Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S. vom Korps bis zum Stenographenverein, Juden als Mitglieder duldet. Mit diesem Zustand hat man sich längst abgefunden. Die Folge dieses Vorgehens war die Gründung der jüdischen Studentenverbindungen und der Antisemitismus war, wie .so oft, „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schaff. Außer dieser normalen Folge trat jedoch noch eine anorntoie ein, nämlich die Gründung sogen, paritätischer Verbindungen, die jedoch fast alle nur jüdische Mitglieder aufzuweisen haben, und wenn sich wirklich einmal ein Christ in eine solche Korporation verirrt, so stellt sich bei näherer Betrachtung bald heraus, daß dieser Christ vor nicht langer Zeit noch Jude gewesen ist. Und diese getauften Juden bilden dann die Zierde der Korporation und die Regel ist, daß der Herr „Renommiergoi" bald die erste Charge der betreffenden Bereinigung einnimmt. Kein Wunder, daß diese Korporationen es nirgends verstanden haben, sich beliebt oder angesehen zu machen, denn wie kann der Ächtung verlangen, der sich selbst degradiert? ' Am beachtenswertesten ist allerdings die dritte Art, der behördlicherseits betätigte Antisemitismus. Ich will nicht an die Tatsache erinnern, daß man vor ein paar Jahren jüdische Verbindungen auflöste, weil „das Bestehen der jüdischen Korporation den akademischen Frieden gefährde", ich will nur einige Fälle aus der letzten Zeit anführen. An zwei technischen Hochschulen versagte man die Genehmigung zur Gründung jüdischer Verbindungen, einmal mit dem Hinweis darauf, daß fein! Bedürfnis dazu vorhanden sei, und das andere Mal, weil die betreffende Verbindung u. a. auch den Ausdruck „Kämpf gegen den Antisemitismus" in den Statuten stehen hatte. Bekannt ist auch, wie im vorigen Jcchre die Ausländerftage den Kernpunkt aller studenttschen Erörterungen bildete, und wie die Behörden sich mtt Nachdruck gegen die unliebsamen jüdischen Elemente wandten. Ohne Zutun des Senats hätten nicht die Vertreter den badischen Studentenschaft den Vorschlag machen können, eine Resolution zu fassen, in der die Regierung aufgefordert werden sollte, den ausländischen jüdischen Studierenden die Aufnahmebedingungen zu erschweren. Erst großer Energie und großer. Aufopferung des Vertreters des KC. bedurfte es, bis es gelang, diese Resolutton zu Fäll zu bringen, und seinen Bemühungen ist es zu danken, daß in dem sonst so liberalen Baden ein so beschämender Beschluß unterblieb. Die Sache hinterläßt jedoch auch eine traurige Eiinnerung. Von den übrigen jüdischen Freiburger Korporationen hat keine auch nur einen Schritt getan, um diesen Beschluß irgendwie zu inhibieren, und ihre Untätigkeit wird für immer ein trauriger Punkt in ihrer Geschichte bleiben. Ein anderer Fall dieser Art ereignete sich in Marburg. Hier hat man dem „Verein jüdischer Studenten" die Aufnahme in den Studentenausschuß verweigert, und als die Finkenschaft dagegen opponierte, wurde sie — aufgelöst. Selbst für Juden einzutteten ist also in Marburg verboten. Der jüdische Verein selbst hat es leider hier auch an Selbstbewußtsein fehlen laffen, sonst hätte es dazu nicht kommen können. Viel besprochen wurde ein Fall in Sträßburg. Der dort studierende Sohn des. Kaisers, Prinz August Wilhelm, wollte 10 Vertreter der Studentenschaft empfangen; diese sollten ausgelost werden. Da erklärte plötzlich der Vertreter eines wissenschaftlichen Vereins, für den Fall, daß ein Mitglied des B. I. St. ausgelost würde, müsse er opponieren, da er sich nicht von einem Juden vertreten lasse. Eine Beschwerde des Vereins Mm Rektor blieb bis jetzt ohne Erfolg, der Empfang hat stattgefunden und der jüdische Verein hat sich diesen Schimpf gefallen lassen.