Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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frirlitifilirs familirnblatf und ch-fchLftsftett-r SrsnXkurl s. M.. vildelerstraße 4/-, Lcke Bleichstraße 10507. ^-ranrg-V«: KakA chei^. JnfertionSprris«: Die virrgespaltrne Prtitzril». Die Re&amegctle. 100 „ Platz- und Daten-Borschrtst ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach UedereirSnnft. i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnrmentSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mi. 1.— frei inö HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50. sonstige Länder Mk. 2.— i.-—-- Freitag, de« 14. Nissan 5668 (15. April 1908). 6. Jahrgang. ÄßAN" Des Vesachfeftea wegen erscheint die nächste Nummer Ireitag, den 1. Mai. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus Ungarn. — Antisemitismus an den deutschen Universitäten. — Aus aller Welt —Aus der zionistischenBewegung. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Der Prior. — Regen. — Wochen-Kalender. — Kunst und Literatur. — Familiennachrichten. Brief ans Ungarn. Die namenlosen Helden der Reaktion, die noch jüngstens ihre finstere Maulwurfsarbeit unter dem Schutze der Anonymität verrichten mußten, haben, ermuntert durch den großen Zuzug, den ihre Scharen an wissenschaftlichen 'Freibeutern erfuhren, die Scheu vor dem Licht überwunden. Zu den statistischen Falschmünzern, die durch aus dem Stegreif gerissene Zahlen- und Zifferndimensioncn den Neid unserer intimen Feinde zu entfachen suchten, gesellten sich nunmehr die bewußten Fälscher und Entsteller der jüdisch-rabbinischen Literatur. Rohlinge rohester Art gedeihen auf dem ungarischen Tiefland. Nun sollte man meinen, daß ein Jugendbildner, der als Nebenbeschäftigung das Verhetzen und Entstellen betreibt, wenn er überdies, ohne auf die 50 Prozent seiner jüdischen Schüler Rücksicht zu nehmen, mit konsequentem Fanatismus seine arischen Lehrlinge verpöbelt, schon aus pathologisch-psychiatrischen Motiven den Rechtstitel verwirkt hat, weiter Professor an einer öffentlichen Lehranstalt zu sein. Bei Meister Szabo in Weißenburg ist dem nicht so. Unsere Unterleiter erweitern das Piratenrecht, wonach Flagge die Ware deckt, auch auf das Schulwesen. Treizehnkarätig amtlich erprobte antisemitische Gesinnung ist ein Freibrief für die bodenloseste Hetz- und Wühlarbeit gegen das Judentum. Denn der Leiter der Mittelschulsektion im hohen Ministerium ist der erzklerikale Backoczy. Es ist eine urdi et orbi bekannte Tatsache, daß dieser Ministerialrat sein hohes Amt dazu nutzt, umdurch Hochdruck das ihm unterstellte Lehrpersonal zur Taufe zu zwingen! Und merkwürdig! Diese mit den gröbsten ' Mitteln arbeitende Seelenfängerei hat diesem Uebermissionar sein Amt, das er durch taktlosklerikale Demonstration gegen seine liberalisierenden Vorgesetzten schon verwirkt hatte, gerettet. Die große Majorität des ungarischen Parlaments hat für chn, nur weil er von einem jüdischen Abgeordneten angegriffen wurde, begeistert Stellung genommen und chm so die Konzession für die Taufe eu masse zugesichert. Es ist aber auch garnicht zu verwundern, daß unsere Feinde gerade, in letzter Zeit mit solcher Vehemenz auf uns losstürmen. Denn stckch nie', hatdas.Judentum ein solch traurigesBild der Zerrüttung und Zerklüftung geboten, wie eben jetzt. Der Bruderkampf, der in unseren Mauern blutig wütet, läßt die Breschen übersehen, die uns die Hasser schlagen. Anstatt einen Kristallisationspunkt zu suchen, an dem 'sich alle sengenden Strahlen des Hasses brechen, arbeiten die Führer blindwütig auf Dezentralisation. Vor lauter Schlagworten hat man den jüdischen Geist fast erschlagen. Das kahlgeschundene Judentum liegt sich in den Haaren. Wir haben vier, staatlich anerkannte jüdische Konfessionen. Zwischen den Neologen und den autonomen Orthodoxen stehen die neutralen Statusquoisten, und wer sich in diesem Rahmen noch beengt fühlt, dem steht die sephardische Destruktion zu Gebote. Das exklusive Verhalten der orthodoxen Leitung hat eine ganz neue Periode von Austrittsbestrebungen gezeitigt, die, man kann es Voraussagen, nicht immer in dem Eintritt in eine andere auch bestätigt: jüdische Konfessionsgemeinschaft auslaufen wird. Der Begriff des einen Judentums wird nur noch von unseren Feinden ausrecht erhalten, die das Band, das uns umschließt, eng genug ziehen, um uns das Lustfchnappen unmöglich zu machen. Die Pester Zentralleitung verlangt blinde Unterordnung. Wer