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Neue jüdische Presse · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Bez. Heidelberg- Lt»dt: Rentier E r n st Carlebach gegen Hauptlehrer Müller mit 12 Stimmen Majorität. Bez. Mannheim: Rechtsanwalt Tr. St ad eck er ohne Gegenkandidat. Fabrikant EduardBauer gegen Synagogenrat Sally Reis. Bez. Karlsruhe: Rechtsanwalt Tr. Lewis (Zionist) gegen Rechtsanwalt Tr. Bieleseid und Kaufmann Wilhelm Baer gegen Kaufmann Fuchs, beide mit 222 gegen 143 Stimmen. Bez. Breiten: Fabrikant M a x L ä m l c - Breiten gegen M. Heinsheimer-Eppingen mit 141 gegen 35 Stimmen. Bez. Mosbach: Nathan Rothschild- Mosbach gegen Simson Oppenheimer - Neckarbischofsheim mit 180 gegen 130 Stimmen. Bez. Wertheim-Tauberbischofsheim: Jnstitutsvorsteher Tr. Phil. Jonas Simon-Heidelberg (Zionist) gegen Rechtsanwalt E. Spiegel-Tauberbischofsheim mit 219 gegen 79 Stimmen. Diese Zahlen sind keine vollständigen, da verschiedene Meldungen noch nicht vorliegen; sie mögen sich daher etwas verschieben, ohne aber das Gesamtbild wesentlich zu beeinflussen. Es wurden 15 Gebetbuchgegner gegen 6 Gebetbuchfreunde geivählt. Die Wahl der 5 geistlichen Abgeordneten findet erst am 22. März ihren Abschluß. Bon 21 weltlichen Abgeordneten, die am 15. März geivählt wurden, sind 15 Gebctbuchgcgner; mithin ist den Gebetbuchgcgnern in jedem Falle die Mehrheit in der Synode gesichert. Wie sehr der Ausgang der Wahlen die gesamte deutsche Judenheit interessierte, beweisen uns die zahlreichen Glückwunschtelegramme und -briefe, die nicht nur aus Baden, sondern aus dem ganzen Deutschen Reiche und aus dem Auslande bei uns einlaufen. 8. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wir erhalten vom Hilfsv er ein der Deutschen Juden die folgende Zuschrift: Als Herr Dr. Nathan m I e r u s a l e m war, I)at er in Ilebereinstiminung mit dem geschäftsführeuden Ausschuß des Hilssvercins der Deutschen Inden zur Linderung der bestehenden Not sowohl der sephardischen wie der aschkenasischcn Gemeinde Beträge überwiesen, lieber die Verwendung der für diese Zwecke gespendeten Gelder erhielt nunmehr der Hilfsverein der Deutschen Inden den nachstehenden Brief ans Jerusalem: „Indem wir Ihnen für die erwiesene Wohltat unseren tiefsten Dank aussprechen, gestatten wir uns Ihnen Bericht über die Verwendung des Geldes zu erstatten. In Anbetracht der bevorstehenden Teuerung beschlossen wir, von auswärts Mehl zu beziehen und in ausreichendem Maße Weizen zu kaufen, um dem Notstand, soweit uns dies möglich, vorzubengen. Wir trafen daher ein entsprechendes Abkommen mit der Anglo-Palestine-Company, die uns die nötigen Summen.vorstreckte. Die dafür gekaufte Ware sollte zur Verfügung der Anglo-Palestine-Company stehen; wir garantierten ihr für 25% des eventuellen Verlustes. Es ist uns auf diese Weise gelungen, bis 250 000 Kilo Mehl und 63 000 Kilo Weizen im Werte von 150000 Frs. anzuschaffen. Durch dieses Verfahren hatten wir den doppelten Vorteil, daß "wir das Mehl unter den Marktpreisen verkaufen konnten, der Weizen aber blieb uns für den Pesach- Bedars; wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte sich unsere Gemeinde gezwungen gesehen, wenigstens das Zweifache für Mazzoth zu bezahlen. Der Schaden, der uns durch diesen billigen Verkauf erwuchs, konnte nur durch die uns zugegangenen Zuwendungen und Spenden gedeckt werden. Die ganze Stadt ist uns jetzt sehr dankbar, da wir durch unser Eingreifen die Möglichkeit eines Preisaufschläges auf 'Lebensmittel verhindert haben. Besonders sind uns die Aerinsten unserer Stadt sehr dankbar, da sie zum Teil, wo es nötig war, Lebensmittel ganz umsonst erhielten." Der ehrwürdige Rabbiner Samuel Galant fügt dem Schreiben noch das Folgende hinzu: „Auch ich spreche Ew. Hochwohlgebore» für die große Wohltat im Namen meiner bedrückten Glaubensgenossen meinen tiessten Dank ans." Frankfurt a. M. Das Cheder in der Bären st raße. — Ein in mancherlei Hinsicht bemerkenswerter Prozeß spielte sich vorigen Freitag vor dem Schöffengericht, Vorsitzender: Amtsgerichtsrat Rückert,ab. Fränlem BerthaPaPpenheim, Frankfurter FsrarWWrK FamilierÄM. die bekannte Führerin auf dem Gebiete jüdisch-sozialer Tätigkeit, hatte ini Verein „Weibliche Fürsorge", veranlaßt durch die Gründung des orthodoxen