Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrankfrrrter Ke-aLtt-tt ««- ^efchäftsDekker Srankturl a. M.. vilbelerstraße 4,ö> Lcke Lleichjkaße V-r-f-» 10807. ^era«sgever: Kaltz chsi.». ' ' Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnrmentSpretS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M Mk 1.— frei ins HauS. Bei der Post - abonniert im In- und Ausland Ml. 1.02 (ein- ' schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen; Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— r- 1 " - ■■■ JnsertionSPreife: Die diergespaltene Petttzeil«..... 25 ff». Die Beklamrzrile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Beritndli^rtt. Beilagen: Preis »ach Nebrrrinkunft. ' _ 6 Jahrgang. Freitag, de« S. Xissan 5668 (10. April 1908). Inhalt SeS Hauptblattes. Artikel: Jüdische Probleme. — Zu den badischen Shnvdalwahlen. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Der Prior. — Wochen- Kalender. — F a m i l i e n n a ch r i ch t e n. Jüdische Probleme. ii. Zur Naturgeschichte des jüdischen Geistes. Von Maxime Le Ma!tre--Bern. (Schluß.) In die Summa der Qualitäten des jüdischen Geistes gehört noch u. a. das Merkmal des Absoluten. Die absolute Einheit Gottes, die absolute Rechtsnorm in der Theorie, die absolute ethische Norm, die absolute soziologische Norm, für die „Du sollst nicht in den Wegen der andern wandeln" charakteristisch ist. In der formalen Logik wird auch die Absolutheit hin und wieder durch den Begriff der Einheit ersetzt. Wenn auch die uneinheitliche Bedeutung des Begriffs der Gnheit im alltäglichen Sprachgebrauch es nicht erlaubt, die Einheit mit der Absolutheit zu identifizieren, so muß aber in diesem speziellen Falle betont werden, daß hier Einheit und Absolutheit fast identische Begriffe sind. Im Judentum stammt der Begriff der Absolutheit aus dem Begriffe der Einheit. Wie weit die Absolutheit als Reaktion gegen die Barbarei der Relativität des Mythos sich formiert, mag hier dahingestellt sein. Ich will hier hauptsächlich auf die Absolutheit als Merkmal des jüdischen Geistes Hinweisen und noch speziell betonen, daß diese Fähigkeit des jüdischen Geistes, absolut zu konzipieren und die Idee in ihrer abgerundeten Totalität zu reproduzieren, ein großer Stein in jener Wand ist, die uns für alle Ewigkeit von unseren Wirtskulturen trennt. . Die. christliche Gottesidee ist relativ. — Die Trinität bedingt ihre Relativität; die islamitische Gottesidee ist zwar absolut, aber nicht abstrakt, und auch sie grenzt infolge ihres sinnlichen Untertones an das Relative. Man vergleiche die dreizehn Postulate des Maimonides mit den Postulaten des Thomas dÄquino und ferner mit denen des Hauptes der arabischen Motekallemin des zehnten Jahrhunderts, El Aschari, und die scharfe Differenz springt sofort in die Augen. ' Ebenso verhält es sich mit der Ethik und ihrem Analogon, dem Recht. Das Christentum, indem es aus Mangel an Vitalität dem Menschen keine historische Bestimmung zuweist, hat die Absolutheit, der ethischen Norm relativistisch durchbrochen^ Die Ueber-Nächstenliebe hat später sogar zu einer Eliminierung des ethischen Begriffs überhaupt geführt, denn alle Ethik war überflüssig * üt ■ dem Momente, da,' der Mens ch-keine -sozial-irdische- Bestimmung hatte. Di« sittliche Vervollkommnung ist nur innerhalb eines sozial-histv-! rischen Kreises im Staate - möglich. Und das Hauptsächlichste: Mit der Entziehung des Menschen vonr irdischen Leben ist ihm auch gleichzeitig das Feld sittlicher Betätigung entzöge». — Aehnlich verhält cs sich mit dem Recht. „Wenn Dir -Dein Feind eine Backpfeife gibt, reiche ihm die andere Wange." — — Und da fragt der Jude Hermann Cohen mit Recht: Wie darf ich als ethisches Subjekt meinen Nächsten zu einem Unrecht veranlassen? Indem ich meinem Feinde die andere Wange reiche, veranlasse ich ihn zu einem Unrecht, und indem ich einen zum Unrecht veranlasse, verletze ich damit selbst das Recht. Es würde mich auf abschüssige Wege führen, . wollte ich hier das Wesen der christlichen Rechtsidee und der christlichen Ethik genau präzisieren. Nur die General-Differenz wollte ich hervorheben: Das jüdische Recht und die jüdische Ethik sind absolut, sie stammen aus dem Geiste der Einheit; die christliche Rechtsidee und die christliche Ethik sind — kaum relativ! Als die drei, decadenteu Kulturen der Antiken zum Christentum hingetorkelt und das Christentum dank vielen Umständen sich zum weltgeschichtlichen Machtfaktor heransgebildet, nimmt der jüdische Kulturgeist die