Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Arsskfurter UraüitischeS KamüierLlatt. Nr. 15 sodaß er sogar seine Ethik in die Panzerreifen geometrischer Lehrsätze eingeschlossen. Der historische Materialismus, den Carl Marx zum wissenschaftlichen Dogma erhoben, ist weniger originell als Weltanschauung, denn als Methode. Marx hat in Robert Owen einen bestimntten Vorläufer, allein erst Marx, der Judenstämmling, hat diese Weltanschauung so abgerundet. Und, was Mendelssohn für die Aesthetik geleistet, ist jedermann bekannt. In der neueren Philosophie lassen sich solche Eigenschaften des Geistes bei Hermann Cohen in seiner Erkermtnislehrc und bei Bergsohn in seiner evolutiven Willenslehrc Nachweisen. Soivohl Cohen als Bergsohn haben ihre Vorläufer, allein niemand hat diese beiden entgegengesetzten Weltanschauungen in solche unbedingte Formen gepreßt. Diese Neigung zum Absoluten ist eins der typischsten Merkmale des jüdischen Geistes. Damit ist das Thema noch lange nicht erschöpft. Ich habe nur in knappen Umrissen ein Bild von dem geboten, was in einer größeren Arbeit ausführlich behandelt werden kann. Im Kapitel IV der jüdischen Probleme, das die Psychologie der jüdischen Masse behandelt, komme ich noch auf dieses Thema zurück. Das Kapitel HI der jüdischen Probleme behandelt die Philosophie der jüdischen Tradition. Zu -eu badische» Eynodalwahleu. Bon Rechtsanwall Dr. Pfälzer, Weinheim. (Schluß.) HI. Der Gr. Oberrat hat zur Begründung seines Vorgehens angegeben, daß ein neues Gebetbuch notwendig sei, um weite Kreise unserer Glaubensgenossen dem Judentum zu erhalten oder wieder zuzuführen, daß dasselbe auch deshalb von Anfang an nicht für die Orthodoxen bestimmt gewesen sei; man hat auch behauptet, daß die Ablehnung des Reformgebetbuchs einen Gewissenszwang für seine Anhänger bedeute. Der gute Wille des Oberrats ist nicht zu verkennen und wird auch gern anerkannt; aber sein Mittel, um die Mißstände zu befestigen, ist wenig geeignet, den von. chm gewünschten Erfolg herbeizuführen. Es sei hier in Kürze nur auf folgendes hingewiesen: 1. Die Gegner des Reformgebetbuchs erstreben die Ablehnung der offiziellen Einführbarkest desselben; sie wollen keine sogenannte „badische Tefillah" haben, die gewissermaßen den Stempel der Regierung trägt und von selbst sich zur Einführung aufdrängt. Niemand hat aber etwas dagegen, daß der Einzelne fiir seinen privaten Gebrauch dieses oder ein anderes Gebetbuch benützt. Von einem Gewissenszwang kann hiernach um so weniger die Rede sein, als das Reformgebetbuch selbst kaum stgend welche Anhänger im Volk zählt; man hat bei unseren Gegnern nicht für dieses gekämpft, sondern für den Obcrrat, den man gegen die angeblichen Angriffe und Beleidigungen seiner angeblichen Gegner schützen . wollte. Das ist ja auch ganz begreiflich; diejenigen Juden, die beten oder unser bisheriges Gebetbuch kennen, die wissen es zu schätzen und lehnen die Aenderungen des Oberrats ab; die anderen aber machen sich nicht viel daraus, für sie besteht keine Gewissensnot, wenn sie vielleicht ein oder zweimal im Jahr nach dem alten Ritus chre Gebete verrichtm. 2. Wenn der Oberrat seinen Zweck erreichen wollte, dann mußte er darauf bedacht sein, das jüdische Selbstbewußtsein zu stärken, d. h. den Juden zu sagen, daß sie auf ihr Judentum, und ihre Religion stolz sein können und müssen. Das neue Gebetbuch hat aber genau die entgegengesetzte Tendenz; es schwächt die jüdische Lehre ab und sagt damit implieits den Lauen und Zweifelnden, daß sie ganz im Rechte seien, sich vonder bisherigen jüdischen Religion abzuwenden, denn diese sei wirllich nicht mehr modern, sie widerspreche dem sog. modernen Zeitgeist und »«isse deichalb. geändert werden. DaS ist natürlich ein ganz verfehltes Experiment; der Oberrat hätte im Gegenteil unsere Glaubensgenossen auf unsere ruhmreiche Bergangenhest und auf die Bedeutung der jüdischen Religion für die Menschheit Hinweisen und vor allem zeigen müssen, daß das jüdische Bekenntnis seine Anhänger noch niemals gehindert hat, an allen Errungenschaften der Kultur mitzuarbciten und testzunehmen, und den höchsten Idealen der Menschheit nachzustreben. Die Lösung dieser Aufgabe wäre wirklich eine dankbare und allgemein anerkannte Tätigkeit für eine jüdische Zentralbehörde. 