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Neue jüdische Presse · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rr. IS Frankfurter Israelitisches FamMenblaK. Seite 3. Was au der Erklärung der Oberrats aber vor allem auffällig war, das war die Tatsache, daß er sich in derselben über die schultechnische Frage ohne weiteres hinweggesetzt hat. Ist es wirklich denkbar, daß in ein und derselben Klasse die einen nach dem alten und die anderen nach denk neuen Gebetbuch unterrichtet werden? Ist es ferner wirklich möglich, daß der Religionslehrer seine eigene Persönlichkeit so sehr in den Hintergrund stellt, daß er den einen die Lebren deS alten, den andern die des Reformgebetbuchs vorträgt? Das wäre eine starke Zumutung für unsere Lehrer, einerlei ob einer orthodox gesinnt ist oder nicht. Hinweisen möchte ich auch darauf, daß die Einführung des Reformgebetbuchs in den- Schulen eine Verdrängung der hebräischen Sprache aus derselben zur Folge haben müßte, weil die deutschen Gebete sich zum größten Teil nicht an den Wortlaut des Urtextes halten. Es sei nur auf diese wenigen Gesichtspunkte hingewiesen, die sich leicht vermehren ließen, um jedem klar zu machen, daß die Einführung des Reformgebetbuchs in die Schule von geradezu verhängnisvoller Wirkung wäre. Wenn man alle diese Gründe gegen die Einführung des Reformgebetbuchs in den Gottesdienst oder in die Schule richtig würdigt, dann kommt man zu dem Ergebnis, daß die badische Judenheit den rechten Weg gegangen ist, wenn sie dasselbe ablehnte. Nicht nur die Orthodoxen und die Zionisten haben dies erkannt, bis weit in die sogenannten liberalen Kreise hinein hat inan eingesehen, daß der Weg, den der Gr. Oberrat eingeschlagen hat, zum Verderben führen muß. Hoffen wir deshalb, daß er diese Mahnung versteht und sein Projekt dauernd fallen läßt; dann wird er auch das Bewußtsein haben dürfen, daß die badische Judenheit einmütig hinter ihm sein wird. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Der Hilfsvcrein der Deutschen Juden erhielt folgende Telegramme: Kiew, den 4. u. 5. April. Die Ausweisungen derjenigen Juden, die ihrWohnrecht nicht Nachweisen können, werden immer umfangreicher. Freitag Nacht nahm die Polizei in Kiew wieder massenhafte Haussuchungen vor, bei denen 84 Juden verhaftet und aus der Stadt verwiesen wurden. Konstantinopel, 4. April. Die Uebergriffe des Kaimakam von Jaffa .haben sehr schnell ihre Sühne gefunden. Die bereits gemeldete Absetzung des schuldigen Kaimakam bestätigt sich. Am Donnerstag erhielt der ChachamBaschi vom Hofe Sr. Maj. des Sultans die offizielle Mitteilung von der Absetzung. Der Sultan entbietet gleichzeitig den Juden seinen Gruß und drückt ihnen seine Sympathie aus.. Berlin. E > n Budget wie eine Großstadt hat die hiesige jüdische Gemeinde. Im Rechnungsjahr 1906/07 vereinnahmte sie von 29 297 Steuerzahlern fast 2150 000 J£. und verausgabte in dem gleichen Zeitraum allein an Gehältern und Pensionen säst 326000 M. München. Sonntag fand hier eine öffentliche Versammlung behufs Gründung einer Ortsgruppe der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" statt, welche sich eines recht zahlreichen Besuches zu erfreuen hatte. Nach den einleitenden Worten des Vorsitzendem Herrn Sigmund Frankel, ergriff Herr Jakob Rosenheim aus Frankfurt a. M. das Wort, um in einstünbiger Rede die Aufgaben und Ziele der „Freien Vereinigung" darzulegen. Seinen Ausführungen folgte lebhafter Beifall, der auch dem zweiten