Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sir. 14 will; aber >vir haben doch gegenüber der Gesamtheit ans Grund unserer gemeinsamen Geschichte die moralische Verpflichtung, die uns gemeinsam überkommene Religionslehre nicht einseitig abznänder»: hier handelt cs sich nicht um eine badische, oder auch nur um eine deutsche, sondern um eine allgemeine jüdische Angelegenheit, hier handelt es sich um die Frage, ob die gemeinsame Lehre, das einzige Band, das uns alle noch umschließt, von einer kleinen Minderheit abgeändert werden darf. Deshalb ivar es auch durchaus berechtigt, daß die Gegner des Gebetbuchs sich um Unterstützung an die außerbadischen Juden wandten, und cs war kurzsichtig von den Anhängern desselben, dies ihnen zum besonderen Vorwurf zu machen. Wenn die badische Synode das Reforingebetbuch genehmigen und für, einführbar erklären würde, so würde daniit zum ersten Mal ein solches Gebetbuch für ein ganzes Land geschaffen: es tväre dies also ein Schritt von ganz besonderer Bedeutung. Das würde aber zur Folge haben, daß voraussichtlich in nicht zu langer Zeit auch die anderen deutschen Staaten, vielleicht sogar die einzelnen preußische» Provinzen, ihre speziellen Gebetbücher einführcn würden, die natürlich alle anders anssallen müssen, iveil doch jeder Verfasser eines solchen gescheidter ist als die anderen. Wir würden dann in einigen Jahren neben deni badischen vielleicht ein spezielles preußisches, ein sächsisches, ein hessisches, ein bayerisches Gebetbuch haben, aber ein jüdisches Gebetbuch, unsere bewährte Tesillcch/ die werden wir dann wahrscheinlich nicht inehr haben.; (Schluß folgt.) Die Exzesse in Jaffa. Das Zionistische Zentralbureau in Köln erhielt eingehende Nachrichten über die bereits durch die Presse bekannt gewordenen Exzesse gegen Juden in Jaffa. Die schweren Ausschreitungen stellen sich darnach als die Missetat des I a f f a e r K a i m a - k a in s A s s e f Bei heraus, unter dem die jüdische Bevölkerung auch schon vorher schiver zu leiden hatte. Schon seit 6—7 Monaten werden die Juden auf's Empfindlichste von ihm unterdrückt und geschädigt. Er reizt die arabische Bevölkerung in Stadt und Land gegen die Juden aus ilnd schickte wiederholt, ohne jede Veranlassung, Gendarmerie in die Kolonien, um die Kolonisten zu schrecken und die Araber gegcnsdie Juden aufzureizen. Auch kam es in letzter Zeit mehrfach vor, daß Juden vori Arabern auf der Straße geschlagen und mifchaiidelt wurden, ohne daß die Täter bestraft ivurdcn. Am Montag, den 16. ds. Mts., abends (Erew Purim) kam es neuerdings zu einem Zusammenstoß zwischen einem Araber und einem jüdischen Arbeiter, wobei der Araber verwundet wurde. Diese Rauferei dehnte sich in einen größeren Auflauf zwischen Arabern und Juden aus. tvobei beide Seiten sich der Sodawasserflaschen aus einem arabischen Laden, dessen Besitzer zn den arabischen Rädelsführern gehörte, als Wurfgeschosse bedienten. Bald jedoch liefen die Araber davon, die Juden gingen auseinander und es kehrte wieder Ruhe ein. Nach einer Stunde etwa erschien ein türkischer Polizeibeamter in Begleitung des Dragomans des russischen Konsulats und einiger Araber, die an der Rauferei beteiligt gewesen waren, in dem Hotel Baruch, in dem viele jüdische Arbeiter wohne». Hier wurden von den Arabern dem türkischen Beamten 6 Leute als Teilnehmer an dem Auslauf bezeichnet, deren Schuld indessen durchaus nicht feststeht und unter Zustimmung des russischen Tragomans von einer Eskorte Soldaten nach dem Serail abgeführt. Hierauf begaben sich der türkische Beamte, der russische Dragoman und oie arabischen Zeugen nach dein Hotel Spektor, wo gleichfalls jüdische Arbeiter ivohnen, verhafteten hier jedoch niemand. Kurze Zeit darauf drang dann plötzlich der Gendarmerie-Offizier Daud Esse ndi,. gefolgt von Polizisten, Soldaten und bewaffneten Arabern, durch eine Hintertür in das Frankfurter FsraüitrWeS FamÄieMM. Hotel Spektor ein, schossen auf die Anwesenden — der ansührende Offizier tat sich dabei besonders hervor — und schlugen ohne Erbarmen auf sie ein. Dreizehn jüdische Arbeiter wurden verletzt, darunter zwei lebensgefährlich, und liegen im jüdischen Hospital. Auch Ivurden Geld und Kleider geraubt. Die Unruhen haben sich vorläufig nicht