*) Allerdings ist es dann kein Wunder mehr, wenn die jüd. Studenten mü> Studentenvereinigungen, die nichts auf sich Hallen, zum Gespötte der anderen werden. Mit Jammern über die ttäurigen Zellen ist es nicht getan; entweder man bleibt , zu Hause sitzen und zeigt sich seinen christlichen Kommilitonen nicht, dann erfährt man auch nichts vom Antt- *) Siehe nebenstehenden Bericht des Bundes jüdffcher Korporattonen. D. Redakt. Frankfurter FsraÄitiWs KamilieNölatt. semittsmus, oder man zeigt sich der Wett und trägt dann auch Selbstbewußtsein zur Schau. Nur so kann uns geholfen werden. Perkeo. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Ein Appell an das jüdische Herz. — 300 Lungenleidende wurden bisher jeden Sommer je 4 Wochen in der Israel. Kuranstalt in Soden kostenlos verpflegt, — und damll soll es nun anders werden. Wie bei anderen Wohltätigkeitsinstituteu so sind auch bei dieser außerordentlich segensreich wirkenden Anstalt die Einnahmen in den letzten Jahren nicht die entsprechenden gewesen, sodaß dS abgelaufene Jahr mtt einem Defizitvon20 000 M abschloß. Schweren Herzens entschloß sich infolgedessen die Verwaltung, von jetzt ab auch für das Sommerhalbjahr Kranke nur gegen Bezahlung aufzunehmen. Sind auch nur 100 JL für Männer unb 80 JL für Frauen für deu 4wöchentlichen Aufenthalt festgesetzt worden, so ist dieser Betrag für Arme doch unerschwinglich, — und gerade der Arme, der nicht die Mittel zu seiner Pflege hat, bedarf der Wohltat der Anstalt am dringendsten. Das jüdische Herz mit seiner Wärme, die jüdische Hand, die so gern gibt, haben hier Gelegenheit, ihrem Namen Ehre zu machen. Berlin. Der Bund jüdischer Korporationen (Adresse: Land. chem. Arnold Hildesheimer, Berlin A. 24, Friedrichstr. 130), der die 9 an deutschen Hochschulen bestehenden Vereine jüdischer Studenten („B. I. St.") umfaßt, blickt auf ein erfolgreiches Semester zurück. Ein Beweis für die Bedeutung des Bundes bildet fein diesjähriger, in Königsberg abgeh'altener Kartelltag, dessen Sitzungen 5 Tage währten und auf dessen Festkommers alle jüdischen Organisationen Königsbergs vertreten waren. Wenn nun auch "ein Kartelltag jährlich nur einmal stattfiudet, so ist doch das Band, das die „V. I. St." das ganze Jahr hindurch umschließt, nicht weniger fest. Das Bundespräsidium in Berlin hält ständig die Beziehungen mit den einzelnen Kartellvereinen aufrecht, und das Bundesorgan „Der jüdische Student" fördert den Gedankenaustausch. Von prinzipieller Bedeutung war der Kampf, den der „V. I. St." in Straßburg im letzten Semester zu bestehen hatte. Es sollte nämlich der Studentenausschuß der Universität, der aufgelöst war, neu'begründet werden, und zu diesem Zwecke sollten, sich sämtliche Korporationen in verschiedene Parteien' teilen, deren jede sich durch eine durch Pas Los zu bestimmende Korporation vertreten lassen sollte. Ms nun eine Korporation der Partei, zu der der „B. I. St." gehörte, erklärte, sie würde sich, falls das Los auf diesen falle, durch Juden nicht vertreten lassen und diese Mitteilung nicht die gebührende Zurückweisung seitens der anderen Korporationen erfuhr, schied der „V. I. St." aus dem Ausschüsse aus und brachte ihn dadurch zum Scheitern. Da nämlich der Rektor erklärt hatte, den Ausschuß nur bestätigen zu wollen, falls sich alle Korporationen daran beteiligten, der „V. I. St." aber eine Beteiligung unter den obwaltenden Umständen rundweg ablehnte, so ist an ein Zustandekommen des ganzen Ausschusses so lange nicht zu denken, als sich die Gewußte Korporation nicht bereit erklärt, ihre antisemitischen Gelüste bei dieser Gelegenhell zu unterdrücken. Es muß mit Freude konstatiert werden, daß Reüor und Behörden in dieser Angelegenheit ganz auf 'der Seite des ,,V. I. St." steheu. Es ist das von Bedeutung, da auf vielen deutschen Hochschulen augenblicklich von der Begründung von Studentenausschüssen die Rede ist. Wichtiger jedoch, als dieses Auftreten nach außen, war die Ausbildung der Buudesbrüder und' die Erziehung der Füchse. Und auch in dieser Beziehung kann das verflossene Semester als recht zufriedenstellend bezeichnet werden. Neben den in allen 9 Vereinen stattsindenden Fuchsenstunden, in denen hauptsächlich Mische Geschichte, Geschichte des Antisemitismus und Mische Gegenwartsfragen besprochen werden, fanden in allen Vereinen eine große Anzahl von Vorträgen mit anschließenden Diskussionen statt, in der alle Gebiete des Judentums behandelt wurden. Den Hauptwert wurde jedoch auf die wissenschaftlichen Kurse gelegt,' von denen hier nur die Kurse über „Fragen der jüdischen Ethik" im ,,V. I. St.", München, bei A. H. Dr. Eli Straus, den Geschichtskurs im „B. I. St.", Königsberg, bei A. H. Rabbiner D'r. Perles und den Palästinakurs der drei Berliner „V. I. St." bei A. H. Dr. Soskin erwähnt seien. Hand in Hand mit dieser wissenschaftlichen Ausbildung ging die körperliche, die durch regelmäßiges Turnen und Fechten in allen Vereinen gepflegt wurde. Hier mag auch besonders die 'Ruberabteilung der drei Berliner Vereine erwähnt werden, die im letzten Semester begründet wurde. Zum Schluß soll nicht unerwähnt bleiben, daß natürlich auch in allen „V. I. St." hie Gesellig»! kell zu ihrem Rechte gekommen ist. Durch Knei- Nr. 16 pen, Ausflüge, Kaffees, Bälle usw. wurde der gesellige Zusammenschluß der Bundesbrüder aufrecht erhalten- und es zeigte sich die.Erfahrung bestätigt, daß Freundschaften, die bei ernster Arbeit und nicht lediglich bei Kneipen geschlossen werden, die festesten sind. Berlin. Mit dem „judenreinen" Nordsee b a d e B o r kn m beschäftigte sich im He r re n - haus Oberbürgermeister S t u ck m a n n - Hillesheim in einer' sehr eingehenden Rede, damit „im Interesse der öffentlichen Ordnung und im staatlichen Interesse" den skandalösen Zuständen in Borkum ein Ende gemacht Werde. — Minister des Innern von Moltke erwiderte, daß er mit allen Mitteln, die möglich sind, Remedur schaffen werde. Maiuz. Die hübsche altertümliche Synagoge in Kastcl, die prächtig geschriebene antike Thorarollen und wertvolle silberne und goldene Kultusgerätc enthält, wird nur zu den Feiertagen geöffnet, da an anderen Tagen keine Minjam zu erreichen ist. Mit der Eingemeindung Kastels in Mainz entsteht nun die Frage, ob die jüdische Gemeinde Mainz verpflichtet ist, die Kultusgemeinde Kästel aufzunehmen und dort einen ständigen Filialgottesdienst eiuzurichten. Das Kreisamt ist um Klärung der Verhältnisse ersucht worden. Hamburg. Zur Konferenz des Gesamtvorstanbes des Bundes deutscher Frauenvereine. Am 16. und 17. März fand in Berlin die Konferenz des Gesamtvorstandes des Bundes deutscher Frauenvereine statt, dem mm mich der Jüdische Frauenbund, vertreten durch die Vorsitzende Frl. Pappe »heim, angehört. Den Hauptgegenstand der Verhandlungen bildete die Beratung und Beschlußfassung über die Tagung der Breslauer Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine, die in Rücksicht auf „den Jomkippur auf den 6.