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Neue jüdische Presse · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13. 0 leuiffefon. 0 Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Ter Prior lustwandelte eben mit seinem jungen Gaste in den schattigen Laubgängen des Klostergartens, als ein Mönch atemlos auf ihn zneilte, ihm mitzuteilen, daß ein vornehmer Herr, der in einer königlichen Equipage vorgesahren, ihn zu sprechen wünsche.! „Das' kann nur etwas Gutes sein, hochwürdiger Vater," sagte sein Bruder, „denn wer nichts Gutes bringt, fährt nicht in einer Hofequipage vor." Der Prior zuckte die Achseln, entschuldigte"sich flüchtig bei seinem Gast und begab sich in das Sprecnzimmer, wohin man ben Kammerherrn geführt hatte. Die Herren verneigten sich vor einander, und der Fremde begann sofort, sich als Kammer Herrn Seiner Majestät des Königs vorznstellen. „Was verschafft mir die hohe Ehre?" fragte der Prior, indem er mit einer Handbewegung den Andern aussorderte, sich zu setzen. „Ich komme nn Auftrag Seiner Majestät, euch hochwürdiger Herr, mitzuteilen, daß Seine Majestät euch zum Beichtvater Ihrer Majestät der Königin ernannt hat. Das Dekret wird euch dieser Tage zugesteUt werden." Der Prior verneigte sich tief. „Ich fühle mich hochgeehrt durch die Gnade «seiner Majestät und sage auch euch meinen verbindlichsten Dank für die gütige Mitteilung." „Zu der hatte mich Seine Majestät verpslichtct und auch dazu, euch zu ersuchen, sofort euer hohes Amt antreten zu wollen. Ihre Majestät ist nämlich schwer leidend und zwar. dem Anschein nach noch niehr seelisch als körperlich. Die Strapazen der gestrigen Feier scheinen für die zarte junge Fürstin zu viel gewesen zu sein, und dann das Gewinsel jener frechen Jüdin, die es gewagt hat, sich diekrt an unsere jugendliche Königin zu wenden — Ihr werdet es gehört haben — Schade, schade, daß man die freche Brut nicht heute nochmals verbrennen kann." „Das ist allerdings nicht möglich," entgegucte der Prior mit bleichen zuckende» Lippen, „doch wollet mir gesälligst sagen, was von mir gewünscht wird." „Seine Eminenz der Kardinal hat eure seltene Beredsamkeit gerühmt, der so leicht keiner widerstehen könne, darum hofft Seine Majestät, daß es eurem Zuspruch gelingen werde, dem zart besaiteten Gemüt der jungen Fürstin Ruhe Und Frieden wieder zu geben." „Ich werde mein ^Möglichstes tun, dem mich hochehrenden Vertrauen «seiner Majestät zu entsprechen. Wollet mich nur einen Augenblick entschuldigen, ich bin sofort bereit." Er begab sich schnell in sein Zimmer, um einige kleine Aenderungen an der Toilette vorzunehmen und trat nach wenigen Minuten wieder in oas Sprechzimmer. „Wenn es euch jetzt gefällig ist — ich bin bereit." Die Herren begaben sich hinaus zum Wagen und stiegen ein, der Kammerherr ließ dem Geistlichen den Vortritt. Der Prior hatte sich in eine Wagsnecke gelehnt und war froh, als das Gefährt sich in Bewegung setzte und das laute Rassel» 'der Räder auf der holperigen Straße eine Unterhaltung unmöglich machte. — Zwar war er hocherfreut iiber die ihm zuteil gewordene Auszeichnung; doch was von ihm erwartet wurde, das ivußte er selbst nicht, da er nie in diesen hohen Kreisen verkehrt hatte. Das Herz schlug ihm bis hoch zuin Hals hinauf. — Würde es ihm gelingen? Würde er entsprechen? — Man hatte die Stadt sehr bald erreicht. Run wurde das Gerassel