Existenz eines Gegners wahr, der um so gefährlicher ist, als er sich als ein Verwandter ausgibt und gegen den zu kämpfen eine Konzentration der Macht gehört. Diese Konzentration der Macht ist durch Abfassung und spätere Redaktion des Talmuds geschehen. Allein der Gegner ward immer phvsisch stärker und stärker, und im Bewußtsein seiner überlegenen physischen Macht hat er es auf den Tod des Judentums abgesehen. Da beginnt der passive Kampf, von einem aktiven Kamps konnte bei der Physischen Ueberlcgenheit des Gegners keine Rede sein. Der Kampf war ausgebrochen: in seinem Mittelpunkt standen zwei Gegner: Der Geist des Mythos und der des Propheten. Lange, lange dauerte der mit allen Mitteln des Krieges geführte Kampf. Noch ist der Sieg nicht entschieden — aber seine Unentschiedenheit bedeutet eine Niederlage für de» Gegner.- Dieser Kampf nun hat einerseits unser Rückgrat gestählt, andererseits aber hat er unfern Geist verkümmert, indem er uns verbittert har. Mit der Verbitterung des jüdischen Geistes infolge des langjährigen Krieges .... beginnt auch die negative Kulturarbeit der Juden. Als erster großer Verneiner erscheint Spinoza auf dem Plan. Spinoza war ein Jude und blieb es auch sein Leben lang. Spinoza ist nie zu einer „anderen Religion" übergetreten. Dem Inhalte seiner Lehre nach war er kein Jude, wohl aber der Form - nach. Spinozas Ethik beginnt mit dem Wort: „Unter Gott verstehe ich" usw. Augustinus und Descartes leiten ihr Gottesbewußtsein von ihrem Selbstbewußtsein ab — also anthropocentrisch —, Spinoza setzt mit Gott an. Descartes nimmt zwei Substanzen, Spinoza, dem das jüdisch« Einheitsbewußtsein in Blut , und Fleisch No. 15. übergegangen war, nimmt nur eine Srrbstanz an. Für Spinoza ist das Gottesbewußtsein das Grnndfaktum, für Descartes erst ein Resultat der Analysis. Damit wollte ich nur die jüdische Denkwurzel Spinozas betonen. — Unsere Welt hat Spinoza nicht bereichert, aber ihre Wat hat er zerstört.; Und wenn der Berner Völkerrechtslehrer und Pietist Prof. Dr. Hylti behauptet, es gäbe nur zwei Juden, die in die Weltgeschichte bestimmend eingegriffen, Paulus und Spinoza, so ist er nicht ganz, aber teilweise im Recht, denn neben Paulus und Spinoza haben noch andere Juden der Weltgeschichte ihren Gang bestimmt. Hat nicht Carl Marx den barbarischen Feudalismus zertrümmert, haben nicht Juden wie H eine und Laffile die Verlogenen entlarvt und mit dem aus ihrer Erbitterung resultierendem Hohn und giftiger Ironie unzählige ihrer Werte zerstört? Hat nicht Heine den ganzen Schlamm der Romantik, die nichts anderes ist als eine mit Poesie übertünchte Barbarei, aufgerissen? Alle diese „negativen Geister" hätten unter andern Verhältnissen, in einem jüdischen Kulturzentrum, positive Werte geschaffen, und zwar jüdische Werte. Heute jammern Bartels und Lindheim über die Zerstörungskraft der Juden, über den verderblichen Einfluß der Juden auf allen Gebieten des Geisteslebens. Daß die Juden in der -Kritik extrem negativ sind, soll nicht geleugnet werden, aber der Jude ist erbittert, und diese Erbitterung hat er noch von seinen Ahnen geerbt. Seine eigenen Erfahrungen hu nichtjüdischen Milieu sind nicht derart, daß sie in ihm die Erbitterung auslösen könnten. . . . Ein Jude darf sich sechsmal taufen lassen, ja sogar ein Feind des Judentums werden, die achtzehnhundertjährige Geschichte' seines Stammes kann er nicht überwinden .... denn jedes Individuum ist die abgekürzte Geschichte seines Stammes .... Bevor ich das zweite Kapitel meiner „jüdischen Probleme" schließe, muß ich noch einige Charakterzüge und Merkmale des „modernen" jüdischen Geistes kennzeichnen. Wer den Antell der Juden an den großen Kulturbewegungen der letzten drei Jahrhunderte verfolgt hat, wird bemerkt haben, daß der Jude die Eigenschaft hat, jede großeErscheinung auf eine einheitliche Formel zu bringen. Man denke zunächst an Sänchez. Das ganze sechzehnte Jahrhundert war stark skeptisch angekränkelt, speziell ans französischer Seite. Montaigne und Pierre Charron haben den Skeptezismus zur Blüte gebracht — allem die letzte Kon-, sequenz des Skeptizismus hat der Jude Sanchez gezogen, und diese ganze Denkrichtung auf eine absolute Formel gebracht. Aehnlich verhält es sich mit dem Rationalismus und Pantheismus bei Spinoza. Tie ganze Spätrenaissance seit Bruno huldigt dem Pantheismus; abgeschlossene Form und Gestalt erhält er erst bei Spinoza. Ich brauche nicht einmal daran zu erinnern, daß Spinoza die geometrische .Methode zur höchsten Blüte gebracht.