-9. Oktober festgelegt worden ist. Da die Verhanblungsgegeustäude ungemein wichtig sind: „Strafrechtsreform und die Frauen" und „Strafrechtsreform und die Behandlung Per Jugendlichen", so sieht sich der Vorstand des 'Jüdischen Frauenbundes jetzt schon veranlaßt, die angeschlosseneu Vereine auf die bevorstehende Breslauer Tagung hinzuweisen. Die Rechtskommission des Bundes deutscher Frauenvereine läßt demnächst eine Denkschrift erscheinen, die eine Uebcrsicht über die rechtlichen Forderungen der Frauen bringt. Diese Schrift wird den angeschlossenen Vereinen zugestellt, und es tväre sehr wünschenswert, wenn die Vereinsvorstände hierbei .Gelegenheit nehmen würden, ihren Mitgliedern durch' Vorträge allgemeine Begriffe zu vermitteln, deren Kenntnis für das praktische Leben der Frauen und Mädchen heute schon unentbehrlich geworden ist. Um die Wichtigkeit dieser Anregung noch llarer zu machen, nennen wir nur die Themate der Referate, die für die Breslauer Tagurig in erster Reihe j vorgesehen sind: Verminderte Zurechnungsfähigkeit, Sittlichkeitsdelikte, Prostitution und Kuppelei; die geistig Minderwertigen, die Erhöhung des Strafmündigkeitsalters, bedingte Verurteilung und Jugendgerichte, Strafvollzug und 'Gefängniswesen in Bezug auf die Frauen. Im direkten Anschluß an die Generalversammlung des Bundes findet auch in Breslau eine Tagung des Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels statt, dem der Jüdische Frauenbund auch seit Januar dieses Jahres angehört. . Bremen. In den Auswan dererballen wurde dieser Tage die Synagoge und die Jüdische Lesehalle mit einer Rede des Herrn Rabbiners Dr. R o s e n äk eingeweiht. Oesterreich-Ungar«. Wien. Der Freisinn im Parlament. Der Budgetausschuß des österreichischen Abgeordnetenhauses hat am 8. April mit 19 gegen 9 Stimmen folgenden Resolutionsantrag angenommen: Die Regierung wird aufgefordert, Erhebungen darüber zu pflegen, wie das Zahlenverhältnis der jüdischen Mittelschüler zu den christlichen in Einklang zu bringen ist mit den wirklichen Bevölkerungsziffern. Für diese» Antrag stimmten alle anwesenden Deutsch freiheitlich en, die Christlichsozialen, tschechischen Agrarier und andere Abgeordnete, dagegen -die Sozialdemokraten und die übrigen Tschechen. Die Abstimmung beweist, daß der Antisemitismus zum Programm aller Deutschen geworden ist. Wien. Ekelhaft. — Die österreichische Eisenindustrie hat sich in einem Bild verewigt: Direktor Kux (ein Jude), Herr Kestranek (ein Judenstämmling), Herr Feilchenfeld (ein getaufter Jude), und noch andere. 'Kestranek hebt auf dem Bild ein Ferkel hoch- ' Feilchenfeld bläst den Schöfar. Das .Bild, dessen Maler Franz Hohenberger gleichfalls jüdischer Abstammung ist, war zuerst Nur für den Freundeskreis Wittgensteins bestimmt, wurde aber dann in der Wiener Sezession ausgestellt und erregte peinliches Aufsehen, bis die Porträtierten das Bild'entfernten. Die Affaire hat jetzt zu einem Prozeß geführt, dessen Verhandlung beretts siattsänd üÄ> ein Äaüdinm für die gesamte antisemitische Mäffe bildet.