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Neue jüdische Presse · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 1Ö. Sra»y«ck« Zst»MW« Är. 1s. und wurde während der Diskussion dem Borstand mehrfach der Dank der Versammlung für seine Führung der Bereinsgeschäste ausgesprochen. Der Vorsitzende schloß die Generalversamnilung mit der Mitteilung, daß erstmals in diesem Jahre eine Sederfeier an beiden Wenden veranstaltet werden soll, hauptsächlich für diejenigen Mitglieder, welche hier fremd sind oder keinen Familienanschluß Haben. Gegen eine ganz geringe Vergütung wird den Teilnehmern ein vorzügliches Essen und Wein gereicht. Die Feier findet im Restaurant Scheuer, jedoch im Nahmen des Vereins, statt und wollen sich die Teilnehmer in die im Vereinslokal anfliegende Liste einzeichnen. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Misrachi. Zur Klärung. Es ist eine Ironie des Zufalls, daß zur selben Zeit, da die gesetzestreuen Juden überhaupt allen Grund haben, dem Zionismus Dank nnd Anerkennung zu zollen — ist es doch nur mit zionistischer Hilfe gelungen, in Baden die Gebctbuchfreunde aufs Haupt zu schlagen — eine tiefgreifende Erregung sich der Gesetzestreuen im Zionismus bemächtigt hat. Während die badischen Zionisten mit Aufwendung aller Kräfte für die Rettung des alten Gebetbuches eintraten, hat die oberste zionistische Leitung und die ihr angegliederten Institute den Schabbos, das vieltausendjährige Wahrzeichen des jüdischen Volkes, werktäglich entweiht. Die Entrüstung darüber ist, begreiflich; daß sie auch von nichtgesetzcstreuen Zionisten geteilt wird, ist selbstverständlich. Mer es droht eine Verkennung der Sachlage einzutreten, und dem muß vorgebeugt werden. Gewiß gibt es kein Wort der Entschuldigung für diese Vorgänge. Sie sind nicht nur eine Verletzung' der heiligsten jüdischen Satzungen, sic involvieren, auch nach den Versicherungen auf dem letzten Kongreß einen Wortbruch schnödester Art, der umso schlimmer ist, als er aus einem Gebiete — der rein materiellen Institutionen — begangen wurde, wo nicht einmal guter Wille, sondern nur die Abwesenheit des Gegenteils notwendig ist, um keinen Anhänger der Bewegung zu verletzen. Es liegt eine souveräne Geringschätzung aller gesetzestreuen Zionisten darin, daß die Leiter der Bewegung am Schabbos in werktäglicher Weise — nicht ein mal und zufällig, sondern gewohnheitsgemäß — den Betrieb in den zionistischen Bureaus unterhalten haben. Das müssen sich die gesetzestreuen Zionisten merken! Wer trotzdem ist diese Tatsache nicht die Ursache der Flucht in die Oeffentlichkeit. Sie war nur der Anlaß. Die Ursache liegt anderswo. Und das muß festgehalten werden. Im Zionismus ringen seit seiner Geburt zwei Strömungen mit vielfachen Uebergängen miteinander: Die kulturelle und die wirtschaftlich-politische. Während der extreme Flügel der ersteren von der materiellen Heimstätte, wenig oder gar nichts wissen wollte, wollten im Grunde genommen die rein wirtschaftlichen Zionisten nie kulturlos fein, noch weniger waren sie kulturfeindlich. Sie verhielten sich aber ablehnend gegen das Hcreintragen einer Kulturbewegung in den Zionismus, welche die heftigsten inneren Kämpfe, die Zerfleischung der eigenen Parteigenossen notwendig zur Folge haben mußte, in die Bewegung, welche das Achduß der Jildenheit repräsentieren und unter Einigung und Anspannung der Kräfte aller die Heimstätte erstreben sollte. Was hat man nicht alles mit dem Worte „Kultur" bezeichnet? Unbekümmert aber um den Inhalt dieses Begriffes, bezeichnet man rein formell mit dem Worte immer etwas Löbliches und Erstrebenswertes. So hat also schon derjenige, der für seine Bestrebungen das Wort Kultur mit Beschlag belegt hat, vor seinen Gegnern den Vorteil voraus, daß er diese als kulturfeindlich und damir als minderwertig und rückständig