Referenten, Herrn Rabbiner Dr. Kohn aus Ansbach zn Teil wurde. Dieser ging des Näheren auf die bayerischen Verhältnisse ein, welche nach jahrelanger Stagnation, einer Besserung entgegengehen; hier haben die bayerischen Ortsgruppen eine große und lohnende Aufgabe vor sich. Die sich anschließende Diskussion war eine seht kurze. Nachdem Herr Rabbiner Dr. Ehrentreu in kurzen Ausführungen seiner Genugtuung über die vortrefflichen Worte, die gesprochen wurden, Ausdruck verliehen hatte, stellte ein Anhänger des Misrachi an den Referenten die Frage, wie sich die Vereinigung zu seiner Organisation verhalte. Es sei nicht beabsichtigt, eine zionistische Debatte zu provozieren, nur aus. Interesse für die Sache werde um eine Er» klärung ersucht. Herr Rosenheim betonte inj seiner Antwort, die er auch schon auf Anfragen in Versammlungen in anderen Städten gegeben habe, „daß der Freien Bereinigung die Mitarbeit aller gesetzestreuen Juden, insbesondere auch die tättge Mitwirkung der gesetzestreuen Zionisten hochwillkommen sei." (Warum auch nicht? D- Redakt.) Mit einem packenden Schlußworte des Vorsitzenden, der die Gewinnung einer ansehnlichen Mitgliederzahl konstatieren konnte, schloß die harmonisch verlaufene Versammlung. Krotoschln. Spende. Herr Otto Hepdner ließ bei seiner Uebersiedelung nach Berlin dem israelitischen Armenderein 2000 Jk zugehen. Oesterreich - Ungarn. Wien. Bei der Verhandlung des Just-zctais im Budgetausschusse beschwerte sich Abgeordneter Aurel Onciul darüber, daß in der Bukowina das Richter- und Kanzleipersonal zu 40°/o> aus Juden bestehe. Krakau. Eine «Vereinigung der jüd. Kaufleute in Krakau" hat sich hier zu dem Zwecke gebildet, die sozialen, kulturellen und politischen Interessen der Krakauer jüdischen Kausleute zu fördern. Ein beträchtlicher Teil der jüdischen Kaufmannschaft ist der neuen Organisation, die alle Aussicht hat, ein bedeutender Machtfaktor im politischen Leben Krakaus zu werden, bereits beigetrctcn. Rußland. Moskau. Christliche Nächstenliebe. Der S t a d t h a u p t m a n n hat an die Polizeireviere folgenden Erlaß herausgcgeben: „In vielen privaten Krankenhäuser» befinden sich kranke Juden, deren W o h » r e ch t für Moskau z w e i f e l h a f t ist. Die Ouarticraufseher werden daher aufs nachdrücklichste angewiesen, von allen Besitzern der privaten Krankenhäuser die schrist siche Verpflichtung cinzufordern, daß sie u u t e r keinen 11 m st ä n d e u einem kranken Juden Aufnahm ege >v ähre», der sich über sein Wohnrecht für Moskau nicht ausweisen kann." Kiew. Bor dem h esigeu Kriegsge-icht wurde hinter geschlossenen Türen gegen 23 Offiziere verhandelt, die beschuldigt waren, am 31. Oktober 1905 in der „Kiew, ötlljiri" einen Protest gegen die Untätigkeit deS Militärs bei den Judenmetzeleien veröffentlicht zu haben. Sämtliche Angeklagte wurden verurteilt, zwei sogar, zn 16 Monaten Festung. Schweiz. Bern. Die freie Schweiz. Die .N. I. S.* schreibt: Die wüste Hetze, die seit langen Jahren von einem großen Teil der schweizerischen Presse, liberalen und konservativen Zeitungen in schönster Eintracht, 'gegen die „russischen" Studenten betrieben wird, beginnt nun herrliche Früchte zu zeitigen. Bekanntlich haben die schweizerischen Universitäten in echt liberaler Weise für die russischen Studenten, die ja in der überwiegenden Mehrzahl, wohl bis zu 95 Prozent, Juden sind, denen es in Rußland unmöglich gemacht ist ein Reifezeugnis zu erwerben, besondere Prüfungen eingerichtet, deren