Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ch-Ur 2. es, es möge sein, beim Propheten heißt es, es wird sein, er spricht keine Wünsche aus, sondern sein nnerschütterlicher Glaube an die Zukunft, an die Entwicklung der Natur und des Geistes weiß mit einer absoluten Sicherheit zu verkünden: „So wird und so muß es sein!" . . . . So groß ist der Unterschied zwischen dem Juden Jesajah und beut Griechen Platon. Und der Inhalt der Differenz ist: Hier verklärter Mythos — dort reine Ewigkeitserkenntnis, hier Partikularismus — dort Univcrsalismus, hier Unsicherheit und Unbeständigkeit — dort ausgeprägtes Sicherheitsbewußtsein und Beständigkeit. Aus diesem hier angeführten Exempel ist zu ersehen, zu welchen Konsequenzen die Verschiedenheit der Denkarten führt. Die Erscheinung der Propheten steht' einzig in der ganzen Geschichte des Menschengeistes da. Kern Genius hat es versucht, seine eiserne Geistesfaust auf spröde Ewigkeiten mit solcher Wucht niederzusausen wie der Prophet. Diese Eigentümlichkeit ist nur aus der Natur des jüdischen und noch spezieller des prophetischen Geistes zu erklären. Der Prophet ist weder Dichter im eigentlichen Sinne noch Denker. Als Dichter war er zu gedankenreich, zu sehr in sich gekehrt, zu sehr Prinzipienmensch — als Denker zu temperamentvoll, zu sehr Phantasiemensch. Er war weder Dichter noch Denker, sondern die feinste Synthese dieser beiden Persönlichkeitsarten zusammen. Sein Blick durchdringt die Ewigkeit,, sein Gemüt — — meerestief, unbeugsam wie Stahl, ein eiserner Wille und das gewaltige Pathos eines jener Volkstribunen, die die Schicksale der Völker schmieden. Weil sein größer Blick alles sieht, liebt er alles, die Natur und den Menschen; mit seinem für alle Geschöpfe warnt schlagenden Herzen umfaßt er alle und alles in Liebe und sein großes sittliches Bewußtsein macht ihn zum Helden der Wahrheit, zum Verkünder der! Gerechtigkeit und — zu ihrem Märtyrer. Als Träger und Verkünder der Sittlichkeit ruft er dem Menschen zu: „Mensch sei gut''', „sei gerecht, und als Träger der Wahrheit und ihr Verkünder ruft er dem Menschen zu: „Mensch erkenne Dich und die Welt". Was ist das Höchste, was uns der Prophet als Gedankenheld zu sagen hat: „Und die ganze Erde wird voll werden von Erkenntnis, wie die Wasserfülle das Meer bedeckt". — (Schluß folgt). Die badische Wahlen und ihre Lehren. Das badische Reformgebetbuch ist gefallen, der gesunde Menschenverstand hat den Sieg über den Unsinn davon getragen. Drei waren es im Bunde, die den eitlen Rat des eitlen Regierungsrates zu Fall gebracht haben: Zionisten, Orthodoxe und Liberale, aus welcher Tatsache die sehr beherzigenswerte Lehre zu ziehen ist, daß ein gemeinschaftliches Zusammengehen verschiedener Parteienund Richtungen innerhalb des Judent ums nicht nur bloßaufwirtschaftlichemund politischem Gebiete — wie intransigente Kreise in unserer Orthodoxie behaupten — sondern auch in religiösen Dingen bisweilen möglich ist. Wir lernen ferner daraus, daß man nicht alle linksstehenden Juden mit ein und demselben Maß messen darf; denn es gibt mtter ihnen eine große Zahl einsichtiger Leute, die mit der Tradition nur deshalb leicht umgehen, weil eine falsche Erziehung oder Unkcnntni s'des Judentums oder das Verlangen nach einer bequemen Lebensweise sie dazu veranlassen. Mit diesen läßt sich leicht eine Verständigung erzielen, ja vielleicht sogar dem absolutistischen Treiben der an Zahl kleinen intransigenten Kliquen von links und rechts, die von Zank und Hader leben, einen Dämm setzen. Die Wahlen haben schließlich noch gezeigt, daß die Zionisten — mögen sie sonst noch so Joeit links in ihren Anschauungen und auch in ihrer Lebensweise sichen — dort, wo es sich um die Gesamtheit, um den öffentlichen ftuftuS Nr. 18. usw. handelt, stets auf der Seite der Tradition anzutreffen sind. „Die Zionisten haben wacker an der Sefte der Orthodoxie gekämpft", gesteht sogar eine sonst zionismusfeindliche Zeitung. (Freilich gleich nach diesem Lobe versetzt die gleiche Zeitung in einem: „Sabbatentweihung rmd Zionismus" betitelten Artikel dem Zionismus einen groben Fußtritt, nach dem löblichen Grundsatz: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen". Doch