brandmarken kann. Das hat man auch im Zionismus weidlich getan. In der Verbindung „Kultnrzionismus" hat das Wort Kultur die spezielle Bedeutung des Religionsfeindlichen, der Wlösung der alten jüdischen Ideale durch neue, der Umwertung aller traditionellen Werte, der Erfüllung des alten Gefäßes Judentum mit neuem Inhalt. Man hat das Schlagwort geprägt: Der Zionismus ist eine Wellanschauung. Wenn Weltanschauung hieße: Anschauung über das Verhältnis einer Nation zu den anderen Nationen, so wäre das richtig. Es hätte dann aber auch jeder sich seiner nattonalen Eigentümlichkeit bewußte Angehörige einer auf eigener Scholle wohnenden Nation eine serttge Weltanschauung als Geschenk in die Wiege bekommen. Weüanschauung heißt aber nach dem üblichen Sprachgebrauch: die Auffassung, die der einzelne über sein Verhältnis 'zum Weltganzen, über die letzten und höchsten Fragen des Daseins hat; und diese ist innerlich unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit. Ein rein nattonales Judentum vermag danach nicht eine Weltanschauung zu geben. Es ist im Kulturzionismus dasselbe Ringen und Kämpfen um einen neuen Lebensinhalt, das viele Gebildete aller modernen Völker erfüllt, die den alten Gottesglauben überwunden haben; hier wie dort die gleichen Wurzeln und die gleichen Ziele des Euchens und Sehnens. Nur das Kolorit ist hier ein anderes: hier jüdisch — dort slavisch oder arisch usw. Der wescnhafte Kern bleibt aber hier wie dort der gleiche: das Streben, über das schale, öde Dasein in der materiellen, der religiösen Traditionen beraubten und zu beraubenden Welt hinauszukommen. Es ist ohne weiteres klar und braucht nicht weiter erörtert zu werden, daß die auf dem Boden der Thora und Tradition stehenden Zionisten mit einer solchen Kultur nichts gemein haben können; ihre alte Kultur, die — um nur einiges allgemein Anerkanntes anzusühren — der Welt den einzig-einen Gott, den wöchentlichen Ruhetag und eine Sittlichkeit gegeben hat, die weder in ihrem hehren Inhalt noch in ihrer granitenen Grundlegung von irgend einem philosophischen System oder einer modernen Knlturströmung abgelöst werben konnte, kann sich noch würdig neben den „Kulturzionismns" stellen. „Ich bin überzeugt, daß die Religion das letzte Wort der Zivilisation ist. Sie ist das erste Wort der Zivilisation, welches vor 3000 Jahren auf dem Berge Sinai gesprochen wurde." (Rabbinowitsch auf dem V. Kongreß.) Es ist einleuchtend, daß in demselben Maße als man versucht, diesen Kulturzionismus in die offizielle zionistische Bewegung hineinzutragcn, die ideellen und materiellen Faktoren der Organisation dafür auszunützen, der Zionismus nicht mehr eine Stätte brüderlicher Einigung, sondern feindseliger Entzweiung, nicht mehr ein Boden gemeinsamen Strebens und Schaffens, sondern eine Arena des Kampfes und Bruderzwistes werden mußte. Trotzdem diese Versuche stets wiederholt und ans jedem Kongreß von neuem Kulturdebatten hervorgerusen wurden, gelang es doch bis Ungefähr zur Zeit des 7. Kongresses, den eigentlichen Kulturzionismus in die gebührenden Schranken zurückznweisen und von der offiziellen Bewegung fernzuhalten. Seit Hcrzl's Tode und dem Zurücktreten hervorragender politischer Zionisten aus dem Vordertreffen zionistischer Betätigung ist die Lage eine andere geworden. Je weniger die großen Gedanken den Zionismus beherrschten und je mehr die Kleinarbeit des Tages in den Vordergrund trat, gewann auch der Kulturziouismus an Boden in der offiziellen Organisation. Zwei große kulturzionistische Verbände, Jwriah und Sinai, umschlingen und durchdringen die zionistische Bewegung. Sie sind zwar nicht offiziell zionistisch, doch darf man den Einfluß, den sie auf und durch die zionistische Organisation ausübcn, keineswegs unterschätzen. Zur Begründung, daß „Sinai" hierher zu zählen ist, die eine Tatsache, daß das