tränen dir Kehle zuschnüren. Möchtest mir gerne sagen: Bleib zu Hause, Leb Eisig, geh nicht hinaus. Bleib in der trockenen Stube. Nur so lange bleib, bis die Sonne wieder zum Vorschein kommt, bis die schwefliche Luft, die Deiner armen Brust so weh tut, klar wird, bis sich die Lachen in Staub verwandeln, dann geh' wieder. Nimm Dein Bündel auf Deinen gekrümmten Rücken, Dein Pfeifchen zwischen Deine Lippen, den Stock in die Hand, die Hunde abzuwehren, die Dir die Kleider vom Lribe zu reißen pflegen, und bring auf Schabbos so viel, daß etwas für die Woche übrig bleibt. Nur jetzt geh nicht, wir können warten. — Nicht wahr, Blümele, Dein Mann ist ein guter Kopf, ein gescheiter Mensch, er weiß, was Du sagen willst." Für eine Weile wurde es still' im Zimmerchen. Nur der Regen klatschte an die Scheiben. Die Tropfen drängten sich durch die Ritzen und befeuchteten die heiße Stirn des Mannes, der hinausstarrte in das losgelassene Element. — Dann begann er wieder in das dunkle Ziinmer hineinzusprechen. »Hörst Du, Blümele, morgen früh mach' ich mich auf den Weg, und wenn es .noch so wütend regnet. Länger als Line Woche ist's schon, daß ich in einemfort die Wolken frage: Wie lange wollt ihr noch meinen Weg versperren. Aber sie sind gefühllos, wissen nicht, daß kein Brot im Hause, Win Oehl int Kruge ist. Und ich will nicht, daß ihr hungert; — hörst Du, ich will nicht." Und dann sprach er weiter, mehr zu sich selbst. Die Frau wollte oder konnte nicht antworten, — oder war sie eingeschlafen, denn es war kein Laut vernehmbar? „Nach .ihrer Rechnung ist morgen der Erste. Stelle ich mich nicht gleich in der Morgenfrühe bei . der Beamtenfrau ein, bekomme ich wieder keinen Kreuzer zu sehen. Ihr Gehalt ist bereits im ersten Viertel des Monats verflüchtigt. Dann kann ich wieder laufen. Was ' wars denn eigentlich, das ich ihr verkauft hatte. Irgend ein gestickter Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Fetzen, was weiß ich. Aber die kleine Frau ist auf alles lüstern, möchte gerne meinen ganzen Kram 'auf einmal hinnehmen. Doch, wenn es zum Zahlen kommt, da heißt es: „Ja, Herr Eisig Leb, sie müssen bis zum Ersten warten". — Und. ich mutz noch meinen Bückling machen und froh sein, daß ich keine Prügel bekomme." Elsig Leb führt sein Selbstgespräch lveiter. Er rechnet aus, wieviel er dem Großkaufmanil für gelieferte Waren schuldet. „Das muß bezahlt werden, pünktlich, auf die Stunde. Wolf Bärmann kennt kein Mitleid — gerade so, wie die Wolken, die sich immer entladen, — er ist hart und streng. Seine Parole ist: arbeiten. Er selbst gönnt sich keine Rast. Könnte auf seine alten Tage schon ausruhen, aber nein, er tuts nicht, nur immer inehr Geld zusammenhäufen. Und wenn er noch für jemanden sparen müßte? Hat er doch niemanden auf der Welt, nur ' sein Geld! — Welchen Gegensatz zu ihm bildet sein Nachbar. Steht er doch schon genug in seiner Schuld, so daß er beschämt die Augen niederschlägt, wenn er ihm zufällig begegnet. In der Schul war es, ani verflossenen Schabbes. Die Leute waren schon alle hinausgegangen. Er weiß nicht, ob er auch alles mitgesagt hat, wenn er auch sein Sidur vor sich aufgeschlagen gehabt hatte. Da fühlt er, daß ihm jemand auf die Schulter klopft. Es ist Schmul Lerner. „Was seid Ihr so traurig. Eisig Leb," sagte er, „paßt sich das am heiligen Schabbes. Ihr habt Sorgen! Wer hat denn keine? Meint Ihr denn ein anderer ist zum Vergnügen da? Habe auch von Haschemisborach eine tüchtige Mahnung bekommen. So einen noblen, feinen Sohn zu verlieren, so ein geratenes Kind. Aber deshalb murren, ausschlagen wie eine Bohemo. Kommt nach Hawdole zu mir, vielleicht kann ich Euch mit etwas helfen; jetzt rede ich nicht von Geschäften." „Ja, das hat er alles zu mir gesagt," wiederholt sich Eisig Leb, „aber ich bin nicht gegangen. Was ist das für ein elender Trotz in mir, daß ich nieine Lage niemanden aufdecken kann. Ich weiß ja, was er von mir wollte. Ein Darlehn ausdrängen, auf Nimmerwiedersehn. Nein, ich will nicht, will lieber mit Wolf Bärmann zu tun haben, da brauch ich mich nicht zu demütigen, denn es könnte doch ohnedies zu nichts führen." Und der Mann grollt hinaus in die dunkle Nacht in seiner heißen Erbitterung, in seinem Kopfe planloses Denken. „Eisig Leb," hört er neben sich die Stimme seines Weibes, „Du hast heute noch nichts gegessen. Stehst da den ganzen Tag und wartest und wartest. Was willst Du denn eigentlich. Für viele, viele Menschen ist dieser Regen Labsal, Erquickung, Segen. Weil der Dorfgeher Eisig Leb immer die Sonne über sich haben möchte, nie in seinen Geschäften gestört sein will, weil er fürchtet, daß wenn er zu Hause bleibt, es