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Neue jüdische Presse · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KrartLfrtrker stttlilisches femüiniblatt (!-» Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,5V, sonstige Länder Mk. 2.— i ---—.... H-daKkt-ir ««d Hefchäftsst-ll-r SranKturt s. M.. VUbelerftraße 4/6, Lcke Lleichstra-e Pelefo» 10507. chep»usg-V-r: Kals r- JnsertionSPreis»: Die viergespaltene PetitzeUe. 25*,. Die Steklamezeile. 100 „ Platz, und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Urberrinkunst. - 6. Jahrgang. Freitag, den 2. Nissan 5668 (3. April 1908). No. 14. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jüdische Problcnie. — Zu den badischen Synodalwahlen. — Die Exzesse in Jaffa. — AuS allerWelt. — Feuilleton: Der Prior. — Wochen-Kalender. — Familiennachr ich t en. Indische Probleme. n. Zur Naturgeschichte des jüdischen Geistes. Bon Maxime Le Maitre-Bern. (Fortsetzung.) Aber noch in einer ganz anderen Art vereinigt der Prophet die mannigfachsten Gegensätze in seiner Person. Der Prophet ist der große jüdische Patriot, also ein Partikularist — und doch spricht er zu und für die Menschheit, ist also zugleich Individualist in des Wortes edelster Bedeutung, eine große prägnante Individualität, die aber den Univ crsal ismus zu ihrem Inhalt hat. Das jüdische Volk bildet das Medium — den Bindepunkt zwis ch c n seinem Partikularismus und U n i v e r s a l i s m u s. Und das drückt er in dem Satze aus „Du sollst das Licht der Völker sein". Und ich weiß nicht, ob cs mehr tragisch oder komisch ist, loenu mau auf Grund dieses Prophetcnwortes von der jüdischen Mission unter den Völkern spricht — denn: „Du sollst das Licht der Völker sein", setzt doch ein jüdisches Sein voraus. — — — So steht der jüdische Geist, tvenn wir ihn rein kulturpsychologisch betrachten, schon in der ersten Phase seiner welthistorischen Wirkung inr schroffen Gegensatz zn der Natur und Art des hellenisch-römischen und buddhistischen Geistes. Dank seinem intiirtiven Schauen und seinem universellen Schwung hat er sich zu einer welthistorischen Macht entwickelt — ziq einer welthistorischen Macht, die auf ein Pyramidenalter zurückblickt. Durch ztvölf Jahrhunderte christlichen Mittelalters hat er uns geführt. Nicht einmal die christliche Nächstenliebe hat ihn zu töten vermocht. Gewiß eine Feuerprobe der Ewigkeit. — Daß solche Eigenschaften des Geistes der Idee der Vitalität Vorschub leisten müssen, liegt auf der Hand. Der Optimismus in seiner prophetischen Brechung als Ausfluß eines energischen Idealismus, dessen höchstes Streben es ist, die Theodicee aufzuheben und die Natur mit dein Geist zu versöhnen, mußte mit logischer Notwendigkeit auf die Herausbildung eines Willens zum Leben hinarbeiten. Der Geist steht über der Natur, der Geist meistert die Natur, also ist jener mechanisch-kausale Schrecken, der den Menschen zum Sklaven der Natur gemacht, gebannt; das Dasein hat einen Sinn, weil es neben Gesetzen auch noch Zwecke hat. — Durch diesen Sieg des Geistes über die Natur erwächst dem Mensche» ein Stolz i:r seiner Brust, der ihm als Waffe im Kampf gegen die Natur nicht ohne Nutzen ist.' Und jenes berühmte „Pru urwu unrilu cs hoorez" ist eben die erste große Manifestation der vitalen Regungen, jener energische Ausdruck des Willens zum Leben, der allein die weitere Existenz der Gattung und der Art sichern kann. Diese Idee der Vitalität aber steht wieder inr scharfen Gegensatz zum Mythos, zum Christentum und zum Buddhismus. Und nicht ganz mit Unrecht beruft sich inlmer der Todfeind aller Askese und Willensverneinung, Friedrich Nietzsche, auf das Judentum. Das theoretische Christentum mit seinem Plusquam-perfectum-Jdeale ist die Religion der Askese und der Kasteiung: in noch stärkeren: Maße ist es der Buddhismus. Das Judentun: mit seinem Plusquam-furturum-Jdeale ist im Gegensatz zum Mythos, zun: Christentum und zum Buddhismus die Weltanschauung des Lebens und der Bejahung.