Bestehen das Recht zur 'Jminatrikulation an der Universität verleiht. Diese Zulassungsprüsnng war nun seit lange«! den schweizerischen Antisemiten ein Dorn im Auge. Da aber die meisten Professoren doch einsahen, daß es im höchsten Grade ungerecht sein würde, die Zulassungsprüfung einfach anfznheben, so arbeitete» sie ans eine Reform der Prüfung in dem Sinne hin, daß durch "die Ablegung dieser Prüfung wirklich eine als Vorbereitung für das Hochschulstudium genügende Vorbildung nachgcloiesen würde. Das genügte aber gewissen Herren nicht, denen ja im Grunde die ganze Zulassungsprüfung verhaßt ist, weil sie es den „Russen" ermöglicht, überhaupt an der Universität zu studieren. Da griff man zu dem probateren Mittel, die liberalen Professoren (die nebenbei bemerkt durchaus nicht immer zu den politisch-liberalen Elenrenten gehören, denn diese letzteren sind hierzulande sehr oft größere Antisemiten als die alt-deniokratischen Konservativen) aus den Prüfungskommissionen herausznekeln. So ist es vor kurzem hier in Bern gegangen. Die Professoren Graf, Tobler und Haag wurden aus der Zulassungskommission teils freundlich, teils mit sanfter Gewalt entfernt, und an ihre Stelle wurden die den Russen nicht sehr freundlich' gesinnten Professoren Singer, Schultheß und Huber ernannt. Außerdem hat man die Jmmatrikulationsgebühr, die für alle andern 32 Fr. beträgt, für die Rüssen aus 50 Fr. erhöht. Eine weitgehende Verschärfung des Anfnahmereglements .steht noch bevor. So sehen die neuesten Reformen der demokratischen Republik Bern aus. .Der Gerechtigkeit halber sei indessen beigcfügt, daß hier eine liberale Regierung gegen eine von der Presse seit langem aufgehetzte Bevölkerung bisher die „russischen Studenten" vor solchen Vergewaltigungen meist geschützt hat. Nun scheint sie allerdings den Treibereien gegenüber ihre Macht verloren zu haben. Und cs muß weiter noch gesagt werden, hast ein Teil der russische» Studenten durch sein äußeres Verhalten bisweilen der Aufstachelung der Masseninsttntte gewissermaßen Vorschich geleistet hat. Natürlich kann das alles so schroffe reaktionäre Maßnahmen keinesfalls rechtfertigen. Zn deren Erklärung genügt aber auch'vollständig der hier herrschende AnttsemitiSmuS, der bisher stiller war alS anderswo, dafür aber auch viel ttefer sitzt und von dem die Juden ja in den letzten Jahren schon manche Ueberraschung erlebt haben. Türkei. Konstantinopel. Das Hilfskomitee für die Abgebrannten hielt'Sonntag eine Sitzung ab. Nachdem man zur Kenntnis genommen hatte, daß für das Hilfswerk zur Zeit 2500 türkische Pfund vorhanden seien, wurde beschlossen, vor allen Dingen dafür zu sorgen, die obdachlosen Familien — vorläufig für die nächsten zwei Monate — in provisorischen Unterkunftsräumen unterzubringen. Mit dieser Arbeit hatte man bereits in den ersten Tagen nach dem Brandunglück begonnen. An die 400 Familien, die in den Synagogen und Schulen einen Unterschlupf gefunden haben, sind bereits in dieser Weise provisorisch untergebracht, und auch für die Unterbringung der Ucbrigen wird bald gesorgt sein. Weiter soll eine Summe dazu verwendet werden, uin Kleidungsstücke der verschiedensten Art für die vom Unglück Betroffenen anzukaufen. Dann werden noch weitere 170 türk. Pfd. dem gesammelten Fonds zu entnehmen sein, um M a z z o s zu kaufen. Des weiteren muß den Handwerkern H a n d - toerkszeug, das sie beim Brande verloren haben, geliefert tverden, und den kleinen Händlern und Bndenbesitzern