Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Stryj. Mißglückte Fabrikation eines Ritnatmordes. — Auf welche Weise „Ritualmorde" fabriziert werden, lehrt folgender Vorfall, der sicherlich schwere Folgen nach sich gezogen hätte, wenn der Sachverhalt nicht sofort aufgeklärt Ivorden wäre. Der Nachbar des Hauseigentümers Leib Mischel ist der christliche Bürger Schöner, der einen Knäben von ungefähr 4 Jahren hat. Letzten Sonntag begab sich das Ehepaar Schöner in die Kirche, wohin ihnen das Kind, ohne daß sie es ivußte», nachlief. Ms Frau Schöner nach Hause kam und den Knaben nicht antraf, lief sie sofort auf die Straße, schlug großen Lärm Und posaunte weit und breit aus, daß die Juden ihr Kind „für Passah geraubt" haben. Natürlich war die Straße in einem Augenblicke von einer Menschenmasse erfüllt. Jeder war fest' überzeugt, daß die Juden das Kind zu rituellen Zwecken geraubt haben. Es trafen sich sogar Zeugen, die gesehen haben wollten, daß die Juden schon früher das Kind gepflegt hatten, damit es gut aussehe. Die große Menge bildete sofort einen Kordon um das Haus des Mischel, damit niemand aus dem Hause entweichen könne. Die Stimmung der angesammelten antisemitischen Masse war eine so gereizte, daß sic Anstalten zu einem Pogrom traf; — da, im letzten Augenblick, kam das Kind. Niederlande. Amsterdam. Die Pekidimund Amarkalim der Gemeinden des heiligen Landes zu Amsterdam werden in Kürze in Jerusalem ein Büro eröffnen. Die Leitung dieses Büros ist Herrn I. Horovicz, bisher Oberrabbiner in Also- Kubin (Ungarn), übertragen worden. Die R i ch t l i n i e n der in Aussicht genommcueu Reorganisation sind folgende: „1. Nach wie vor erblickt die Chaluka-Vcrwaltung ihre Aufgabe darin, die Mizwoh, im Lande der Väter zu wohnen, im Sinne des überlieferten Judentums zu fördern. Daraus folgt einerseits die Notwendigkeit, der jüdischen Bevölkerung Palästinas ein Existenzminimum zur Fristung des Lebens zu sichern, sie ferner, so weit dies nach den gegebenen wirtschaftlichen Vorbedingungen möglich ist, auf eigene Füße zu stellen, andererseits aber auch "die Pflege eines umfassenden, gründlichen und ergebnisreichen Thorastudiums, sowie die Aufrechterhaltung einer gewissenhaften jüdisch-religiösen Lebensführung mit aller Kraft zu fördern. 2. Die..Besitz- und Erwerbsverhältnisse der Angehörigen des ,^kaulel-ha-waad" sollen mit Hilfe unserer Beamten noch gründlicher und zuverlässiger als bisher festgestellt werden. Danach sind diejenigen Personen von der Chäluka auszuschließen, die ihrer etwa nicht unbedingt bedürfen. Dabei soll jede ünnötige Härte natürlich vermieden und insbesondere so vorgegange» werden, daß nicht der volle Arbeitsverdienst, sondern nur ein Bruchteil desselben an dem Chalnkabetrag abgeht, damit auf diese Weise ein Ansporn zur wirtschaftlichen Betätigung gegeben wird. 3. Der Nachwuchs des „Kaulel-Ha°waad" ist, soweit der Einfluß der Chaluka-Berwaltung reicht, erwerbender Arbeit zuzuführen. Eine Kommission wird darüber zu entscheiden haben, welche jungen Leute im geeigneten Mter einem Handwerk' oder sonstiger geschäftlicher Tätigkeit zuzuführen und welche nach Veranlagung und Neigung dauernd für das Thorastudium zu bestimmen sind. 4. 'Die Chaluka-Berwaltung hat die Schaffung von Arbeitsgelegenheit, insbesondere der Einführung geeigneter Kleinindustrie uud noch nicht übersetzten Handwerks in Palästina ihre besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. 5. Ueber die zweckmäßigere Gestaltung der den anderen „Kaulelim" zufließenden sogenannten „Kleinen Chaluka" bleibt im einzelnen spätere Beschlußfassung Vorbehalten. Keinesfalls soll sie dauernd in kleinen Einzelbeträgen pro Kopf verteilt werden. 