Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Ente 4. Frankfurter FsraMiWS FarnUenblM. Nr. IS. jede gehässige Absicht in ALr«de zu stellen; auch der Dezernent des Armenwesens, Stadtrat Falkenberg, gab sich alle Mühe, jene Vorwürfe zu entkräften — es gelang ihnen aber nicht, zumal der Stadtverordnete Feilchenfeld gleichfalls das falsche Prinzip der Verwaltung den jüdischen Petenten gegenüber entschieden tadelte. — Schließlich schlug der Stadtverordnete Dreher vor, der jüdischen Gemeinde eine gewisse Summe, etwa 400 Mark, zu zahlen, damit diese ihre Armen selbst unterstütze. Dieser Antrag wurde auch vom Stadtsyndikus Kelch empfohlen, und der Oberbürgermeister beendete die Debatte, indem er eine Prüfung des Vorschlags zusagte. Zur Illustration der ganzen Angelegenheit möge dienen, daß die hiesigen jüdischen Einwohner an den Kommunalsteuern in Höhe von 344000 Jk mit 93000 Jk beteiligt sind. Königsberg. Zur unterschiedlichen Behandlung deutscher Juden in Rußland schreibt der „Verein der Ostdeutschen Holzhändler und Holzindustrieller": Die bessere Verwertung der russischen Landeserzeugnisse, speziell auch die Verwertung russischer Forsten leidet unter dem Verfahren der russischen Regierung. Größte deutsche Importfirmen, deren Inhaber jüdischer Religion sind, lehnen es ab, dem Ankauf 'angebotener Waldungen näher zu treten, da sie ‘ es als unwürdig empfinden, bei den unerläßlich nötigen Besuchen Rußlands gewissermaßen als deutsche Reichsangehörige zweiter Klasse behandelt zu werden. Nachdem die unterschiedliche Behandlung von Kaüfleuten jüdischer Religion in Bezug auf die Dauer deS Passes und die Hohe der Gildensteuer durch den Handelsvertrag 'aufgehoben ist, sollte die russische Regierung konsequent sein und endlich einmal allen Reisenden, sofern nur der Paß in Ordnung ist, die gleiche Gültigkeitsdauer des Passes und die gleichen Rechte in ganz Rußland zuerkennen, und demgemäß endlich verfügen, 'daß das Visum ohne Hinweis auf die Religion eingetragen wird. Dem Bemühen Rußlands, seinen Handel und seine Industrie auf eine höhere Stufe zu bringe», ist dieses Festhalten an solchen mittelalterlichen Anschauungen zweifellos sehr hinderlich. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Das Budget der orthod. Gemeinde wurde in der gestrigen Sitzung der Repräsentanten nlit 96 630 Kr. Einnahmen nnd 99000 Kronen Ausgaben festgesetzt. Czernowitz. Wegen des stark gralsterenden Flecktyphus erließ die Landesregierung eine Verordnung, die u. a. das Herumziehen von Masken oder von Personen in besonderen Kostümen und die Veranstaltungen größerer Versammlungen aus Anlaß des Purimfestes verbietet. — Das jüd. Gemeinde- und Nationalhaus, das auch eine jüdische Volksbibliothek und Lesehalle enthält, wird in Kürze eröffnet werden. — lieber „Modernejiid. Weltanschauung" sprach hier Rabbiner Dr. Markus Braude vor so zahlreichen Zuhörern, daß der große Rathaussval überfüllt war und Hunderte umkehren mußten. Er erörterte die Stellung des denkenden Menschen zu den Problemen des geistigen Lebens der Gegenwart, den Kampf zwischen Materialismus und Idealismus, monistischer Kausalität und ethischen Idealismus, Individualismus und Kosmopolitrsinus. Diese Probleme tauchen in der Geistesgeschichte des jüdischen Volkes wiederholt auf und prallen aneinander. Das Judentum bringt in seiner Geschichtsentwicklung eine eigenartige Lösung dieser Probleme im Begriff des von Gott „auserwählten Volkes". Gott ist in diesem Aedankengebilde der Begriff des ethisch Absoluten. Größt mögliche Vervollkommnung der Nation im Sinne dieses Ideals ist also das geschichtliche Ziel, das der einzelne Jude für sein Volk anzustreben