müssen die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden, damit sic ihre Arbeit wieder aufnehmen können. Was nach der Durchführung dieser praktischen Arbeiten 4011 dem Hilfsfonds noch übrig bleibt, lvird dazu verwendet werden, um für die unglücklichen Abgebrannten für-einige Monate di. Miete zu zahlen. Der Rest der Summe, der dann noch übrig bleibt, würde dazu benutzt werden um einige kleine Häuser aüfzubauen. Amerika. Rew-Aork. Die Tageszeitung ..The Rew-Gork Globe" berichtet: Herr Dr. Jacob Klatzkin, Vertreter des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Bremen, -ist nach Newyort gekommen, um die Landungsbesttmmungen und die Lebensbedingungen der immigrierten Judenheit zu studieren. Er wird mit mehreren jüdischen Korporationen hier Konferenzen abhalten und einige Referate lesen. Der K 0 m m i s s i 0 n ä r W a t e h 0 r n auf Ellis- Jsland, von welchem Herr Dr. Klatzkin in Begleitung der Herren Barondetz, Sekretär der Federation os jewish Organisation und Masfon, Sekretär der Hebrelv Immigrant Aid L-ocietY, empfangen wurde, gab seiner Freude Ausdruck, als er von Herrn Dr. Klatzkin vernahm, daß der Hilssverein der Deutschen Juden stets bestrebt ist, in den Emigrationsländern genaue Informationen über die Landungsbedingungcn zu verbreiten, um den verhängnisvollen Deportationen vorzubeugen. Während des Lunchs äußerte sich der Kommissionär sehr lobend über die jüdischen Immigranten. Ein Banquett seitens der Hebrew Immigrant Aid Society zu Ehren des Herrn Dr. Klatzkin gestaltete sich, laut „American Hebrew", zu einer imposanten Sympathiekundgebung der hiesigen Jüdischen Jmmigrationsgesellschasten für die segensreiche Wirksamkeit des Hilfsvereins. Außer den Direktoren der genannten Socictes nahmen an diesem Banquett, unter dem Vorsitz des Herrn Dr. B l u in stein, Jnperintendent of Educational Alliance, auch folgende Repräsentaten jüdischer Institute teil: Cyrus L. Sulzberger, Präsident des Removal Office; Dr. Leo K. Frankel, Leiter der United Hebrew Charittes; Prof. Sabrowitch, Leiter des Baron de Hirsch Fund. Mr. Cowen erzählte über die ersprießliche Arbeit des Hilfsvereins, welche er vor einigen Jahren auf seiner im Aufträge der Regierung nach Deutschland, Oesterreich und Rußland unternommenen Informationsreise zu beobachten Gelegenheit hatte. Mr. Sulzberger sprach über die Notwendigkeit einer Ablenkung des Emigrationsstroms von Newyork und begrüßte die Galvestonarbeit,in welcher er m,t Herrn Dr. Klatzkin coopttert sei. Das „M 0 r g e n I 0 u r n a l" in Newyork veröffentlicht ein Interview mit Herr» Dr. Klatzkin. Wenn man in Europa, äußerte sich Herr Dr. Klatzkin, von der Emigration nach Amerika spricht, habe man gewöhnlich den schwärmenden Auswanderer vor sich, über den der fixierte ansässige Immigrant vergessen wird. Diesen zu studieren, sei der Zweck seiner Reise. Und er habe über ihn eine» sehr günstigen Eindruck gewonnen. Es sei' nur ein unbedeutender Prozentsatz der Immigranten, welcher der Wohltätigkeit zur Last falle. Abgesehen von der 'Frage der jüdischen Uebervölkerung in Newyork, dje vielleicht im Lause der Zeit bei Nachlassen der Emigration von sich aus ihre Lösung finden würde, gebe es ein sehr schwieriges Problem: die Erziehung der Kinder von Immigranten im nationalen Sinne, da die Assimilatton in diesem freien Lande stil lschweigend vor sich gehe und daher gefährlicher als die europäische Assimilation, sei.

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