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Neue jüdische Presse · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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MSeüe 1Ö. den das liberale Judentum zu bekämpfen hat, sondern der Jndifferentismus, der dem liberalen Judentum die größten Wunden schlägt und es tot macht. Dem Vortrage schließt sich eine rege Debatte an. Dr. Adolf Brüll: Die Reformer des vergangenen Jahrhunderts haben nicht nur im verneinenden Sinne gearbeitet: sie haben eine jüdische Wissenschaft geschaffen. Dr. Gustav Weinberg: Ohne Formen ist ein Erhalten des Judentums unmöglich. Die Massen haben ein inneres Bedürfnis nach religiösen Symbolen. Dr. JacquesBenario:Das liberaleJudentwn darf vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Der Gottcsbegriff bedarf einer Umformung; ein Judentum im Sinne Cohen's tut not. Die Massen müssen zum Intellektuellen herangebildet werden. Stern: Praktische Politik ist erforderlich. Die Kaufleute müssen den Sabbat entweihen, man verlege deshalb den Sabbat auf den Sonntag. Schriften jüdischen Inhalts müssen verbreitet werden. Dr. Arnold .Bärwald (Vorsitzender): Die Liberalen denken nicht daran, den Sabbat auf den Sonntag zu verlegen. Dr. Adolf Brüll: An Schriften jüdischen Inhalts fehlt es nicht. Gegen die Forderung der Verlegung des Sabbats auf den Sonntag müssen selbst die radikalsten unter den Liberalen sein, den» das liberale Judentum will keine Spaltung, sondern Einheit. Dr. Eduard Bärwald: Man möge das Interesse des Publikums auf die „Jüd. Bibliothek und Lesehalle" hinwenden, die reich an belehrenden jüdischen Schriften ist. Der Sabbat darf nicht angetastet werden. Frau Bernhard Seligmann: Auch den Indifferenten ist Schonung zu gewähren. Ganz: Der Sonntag Nachmittag eignet sich für das Abhalten eines Gottesdienstes. Dr. Gustav Weinberg: Die Masse zum Intellektuellen heranzubilden, vermag auch nicht das Cohen'sche Judentum. Formen sind zu wahren. Dr. Arnold Bärwald: Der Verein werde periodisch erscheinende Schriften herausgeben und die Förderung nnd Hebung des Judentums fortgesetzt im Äug» behalten. Der Referent führte in seinem Schlußwort aus, daß Verhandlungen im Gange sind, ein einheitliches Handeln seitens der liberalen Judenheit, um ein positives Programm festzusetzen, herbcizuführcn. Er wiederholt, daß kein Grund vorhanden ist, gegen die Orthodoxie unduldsam zu sein; in dem Juden in Kaftan und Pees lebt ein pulsierendes, warmes jüdisches Gefühl; in ihm ist das Judentum lebendig, während bei den Liberalen viel Aeußerliches, viel Dekoration, aber wenig Leben ist. Das Programm ist klar — und doch ist es nicht ganz klar, warum man den Sabbat beibehalten hat? Ist es die Rücksicht auf die Gesamtheit, respektive auf die Einheit, daun müßte man noch vieles beibehalten, so z. B. die Bcschneidung, ein hervorragendes nationales Merkmal und Einheitszeichen, das in dem Bündnis Gottes mit dem ersten Ahnen als erstes fungiert, und auch die rituellen Gesetze müßten von diesem Gesichtspunkte aus akzeptiert werden u. d. gl. Wollte man einwenden: Der Sabbat ist etwas soziales, so ist 'dem entgegen zu halten, daß als reine, soziale Einrichtung der Sonntag dieselben Dienste leistet. Man will das prophetische Judentum beibehalten; — allein fußt denn nicht das prophetische Judentum auf der überlieferten Tradition? Doch wir wollen hier nicht in eine lange Diskussion cintreten; wir wollen nur noch fragen: Man gedenkt, fortan die Gesamtheit zn berücksichtigen; — welche Gesamtheit? etwa die badische, hessische, bayerische, preußische — oder die der gesamten Judenheit? Und doch'haben wir uns