hat. Diese Synthese schafft den Begriff der jüdischen Nation auf der Basis, eines ethischen Idealismus. Die Nation verkörpert sich in ihren bedeutendsten Individuen. So wird das Individuum typisch, die Nation individuell. Die Ausgestaltung dieser geschichtsphilosophischen Gcdankengänge ist historisch an Palästina, das Land, das sie geschaffen, gebunden. Rußland. Radomtfel. Eindrücke aus Kieff. — Kritische Zeiten leben wir jetzt alle. — Wo man hinblickt, herrscht die Feindseligkeit des einen gegen den anderen, und in allen Kämpfen — politischen sowohl wie wirtschaftlichen — liefern wir Juden die meisten Opfer. Und besonders wir Juden in Rußland! — Uns Juden hierzulande ist aber unser Schicksal nicht unverdient geworden; viele von uns haben gesündigt, indem sie unsere Geschichte vcrlcugneten und ihre Kinder feige dem Moloch der Assimilation hinwarsen. Zehn Tage wellte ich in Kiesf, wegen eines Ohrenleidens, und hatte so unfreiwillig Muse genug, das Leben unserer Bruder zu beobachten. In Kies findet man kaum ein jüdisches Haus, in dem nicht ein Getaufter die Familie verunziert, und man Imin behaupten, daß der Kieffer Judenheit die Katastrophe des schmählichen Unterganges droht. Die Erziehung der Jugend ist eine miserabele, kein Junge versteht das Beten, und das „Tesiliulegen" kennen sie mich vom Hörensagen nicht, denn die Väter besitze» solches unnütze Gerät nicht. Wenn einer wirklich schon ein Paar „Tefilin" hat, dann liegen sie mit Schimmel bewachsen, in der Rumpelkammer. Einen „Tallis" rcllicb hält der Kiewer eher in Ordnung, denn er ürchtet für den Tod, und ohne „Tallis" begräbt man ihn nicht. Auch «Schweinefleisch wird von diesem Geschlecht der Assimilation ungeniert gegessen. — Jetzt frage ich: wie kann eine Jugend von charakterfeste», an ihrem Glauben und an ihrem Volkstum unerschütterlich festhaltenden jüdischen Kämpfern »erzogen werde», die, allen Schicksalsschlägcn trotzend, nötigenfalls auch ihre Führer aus dem Wege räumen, unr selbst den Kampf zu führen? Am Schabbes lud bereits alle jüdischen Läden angelweit geöffnet, nicht nur die modernen Juden aus „Krschczatick" — Kiewer Hauptstraße, sondern auch auf „Podol", loo alle „Botei-Midroschim" sich befinden. — Ich frug einen Juden, den ich Schabbos früh in einer Synagoge traf und dann um 1 Uhr Nachmittags an der Türe eines Galanteriewarengeschäftes auf „Podol" sah, warum er sein Geschäft nicht geschlossen 'halte. Gott vermöge ihm doch den Verlust zu erstatten. Er erwiderte: „Gott ist nicht so reich, wir feiern den Sonntag für Schabbos wie die Berliner reformierten Inden!" I. I. Braun. Amerika. New-Uork. Das Elend im Nelv-Iorker Ghetto. — Der Inhaber eines Restaurants im Ghettoviertel hatte sich entschlossen, die hungernden Kinder, welche die in der Nähe liegenden Schulen besuchen, täglich unentgeltlich zu speisen. Der Andrang überstieg jedoch alle Begriffe, da die Arbeitslosigkeit und das Elend der armen Bevölkerung einen noch nie gekannten Grad erreicht hat. Es kam unter den Kleinen, die bewirtet wurden, zu förmlichen Schlachten, sodaß die Polizei eiugreifen mußte. Marokko. Casablanca, 8. März In der vergangenen Woche mußten hier täglich 3—4 aus Mzab kommende israelitische Familien, zusammen 100 Personen, aufgenommen werden, wodurch die Gesanitzohl auf'220 gebracht worden ist. Sie kommen alle in bedauernswertem Zustand an und Iverden ans Kosten der Alliance Jsraelite Universelle ernährt und nntergebracht. Seit einigen Tagen geht dieser Einwanderungsstrom überhaupt nicht mehr zurück. Das beweist, daß ein wahrer Auszug vom Lande nach der Mste begonnen hat. Das Schaujagebict ist durch Krieg und Fcnersbrünste von Casablanca bis zu