anders zu denken wagt, als die Kanzlei vorzirkelt, der wird aus der orthodoxen Gemeinschaft geschieden. Gedanken, wie sie in der Gemeindestube von Zenta, Abaujszanto, Rima, Rombat, Solulyo und noch anderen zehn Kehickos auftauchen, „daß die Idee des Einjudentums aufrechtzuerhalten und nur die strenge Separierung nach religiöser Gesinnung zu erstreben s ei", werden in Acht und Bann gelegt und ihre Vertreter zu treulosen Ketzern gestempelt. Der weltfremd beschränkte Klausgeist beherrscht die ungarische Orthodoxie. Und wie' der chassidischc Großmeister in Minköes vordudelt, also muß der Herr Frankl nachpfeifen. Daß da recht oft dev Sinn für Takt und Harmonie verloren geht, ist nur natürlich. Daß aber das Klal Israel darunter fürchterlich büßen muß, ist eine Tatsache, die nur jene nicht sehen, deren Horizont von egyptischer Finsternis umnebelt ist. Zioni. Antisemitismus an de« deutschen Universitäten. Es ist doch immer dafür gesorgt, daß die jüdische Studentenschaft, abgesehen von ihrem Studium, auch noch stets Gelegenheit bekommt» ihrer Mitwelt gegenüber zu . beweisen, in welchem Maße ihr jüdisches Selbstbewußtsein zunimmt. Der Antisemitismus, der sich in stets wechselnden Formen zeigt, gibt ihr hierzu reichlich Gelegenheit, und wenn jetzt' die jüdischen Muli hinausziehen zur Lima mater, können sie nicht genug darauf vorbereitet werden, wie sie sich ihren antisemitischen Kommilitonen gegenüber zu verhalten haben, und. was sie -tun. -müssen, um nach Kräften dazu No. 16. beizusteuern, daß der Antisemitismus an den deurschen Universitäten nach Möglichkeit bekämpft wird. Wir unterscheiden hier drei Arten von Antisemitismus: den persönlichen, den gesellschaftlichen und den von den Behörden geübten. Jede dieser drei Arten hat mich im letzten Jahre prächtige Blüten gezeitigt, darum: cavete consules! Da ist also zunächst der Antisemitismus, der sich dem Einzelnen gegenüber kundtut. Er kommt hauptsächlich in Berlin vor, wo er ja zur alltäglichen Erscheinung geworden ist, und gar mancher Student, der in Berlin gewesen ist, kann berichten, wie er einmal im Cafe von einem Kommilitonen mit dm Worten begrüßt worden ist: „Na, was machen Sie denn hier, Sie dreckiger Judenbengel?" Um einm anderen speziellen Fall anzuführen, der sich unlängst in München zugetragm hat: Ein jüdischer Student sitzt im Cafe und spielt ruhig seine Partie Karten. Setzt sich da so ein Arier zu ihm an den Tisch und ftagt ihn: „Wollen Sie nicht lieber mit mir spielm, als mit dieser semitischm Gesellschaft?" Eine Sekunde später befanden sich auch schon die Abdrücke einer „semitischen" Hand auf seinem bemoosten Antlitz. Und das war das einzig Richtige. Auf groben Klotz ein grober Keil. Die jüdischm Studenten sind Gott sei Dank wmigstms in ihrer größerm Mehrheit so selbstbewußt geworden, daß sie diese ganz plumpen Grobheiten nicht mehr ruhig hinnehmen, Md mancher Antisemit kann davon erzählen, wie ein jüdischer Student ihm einen kräftigen Händedruck gab, nämlich ins Gesicht. Erfreulicherweise sind nun diese Ausschreittingen wmigstms gegenüber den letzten Jahrzehnten seltener geworden, und schuld daran ist das wiedererwachte und neugekräfttgte Selbstbewußtsein des jüdischen Studenten, das sich, man kann sagen, seit 1886, seit der Gründung der ersten jüdischm Verbindung, der Biadrina zu Breslau, die sich in erster Linie dm Kampf gegm dm Antisemitismus in der Studentenschaft zum Ziel gesteckt hatte, immer schöner entwickett hat. Man frage doch heute einmal einm christlichen Studenten, wie er über die jüdischm Verbindungen urteilt. Soweit die L6-Verbindungm in Bettacht kommen, wird er stets mit den Worten höchster Anerkennung von ihnen sprechen, und die Achtung, die man den einzelnen Juden, die frei, ohne Anschluß umherlaufm, versagt, hat man heute wenigstens vor dm jüdischen Korporationen, einmal, weil diese es verstehen, ihre Mitglieder zu selbstbewußten Juden und zu gesellschaftlich guterzogenen Männem zu erziehen, und dann, weil man Respekt haben muß vor den jüdischen Verbindungen, die durch ihre Existenz schon ihr Selbstbewußtsein nach außen hin zeigen. Und die Achtung, die heute der größte Teil der christlichm S tudenten vor dm Juden besitzt, werdm später auch die Beamtm und die Minister vor ihnen haben müsien, wenn sie nicht inkonsequent gegm sich selbst werden wollen. Schwieriger als dem persönlichen Antisemitismus ist dem gesellschastlichm entgegenzuarbeiten. Es ist ja allbekannt, daß keine Korporation,