Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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tzrite L. siert er das' Universelle. Gott spricht nicht zum Einzelnen, sondern zu der Gesamtheit. Das Interesse an der Individualität wird durch das Medium ausgedrückt. Der Prophet als Individuum vermittelt zwischen Gott und dem Volk. Gott ist der Schöpfer des Weltalls, alles ist aus ihm hervorgcgmigen. Er ist der Gott des Universunis und alles dessen, was das Universum ausfüllt — er steht der Natur und der ganzen Menschheit gegenüber. Allein das jüdische Volk bildet das Medium. Gott selbst ist die absolute Einheit, und diese Einheit umfaßt auch die Allheit. Also schon im jüdischen Gottesbegriff ruhen die zlvei größten polaren Gegensätze — Universalität und Individualität — friedlich und harmonisch beieinander. Allein nicht auf das harmonische Jneinandervcrschlungenscin von Allheit und Einheit kommt cs mir hier an — auf diese Eigenschaft des jüdischen Geistes habe ich schon oben hingewicsen —; ich wollte hier nur auf die hohe Ausbildung des Gattungsbegriffs im Judentum Hinweise». Diese spezielle Bestimmung der Gattung ergibt sich mit logischer Folgerichtigkeit aus der Gesmntkonstitutton des jüdischen Geistes. Aber der Vitalitätsbegriff im Judentum hat nicht nur die Formation der reinen Erkemttnis bestimmt, sondern er hat auch den psychologischen Auszweigungen des jüdischen Geistes sein Siegel anfgedrückt. Mit dem Begriffe der Vitalität ist der Begriff der Energie verbunden. Hier ist jedoch nicht von der logischen, sondern von der psychologischen Kategorie der Energie die Rede. Alles, was der jüdische Kulturgeist geschaffen, spricht von einer ursprünglichen, aufstrebenden Energie. Der Prophet spricht mit einer Energie, in jedem seiner Worte steckt soviel Leben, daß der Eindruck unausbleiblich sein mußte. Mit welcher urwüchsigen Lebhafttgkeit und genialischen Kraft ist jenes Wort: „Du sollst nicht" ausgesprochen. Die mechanische Energie in der biologisch-organischen Natur entspricht der psychologischen Energie in der sittlichen Natur. (Schluß folgt.) Zu Äeu badischen Synodalwahlen. Von Rechtsanwalt Dr. Pfälzer, Weinheim. Bei den diesjährigen Wahlen, handelte cs sich bekanntlich ausschließlich um die Frage: Für oder gegen das von bem Oberrat hcrausgegebcne Reformgebetbuch; andere Gesichtspunkte sind im Wählkampf in keiner Weise hervorgetretcn. Von den 21 Mandaten, die zur Verfügung der Wähler standen, haben bekanntlich die Gegner des neuen Gebetbuchs 18, die Anhänger nur 6 Wgeordnete durchgebracht. Von den letzteren wurden 2 ohne Wahlkampf gewählt, andere von ihnen haben sich nur bedingungsweise als Anhänger des Gebetbuchs bekannt. Von besonderer Bedeutung ist, daß auch die Städte sich fast durchgängig als Gegner des neuen Gebetbuchs bekannt haben, und daß die Anhänger desselben sogar in Mannheim nur mit Mühe und Not 2 von 4 Kandidaten durchbringen konnten. Es ist dies deswegen besonders interessant, weit in Mannheim ein Kompromiß abgeschlossen worden war, wonach jeder Partei je 2 Kandidaten freiwillig zugeteilt worden waren; dieses Kompromiß Ivar von den Anhängen: des Gebetbuchs etwa drei Wochen vor der Wahl gekündigt worden, offenbar deswegen, well man annahin, daß das liberale Mannheim nur Anhänger des Reformgebetbuchs in die Synode senden würde. Die Wahlen bedeuten hiernach einen vollen Erfolg für die Gegner des Reformgebetbuchs; dieses wurde einmütig und entschieden abzclehnt, und zwar nicht nur von den Orthodoxen, sondern auch von weiten Kreisen, die man sonst als liberal bezeichnet, oblvohl der Wahlkampf seitens der Anhänger des Refornigcbctbuchs mit dem sonst so beliebten Schkagwort: -„Kampf gegen die Uebcrgriffe der Orthodoxie" eingeleitet und geführt worden war. .Die badische Judenheit hat damit gezeigt, daß sie sich nicht irre führen ließ, und daß sie nicht gewillt ist, dem Gr. Oberrat und seinen Theologen in ihren Rcformbestrebungen zu folgen, wenn diese