noch lauter, und obgleich die Equipage in Federn hing, die Erschütterung, daS Hin- und Hergestoßenwerden war nichts weniger als angenehm. Dennoch hätte er noch lange so fahren mögen, um nur nicht allzubald das Ziel der Fahrt zu erreichen. Doch auf seinen Wunsch kam es nicht an, — sie hatten den königlichen Palast erreicht, und der Wagen hielt vor der Einfahrt. Ein Lakei eilte dienstbci slen herbei, öffnete den Schlag und wollte auch > ::i Geistlichen beim Aussteigen behilflich sein. Dieser wehrte jedoch dankend ab und verließ ohne «Stütze den Wagen. Der Kammerherr war sofort, an seiner «seitr und geleitete ihn in das Innere des Schlosses. . Wenn nur das laute Pochen seines Herzens hätte Nachlassen wollen, er glaubte oft, seine Umgebung müsse es hören. Doch je mehr Leute ihnen begegneten, je öfter er die hochachtungsvollen Verneigungen erwidern mußte, desto ruhiger ward er. Der Kammerherr hatte ihn in ein Zimmer geführt und einen der Bedienten beauftragt, der diensttuenden Palastdame Ihrer Majestät mitzutcilen, daß der hochehrwürdige Beichtvater Ihrer Majestät bereits anwesend sei. Gleich darallf erschien die Palastdame, begrüßte den Erwarteten und teilte ihm mit, daß Ihre Majestät sich nach seinem Zuspruch sehne und Frankfurt« MrMWM MmWeMakt. Seite 5. in Erwartung desselben bereits bedeutend ruhiger geworden wäre. Dann forderte sie ihn aus, ihr zu folgen und geleitete ihn in das Boudoir der Königin, die auf einer Causeuse ruhte. Die Palastdame stellte ihn vor: „Der hochwürdige Pater Giakomo, Prior des Benediktinerklosters, Beichtvater Eurer Aiajestät." Die jugendliche Fürstin war von überaus zarter Statur; ihr blasses schmales Gesicht ermangelte zwar eines bestimmten 'Ausdruckes, war jedoch trotzdem nicht unsympathisch; wirklich schön war jedoch nur ihr großes dunkeles Auge mit dem überaus sausten 'Ausdruck, das jetzt forschend die stattliche Figur des vor ihr stehenden Geistlichen streifte, dem sie freundlich zunickte. Dann flüsterte sie der Kammerfrau einige Worte zu, die sich gleichzeitig mit der Palastdame entfernte, um im anstoßenden Zimmer des Rufes ihrer königlichen Herrin zu warten. Jetzt erst tvandtc sie sich wieder an den Geistlichen. „Wollet näher treten, hochwürdiger Vater, und euch setzen — ich müßte sonst laut sprechen, uni von euch gehört zu werden — das aber möchte ich heute nicht — ich fühle mich noch sehr angegrisfeu." Der Prior entsprach der ihm gewordenen Aufsorderung, indem er sagte: „Wollen sich Euer Majestät nur nicht anstrengen, ich habe ein scharfes Gehör." Sie atmete tief auf und begann nach kurzem Zögern. „Ich sah euch gestern auf der Richtstütte. — Ihr habt vier unbußsertige Sünder durch eure Beredsamkeit bereuen gemacht — habet ihnen dadurch die grauenvolle Qual des Feuertodes erspart — habet ihnen durch eure Leute den Gnadenstoß versetzen lassen, durch den sie rasch und schmerzlos ihre Sünden gebüßt habe» — und dann sah ich euch mit eigener Hand den dunkeln Brennstoff über ihre Leichen ausgießen — wodurch sie in unglaublich kurzer Zeit verkohlt waren." — Sie hatte überaus leise gesprochen, er hatte sie dennoch verstanden, denn mit ungehaltenem Atem lauschte er ihre» Worten — Herr des Himmels! — Wo hinaus wollte sie? „Saget mir, hochwürdiger Vater," fuhr sie noch leiser fort, „seid ihr denn in Wirklichkeit überzeugt, daß jene Unglücklichen der ewigen Seligkeit