dem Wald'von Arrar, der cs im Osten begrenzt, vollständig verwüstet. Alle Israeliten, die sich hier befanden, sind zum Teil nach der Mste gcslüchtet, zum Teil in das Innere, wo zahlreiche kleine Siedelnngen kümmerlich ihr Leben fristen. Personalien. Frankfurt a. M. Am vergangenen Sonntag waren es 25 Jahre, daß Herr F c i st S o n d h e i m e r, Lehrer und Verwalter der hiesigen Israelitischen Waisenanstalt, zu diesem Amte berufen wurde. Der allgemein hochgeschätzte Jubilar wurde zur Erinnerung an diesen Tag mit reichen Geschenken bedacht, Und zahlreiche Glückwunschschreiben und Telegramme von fern jutb nah bewiesen, welch' hoher Beliebtheit und Ansehens er sich erfreut. Die Verwaltung, sowie auch ein Komitee cheiiialiger Zöglinge hatten beschlossen, diesen Tag durch eine besondere .Feier zu begehen, zu der, dem bescheidenen, schlichten Wesen des Gefeierten entsprechend, nur die nächstbcteiligten Kreise geladen waren. Zu der A k a d c m i s ch e n F e i e r hatten sich die Vertreter der Vorstandschaft und der Verwaltung, die der Verwaltung angehörigen Ehrcndamen, die Verwandten und Bekannten des Jubilars, bic jetzigen und auch zahlreiche ehemalige Zöglinge im Festsaale der Waisenanstalt versammelt. Mit der Absjngung der „Mismaur L'ßaudo" durch den Chor der Zöglinge und dem schönen Vortrag eines herzlichen Gratulationsgcdichtes durch einen der jüngsten Zöglinge wurde die Feier eröffnet. Anstelle des Vorsitzenden der Anstalt, des Herrn Prof. Dr. Jos. Werner, dxr mit Rücksicht ans seine Gesundheit auf eine persönliche Ansprache leider verzichten mußte, sprach dann zunächst Herr Kommerzienrat Leo Ellinger dem Jubilar, unter Ucberreichung eines Ehrengeschenkes, namens der Vorstandschaft. Nach einem kurzen Rückblick auf die Amtstätigkeit des Jubilars hob»er'insbesondere hervor, daß Herr Sondheimer nnd seine zur Erfüllung seiner Ausgabe ihm treu zur Seite stehende Gattin die ihnen anvertraute Erziehung und Heranbildung der Waisenknaben nicht allein als Berufstätigkeik anfgcfaßt, sondern sich der ihrer Obhut und Erziehung unterstellten Zöglinge mit der gleichen Liebe und Hingabe angenommen haben, wie ihrer eigenen Kinder. Herr Leopold Hirs ch übermittelte dem Erzieherpaare in herzlicher, warmempfundcncr Rede die Gratulationen und Glückwünsche der ehemaligen Zöglinge, unter gleichzeitiger Verlesung einer Dankadresse, die von zahlreichen Zöglingen unterzeichnet war. Herr Smil totttieb als Gprech« sttr die in der Anialt noch befindlichen Lehrlinge bot der Frau Sondhcimer nach kurzer Ansprache ein von den Lehrlingen gestiftetes Blumenarrangement dar. Weiter folgten Ansprachen des Hilfslehrers der Waisenanstalt, Herrn Adler, sowie des Herrn Dir. Dr. Lange, der im Aufträge des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer den Jubilar beglückwünschte. Der rüsttge Jubilar dankte in kurzer, kerniger Rede. Nachmittags vereinigten sich nach 'gemeinsamen Minchah-Gebete, Pie aus fern und nah zur Beglückwünschung ihres lieben Erziehers und Vaters herbeigcströmten früheren, sowie die der Anstalt noch angehörigcn Zöglinge mit dem Jubilar und seinen nächsten Verwandten zu einem seitens der Waisenhauskasse in hochherziger Weise zur Feier des Tages gestifteten Festessen, 'dem auch Herr Michel Mainz namens der Vorstandschaft beiwohnte. Besonders 'bei dieser Feier kam die herzliche gegenseitige Freude der ehemaligen Zöglinge über das Wiederbeisammcnsein mit ihrem lieben Erzieherpaare, den Zöglingen und auch untereinander zum lebhaften Durchbruch. Herr Michel Mainz hob in einer kurzen Begrüßungsrede nochmals die außerordentlichen Verdienste des Jubilars und seiner Gemahlin rühmend hervor. Ihm schloß