gefreut, in dieser liberalen Versammlung einen ganz anderen Zug als einst zu verspüren. Die liberale Judenheit befindet sich auf dem Wege zum Judentum; kein ehrlicher traditionell denkender Jude wird ihren Weg stören. Aus ver Lehrerwett. Frankfurt a. M- Wie wir hören, ist Herrn Rabbiner Dr. I. Horovitz bereits vor einigen Wochen die Genehmigung der königl ichen Regierung erteilt worden zur Leitung der „Privatanstalt zur Ausbildung jüdischer Ausländer für den Lehrberuf im Astislande." Berlin. Nach § 40 des Preußischen Bolksschulunterhaltungsgesetzes von 1906 blechen bis zu anderweiter gesetzlicher Regelung die bestehenden Vorschriften in Kraft, welche sich aus die Errichtung, Unterhaltung'und Verwaltung der öffentlichen jüdischen Volksschulen, auf die Ausbringung der Kosten für den jüdischen Religionsunterricht an öffentlichen Volksschulen und auf die Anstellung von jüdischen Lehrkräften an folchen Schulen beziehen. Diese Vorschriften sind in vielen Gesetzen, Verordnungen, Entscheidungen und Beschlüssen für die verschiedenen Lanbesteile Preußens enthalte». An einer Zusammenstellung dieser Vorschriften fehlt es bisher. Der Verband der Deutschen Juden Hai daher eine solche Zusammenstellung und eine systematische Darstellung des gesamten, .die jüdischen Verhältnisse betreffenden preußischen Volksschulrechts unfertigen lassen. Das Werk ist von Herrn Dr. Jsmar Freund, Beirat des Vorstandes der jüdischen Gemeinde zu Berlin, verfaßt und wird demnächst unter dem Titel: Die Rechtsstellung der Juden im preußischen Volksschulrecht im Verlage von I. Guttentag, G. m. b. H., Berlin, erscheinen. Hamvurg. In der Israel. Töchterschule beging Sonntag die Schulvorsteherin, Frl. M. Marcus, die Schwester des bekannten Gelehrten Ahron Marcus, die Feier ihres Mährigen Amtsjubiläums. In der festlich geschmückten Aula waren außer dem Schulvorstande, dem Lehrerkollegium und den Schülerinnen zahlreiche Ehrengäste versammelt. Unter den Erschienenen bemerkten wir Se. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Dr. Hirsch, Vertreter des Gemeindevorstandes und des Repräsentantenkollegiums, Delegierte vieler anderer Vereine, in denen die Jubilarin seit langen Jahren erfolgreich wirrt. Als Vertreter der Oberschulbehörde hatte Herr Professor Schober ein ehrendes Schreiben an die Jubilarin gesandt, da er durch die Trauer um das Hinscheidcn Bürgermeisters Mönckcberg am Kommen verhindert war. Die Feier wurde eingeleitet durch einen Gesang der Schülerinnen. Hierauf übergab Herr Alfred Levy, Präses des Gemeindevorstandcs, mit anerkennenden Worten eine Urkunde über die Gründung einer Mary-Marcus-Stistung, zu welcher als Zeichen der hohen Ehrung der Schulvorstand, zahlreiche Gemeindemitglieder, ehemalige Lehrerinnen und frühere Schülerinnen beigetragen haben. Herr Dr. I. L i p p - mann dankte Frl. Marcus im Namen der Verwaltung für das, .was sie durch/ihre unermüdliche Pflichttreue und ihr seltenes pädagogisches Talent für die Schule geleistet hat. Als Vertreter des Lehrerkollegiums pries Herr I. G o l d s ch m i d t in zu Herzen gehender Weise die Verdienste der Jubilarin um die Schule, die sich Unter ihrer Leitung aus kleinen Anfängen zu hoher Blüte entwickelt hat. Das Kollegium schenkte einen kunstvoll gearbeiteten Bücherschrank. Nachdem Frl. Marcus bewegt gedankt hatte, folgten Deklamationen der Schülerinnen. Mit einem Choral schloß' die erhebende Feier, der sich abends ein Festtnahl anschloß. Kiel. Dr. Emil Cohn, der durch seine Affaire mit dem Vorstande der Berliner jüd. Gemeinde bekannte zionistisch gesinnte Rabbiner, wurde cinststnmig zum Prediger unserer Gemeinde gewählt. Hoppstödten