zum Gewissenszwang für einen Teil tfcmtfurfcc KsraelitWes FamNüLlaÜ. unserer Glaubensgenossen, zur Storung des Friedens innerhalb der Gemeinden, und zur Leugnung der uns überkommcncii Lehre führen. Daß dies aber der Fall ist, ist wiederholt im Wahlkampf zum Ausdruck gekommen, nnd cs mag von Interesse fein, auch jetzt noch, nach der Wahl, nachzuprüsen, ob der Standpunkt der Mehrheit des badischen Judentums gerechtfertigt ivar oder nicht. I. Die literarischen Kämpfe, die seit Jahr nnd Tag in jüdischen Zeitschriften, Flugblättern nnd Broschüren geführt wurden, behandelten vor allem die theologische Seite der Frage; eine namhafte Airzahl orthodoxer Rabbiner hatte sestgcstellt, daß das neue Gebetbuch die bisherigen Gebete in prinzipiellen Punkten abändert, tvcsentlichc Lehren der jüdischen Religion leugnet oder ausmerzt und demgemäß für den orthodoxen I irden unannehmbar ist; die Rabbiner crllärtcn sogar, daß ein frommer Jude nicht an einem Gottesdienste teilnchnicn dürfe, der nach dem neuen Gebetbuch abgchalten würde. Die liberalen Rabbiner des Oberrats meinten zwar demgegenüber, daß die jüdische Religion Aenderungen der Gebete nicht absolut ablehnc, und daß namentlich auch orthodoxe Gebetbücher solche Aenderuugen schon getroffen hätten. Für den Laien ergab sich aber aus diesem Kampf der Theologen zunächst so viel, daß für den 'frommen Juden die Ansicht der liberalen Rabbiner überhaupt mcht maßgebend sein konnte; abgesehen davon mußte aber auch jeder Jude, der nur ctivas von der jüdischen Religionslehre verstand imd die seitherigen Gebete kannte, sofort sehen, daß die in früheren orthodoxen Gebetbüchern getroffenen Aenderuugen niemals prinzipieller Natur waren, während das Projekt des Gr. Oberrats anerkannte Glaubenslehren - des Judentums leugnet oder wenigstens aus den Gebeten ausscheidet. Daraus ergab sich also auch für den einfachen Wähler, der von den theologischen Fragen sonst nicht viel versteht, wenigstens so viel, daß dieses neue Gebetbuch zunächst für den Orthodoxen, dann aber auch für jeden Juden unannehmbar sein mußte, der die jüdische Religionslehre nicht in wesentlichen Fragen abgeändert und dem sogenannten modernen Zeitgeist mrgepaßt wissen wollte. Aus dieser einfachen Erwägung ergab sich für die Wähler von selbst die weitere Folge, daß den Gegnern des Reformgebetbuchs ein schwerer Gewissenszwang drohte, wenn dasselbe von der Synode für einführbar erklärt werden würde. Der Gr. Oberrat hat nun allerdings versichert, daß es ihm fern liege, das neue Gebetbuch zwangsweise einzuführen, was er übrigens ja auch gar nicht könnte, oder auch nur auf die Einführung zrr drängen; ich halte diese 'Versicherung des Gr. Oberrats ohne weiteres für richtig, und ich glaube sogar, daß die große Mehrzahl der Wähler derselben Ansicht war; aber darauf kommt cs ja auch gar nicht an. Ein großer Teil der jüdischen Gemeinden besteht bekanntlich aus einer religiös indolenten Mehrheit, die man jetzt gern als liberal bezeichnet und von der nur ein ganz geringer Teil au dein regelmäßigen Gottesdienst teilnimnit, und ciuev mehr oder minder orthodoxen Minderheit, die vollzählig den Gottesdienst besucht; die Erfahrung lehrt, daß auch in den sogenannten liberalen Gemeinden der tägliche Gottesdienst fast imr von Orthodoxen aufrecht erhalten wird. Der drohende Gewissenszwang besteht nim gerade darin, daß die große, aber nicht betende Mehrheit der Gemeinden die Einführung des neuen Gebetbuchs beschließt, wovoir dann die Orthodoxen als die Besucher der Synagogen betroffen werden. Man wende mir nicht ein, daß dies nicht geschehen wird; wenn das Reforingebetbuch von der Synode für einführbar erklärt ivürde, daun werden auch Eiferer da sein iit jeder Gemeinde, die nun das Gebetbuch auch wirllich ciuführcn wollen; vielleicht würde ihnen dies nicht überall gelingen; das aber würden sie erreichen, daß in vielen Gemeinden Kämpfe Hierwegen entstehen, daß die Gemeindemitgliedcr gegen einander aufjfc li. gehetzt