wiederholt.. Der russische Konsul beobachtet eine abwartende Haltung. Ter Kaimakam selbst soll in der Nähe des Hotels gewesen sein und den Befehl zum Einbruch erteilt haben. Der Mutesariff (Generalgouverneur aus Jerusalem), der sich in den letzten Tagen in Ramleh aushielt, war in Jaffa und empfing eine Deputation jüdischer Bürger. Er betonte, daß er den Juden sehr gewogen sei und alles daran setzen werde, daß die Untersuchung sofort eingeleitct und die Schuldigen der Strenge des Gesetzes anheimfallen sollen. ES kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die vorgekommenen ungeheuerlichen Ausschreitungen lediglich von dem Kaimakam ansgehen, denn vor der Zeit seines Wirkens bestanden bei der arabischen Bevölkerung niemals irgendwelche bemerkenswerte Feindseligkeiten gegen die Juden. Selbst zur Zeit, als die jüdische Einwanderung überaus stark ivar, ist es niemals zu irgend einer gegnerischen Kundgebung unter den Arabern gekonimen. Der Vorfall erregt unter den Inden des Landes nur so größeres Aussehen und um so lebhaftere Entrüstung, als niemals hier oder überhaupt in der Türkei derartiges gegen Juden vor- , gekommen ist. Nach soeben eingctrofsener telegraphischer Nachricht ist der Kaimakam seines Postens enthöbe n und nach Konstantinopel abberufen worden. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Sonntag fanden eine Sitzung des Zentralkomitees und die Generalversammlung des „H i l f s v e r e i n s der Deutschen Juden" statt. In der Sitzung des Zentralkomitees wurde mitgeteilt, daß die Familie des verstorbenen Herrn W o l f W i s s o tz k y in M o s k a n dem Hilfsverein eine Stiftung von tyt Million Fr. mit der Bestimmung überwiesen hat, technische Mittelschulen im Orient zn begründen. Es wurde alsdann die statutenmäßige Auslosung eines Drittels der Mitglieder des Zentralkomitees und die Cooptation. neuer Mitglieder in das Zentralkomitee und den gcschäftssührenden Ausschuß vorgeiwinnicn. In das Zentralkomitee wurden Geh. Kommerzienrat Goppel («olingen), Rechtsanwalt Gnggenheiiner (Offeubach), Rabbiner Dr. Kali s ch c r Wann), Apotheker M u h r (Breslau) geivählt. An Stelle des verstorbenen Vorstands-Mitgliedes Stadtrat Magnus (Königsberg i. Pr.s, wurde Direktor Georg Ai a r x (Königsberg) in den Ausschuß berufen. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich die ordentliche M i t g l i e d e r v e r s a in in - l n II g. Herr Iamc s S i m o n , der Vorsitzende, erstattete den Bericht, demzufolge die Ausbreitung des Vereins in allen Teilen des Reiches einen weiteren erfreulichen Fortgang genommen hat. Herr Dr. Rath a n gab darauf in großen Zügen einen Ileberblick über die Hilfstätigkeit des Vereins: das Hilfswerk für die Juden dcS Ostens und Orients, die unter wirtschaftlicher Kalamität und grausamer Unterdrückung seit Generationen zn leiden haben; die Fürsorge für die Auswanderer; das umfangreiche Schulwerk des Vereins. Des Besonderen ging der Redner, der erst bor Kurzem von einer viermonatlichen Studienreise aus dem Orient zurückgekehrt ist, auf die Organisation des Schulwerkes des Hilfs- Vereins in Palästina ein und führte dabei ans) daß int Hinblick auf die zunehmende wirtschaftliche Erschließung Palästinas, Vorder- und Hinter-Afiens die intellektuelle kaufmännische und technische Ausbildung der Juden des Orients von besonderer Bedeutung sei. Nach Erstattung des Finanzreferatcs seitens des Herrn Bankdirektor Ernst S i in o n erfolgte sodann die Genehmigung des Geschäftsberichtes und die Entlastung der Verwaltung. Die Kässenrevisoren^. Kominerzieurat S. P i u c u s und Georg Tietz, ivurden für das nächste Jahr wiedergewählt. Durch Akklamation fand die Wiederwahl der aus dein Zentralkomitee durch das LoS äusgefchiedcnen 1,8 Mitglieder statt. Herr Justizrat T i m e n d o r f e r wurde an Stelle des verewigten Herrn Stadtrat Magnus Seite tz. in den Vorstand des geschästsführenden Ausschusses gewählt. Berlin. Aus dem Jahresbericht des 'Hilfsvereins der Deutschen Inden sei folgendes hervorgehoben: Die Mitgliederzahl stieg von 14000 auf 18,000, die regelmäßigen Jahresei n»ahmen von 98000 J£, auf 138 000 JL Das gesamte U n t errichts wesen des Hilfsvcreins im Orient, das dem religiösen, Verkehrs¬ und wirtschaftlichen Leben der jüdischen