Arbeitsprogramni dieser Gesellschaft als eine der erstell Kulturtaten die Ucbersctzung der jüdischen Geschichte von Wellhausen ins Hebräische in Aussicht nahm. Daß auch die „Jwriah" gleiche Tendenzen verfolgt, beweist die Tatsache, daß ihr Sekretär im Auftrag ihres Zentralbureaus in Palästina Rundreisen macht, um Vorträge über jüdische Geschichte nach dem neuesten Stand der Bibelkritik zu halten (s. Welt 1908, Nr. 5). Es erscheilit als unerhörte Tat eines Zionisten, über einen Verband, der sich die Pflege und Ausbreitung der hebräischen Sprache zur Aufgabe gesetzt hat, ein anderes als ein durchaus znstimmendes Urteil zu fällen. Aber zur Aufklärung aller derjenigen gesetzestreuen Zionisten, die sich bisher darüber nicht klar geworden sind, sei darauf hingewiesen, daß eine Sprache nicht ein wirres Konglomerat von Worten, sondern das Ausdrucksmittel von Gedanken ist. Eine Sprache rnuß auch einen Inhalt haben und deshalb ist wichtig, daraus zu achten, nicht bloß, daß die Jwriah hebräisch spricht, sondern was sie spricht. Und das, was sie spricht, ist eben derart, daß die ans dem Boden der Tradition stehenden Zionisten allen Grund haben, von ihr abzurücken. „Sinai" und „Jwriah" wurden — da sie inoffiziell sind — hauptsächlich deshalb herangezogcn, um die Lage zu charaktrisicren und die Situatton zit beleuchten. Denn auf dem Plane dieses Hintergrundes erhebt sich der Kulturzionismus auch in der Form offiziell-zionistischer Institutionen. Davon sei nur kurz die Rede, daß das sogen, hebräische Gymnasium in Jaffa, eine Pflanzstätte religiösen Unglaubens, eine Subvention*) von der Palästina-Kommission erhält. Man wird freilich diese Beurteilung des Gymnasiums anfcchten. Hat doch die derzeitige „Direktton des Gyinnasiums" selbst erklärt, daß seine Lehrer „weder Zeit noch Neigung oder Interesse für irreligiöse Tendenzen" hätten. Wenn man die Angeklagten zu Richtern über sich selbst ernennt, dann darf man freilich über eine glänzende Freisprechung nicht erstaunt sein. Man kann übrigens der Palästina-Kommission nicht verübeln, daß sie sich mit dieser Freisprechung zufrieden gibt, tut doch das „offizielle misrachistische Organ" das Gleiche, indem es einen Teil dieser Rechtfertigungsschrift ohne jeden Kommentar abbruckt (und zwar obgleich es weiß, daß es sich damit in Gegensatz i) Diese Behauptung ist irrig. Das Aktions, komllee hat niemals einen derartigen Beschluß gefaßt. Der Palästtna-Ressort hat wohl in einer vorläufigen Budget-Uebersicht eine Subventton vorgesehen, aber die Bewilligung, des Aktionskomitees steht noch aus. D. Rebakt. zu sämtlichen Mitgliedern des MiSrachi-Bureaus stellt).-) . Viel tiefgehender noch als über das Vorhergehende ist aber in weiten Kreisen der gesetzestreuen Zionisten die Erregung darüber, daß das eine offizielle Organ unsrer Bewegung, der „Haolam", einen Kulturzionismns radikalster Art propagiert. Nachdem Vorstellungen und Proteste darüber — ebenso wie früher wegen der Arbeit am Schabbos in dem Büro der „Welt" — nicht mehr als Entschuldigungen und Versprechungen gezeitigt haben, blieb nichts anderes übrig — und das ist die eigentliche Ursache dieses Vorgehens — als den Weg in die Oeffentlichkeit zu beschreiten. Die Oeffentlichkeit ist das beste Korrektiv, um Mißstände zu beseitigen. Nicht diejenigen, die die Sonde in die Wunde gelegt haben, sind die Schädiger des Zionismus, sondern diejenigen, die die Wunde erzeugt haben. Die religiösen Zionisten müssen es aufs schärfste verurteilen, daß ein offizielles zionisttsches Organ systematisch die Tendenz verfolgt, das traditionelle Judentum zu bekämpfen und den Geist des Unglaubens zu verbreiten, nnd müssen aufs dringendste Abhilfe fordern. „Es ist ganz ungerechtfertigt, lvenn die geistige Hebung, die wir Zionisten anstrebcn, als die Quelle des Unglaubens betrachtet wird," hat Herr