a. Rahe. Die Aushebung aller Kasualgebühren und Ablösung derselben durch einen Zuschlag zum Rabbinatsgehalt hat auf Anregung des Landrabbiners Dr. Baron der „Israelit. Landesgemeinderat des Fürstentums Birkenfeld" beschlossen, und die Regierung hat diesen Beschluß bestätigt. Nyirbütor < Ungarn). Im hohen Alter bersch i e d ' der Rabbiner der hiesigen status-quo-Gemeinde Zwi Gut mann und wurde in Nagy- Kallo neben seinen! großen Vater begraben. Philadelphia (Amerika). Für den zurückgetretenen Richter Sulzberger wurde Dr. Cyrus Adler zum Präsidenten des „Dropsie College für hebräische und verwandle Wissenschaften" gewählt. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Verehrter Herr Redakteur! Die Nummer 11 Ihrer gesch. Zeitung brachte einen Artikel, in dem in nicht mißzuverstehender Weise ausgeführt war, daß nach dem Worte des großen Zionistenführers die zionistische Bewegung zum Ziel habe: Die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland. Die Ansichten über das, was Herzl unter „Rückkehr zum Judentum" verstand, mögen geteilt sein. Sein weiterer Ausspruch aber, daß innerhalb der Bewegung kein religiöses Gesetz verletzt werden dürfe, gibt ohne Zweifel Gewähr, daß ob Minorität oder Majorität, das altjüdische Gesetz als oberstes respektiert werden solle. Es war fernerhin in dem erwähnten Artikel in nicht mißzuverstehender Weise gesagt, daß in den Kölner Bureaus der zionistischen Organisation der Sabbat in jüngster Zeit verletzt worden sei. Das war — wie selbstverständlich — aufs schärfste verurteilt worden, in der darauffolgenden Nummer des Familienblattes war in Ergänzung dieser Ausführungen gesagt, wenn hier nicht Remedur geschaffen wird, „nun gut, so werben wir kämpfen". Ein hiesiges nicht zionistisches Blatt spricht nun von „dunklen Andeutungen", die das zionistische Organ in dieser Sache gegeben habe und obwohl es ihm (bei seiner glückseligen Prinzipienfestigkeit) gleichgiltig sein könne, „ob innerhalb des Zionismus grundlegende religionsgesetzliche Vorschriften verletzt werden oder nicht/", fühlt es sich doch bemüßigt, in überaus gewundener und widerspruchsvoller Erklärung uns auseinanderzusetzen, was wir Misrachisten nun eigentlich zu tun hätten. Die Erklärung des Herrn Wolfsohn hält man für ehrlich; jedoch genügt sie dem Blatt so wenig, Nr. 14. als sie uns genügt hat. Man verlangt Garantien, daß sich ähnliches nicht wiederhole, verlangt einen Sturm der Entrüstung — alles Dinge, die auch wir gefordert und erlebt haben, freilich mehr mit der Tat als mit der Feder. Im nächsten Augenblick nun hält das betreffende Blatt die Sabbatentweihung in Köln für keinen bedeutungslosen Zufall, sondern für ein ernstes Symptom, ja für i n n e r e N o t w e n d i g k e i t. Ruft mit andern Worten den Misrachi zu Kampf und Waffen, um ihm im nächsten Augenblicke die Kehle zn durchschneideu. Dennoch wird ein Allheilmittel gefunden. Eine Fuudamentalbestimmung für das Organisatiousstatnt „ivonach die Bestrebungen des Zionismus sich positiv aus dem Boden nnd im Rahmen des jüdischen Religiousgesetzes zu bewegen haben". Die Herren können nämlich zaubern. Wenn in der weiten Welt ein Ding geschieht, das ihnen ein Chillul haschem bedeutet, dann — ziehen sie sich in den eignen Kreis zurück, ihrer Entrüstung da freien Lauf zu lassen. Innerhalb der eignen Harmonie und Frömmigkeit läßt man sichs genügen, das zurttckgewiesen zu haben, was draußen weiter schaltet und waltet und Unheil schafft. Sollen von jedeni Zionisten Garantien gefordert werden, daß er sich positiv aui gesetzestreucn Boden stellt? Wer wäre glücklicher als wir, wenn solche Forderungen