Bevölkerung stets aufs engste angepaßt wird, umfaßt jetzt 35 Schulen mit mehr als 4000 Zöglingen. In Galizien wurde gemeinsam mit dem Wiener Hilfsverein und der Großloge für Deutschland die Einführung von Hausindustrien weiter betrieben, und die Bestrebungen haben das Resultat gezeitigt, daß 1907 ca. 3100 Arbeitskräfte mit einem Jahresverdienstc von 267850 Kr: beschäftigt waren. In Rumänien galt es, die Wunden der Agrarnnruhen zn heilen, durch die den meistens armen Juden Rumäniens ein Schade« von über 1% Millionen Francs zugefügt wurden. Sämtliche jüdische Organisationen einigten sich zn einer gemeinsamen Hilfsaktion, und diese Hilfsaktion hat bis heute über 600 000 Kr. ausgegeben (Hilfsverein 80 000 Kr.). Der Ernst der Lage der rumänischen Juden, die fortgesetzt von der rumänischen Regierung chikaniert. werden, erweckt schwere Besorgnis. Auch den gepeinigten Juden Rußlands gewährte der Hilfsverein seinen Beistand zur Linderung ihrer Not, und zwar hauptsächlich durch Unterstützung der Auswanderung, für welchen Zweck er seit dem Ausbruch der russischen Wirren l1/! Million Mark ausgegeben hat. Die jüdische Auswanderung hak sich gegen das Borjahr nur um ein Geringes vermindert. Unter den Auswanderern nach Amerika befanden sich im Jahre 1907 149182 Juden. Die jüdische Gesamtauswanderung dürste mit 180000 Personen zn berechnen sein, von denen Wi aus Rußland stammen. Die Zahl der jüdischen Durchwanderer durch Deutschland hat in diesem Jahre ca. 94 000 betragen. Während die Gesamtheit der jüdischen Auswanderer nur Auskünfte und Belehrung durch "Veröffentlichungen und Briefe erhalten konnte, waren diese 94 000 Auswanderer in der Lage, die Organisation des Hilfsvereins, seine Komitees und Vertrauensleute direkt und persönlich in Anspruch zu nehmen. 12 500 Auswanderer in 'runder Zahl wurden vom Hilfsverein befördert, 35 000 beherbergt, verpflegt und bekleidet, 2500 ausgeheilt, sodaß insgesamt 50 000 Auswandern — also über der Hälfte aller jüdischen Auswanderer, die ihren Weg durch Deutschland nahmen — geholfen werden konnte. Das gesamte philantropische und soziale Hilfswerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden erforderte im Jahre 190? die namhafte Summe von ^'Millionen Mark. Trotz der opferfreudigen Unterstützung. die der Hilfsverein bei seiner Tätigkeit in allen Kreisen der deutschen Judenhert findet, bleiben die Einnahmen doch noch immer hinter den großen Ausgaben, die dem Hilfsvercin in von Jahr zu Jahr steigendem Maße erwachsen, zurück, und eine Stärkung seiner finanziellen Mittel ist dringend geboten. Sie kann mit Leichtigkeit erreicht werden, wenn jeder deutsche Jude es sich 'angelegen sein läßt, nach Maßgabe feiner Kräfte den Hilfsverein dauernd zn unterstützen. Berlin. Für die Abgebrannten in Ko n stanti noP ek spendeten bas Frankfurter Hilfskomitee 2000 Jf. und die Israelit. Slllianz zu Wien 2000 Fr. München. Am Sonntaa. den 5. Avril findet hier eine große öffentliche Versammlung statt, in welcher die Herren Jakob R o s e n h e i m ans Frankfurt a. M.'und Rabb. Dr. Ko h n ans Ansbach Propaganda-Reden für die „Freie Bereinigung für die Interessen des orthod. Judentums" halteir werden. Stratzbnrg. Der neue Statthalter von Elsaß-Lothringen hatte den Oberrabb in er von Straßbnrg zu seinem letzten offiziellen Diner cingeladcn. Das ist umso bemerkenswerter, als die jüdischen Kriltusvertreter seit vielen Jahren bei derartigen Einladungen ignoriert worden waren. Pose». Die Einweihung des Neubaus derJsr. Waisen-E rziehungs-Anst a l t f ü r M ä d ch e n (Mtsche-Flatau'sche Stiftung), der Raum für 25 Waisen enthält, soll am 12. April vorgenommen werden. Die 'Anstalt erhielt jüngst 200 Jf laut testamentarischer Bestimmung einer Christin namens Toni Zimmcriiiann, wohnhaft zu Hamburg und gebürtig ans Koste», und zwar aus Dankbarkeit dafür, daß die Erblasserin ihre erste Wohltat in einem jüdischen Hause in Posen erhalten hatte. Oesterreich-Ungarn. Wie». Judengemeinden-Tag. Ans Anregung des Verbandes der Bnei-Brith-Logen wird hier am 27. u. 28. April ein Judengemeinden-Tag stattfinden. Ein Weltkongreß der Jiddisch-Autoren. — Mathias Acher (Dr. Nathan Birnbaum), der gegenwärtig in 'Amerika weilt und dort mit großen Ehren ausgenommen wurde — Präsident