Sokolow. auf dem IV. Kongreß gesagt. Nun, wir wollen sehen, wie der Inhalt des Hoolam diesem Ausspruch angepaßt ist. Hoolam 1, Nr. 47: „Der Hoolam hat schon wiederholt über die Mittelschule seine Meinung knndgegeben. Wenn der „Misrachi" die Jeschiwoh's und Talmud-Thauroh's in Palästina verbessern will — dann Dank. Aber wenn er die Absicht hat, eine „koschere" Mittelschule zu gründen unter der Aussicht der Jerusalemer Rabbiner und Gabboim der dortigen Jcschiwohs — nach dem Muster der Mittelschule, welche die Frankfurter Frommen in ihrer Stadt besitzen — in diesem Falle werden wir kämpfen usw." In Nr. 45 bringt „Hoolam I" einen Artikel mit der Ueberschrift: „Was gab uns Erez Israel?" Darin ist folgendes zu lesen: „Das war die große Umwälzung, vergleichbar der französischen Revolution, die wir vollbracht. Eine drückende Last lag auf uns, und da kam Benjehuda und verkündete von den Mauern Zions, jenes Zion, das der fremden Welt Jesus und sein Christentum gegeben hat, von jenen Mauern verkündete Benjehuda das neue Wort: Es ist vollbracht —. und wir waren frei. . . . denn nicht nur an alte Gebräuche und Heuchelei haben wir Hand angelegt, wie Smolenskin u. a., wir haben an die Gottesidee selbst Hand angelegt, wir haben sie vernichtet und das ist unser Preis. Wir haben — als erste den Begriff „Jude" zerlegt. Vor uns — wenn man sagte „Gesetz", bedeutete das auch „Nation", „Jude" — „Bekenner des mosaischen Gesetzes" usw. Eitle Dinge! Wir haben die Schüssel umgcdreht. Mag das Gesetz noch so schön und erhaben sein, es ist nicht mehr wie ein philosophisches System für das Gemüt, niemals aber ein essentieller Bestandteil des Volkes (dem. Sinne nach übersetzt) . . . Wir sind Ebräer auch ohne „Mizwaus", auch ohne „Brochaus", auch ohne „Techinaus" . . ." Es soll nicht verschwiegen werden, daß Herr Sokolow erklärt hat, daß die beiden vorstehenden Artikel ohne sein Wissen in die Zeitung kamen. Im Hoolam II, Nr. 3, steht ein Artikel über den Chassidismus. Darin wird auseinandergesetzt, daß die Religion sich stütze auf religiöse Gesetze und Gefühle. Beide liegen im Kampf miteinander — kein Friede zwischen ihnen. Im Judentum kämpften die Propheten gegen das Gesetz, sie lehrten Gottesdienst durch religiöses Gefühl. „Die Propheten starben, das Land und Volk wurde verwüstet.. Der Talmud, diese Golusfrucht.... fügte neue Zäune hinzu, er fragte nicht, ob diese auch mit dem Gefühl int Herzen der Ration übereinstimmten. . . . Die Talmudlehrer wollten noch mehr tun: Die Bücher der Propheten, welche gegen die religiöse Gesetze und Zäune kämpften, verstecken und vernichten." Der Chassidismus ist die direkte Fortsetzung der Prophetie. „Das religiöse Gefühl siegt über das Gesetz, die Saat der Propheten ging auf und trug Früchte." In den zwei folgenden Nummern bekämpft Horovitz diese Ausführungen. Aber wie? „Die Chassidim und die Mißnagdim, ihre Gegner, verhalten sich gerade so wie die Rabbonim der Halacha und Agada .... die ihnen gleiche Seite ist, daß sie die jüdische Welt bis zum Halse im Schlamm konventioneller Lügen und trügerischer Anschauungen hielten . . ." „Die Chassidim brachten „einen krummen Hewel an die Stelle eines geraden Hewel". „Die Gaonim straften uns mit irrtümlichen Ansichten, die sie in Büchern niederlegten." Er schließt mit einem Citat Renans: „Die wissenschaftliche Kritik kennt kein Ansehen. Bor -) Wir halten es für unkorrekt, die Glaubwürdigkeit als ehrenhaft bekannter Männer zu bezweifeln, solange Tatsachen nicht das Gegenteil beweisen, — und wir wissen keine derarttgen Tatsachen. Sind vielleicht Herrn Dr. Feuchtwanger solche bekannt? Unbegreiflich ist es uns, woher Herr Dr. F./ der vor kurzem sein Amt als Mitglied des'.Büros niedergelegt hat, die Meinungen der Mitglieder des Büros kennt. D. Redakt. . - _ .

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