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Neue jüdische Presse · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IrerirLfrtrkek Sfrarlitifriirs familiruhlitl. i-- “•» Diese Zeitung erscheint wöchentlich. WbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt o. M. Mt. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 fein» schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,80, sonstige Länder Mk. 2.— i -----:- K-daKtton mrd ch-fchäftsssketter SrsMfurl s. M.. vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße Pelefo« 10507. JnsertionSPreis«: Die diergespaltene PetitzeUr. Die Aeklamrzeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis «ach Ueberedckunst. ' 6. Jahrgang. Freitag, den 24. Adar scheni 5««8 <27. März 1V08). Ro. 13. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jüdische Probleme. — Die badische Wahlen und ihre Lehren. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Der Prior. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. — Briefkasten. Jüdische Probleme. ii. Zur Naturgeschichte des jüdischen Geistes. Von Maxime Le Ma!tre-Bern. (Fortsetzung.) Und so hat es doch noch einen anderen als den rein ethischen Grund, warum seit fast vier Jahrzehnten die Neukantianer behaupten, nicht Rom, sondern das Judentum hat das Recht geschaffen. Das Faktum der Ethik ist das Recht, wie die Mathematik das Faktum der Logik. In jedem Falle ist das Recht mindestens ein Analogon zur Ethik. Ist Jemandem von der Ethik des Römertums, von Ethik in Rom bekannt? Mir nicht. Rom kannte nur die Gewalt. Wenn ich nicht irre, war es ein Jude, Heinrich Heine, der es zum erstenmal gewagt, an dem Glauben, daß Rom das Recht geschaffen habe, zu rütteln. Bei Heine heißt es an einer Stelle: „Der Römer war zugleich Soldat und Advokat, und was er mit dem Schwerte erobert, sucht er durch barbarische Gesetze zü schützen." Was Heinrich Heine nur geahnt, hat der scharfsinnigste Jude der Gegenwart, Hermann Cohen, philosophisch ergründet. Wenn auch das Recht nur ein Analogon zur Ethik ist, kann Rom das Recht nicht geschaffen haben — was Rom vollbracht, war lediglich eine Kodifikation der Gewalt auf Grund der Macht des Stärkern. Und nicht mit Unrecht spottet einer der ihrigen, S t i r n e r, mit Bezug auf das Recht, das Rom zum Vater hat: „Das Recht ist eine Kodifizierung des Unrechts." Mer meist nicht aus unzureichender ethischer Grundlage, sondern wegen jener Unbeständigkeit des Mythos, die dem Menschen dem Zufall ausliefert und ihm kein Sicherheitsbewußtsein gibt, konnte ein Volk, dessen Kultur theoretisch im Mythos, praktisch im krassesten Egoismus wurzelt, nicht das Recht geschaffen haben. Recht hat Beständigkeit und das Bewußtsein menschlicher Souveränität über die Natur zur Voraussetzung. Eine Weltanschauung des Zufalls, wie es der Mythos ist, kann nicht das Recht Hervorbringen, das Beständigkeits- und Sicherheits-Bewußtsein voraussetzt. Wer der Mythos steht noch in einer andern Beziehung im Gegensatz zur Einheitserkenntnis des jüdischen Geistes. Der Mythos, indem er den Menschen auf die Vergangenheit verweist und ihm die Zukunst abschneidet, engt damit den Gesichtskreis des Menschen ein. In der Vergangenheit zeigt er ihm einen bestimniten Anfang, also eine Grenze; vorwärts zu schau«; verbietet er ihm. Dadurch kann der vom Mythos beeinflußte Mensch nicht zu einem Bewußtsein der Ewigkeit gelangen. Aber wie ist religiöses Bewußtsein ohne Scheu vor dem Unbekannten-Ewigen möglich. Die Vorstufe der Ewigkeit ist die Zukunft, aber für den Mythos gibt es keine Zukunft, der Mythos kennt keine Zukunft. Aus diesem Grunde rede ich nie von Religionen, sondern von einer Religion, von einer Religion, die jenseits vom Mythos steht. Was der Mythos schafft, ist antireligiös und vom Gesichtswinkel wahrer Religiosität eine Blasphemie. Diese Einschränkung des menschlichen Gesichtskreises durch den Mythos hat noch eine ganz andere Folge, die bis jetzt gar nicht bemerkt wurde: er führt zu einer engen autropozentrischen Anschauung, die weiter zu einer egozentrischen ausartet. Wenn cs keine Ewigkeit gibt — dann Ijat Protagoras Recht. Dann ist nicht der Mensch, sondern der Mensch das Maß aller Dinge. Das heißt egozentrisch. Und Kant, der uns Jmmoralität, Dogmatizität und materialistische Zweckmäßigkeit vorwirft, war ein Gegner und Todfeind der Sophisten. Und Kants großes Verdienst besteht darin, daß er entdeckt, der Mensch sei das Maß aller Dinge. Im letzten Grunde ist die Kantische Lehre von der Souveränität des Menschengeistes ebenso eine antropozentrische Anschauung, wie die Protagoräische eine egozentrische ist und entbehrt jedes kosmischen Charakters. Die kleinste kosmologische Einsicht lehrt uns, daß wir nicht die Herren der Schöpfung sind. Jetzt ist Kants Stellung zun: Judentum verständlich. — — — Ein nachkantischer Denker, Schelling, behauptet an einer Stelle, das Altertum habe den Begriff Ewigkeit überhaupt nicht gekannt, auch das Judentum nicht. Indes behaupten ist leichter als beweisen. Zu den Attributen Gottes, so lehrt die biblische Metaphysik, gehören 1. die Ewigkeit (M'olam w'ad olam atta el, Psalm 90, 2), 2. die Allgegenwart, d. h. die Unräumlichkeit (et Haschomajim w'et Hoorez ani mole, nöum Haschem Jerem. 