6. Die Förderung gründlichen und produktiven Thorastudiums 'im heiligen Lande soll in Zukunft ein besonderes Augenmerk der Chaluka-Berwaltung bilden. Zu diesem Zwecke sollen einerseits hervorragend .begabten Jünglingen größere J'ahrespensionen ausgesetzt werden, die ihnen ein sorgenloses Thorastudium gestatten, andererseits find besonders hervorragende „Talmidei Chachomim" höheren Mters in gleicher Weise im größeren Umfange zu unterstützen. Eine Kommission hervorragender „Talmidei Chachomim" der heiligen Städte hat nach noch näher zu bestimmenden Gesichtspunkten die Auswahl unter den für diese Prämien in Betracht kommenden Jünglingen und älteren „Talmidei Chachomim" zu treffen 7. In dem Maße als es gelingt, durch die Einführung von Arbeitsgelegenheit und moralische Einwirkung größerer Beträge der Chaluka, welche zur Erhaltung der erwerbslosen Familienväter verwendet wurden, frei zu machen, soll die Förderung des Thorastudiums und die Unterstützung von Witwen, Waisen älteren Personen und sanken größeren Umfang annehmen. Die Chaluka-Berwaltung und ihr Jerusalemer Bureau wird nach wie. vor die engste Fühlung mit den geistigen Führern der palästinensischen Judenheit aufrecht erhalten und sie soll darauf bedacht sein, daß deren Autorität zum Segen der religiösen Verhältnisse aufrecht erhalten bleibt." Rußland. Petersburg. Weitere Rechtsbeschränkung der Juden! — In der Konferenz der Semstwo- . Vertreter regte Abgeordneter Purischkewitsch an, die Rechte der Juden bei der Dorfverwaltung einzuschränken. Der Gehilfe des Ministers des Innern Lyköschine erwiderte hierauf, daß für das Ministerium die prinzipielle Ansicht der Semstwo-Konserenz aus dem Grunde besonders wichtig sei, weil'das Ministerium im Urteil der Konferenz die Stimme der Agrarier von ganz Rußland erblicken würde. Hierauf sprach sich die Konferenz mit 36 gegen 10 Stimmen für die Notwendigkeit der prinziellen Rechtseinschränkung der Juden aus. Radomisel. Nach den Pesachtaoen wird die Auswanderung wieder große Dimensionen annehmen, da die wirtschaftliche Situation der Juden trostlos ist, und sich ständig noch verschlimmert. So werden jetzt wieder tausende jüdische'Familien um ihre Existenz gebracht werden und zwar durch die „Russische Gesellschaft", die in jeder Stadt einen Spezereilcwen eröffnet. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M., 13 Avril. Zionistische Ortsgruppe. — Die gestrige Generalversammlung wurde von Herrn Fritz Sondheimer, dem Vorsitzenden, geleitet. In einem ausführlichen Berichte gab er ein Bild von der ausgebreitetcn Tätigkeit der Ortsgruppe, die sich nicht allein ans Frankfurt beschränkte, sondern sich auch durch Agitationsversammlnngen außerhalb Frankfurts betätigte; so ist in Fulda eine stattliche Ortsgruppe gegründet worden, und auch bei der Gründung der Ortsgruppe in Gießen war die Frankfurter Ortsgruppe beteiligt. Der Redner beleuchtete zum Schluß die sichtbaren Fortschritte, die die zionistische Bewegung in den letzten Jahren gemacht hat (der Hilfsverein der deutschen Juden erkennt das Hebräische als''die grundlegende Sprache fiir seine Schulen in Palästina an; Gründung zahlreicher zion. wirrschaftlicher und sozialer Organisation in Palästina ufw.). Der von Herrn Rechtsanwalt Dr. S. Schwarzschild gegebene Kassenbericht ist gleichfalls erfreulich. Die reinen Einnahmen der Ortsgruppe betrugen 1120 '„ft, denen 719 „ft Ausgaben gegenüberstehen. Die unter der Leitung des Herrn David Hamburger bestehende Nationalfondskommission vereinnahmte 904 „ft in 131 Büchsen, 512 „ft Spenden, 172 „ft Roschhaschonoh-Ablösungen, 18 „ft für verkauftes Material und 84 „ft für Oelbäume. Die Berichte wurden ohne Debatte entgegcngenommen. Eine lebhafte und lang andauernde Debatte, die .zur Annahme zweier Protestresolutionen führt,' entspinnt sich über die bekannte Sabbat- und „Haolam"-Angelegenhcit. Die Borstandswahl ergab: Rechtsanwalt Dr. L>. Schwarzschild (1. Vorsitzender), I. L. Gotte i n (2. Vorsitzender), Dr. David Leopold Dessau, Martin Levigard, A. Lewisohn und Fritz Sondheimer, welch' letzterer eine Wahl zum ersten Vorsitzende» abgelehnt hatte. Arankknrt a. M. Bei der Kom^issi-'n kür den jüdischen Nationalfonbs ging ein aus Büchsen: Frau Eßmann, Oberer Atzemer 10 61,61 „ft Frau Eßmann, Ob. Atzemer 10, holl. Fk. 4,23 „ Herr Eduard Lion Heiligkreuzgasse 2,25 „ Herr N. Liebes, Gaußstr. 2,— „ G. P. Rapp 2.- „ Materialien von Frl. Estella Pineas, Ostendstraße 31. München. Die hiesige zionistische Ortsgruppe hatte für Donnerstag, den 2. April, zu einem Vortragsabend eingeladen, der sich eines recht zahlreichen Besuches erfreute. Das' Referat hatte ein konservatives 'Mitglied der Ortsgruppe, Herr Jac. Frankel,übernommen. Der Referent sprach in einstündiger Rede über das Thema Zionismus und Gesehestrcue". Ausgehend von dem im Jahre 1861 erschienenen Buch des streng orthodoxen Rabbiners Hirsch Kalischer s. A. in Thorn, betitelt „Drischas Zion", wies der Redner nach, daß die zionistische Idee unter keinen Umständen die Prinzipien der Orthodoxie verletze. Die von den liberalen Gegnern des Zionismus gehegte Befürchtung, daß die Betonung des jüdischen Nationalgedankens den Antisemitismus fördere, wird auch von den Orthodoxen geteilt, ist aber, trotzdem sie von beiden Lagern proklamiert wird, nicht minder falsch. Ein deutscher Jude mit jüdischnationaler Denkweise ist ein nicht minder guter Staatsbürger wie ein naturalisierter Deutscher in Amerika oder in einem anderen Staate, wenn dieser seinem deutschen Vaterlande die Liebe bewährt. Kaiser Wilhelm hat sich 1902 geäußert: „Das Königreich Preußen setzt sich aus dielen Stänrmen zusammen, die stolz sind auf ihre frühere Geschichte und Eigenart; das hindert sie aber nicht, vor allem brave- Preußen zu sein." — Die orthodoxen Gegner des Zionismus haben aber noch andere Einwendungen, es ist besonders die, daß Menschenhände in die Wiederausrichtung Palästinas nicht eingreisen sollen. Als ob die Zionisten den Tempel wieder ausbauen oder einen Messias einsetzen wollten? Das Basler Programm chat nur die Schasftmg einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für bas jüdische Volk im Auge. Das widerspricht nicht nur nicht den Satzungen unserer Religion, sondern erfüllt sie, denn nach unseren Satzungen ist die Besiedelung Palästinas oder min», bestens die Beihilfe hierzu die Pflicht eines jeden Gesetzestrenen. Ein weiterer Punkt, der den gesetzestrenen Kreisen angeblich verbieten soll, sich der Bewegung an- 'zuschließen. wird in dem „nationalen" Standpunkt gesehen. An der Hand der Broschüre des sel. Rabbiners Roth in Papa weist Referent nach, daß auch hier die Anschauung der Gegner nicht berechtigt ist. Alle Gesetzestreuen hätten die heilige Pflicht, sich dem Zionismus anzuschließen, denn dieser hat es verstanden, viele der jungen und besten Kräfte Israels zu erhalten. Viele Hunderte jüdischer Intelligenzen wurden durch ihn vom Abfall bewahrt und so in die Tat umgesetzt, was uns unsere Weisen sel. And. so warm ans Herz legen: „Wer eine Seele dem Judentum erhält, dem wird dies so hoch'angerechnet, als hätte er eine ganze Welt vom Untergang gerettet." ' Ml' die religiösen Trennungspunkte wiegen lange nicht die vielen Berührungspunkte auf, welche