3. Die Gebete haben den Zweck, die Bekenner einer Religion im Beten zu einigen; ein solches Reformgebetbuch, das nur für einen Teil der Religionsgenossen von Anfang bestimmt sein soll, ist deshalb ein Widerspruch in sich selbst. Ich glaube auch nicht, daß irgend eine andere Religion auch nur daran denkt, chre Anhänger im Gebet in Fromme und weniger Fromme zu scheiden und für beide innerhalb derselben Religion getrennte Gebet- und Bekenntnisbücher einzuführen; das ist leider uns Juden Vorbehalten geblieben. Das Reformprojekt des Oberrats ist anderer Ansicht; es glaubt der Religion zu dienen, wenn es deren Anhänger in zwei Lager spaltet und z. B. für das moderne Lager das Bekenntnis aufstellt, daß wir keine Veranlassung mehr hätten, auf die messianische Zeit zu warten, und daß es kein jüdisches Volk, sondern nur noch eine jüdische Religionsgemeinschaft gebe. Wie wenig ist aber auch gerade dieser Gedanke für ein Gebetbuch innerlich gerechtfertigt. Es ist ja richtig, daß wir Juden in Deutschland und speziell in Baden seit mehr als einem Menschenalter gesetzlich gleichberechtigte Staatsbürger sind und nicht mehr vertrieben werden können. Ich will hier ganz davon absehen, daß wir dagegen die tatsächliche Gleichberechtigung noch keineswegs erlangt haben, daß wir sogar vermutlich bei den heutigen politischen Verhältnissen die Emanzipation wahrscheinlich nicht mehr erringen würden; ich will auch nicht auf die ttüben Erfahrungen Hinweisen, die sich für uns an den Namen Könitz knüpfen; dagegen möchte ich betonen, daß in jeder Glaubensgemeinschaft der Einzelne nicht nur für seine Person allein, sondern für die Gesamtheit seiner Glaubensgenossen betei. Wenn wir dies bedenken, und wenn wir uns unserer bedrängten Glaubensgenossen im Osten erinnern, die heimatlos sind und kein Recht zu wohnen haben, — haben wir da als religiöse Glaubensgemeinschaft das Recht, die Idee von dem Erscheinen des Messias aus unseren Gebeten auszuschalten? Jahrhunderte hindurch ist es uns nicht besser ergangen, als es jetzt noch Miseren Glaubensgenossen in Rußland und Rumänien ergeht: bis vor wenigen Jahrzehnten konnten auch wir noch von der Scholle vertrieben werden; nachdem wir nun glücklicher geworden sind, glauben wir uns berechtigt, jene Zeit zu vergessen und sogar im Gebet von denjenigen unserer Glaubensgenossen abzurücken, die noch nicht so weit sind wie wir. Eine starke Bewegung hat im ganzen Judentum eingesetzt, um gerade unseren unglücklichen Glaubensbrüdern im Osten, die auch in ihrem Geburtsland kein Wohnrecht haben, eine rechllich gesicherte Heimstätte zu schaffen, von der sie nicht mehr verjagt werden können, gewiß ein edler Zweck für eine jüdische Organisation. Auch bei uns in Baden hat diese Bewegung Wurzel gefaßt, die ihre religiöse Basis gerade in der messianischen Idee und in der Idee von dem jüdischen Volke findet, Zch glaube, daß dieser Begriff von dem jüdischen Volk nicht mißverstanden oder mißbilligt werden kann. Der Oberrat kennt natürlich die zionistische Bewegung, aber er mißbilligt.sie. Man hätte trotzdem erwarten dürfen, daß ehr Gebetbuch sich nicht in den Streit der Meinungen mischt; das Projekt des Oberrats tut das Gegenteil; es merzt, die Idee vom jüdischen Volk aus, wohl in der Absicht, um-'der zionistischen Bewegung die religiöse Grundlage zu entziehen. Daist ungerecht und unklug; man mag den Zionismus in. Wort und Schrift bekämpfen; das aber muß man anerkennen, daß er das jüdische Selbstbewußtsein seiner Anhänger in hohem Maße stärkt, und daß man in die Gebete, die ja nach dem Willen des Oberrats in dem offiziellen Gottesdienst eingeführt werden sollten, deshalb keinen Mißton bringen darf, der den Zweck hat, gerade diesen Teil unserer Glaubensgenossen vor den Kopf zu stoßen. 