Erfolg haben könnten. E i n l a » g s a m e r und mühevoller W e g i st d ie g eisti g e Rückkehr d er Juden zum Judentum, zur Kenntnis und Erkenntnis seiner Gesetze, zu ihrer Wertschätzung als der Menschheit heiligstes Gut und zu ihrer Erfüllung. Nur über den Zionismus kann dieser Weg für die Gesamtheit weisen. Das ist es, was wir Misrachisten erkannt haben und was die Frankfurter Orthodoxie nicht begreifen will. Man möchte schier an dem guten Glauben verzweifeln, wenn es in dem Artikel des erwähnten Blattes mit bewundernswerter Logik weiter heißt: „Nacki unsrer Auffassung macht das Wesen des heutigen Zionismus die grundsätzliche Verdrängung des religiösen durch das nationale Prinzip aus." Wie? Hat etwa bei unsren Brüdern im Osten dos religiöse Prinzip unter dem nationalen gelitten? Das wird das Blatt selber nicht glauben. Vom Westen aber weiß jedes Kind, daß mit dem Zionismus — nichtder religiösen Sache — sondern einzig und allein der zersetzenden Assimilation ein Halt geboten war. Es müßte richtig heißen: Durch das nationale Prinzip ist in der großen Masse das religiöse wieder geweckt lvorden. Das auzuerkennen, sollten doch endlich auch die orthodoxer: Nichtzionisten die Unbefangenheit haben. Immer wieder: über das nationale hin zum religiösen Prinzip, — das ist die Auffassung und das Ziel des Misrachi. Der Heimat entfremdet und fern steht ein Volk an: Ufer. Seine Mutigen, die Opfer zu bringen wissen, haben sich dem Meere anvertraut, mit Sturm und Wellei: zu kämpfen, um Heimat und Gesetz, Ziele ihrer Sehnsucht, zu finden und hcrzusteUen. Der Selbständigkeit und eigner Führung entwöhnt, schwankt wohl das Schiff. Und am Ufer stehei: die Lotsen des eigenen Volkes, die die Richtung zu kennen glauben. Zeichen und Ri:fe, die schicken sie hinüber. Habt Ihr auch schon von den Lotsen gehört, die am Lande bleiben, wein: es gilt, gefährdete Schiffe zur Heimat zn führen? . . . Misrachi. * * * Löbliche Redaktion! Ein Artikel ln Ihren: geschätzten Blatte betr. Sabbatruhe in den offiziellen Bureaus der zionistischen Organisation hat erfreuliche Kundgebungen voi: misrachistischer Seite erfahren, und Sie gestatten mir vielleicht, daran Teil zu nehmen, trotzdem ich schon als Mitunterzeichner einer Protestresolution der Misrachi-Gruppe Hamburg-Altona zu Worte gckoiniueu bin. Sie habe» nunmehr diese Resolution mit den entsprechenden Fußnoten versehen — und Sie haben ein gutes Recht dazu. Aber, um ganz offen zu sein. Sie machen von diesem Recht allzu ausgiebige» Gebrauch, und es ist kein Zeichen von Loyalität eines „offiziellen Parteiorgans",*) derartige Kundgebungen, mögen sie nun Ihren Beifall finden oder nicht, durch einen Kommentar abzuschwächen oder gar unwirksam zu machen. In diesem Falle haben Sie damit sogar den Anschein erweckt, als vertreten 'Sie die Meinung der misrachistischen Mehrheit. Das ist n:. E. nicht der Fall (? D. Redakt.), und ich glaube, daß es keineswegs einzig und Allein Sache der Misrachisten ist, über die Ausführung der Beschlüsse des Kongresses und seiner Kundgebungen von allgeineiner Bedeutung, soweit sie keinen Widerspruch' erfahren haben, zu wachen. Meine Ansicht über die fragliche Angelegenheit selber _ ist ja in diesem Proteste deutlich zum Ausdruck -gekommen. Es mag nur noch "einmal betont *) Nachdcn: Präsident Wolsfsohn in der Sabbataugelegenheit eine befriedigende Erklärung erlassen hatte, dursten in dieser Angelegenheit keine Protestresolutionen mehr gefaßt werden, da es dennoch geschah, so durften wir im Interesse des Misrachi nicht schweigend darüber hinweggehen. D. Redaktion.

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