an Brot und Salz fehlen wird, soll es' nur dann regnen, wenn es ihm gerade erwünscht wäre, so zum Beispiel an Schabbos und Jontow. Meinst Du wirklich, baß die ewigen Naturgesetze sich nach Deinen kleinen Bedürfnissen richten sollten? Eisig Leb, ich tzab Dich für einen gescheiteren Menschen gehalten, u7ib~ auch für einen jüdischeren Menschen. Du hast mich gefragt, ob ich mich an einen guten Tag erinnern kann. An einen nicht, sondern an hundert, an tausend gute Tage. Soll ich sie Dir aufzählen, die vielen süßen Freuden, die wir hatten, als wir noch jünger waren. Ms unsere Kinder noch klein waren. Du noch gesund und kräftig, gut und fromm. Und unsere Liebe zu einander — ist sie Dir nichts, ist sie Dir so wenig, sind wir nicht reicher als viele Andere? Komme, Eisig Leb, ich will nicht, daß Du Dich für arm halten sollst, selbst dann nicht, wenn es an so manchem mangelt, wir sind nicht arm, so lange wir uns einander besitzen." Und mit weichen Händen zog sie den Mann fort vom Fenster, ans das die Regentropfen niedersielcn. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. ST. - Gegen Gicht and Rheumatismus bewährt. Bad Har/iburg iec P ension Par khaus 53 Salons n. FamUien-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle H&user I Ranges unter Rabbinats-Aufsicht an schönst. Waldlage. Ge3ff.l.Mai-1.0kt. Prosp.gratis. Max Hecht Qbsthdlg.HassElbaGh Gr. Eschenheimerstr. 4. 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Verbot des Blutgenusses, denn „das Blut ist das Leben", und „ihr sollt nicht das Leben mit 'dem Fleische verzehren." Das Blut geschlachteten Gewilds und Geflügels ist mit Erde zu bedecken. Den Schlußteil der Sidra bilden mannigfache Verwarnungen, die Gräueltaten und Unsitten der heidnischen Ureinwohner Palästinas nicht nachzuahmen. „Sonst wird auch'euch das Land ausspeien." Es sind die für eheliche Verbindung streng verbotenen Verwandtschaftsgrade aufgeführt. („Erwaus") Einsegnung des Monats Jjar. (Rausch-chaudesch Freitag und Samstag, 1. u. 2. Mai.) Jauzereinschaltung, 2 Thorarollen ausheben. Man liest den 1. Perek (Abschnitt) der „Spruche der Väter". Die „Sefiro"- oder Zählzeit, in der wir jetzt leben, hat einen traurigen Anstrich erhalten durch verschiedene Ereignisse. Zur Zeit Rabbi Akibas wütete unter dessen Schülern eine pestartige Krankheit und raffte die stolzesten Stützen der Thora, die Hoffnung Israels, in jugendlicher Blüte dahin. Zur Zeit der Krenzzüge fanden Tausende unserer Brüder und Schwester» in Deutschland und anderen Ländern den Märtyrertod durch sanatisierte Massen. Darum nimmt man sich „im Omer" als Zeichen der Trauer nicht die Haare ab, keine Hochzeit wird'' abgehalten, auch sonst beschränke man die Lebensfreuden. Mit Beziehung hierauf werden in manchen Gemeinden vom Schabbos nach Rausch-Chaudesch Jjar an „Sultaus" aflsabbatlich eingeschaltet. Kunst und Literatur. Antisemitismus und Nationaljudentum, ein arischer Beitrag zur Lösung der Judenfrage von Camrlla Theimer (Preis Kr. 1. Kommissionsv. C. W. Stern, Wien 1, Franzensring 16). Allmählich mehren sich die Stimmen, dieverkünden, daß die Lösung der Judenfrage durch den Zionismus die aflein endgültige sein kann, zugleich diejenige Lösung, die nicht nur im Interesse der Juden, sondern auch in dem der Christen liegt. Als eine der besten, wenn nicht vielleicht die beste der bis jetzt erschienenen Schriften, die dieses Thema behandeln, muß man die von einer Frau, der bekannten österreichischen Schriftstellerin Camilla Theimer geschriebene Broschüre Antisemitismus und Nationaljudentum bezeichnen. In kurzen Strichen zeichnet die Verfasserin die Lage der Juden, die leibliche Not im Osten und die sittliche Not im Westen. Ganz besonders lange weilt sie bei letzterer, sie schildert ' die verschiedenen Phasen des Antisemitismus, den sozialen, wirtschaftlichen und' politischen. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, schonungslos — vielleicht manchmal etwas zu scharf — deckt sie die Fehler der Juden auf, besonders das versuchte Eindringen in die christlichen Kreise, die ganze liberale Assimilation des letzten Jahrhunderts geiselt sie scharf. Dann zeigt die Verfasserin, wie die zionistische Lösung die allein richtige ist; sie weist nach, wie der Zionismus den Juden des Westens das fehlende Selbstbewußtseiu wieder gibt, wie durch den Abfluß der assimilationsunfähigen Elemente der wirtschaftliche Antisemitismus schwindet, wie überhaupt durch die Errichtung einer Heimstätte aus eigener Kraft das Ayfehen der Juden in der ganzen Welt wachsen Hürde. Wunderbar ist der Schluß der Broschüre, der an den von „Mtneuland und Judenstaat" vor Dr.