teilhaft geworden sind?" „Davon bin ich fest überzeugt, Majestät," erwiderte er mit tiefenl Ernst. Sie atmete tief auf, wie von schwerem Druck befreit, gleich darauf aber fuhr sie zusammen, wie ein Schauer überfiel es sic, alle ihre 'Glieder zuckten. „Aiajestät scheinen sich nicht wohl zu fühlen, dürfte ich vielleich tdie Damen herbeirufen?" „Nein, nein, nein!" flüsterte sic, heftig den Kopf schüttelnd, „euch — euch allein will ich sprechen — nur zu euch habe ich Vertrauen — ihr seid anders als die Andern — Saget mir vor allem das eine. — Ist Mitleid mit gemarterten Ketzern eine Todsünde?" „Nein!" erlviderte der Prior mit Besliinmtheit, „Gotr ist die Liebe, und die Liebe zu seiner Kreatur, das heiligste Gefühl, das er selbst in des Menschen Brust gelegt, ist eines seiner heiligste» Gebote. Mitleidei: ist jedoch nichts anderes als - Liebe — ivie könnte das «Sünde sein?" „Man hat es mir gesagt," stammelte die Königin, auf's neue in sich erschauernd, „ich wähnte, dafür nimmer Absolution erhalten;u können — denn ich kann's doch nicht ändern! — ich kan» mir nicht Helsen! — Mit geschlossenen Augen sehe ich unablässig die hochlodernden Flammen — sehe in ihnen die unglückseligen «Sünder sich winden in grauenvollen Qualen." „Majestät! —" stammelte der Prior, indciu er jicy unwillkürlich erhob, während Leichenblässe sein Antlitz überzog — «Sie blickte zu ihm empor, sah es zucken in seinen fahlen Zügen und atmete ivie erleichtert tief auf. „Jetzt bin ich ruhig," sagte die junge Fürstin in völlig verändertem Ton. „Ihr seid Priester, der Großinquisitor selbst hat euer» Glaubenscifer gerühmt — und wenn ihr euch dennoch des Mitleids mit den Gerichteten nicht erwehren könnt. — Ihr werdet mir Absolution erteilen, das bin ich sicher. — Aber wenn ihr überzeugt seid, daß auch jene, die durch eure Leute rasch und schmerzlos in's Jenseits befördert worden sind, daß auch sie, wie es auf eurer Fahne hieß, in das Himmelreich eingegangen — so hättet ihr auch die andern durch euern Zuspruch zur Reue bewegen sollen, auf daß alle wie jene vier —" „Majestät, ich bin nicht Glaubensrichter, Seine Eminenz der Großinquisitor hat mir nur mit vier Armesündern den Versuch gestattet, sie zur Rene zu bewegen." „Wer Ihr solltet Glaubensrichter sein, und Ihr sollet und Ihr müsset Großinquisitor werden, ich werde alles aufbieten —" „Verzeihung Majestät, das ist nicht möglich, das Glaubcnsgericht ist den Dominikanern übertragen, ich bin Benediktiner." „Wäre das ein unüberwindliches Hindernis? — Wenn es mir gelingen würde, tiieinen königlichen Gemahl zum Einschreiten zu bewegen —" Der Prior schüttelte des Kopf. „Das heilige Officium untersteht seiner Heiligkeit dem heiligen Vater in Rom. — Und überdies — selbst wenn mir jenes hohe Akut *ünrt*«§en werden sellte — D Mlßke «dlehnen —" „Ablehnen?" wiederholte die Königin gedehnt, „und warum das? — Ihr machet den Eindruck, als wünschtet Ihr die Menschheit zu beglücken, und als Großinquisitor — wie segensreich könntet Ihr wirken." Er schüttelte abermals den Kopf, und seine Stimme war seltsam verschleiert, als er erwiderte: „Der Großinquisitor, der im «sinne Euerer Majestät segensreich wirren wollte, würde sehr bald von der Bildfläche verschwinden." Die Königin atmete schwer auf Und blickte sinnend vor sich nieder. Nach kurzem Schweigen sagte sie leise: „Ihr möget recht haben — Ihr habt keine Freude an lohenden Scheiterhaufen, an zuckenden Menschenleibern, an jammernden Klagelauteu —" In sich erschauernd hielt sie inne und barg das zuckende Antlitz in den Händen. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wohack HatUolgei, . Hofjuweiicr, Kälseistr.l, Frankfurt a.M. Inhaber: JS/T WeLll&LTl. Perlon* Juwelen* Gold waren. ■ — Auf Wunsch Auswahlsendungen. — Worheu-KatenSer. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 21. März (= 18. Adar scheni): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a M. 7 Uhr 25 Min., in Berlin 7 Uhr — Min. Wocheuabschnitt: Z aw. Es wird von den beständigen Altarfeueru, von besonderen Arten von Speiseopfern, von Len Vorschriften für das Sündopfer, Schnldopfer, Fnedcnsopfer und Dankopser berichtet. Zeit und Reinhcitsvorschrift für den Genuß der Opferteile. Unerlaubte Genußstücke. Einkleidung und Weihe der Priester für ihren heiligen Dienst. (AehnlicheS in Tezaweh) Salbung mit Olivenöl, siebentägiger Aufenthalt im Vorhof des Stiftszeltes. Zugleich ist dieser Samstag Schabbos-Parschas- Poro, b. h. der Sabbat, an dem der Abschnitt von der roten Kuh verlesen wird (4. B. M., Kap. 19). Es ist ein Abschnitt rätselhaften Inhalts. Wir hören von einer vollständig roten Kuh, die als Sühnopfer geschlachtet werden sollte, um dann zu Asche verbrannt zu werden. In den Brand warf man Zedernholz, Ysop und Karmcsinfaden. Die Asche wurde in verschiedenen Urnen ausgehoben. Wenn nun jemand an eine Leiche rührte, oder an ein Grab, an Leichenknochen, an Leichenstaub, an Gefäße, die mit Toten in Berührung kamen, oder wer mit „einer Leiche unter einer und derselben Bedachung geweilt, der war „toure" (unrein) mindestens 7 Tage. Er wurde vom Priester „cntsündigt" oder gereinigt: man füllte ein Gefäß init Quellwasser, mischte darein von der Asche der roten Kuh und besprengte mit dieser Mischung vernrittelst Ysop-Stengelchen den „Unreinen" am 3. und 7. Tage. Erst dann war der Genuß gewisser Opfergaben oder der Eintritt in's Heiligtum gestattet. (Im Sinne dieses Gebotes gelten wir heutzutage alle als „llnreine", da wir kein Sprengwasser besitzen!) — Das Gebot der roten Kuh gehört zu den sogenannten „Chuckim", Satzungen von denen tvir keine» Grund wissen. Nie auch werden wir den wahren Grund erfahren, alle Erklärungsarten bleiben nur Versuche. Die Verordnung führt an das größte Problem unseres Daseins: Leben und Tod. Dunkel, wie unser Kommen und Gehen bleibt das Poro-Gesetz mit seinen eigentümlichen Vorschriften, die alle in der mündlichen Lehre näher erklärt werden. So z. B. wurden alle „tome" (unrein), welche die rote Kuh bei der Opferung behandelten und doch 'machte man mit der Asche Unreine rein! Das Jauzer dieses Sabbats spricht davon, enthält auch einen schönen Vergleich mit der Sünde des goldenen Kalbes. Warum wird der W schnitt jetzt verlesen? Israel sollte am Eres Pesach das Pesachlamm schlachten. Da sollte jeder rechtzeitig die Reinigung durch „Sprengwasser" vornehmen, falls er tome geworden, also nicht das Heiligtum betreten kann. Ittr Anskünfte! über Vermögens-, Vamülena. geschaftsrerhaltnlsse. Beobachtungen, Ermittelungen an allen Pl&tzen der Welt. Grosse DeteetlT*Zentrale!!! Telephon 4359. Salzhans 6, I, W Dsinpf-Wascöaflstalt 5^311 pnfnhw Paul&Co„B.in.li.H. WJUIU5UIIMI Telephon 1866. Hardenbcrgstraese 9.

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