ich als Sprecher der ehemaligen Zöglinge Herr Siegmund Nauheim an, gleichzeitig der segensreichen Einrichtung der Israelitischen Waisenanstalt im Vergleich zu anderen ähnlichen Anstalten einige Worte widmend. Herr I u stns A h r e « d toastete auf Herrn Michel Mainz, als den Freude bereitenden und mit den Kindern sich mitfreuenden Gönner und Wohltäter der Waisenhauszöglingc. Herr Dir. Dr. Lange zog, im Hinblick auf das bevorstehende Purimfest, eine gut durchgeführte Parallele zwischen dem Verhältnis des Jubilars zu seinen Zöglingen einerseits und zwischen Mordechai und seiner Schützlingin Esther andererseits. Weitere Toaste brachten die Herren Leopold Perlmutter nnd Leopold Goldschmidt auf Herrn und Frau Sondheimer aus, in launiger Weise die Erinnerung an in der Anstalt verlebte heitere Episoden wachrufend. Der Jubilar nahm all 'diese Beglückwünschungen mit herzlichen Dankesworten aus, gleichzeitig einige von Herzen kommende eindringliche Mahnworte an seine Zöglinge richtend. Zwischendurch brachte Herr Carl Cahn die zahlreichen aus allen Himmelsrichtungen eingelaufcnen Glückwunschtelegramme zur Verlesung. Nach Verrichtung des Maariw-Gebetes blieben dann der Jubilar und die Festteilnehmer noch längere Zeit zusammen, uni zunächst gesangliche Vorträge des 'Zöglings Simon Rosenthal, der einige deutsche sowie auch einige hebräische Lieder zum Vortrag brachte, sowie einen Violin-Vortrag deS Herrn Heinebach auf sich wirken zu lassen. Weiter folgte die Aussührung eines von der jugendlichen Nichte des Jubilars, .Fräulein Helene Posen, ad hoc verfaßten Theaterstückes durch Zöglinge der Anstalt. Diese Darbietungen hielten die Festteilnehmer bis zur späten Abendstunde vcrsamnielt, wo dann eine durch den Photographen Herrn AronKatz, der ebenfalls Zögling der Anstalt war, mit Blitzlicht angestellte Aufnahme der ganze» Festcorona de» Wschluß der würdig und anregend verlaufenen Feier bildete. Berlin. Dr. Heinrich Grabower, geboren 1859 in Koschinin und seit 1884 Privatdozent für Laryngologie an der hiesigen Universität, erhielt den Tllel Professor. London. Im Alter von 34 Jahren verschied die Schauspielerin Lily Ha in bürg (Frau Herbert Guedella). — - Der Philanthrop öcntl) Louis Bischoffsheim ist gestorben.' Bischosfsheim wurde 1829 in Amsterdam als Sohn von Louis Bischoffsheim, dessen Vater Raphael Nathan Bischosfshe-m Mitglied des von Napoleon eingesetzten SanhedrinS war. geboren. Im Alter von 27 .Jahren heiratete er Clarisia Biedermann aus Wien, mit der er im November 1906 seine Goldene Hochzeit feierte, bei welcher Gelegenheit er 2 Millionen Mark für Wohllntigkeitszwecke — darunter 400 000 Mark für jüdische Institutionen — stiftete. Die bedeutendste seiner Stistuiigen ist das Daneswood Sanatorium für jüdische Lllngcilkrailke, welches er 1903 der jüdischen Gemciiischast übergab. — In Leeds starb Paul Hirsch, der angeseheildfle dortige Jude, ein Mann, der in zahlreichen jüdischen und allgemeinen Institutionen in leitender Stelle tätig war. Hirsch wurde vor 73 Jahren in Waren (Mecklenburg) geboren. Basel. Die Kammersängerin Felicia Kaschowska am Hoftheater in Darmstadt, rief hier bei ihrem Auftreten in einen» Symphonie-Konzert gradezu Stürme der Begeisterung hervor. Felicia Kaschowska wurde in Warschau als Tochter .des Oberkantors Simon Grützhändler geboren. Sie gilt als eine der hervorragendsten Interpreten Richard Wagners. Alexandrien (Eghvten). Gustav Valentin, Chefarzt des jüd. Spitals und Mitglied des Stadtrates, Maurice Romano Bey, Direktor der Landesbank und Inspektor der Jüd. Knabenschule, und Rudolf S t r o ß, Administrator des Jüd. Spitals, erhielten vom Bizekönig Ordensauszeichnungen.