würden, und daß der religiöse Frieden innerhalb der. Gemeinden gestört würde. Seither haben bei uns in Baden die religiösen und die weniger religiösen Kreise innerhalb der Gemeinden friedlich nebeneinander gelebt, und beide haben sich dabei wohl gefühlt. Dem Reformprojctt des Gr. Oberrats ist cs Vorbehalten geblieben, diesen Frieden zu stören und Konflikte von unabsehbarer Tragweite jetzt schon in die Gemeinden zu tragen. Ein Gebetbuch soll ein Instrument des Friedens sein, doppelt bei uns Juden, deren alter täglicher Gruß das „Schvlenr alechcm", das „Friede sei mit Euch" ist, doppelt auch in einer Zeit, wo die Juden alle Kräfte anspaniieii müssen, um den äußeren Feind abzuwehren. Es ist tief bedauerlich, daß der Gr.-Obcrrat diese Gefahr nicht erkannt hat, die sei» Projekt in sich trägt; vielleicht wird er mir e»lgcgenhalten, daß er die Eiirsührung des neuen Gebetbuchs in einer Gemeinde nicht genehmigen würde, wenn sich ein erheblicher Widerstand in derselben zeigen sollte; allein damit ist gar nichts gesagt, denn der Gr. Oberrat kann seine Genehmigung erst versagen, ivenn die Gemeinde abgcstimmt und ihm Vorlage gemacht hat; d. h. bann, wenn die Kämpfe in der Gemeinde längst stattgefunden haben, nnd der religiöse Friede bereits gestört ist; dann ist es aber zu spät. Ich gehe aber noch weiter. Der Gr.'Oberrat hat in jahrelanger Arbeit das Reformgebetbuch geschaffen, nnd er hat es seither mit großer Energie verteidigt; müssen wir da nicht befürchten, daß der Gr. Oberrat leicht geneigt sein wird, diesem Schmerzenskind auch zur praktischcir Bedeutung zu helfen, und daß er, wenn auch unbewußt, gern bereit sein wird, etwa cntgegenstehende Bedenken für unbegründet zu halten? Kann man es unter diesen Umständen den Gegnern des Gebetbuchs verargen, wenn sie meinen, daß ihre Einwendungen bei dem Gr. Oberrat später nicht leicht ein geneigtes Ohr finden würden, wenn die Synode dasselbe einmal für einführbar erllärt hätte? Der Wahlkampf hat bereits gezeigt, daß diese Bedenken der Gegner des Refornigebetbuchs nur zu berechtigt sind. Die Religionslehrcr sollen in religiösen Dingen unsere Führer sein, und wir verlangen von ihnen mit Recht, daß siei in erster Linie die jüdische Lehre hoch halten; leider hat sich aber gezeigt, daß sich eine ganze Anzahl Religionslchrer im Kampfe gegen die'überlieferten Lehrendes Judentums hervorgetan und damit bekundet hat, daß sic dem Gr. Oberrat mehr anhängen, als ihrer jüdischen Religion. Da es bei der Einführung eines neuen Gebetbuchs und auch vor allem eines Schulbuchs sehr viel auf den Lehrer ankommt, so konnte ein Verständiger aus dem Verhalten eines großen Teils der Lehrer jetzt schon ohne weiteres seine Schlüsse ziehen. Die große Mehrzahl unserer badischen Juden hat alle diese Gefahren des Reformgebetbuchs richttg erkannt; sie hat es energisch abgelehnt, well sie keine Veranlassung sah, unsere Glaubenslehren zu ändern, well sie keinen Gelvissenszwang wollte, und "vor allem, weil sie einsah, daß dieses Projekt den Konflikt in unsere Gemeinden tragen mußte. Man möchte wünschen, daß auch der'Gr. Oberrat sich dieser Mahnung der Wähler nicht verschließen nröchtc. fl. Unsere Gebete sind vor vielen Jahrhunderten entstanden, und in einer gemeinsamen Leidenszeit von mehr als tausend Jahren sind sie znm gemeinsamen Ausdruck der jüdischen Allgemeinheit zu einem Stück der jüdischen Volksseele geworden; wenn unsere Väter verfolgt und mißhandelt wurden, in ihren Gebeten, in der Erinnerung an die Vergangenheit und in der Erwartung der messiarnschen Zukunft fanden sie wieder ihren Trost und ihre Beruhigung; so sind unsere Gebete ein geistiges Band, das die gesamte Judenheit umschließt. Und . nun frage .ich, ist der badische Oberrat, ist die Behörde eines so kleinen Bruchteils der gesamten Judenheit berechttgt, dieses gemeinsame Band zu zerreißen und zu sagen, daß für uns die seitherigen Gebete veraltet sind? Formell kann ja kne badische Judenheit tun; was sie