4. Wenn der Oberrat sein Ziel erreichen will, dann muß er die«Idee des Judentums stärken und' nicht schwächen; er muß dafür sorgen, daß die Kenntnis der hebräischen Sprache unter den Juden erweitert, daß durch Vorträge und Schriften unsere Glaubensgenossen auf unsere Vergangenheit hingewiesen, und daß die Gründung von Vereinen, die sich dies zum Ziele setzen, unterstützt wird. Vor allem aber müssen diejenigen Kreise gefördert werden, die heute uoch mit vielen persönlichen Opfern deni überlieferten Judentum treu anhängen; es ist deshalb notwendig, daß auch die Orthodoxen im -Oberrat würdig vertreten sind, und daß sie nicht bekämpft, sondern unterstützt werden. Das wird sofort zur Folge haben, daß auch im Lande draußen das Judentum unter seinen Bekennern gestärkt wird; dann werden namentlich auch unsere Rabbiner und Lehrer schon von selbst auf eine kräftigere religiöse Betätigung in den Gemeinden bedacht sein; dann wird aber auch die Mißstimmung beseitigt werden, die jetzt namentlich in den orthodoxen Kreisen gegen den Oberrat herrscht. Die jüdische Landbevölkerung ist es vor allem, die am Judentum hängt; eine praktische Betätigung im Sinne des Oberrats wird deshalb vor allem auch darauf bedacht sein müssen, sie zu stärken, ihre Interessen zu fördern und namentlich für eine gerechtere Verteilung der finanziellen Lasten zu sorgen. Wenn der Gr. Oberrät alle diese Ziele erstrebt, dann wird die badische Judenheit einmütig hinter chm stehen; dann mag er auch noch für den privaten Gebrauch des Einzelnen unsere Gebete übersetzen lassen, unter der Voraussetzung, daß cs eilte wenn auch freie Nebersehung ist, und daß der Geist unserer Gebete keine Veränderung erleidet. Ich erkenne hier auch gern an, daß das Reformgebetbuch des -Oberrats jetzt schon eine ganze Anzahl herrlicher und brauchbarer Uebersetzungen enthält. ' IV. Der Gr. Oberrat hat einige Tage vor den Wahlen plötzlich erklärt, daß er auf - die Einführung seines Gebetbuchs in den Gottesdienst eigentlich weniger Wert lege, daß dasselbe aber als Schulbuch eingeführt werden solle; dabei könne aber niemand gezwungen werden, dasselbe zu benutzen. Diese Erklärung war auffällig. Jahrelang hatte man auf beiden Seiten im wesentlichen um die Frage gestritten, ob das Reformgebetbuch in den Gottesdienst eingeführt werden solle oder nicht; und nun wollte man plötzlich diesen Hauptstreitpunkt verlassen. Die Erklärung des Oberrats tvar in keiner Weise geeignet, die Einwendungen der Gegner des Reformgebetbuchs zu entkräften: im Gegenteil, alle die Gründe, die gegen die Einführung des neuen Gebetbuches in den synagogalen Gottesdienst vorgebracht wurden, treffen in erhöhten: Maße gegen die Einführung desselben als Schulbuch zu. Wir wollen vor allem, daß unseren Kindern die jüdische Lehre so gegeben wird, wie sie auf uns gekommen ist, und wir müssen es rnit Elttschiedenheit äblehnen, daß -dieselben eine nach dem sogenannten modernen Zeftgeist zurechtgestutzte Lehre vorgesetzt bekommen. Wir müssen die .Einführung als..Schulbuch vor allem aber auch" deswegen - äblehnen^weil' sie die Einführung in den Gottesdienst zur notwendigen Folge haben würde. Die Kinder, die nur das, Reformgebetbuch kennen würden selbstverständlich - nie mchr. daran -denken, unser seitheriges-. Gebetbuch späterhin im Gottesdienst, zu bettützen. '