23, 24) und drittens die Unwandelbarkeit, d. h. die Kausalitätslosigkeit (Hema jowedu w'atta taamod, Psalm 102, 27). Der Kieler Philosoph Paul Deussen, ein Jünger Schopenhauers, ist es. der in seinem Buche „Elemente der Metaphysik" die Stellung des Judentums zu den drei Elementen a priori erörtert und sich auf diese Stelle» in der Bibel beruft. Der sittliche Unterton des jüdischen Geistes hat sich nicht im Taumel des Werdens verloren. Er war immer der jüdischen Volksseele eine anspornende und eine antreibende Kraft. Aus dem Kampf zwischen Bös und Gut in Verbindung mit dem Willen zum Leben der kollektiven Einheit ist im Judentum jener gewaltige Optimismus erwachsen, der uns durch zwanzig Jahrhunderte Diasporalebens geführt und noch heute in uns gewaltige Kräfte auslöst. Dem jüdischen Geist ist jedes Nächtlich-Düstere zuwider, wo er schaut, ist es hell, ist Sonnenschein ausgegossen. Aber' die Theodic« war seine Wiege, also ist die Gegenwart immer schlecht, immer ungerecht; allein sein Ewigkeitsdrang treibt chn in die weiten Fernen in die Zeit, gen die Zukunft ist sein Blick gerichtet. „Und es wird in jene» Tagen sein" beginnt der Prophet. Für den Propheten aber gibt es keinen letzten Tag im Sinne eines Weltenbrandes. Also ist jener Tag nicht begrenzte, sondern die unbegrenzte Zukunft, also die Ewigkeit. Es ist eine doppelte Richtung der Betrachtung, die wir im Aufbau der Begründung und weitern Folgerung der EwigkeitsideeimjJudentum zu unterscheiden haben. Während auf der einen Seite aus der Erkenntnis der Ewigkeit das religiöse Bewußtsein in bestimmten Formen sich entwickelt, die menschliche Scheu vor dem Ewig-Unbekannten zum Inhalt religiösen Strebens und SehneM wird, bildet sie sich auf der andern Seite zur Mutter alles evolutiven Begreifens aus. Hier tritt sie auch als Analogon zum jüdischen Universalismus in die Erscheinung. Hier nur ein konkretes Beispiel. Platon und I e s a j a h sind die zwei Friedensapostel des Altertums. Aber wie verschieden erfassen unt cntwickeln diese zwei Männer eine und dieselbe Idee? Platon denkt nur an Griechenland: Die Begriffe Barbaras und Hellene sind ihm ebenso geläufig wie seinem Schüler, dem Philosophen der Sklaverei, Aristoteles. Und, wo Platon zur Idee des ewigen Friedens sich emporschwingt, wie in seinem Atlantis, da kann der Friede nur auf Kosten der Familie und der Persönlichkeit hergestellt werden. Wie anders der jüdische Prophet. Die jesajahischen Friedensvisionen übertreten alles, tvas je der Menschengeist unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit geschaut und verkündet hat. Jesajah entwirft in großen Zügen das Bild einer Idealwelt, eines idealen Zusammenlebens aller Menschen auf Erden. Sowohl in der Natur als in der Menschenwelt ist alles auf Harmonie und Frieden gestimmt. Platon entwirft in seinem „Staate" das Bild eines Jdealstaates. Das ist für den Unterschied in der Denkart der zwei Männer -bezeichnend. Der jüdische Prophet sieht den Krieg und die herrschende Disharmonie auch außerhalb der menschlichen Gesellschaft —im Tierleben. Sein Ausgangspunkt ist ein universeller. Platon geht nur vom organisierten Zusammenleben der Menschen, von der in diesem organisierten Zusammenleben herrschenden Disharmonie aus — vom Staate. Für den großen Griechen lautet die Frage „Wie muß ein Staat aussehen, der durch seine aprioristische Konstellation dem Konflikt zwischen Sein und Sollen vorbeugt? Er geht, um die Frage zu beantworten, analytisch und induktiv vor. — Der jüdische Prophet fragt nicht und antwortet nicht, sondern sein von höchster Sitllichkeit getränkter Optimismus läßt ihn ein Blld entwerfen, das nicht nur als Exempri bei der Verwirklichung des Sollens zu dienen hat, sondern ein visionär-intiutives.Erfassen der letzten Phasen der Natur und der ÄeisteSentwicklung bedeutet. Bei Platon heißt

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