*) Diese Idee der Vitalität in: Judentum hat nicht einmal dann von ihrer Schürfe und mächtigen Wirkung verloren, als die größten Askeseepidcmien wüteten, ich nreine: in den ersten Jahrhunderten nach der Begründung des Christentunis. Während decadente Hellenen, übersatte Römer und viele kleine Bastardvölker nach Kasteiung und Buße, Selbstzerfleischung und Selbstpeimgung riefen, läßt sich der Talmudweise darüber aus — „lo l'tohu brvho do loschebeth jezoro": Nicht daß die Welt wüst werde, hat er sie geschaffen, sondern, daß man auf ihr (der Erde) lebe." Hier steht aber die Vitalität im Judentuin in einem bestinimten Verhältnis zur Äottesidee und zur Art ihrer Auffassmrg. Alles dreht sich hier um den Begriff der Schöpfung. Eine Schöpfungsgeschichte, den Begriff des Schaffens durch die transcedcnte Gottheit kennt nur das Judentum. Indier und Griechen kennen nur den Begriff des Hcrvorbringens. Darauf hat schon Hegel in seiner Religionsphilosophic hingcwiesen. Bei Hegel heißt es darüber: „Der jüdische Geist hat den Begriff der Schöpfung zun: ersten Mal im Bewußtsein der Menschheit erleuchtet." Und er fügt gleich hinzu: „Der Begriff der Schöpfung ist ein Weit höherer, als der des Hervorbringens". Das hängt aber mit den: jüdischen Gottesbcgriff zusammen: Die indischen und griechischen Götter find emancnt, denn sie sind aus etwas anderem hervorgegangen; jener aus Brahma, dieser aus den: Chaos. In der jüdischen Religion stanlmt die Welt aus dem göttlichen Geist, der das Chaos erst schuf. Der jüdische Gott ist trauscendent, d. h. er steht der Welt gegenüber.Schaffen setzt Plan, Idee, Gesetz und evolutive Möglichkeit voraus. Nach einem bestin:mten Plan geschaffen, mit einer evolutiven Möglichkeit ausgestattet, „mit einer Zukunft in der Brust" brachte das Geschöpf den Willen zum Leben mit sich bei seinem Eintritt ins Sein. Diese Vitalität bezieht sich nicht nur auf die biologische, sondern auch auf die sittliche Natur. Sie ist es auch, die die kon:pakten Massen *) Daher Schopenhauers feindliche Stellung zum Judentum. der Geistesenergie zerstiebt, sie in Bewegung setzt, und nach allen Himmelsrichtungen treibt. Der Wille zun: Leben und der erkannte Sinn des Daseins bilden den Knotenpunkt, von den: aus sich zwei Reiche scheiden: das Reich der Natur und das des Geistes. Unter Leben verstehen wir Keimen, Blühen m:d Vergehen, Entstehen und Zngrruidegehen. Der Begriff des Lebens schließt schon den Begriff des Werdens und der Bewegung in sich. Jedoch sind Betvegung, resp. Werden:u:d Entwickelung zweierlei. Das mechanische Werden, wie solches teilweise die heidnische Antike lehrt, bedeutet nicht Entwicklung, ja nicht einmal Bewegung. Bewegung setzt Einheit des Substantiellen voraus, und diese Einheit hat ein Parmcnides höchstens geahnt, klar ausgesprochen hat sie erst das Judentun:. Die Idee der Bewegung und der Entwicklung faßt der jüdische Kulturgenius unter den: Gesichtswinkel des sittlichen Zweckes. Sie ist nicht nur mechanisch, sondern sittlich zweckmäßig. Dieser reiche Inhalt der evolutiven Idee im Judentum hat es einen: sonnenverwandten Geist wie Jesajah ermöglicht, auch die organisch-biologische Natur unter dem Gesichtspunkt der allmählichen Versittlichung zu fassen. Die Natur erscheint bei ihm, nicht wie im Mythos, als der Urquell des Schreckens, als das Ungeheuer, sondern „und es ivird ein Lamn: mit einem Wolf zusammen weiden, und spielen wird ein K>:abe am Loche der Natter, Rind :md Löwe werden zusammen Stroh verzehren". In diesem Idyllhaben wir eine versittlichte Natur, hier ist das Reich der Natur ähnlich den: des Geistes entwicklungsfähig. Indessen wäre es eine Unwahrheit, zn behaupten, die „Andern" kennen nicht den Begriff der Natursittlichkeit. Seit Rousseau ist auch ihnei: dieser Begriff geläufig. Speziell Diderot und Goethe singen ein Hymnus aus die Sittlichkeit der Statur. Auch Jacob Böhme und Giordaiw Bruno haben oft darauf hingewiesen. Allein bei ihnen hängt die Natursittlichkeit mit ihrem Pantheismus zusammen und — was das Entscheidende ist — sie fassen nicht die Sittlichkeit der Natur unter dem Gesichtswinkel der sittlichen, sondern von dem der m e ch a n i s ch e n Entwickelung. Die Anschauung der m c ch a:: i s ch e n Entwickelung kann in keinem Falle den Optintismus begründen; es sei denn, man addiere noch irgend eine logische Kategorie hinzu. Eher schon kann die Anschauung der mcchanischei: Enttvickelung zu einem Voluntarismus oder zn einer blutleeren Eitcrgetik führen. Und Schopenhauer beginnt: „Tie Welt ist meii: Wille und meine Vorstellung". Alles ist Wille. Aus dieser Willenslehre hat er seinen ganzen schwarzgalligen Pessimismus abgeleitet. Der jüdische Optimismus aber ivurzclt ii: der reichet: evolutiven Möglichkeit der Natur und des Geistes. Die logische Allgen:einheit des Vitalitätsbegrisfes hat durch das Judentum in keiner Weise eine Einschränkung erfahren. Charakteristisch dafür ist die hohe Ausbildung, des Gattungsbegriffes in: Judentum. Der Prophet spricht vom Erdensohn im Sinne der Menschheit. So individuali-

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