dies will nichts bedeuten: bekämpft doch dieselbe Zeitung den Zionisnius auf Grund einer ausgeklügelten, erfundenen Mähr von der großen Gefahr einer „nationalen Reform" grundsätzlich eit Jahr und Tag, und da die Wahlen in Baden, bei denen die „nationale Reform" wacker an derSeite der Orthodoxiegegen die Keform kämpfte, das mit großer Mühe zusammengeschweißte Gebäude grausam zerstörte, so holte man schleunigst eine zionistische Sabbatentwechung und eine nicht im Sinne der Orthodoxie geleitetes Organ der zionistischen Partei, genannt „Haolam", herbei. Die Vergehungen des „Haolam" sind schon älteren Datums; aber so lange man der Hilfe der badischen Zionisten bedurfte, drückte man beide Augen zu, — man sah nichts, und man schwieg. ... Es möge uns erspart bleiben, auf diese Handlungsweise einzugehen, wenn wir sie kurz streiften, so geschah es, weil sie symptomatisch für gewisse Widersacher des Zionismus ist.) Wir haben mit unserem heutigen Artikel nur bezweckt, die Schlußfolgerungen, die sich aus den Wahlen für unser politisches Schaffen innerhalb des Judentums ergeben, zu ziehen; um ersprießliche Arbeit zu leisten, ist es vor allem notwendig, das eigentliche Wesen der Parteien festzustellen, und dazu glauben wir mit diesem Ärtikel einiges beigetrageit zu haben. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Israel. Volksschule. Wie uns von zuständiger Seite mitgeteilt wird, sind die Gehaltsverhältnisse der Lehrer au der Israel. Volksschule bereits seit einigen Monaten so reguliert, wie an der Vorschule der Israel. Realschul e.*) Frankfurt a. M. Sitzung des Ausschusses derisrael. Gemeinde. — Vor Eintritt in die Tagesordnung bringt der Vorsitzende dem anwesenden Syndikus der Gemeinde, Herrn Justizrat Dr. Baer, anläßlich seines am 15. März stattgehabten 25jährigen Amtsjub i l 8 n m s die Glückwünsche des Ausschusses dar. Der Vorsitzende teilt mit, daß die Regierung die Genehmigung zur Ausgabe einer Anleihe im Betrage von 3 Millionen Mark zu 4 o/o erteilt hat. Der Ausschuß geuehniigt, daß von der Anleihe, die in Stücken von 5000 Jk, 2000 Jk, 1000 Jk unb 500 Jk aus gefertigt werden soll, vorläufig lJ/2 Millionen Mart zum Kurse von 98<>/o freihändig verkauft werden. Der Erlös der Anleihe soll für den Neubau des Krankenhauses und den Bau der Westendsynagoge verwandt werden. Der Etat des GemeindckrankenHauses erfordert eineit Zuschuß von 59 000 Jk und übersteigt damit den Voranschlag um 19000 Jk; die starke Steigerung resultiert aus der bis zur äußersten Grenze in Anspruch genommenen Leistungsfähigkeit des Krankenhauses, sowie durch die erhebliche Steigerung der Ausgaben für Medikamente, Lebensmittel usw. Der Etat des Phikantropin erfordert einen Zuschuß von 89 000.lL pro 1908/09. Beides wird genehmigt, ebenso wie der Kaufvertrag mit der Stadt über die Erwerbung einer Parzelle des Friedhofes in Bockeuheim; diese Parzelle ist nämlich entbehrlich geworden, da die Beerdigung der Bockenheimer israel. Gemeindeangehörigen seit der Eingemeindung der Bockenheimer israel. Gemeinde auf dem Friedhof in Frankfurt stattfindet. Frankfurt a. M. Es wird uns mitgetellt: Um dem Unfug zu steuern, baß unverschämte Bettler sich ' ihren Bedarf an MazzauS auf Pefach bei *> Wir nehmen mit Freude von dieser Mitteilung, die übrigens schön vor 3—4 Wochen erscheinen sollte, aber aus Vergeßlichkeit uns nicht übergeben wurde, Notiz. Nunmehr dürfte einem nicht unwesentlichen Teile der aus der Bollsschullehrerschaft stammenden Klagen der Boden entzogen sein. Mögen die Schulverwaltung, sowie alle anderen in dieser Beziehung maßgebenden Persönlichkeiten in ihrer segensreichen sozial-reformatorischen Tättgkeit auch weiterhin nicht erlahmen, dieselbe vielmehr immer reicher entfalten! D. Redekt. hiesigen Wohltätern unter unrichtigen Borspiegelungen mehrmals zu verschaffen suchen, um die Mazzaus dann zu Schleuderpreisen an nichtjüdische Wirte, Metzger usw. zu verkaufen,, wurde von seiten des hiesigen Russen - Komitees und Wohltätern demRabbinatsstiftinOffenbach das benötigte, zur Versorgung aller in Offenbach wohnenden Ausländer hinreichende Quantum Mazzaus hier zur Verfügung gestellt. Jeder Familienvater) eüentuell jede Witwe, erhält den für die Familie nach Kopfzahl nötigen Bedarf gratis. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält aus Jaffa (Palästina) folgendes Telegramm: Während einer Feier des jüdischen Purimfestes überfielen auf Befehl des Kaimakam Polizei und Soldaten die jüdische Herberge und verwundeten dreizehn Juden, darunter mehrere schwer. Zwar ist die Bevölkerung einstweilen noch ruhig, doch werden weitere Exzesse seitens des Kaimakam befürchtet, wenn nicht die Konstantinopler Zentralbehörde gegen die Wirksamkeit dieses Beamten einschreitet. Berlin. Die Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden findet Sonntag, den 29. dss. Mts., nachmittags 5 Ule in der Ressource, Schadowstr. 7, statt. — Die Jüdische Ferienkolonie kaufte in Misdroy die Villa des Tischlermeisters Streich für 27 000 Jk und eine daneben liegende Parzelle für 2000 Jk, letztere zur Verwendung als Spielplatz. — DerVerbandfürjüdischeWohltätigkeitspflege hat Rosenstraße 24 eine AnstunftS ft eile errichtet. Berlin. D er Delegierten tag des Verbandes der deutschen jüd. Krankenpflegerinnenvereine faßte folgende Beschlüsse: Lehrzeit der Schwestern künftig mindestens IVr Jahre. Ihre staatliche Prüfung obligatorisch. Ab 1. Januar 1909 erhöhtes Taschengeld für die älteren Schülerinnen und ein Anfangsgehalt von 360 Jk für die Schwestern. Die Aufbesserung der - Pensionsverhältnisse wird der nächste Verbandstag endgültig regeln. Berlin. Aus Anlaß der Konstantinopeler Brandkatastrophe, durch die mehr als 1000 Familien obdachlos wurden, hat die Alliance Jsraslite Universelle unverzüglich eine umfassende Hilfsaktion in Konstantinopel selbst organisiert und dieser bereits zehntausend Francs telegraphisch überwiesen. Auch ist ein Teil der Obdachlosen in den Schulgebäuden der Alliance, die glücklicherweise keinerlei Beschädigungen erlitten haben, vorläufig untergebracht worden. München. Neue Beschränkungen für russische Studenten. Bekanntlich waren bis jetzt die süddeutschen Hochschulen die einzigen, die noch Ausländer, auch russische Juden, gastlich aüsnahmen. Soeben werden nun. hier offiziell neue Erschwerungen für die Aufnahme russischer Stltdenten und Hospitanten angekündigt, die an allen süddeutschen, Universitäten gleichmäßig durchgeführt werden sollen. Das betrifft natürlich die jüdischen Studierenden, die gezwungen sind, ihrem „gastlichen Vaterlanbe" den Rücken zu kehren, weil man sie von den dortigen Bildungsstätten verjagt, in allererster Reihe. Führungsatteste, wie man sie nunmehr von ihnen, wie von den einheimischen Deutschen, verlangen will, werden ihnen die russischen Behörden nicht ausstelleu. Also werden sie wieder weiter wandern müssen, kaum werden sie noch wissen, wohin. Oesterreich-Ungar«. Wien. Eine zum Christentum übergetreten eKoscher-Wurstsabrikantin. — trau Anna Lötvy geb. Körner hat, nachdem sie ihre oscher-Wurstsabrik verkauft und 60 Jahre lang, dem Judentum angehört hat, nunmehr nach dem Beispiel ihrer Söhne den Uebertritt zum Christentum vollzogen. Wien. Die von dem Hilfsverein für die notleidende jüd. Bevölkerung in Galizien aus dem Gebiete der I n d u st r i e gemachten Anstrengungen lohnen sich von Jahr zu Jahr mehr. 1907 wurden an Häklerinnen 140672 Kr., an Haarnetzarbeiterinnen ca. 100000 Kr. unb an in der Kleiderkonfektion Beschäftigte 41 927 Kr. an Lohn verausgabt. Auch in der Spitzenklöppelet sind bereits400 Schülerinnen und Arbeiterinnen beschäftigt. Budapest. Die Szäntüer orthodoxe Gemeinde hatte erklärt, baß sie mit jenen Be - strebungen, welche das Judentum dem Staate gegenüber als einheit-liches Ganze dokumentieren, einig gehe. Daraufbin erhielt sie von der orthodoxen Zentralkanzlei ein Schreiben, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Sie haben seinerzeit damit, daß sie düs 'Kongreßstatut verwarfen und sich auf Basis des orth. Laudesorganisatiousstatutes konstituiert haben, ausgesprochen, daß Sie mit der neologen Köngreß- Judenschaft nicht vereint sein können und es auch nicht sein wollen. Dar gesamte gläubenStreüe Judentum Lat 1870 die Absonderung und daS Ausscheiden ausgesprochen und ourchgeführt. Die große/ Hanbesrahtinex-