die Orthodoxen mit den Liberalen im Zionismus haben. Redner erinnert an die Kämpfe um die Orgeln in Köln und Berlin, wo die Zionisten den Gesetzestreuen Beistand leisteten, erinnerte ferner an die Kultnswahlen in Warschau, wo ebenfalls Zionisten und Orthodoxen vereint gegen die Assimilanten kämpften. Auch die Synodalwahlen in Baden würden angeführt, und betonte hier der Redner, daß dieser gemeinsame Kampf und Sieg stets ein Ruhmesblatt in der Geschichte des deutschen Zionismus bilde und daß die Orthodoxen allen Grund haben, den badischen Zionisten den Tribut der Dankbarkeit zu zollen. Daß der Zionismus auf die so oft von gegnerischer Seite behauptete Verleugnung des religiösen Gedankens hinansläuft, kann nicht bewiesen werden. In welcher großen Gemeinschaft gibt es nicht Differenzen — und sind innerhalb der verschiedenen orthodoxen Richtungen in Deutschland nicht oft schon schwere Differenzen beobachtet worden? Rom wurde nicht in einem Tage erbaut, und so geht es auch 'mit der „Heimkehr znm Judentum noch vor der Rückkehr ins Jndenland". Der Zionismus hat eine harte Arbeit vor sich und die Gesetzestreuen im Zionismus nicht minder; mit Geduld und gutem Willen kommt inan sich näher. Referent befaßte sich noch eingehend mit dem - Konfessionalismus und dem Klerikalismus, der auch km Judentum so wunderbare Blüten zeitigt. Nachdem er noch die s. Zt. im „Frankfurter Jsr. Familienblatt" erschienenen Gutachten orthodoxer Rabbiner teils verlesen, teils auszugsweise, mitgeteilt und auf den Misrachi hingewiesen hatte, schloß er seine Auseinandersetzung mit folgenden Worten: „Wir Zionisten sind uns bewußt, wie schwierig die Arbeit ist, welche unsere Organisation zu vollbringen "hat. Wenn der Zionismus bisher weiter nichts geleistet hätte, als dem jüdische» Volke und ganz besonders unser» bedrückten und unglücklichen Stammesgenossen neuen Lebensmut und neue Lebenskraft einzuflößen und in unserer Jugend wieder Interesse für das Judentum zu erwecken, dann hätte er allein schön ein unvergängliches Verdienst sich erworben. — Wenn sich unsere Reihen immer mehr stärken, wenn alle Kräfte des jüdischen Volkes zu vereinter Tätigkeit schreiten, dann wird auch der Tag nicht mehr fern sein, an dem eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina Tausenden von unseren Glaubensbrübern endlich ein wirkliches Heim bietet, der Tag, von dem der Prophet Se'charja am Schlüsse des 1. Kapitels sagt: „So spricht der Ewige der Heerscharen: wiederum werden überströmen meine Städte von Glück, pnd wiederum tröstet der Ewige Zion und wiederum hat er Wohlgefallen an Jerusalem." Lebhafter Beifall belohnte den Redner, dem auch später von orthodoxen Gästen persönlich Ausdruck gegeben wurde. — Die Diskussion verlief sehr anregend. Die Herren Jos. Ambrunn und Dr. QT. Straus vertraten, ebenso wie der Vorsitzende, Herr F. Teilhaber, warm den Standpunkt des Referenten und besonders elfterer widmete dem Misrachi eingehendere Betrachtungen. Personalien. Berlin. Privatdozent Dr. pbil. Richard Joseph Meyer erhielt den Titel Professor. Leo Lustig, Teilhaber der Eisengroßhandlung M. I. Caro u. Sohn, erhielt den Charakter eines Ko mmerzienrates. Joses Carlebach wurde zum Oberlehrer an der Luisen schule ernannt. Max Schlochauer u. Frau Coelestine geb. Prager feierten die goldene Hochzeit. Stuttgart. Sanitätsrat Dr. Weil iit kn die Jsr. Oberkirchenbehörde berufen worden. Wie«. Jokef Povver. der dieser Tage seinen 70. Geburtstag feierte, ist der Erfinder des Popperschen Lustkondensators und hat ein bedeutender Werk über Flugtechnik geschrieben. Seine sozialphilosophische Schrift „Das Recht zu leben und die