jüd. Fraucnvereins, den Ausspruch getan, dieser neue Fraucnverciu habe genug Arbeit zu leisten, sie verweise ihn nur auf das „Cheder in der Bärcnstraße", und das Lehrerkollegium der Israel. Volksschule in der Bärenstraße hatte daraufhin die Beleidigungsklage angestrengt. Die Angeklagte erklärte, daß ihr eine Beleidigung der Lehrer ferngelegen hat, sie habe mit dem Ausdruck „Cheder" nur die Schule im Verhältnis zu den städtischen Schulen und den Geist, der in ihr herrsche, charakterisieren wollen. Herr Lehrer B. S t e r n als Vertreter des Lehrerkollegiums erklärte, daß die Lehrer nur deshalb zur Klage geschritten seien, ivcil Frl. P. sich schon einmal im gleichen Sinne geäußert hatte. Der Unterschied zwischen der Israel. Volksschule, die unter Aussicht der Regierung steht, und den städtischen «chulcn bestehe nur in der Tendenz und nicht in deni Lehrplan, der genau der gleiche ist. Frl. P. habe gesagt, der neue .Frauenverein finde ein Feld sür seine Tätigkeit in dem „Cheder in der Bärenstraße, das aus Mangel an Geldniittelu nur minderwertige Lehrkräfte hat." Das Wort „Cheder" sei sür eine deutsche Schule eine Beschimpfung. Frl. Pappen heim erwidert, daß sie nur von der Minderwertigkeit der Schule, über nicht der Lehrer gesprochen habe. Die Schule müßte, da sie von Knaben und Mädchen besucht wird, 2 mal 8 Klassen haben, sie habe aber nur 7 Lehrer und sei nur 6 klassig. Auch sei die Schule mit den: Hebräischen überbürdet und erhebe — im Unterschied zu den städtischen Volksschulen — Schulgeld. Herr Lehrer B. Stern zeigt die Unrichtigkeit der P.'schen Ausführungen. Die Rechnung sttmme nicht, da Knaben und Mädchen zusammen erzogen werden; auch sei die Schule vom nächsten Jahre ab eine 7klassige. Der Religionsunterricht verlange nicht mehr Stunden, als jüdische Kinder, die eine städtische Simultanschule und die Israel. Religionsschule besuchen, genießen. Bon armen Kindern werde kein Schulgeld erhoben. Es werden die Zeugen Herr Dr. Löffler, Frau Johanna Stern und Frau Sophie S ch w a r z s ch i l d vernommen. Herr Dr. Löffler kann sich des inkrimierten Ausdrucks nicht mehr erinnern, Frau Johanna Stern hat den Ausdruck gehört, jedoch mar ihr die Bedeutung des Wortes „Cheder" unbekannt, und Frau Schwarzschild hat den Ansdruck als etwas Verächtlichmacheudes empfunden. Fräulein Pappen heim will eine Erklärung, daß sie eine Beleidigung der Lehrer nicht beabsichtigt habe, abgeben, aber nicht die Kosten tragen, da sie sich schuldlos fühle. Sie habe die klerikale Gemeinde- Politik der Israel. Religionsgesellschaft, die wohl Geld für eine große Synagoge, aber nicht für eine Schule habe, treffen wollen. Sie sieht in dem jüdischtraditionellen Unterricht eine Hemmung für das spätere Fortkommen der Schüler ini Leben und glaubt deshalb — als eine Persönlichkeit, die ihr ganzes Leben iu den Dienst sozialer Arbeit gestellt hat —, das System der Schule bekämpfen zu müssen. Nach den Plaidoyers der Rechtsanwälte zieht sich der Gerichtshof zurück, und als er nach 10 Minute» wieder erscheint, verkündet er die Freisprechung der Angeklagten und die Aufbürdüng der Kosten den Privatkläger», da die Behauptung der Angeklagten, daß sie nur das System der Schule charakterisieren wollte, nicht widerlegt worden'ist. Wir nannten den Prozeß: in mancherlei Hinsicht bemerkenswert. Da ist vor allen Dingen der glühende Haß gegen das 'traditionelle Judentum, der aus den Worten Fräulein Pappenheims sprach. Dieser Haß einer geistig und moralisch so hochstehenden Dame, die ihr ganz Leben selbstlos und aufopferungsvoll jüdischen Individuen gewidmet hat, denen doch als Juden die sittlichen Lehren des Judentums — zu diesen gehört auch das von Frl. P. so sehr verurteilte Nichtschrcibe» am Sabbat — heilig sind oder wenigstens sein sollen, dieser Haß muß in dem jüdischen Wirken dieser Dame schädlich wirken, denn er legt Zeugnis ab von einem Nichtverständnis der Welt- und Lcbensanschannng des Judentums. Wir sehen hier wieder einmal — cs kommt leider nicht selten vor —, wie ein prächtiger Mensch im Dienste der Judenheit wirkt, ohne in sich die eigentlich selbstverständliche Verpflichtung zu fühlen, in die Gedankengänge des Judentums öinzudringcn. Es gehört das zu den Unbegreiflichkeiten, die auf dem Boden eines assimilierten Golnsjudentums blühen. Dieselben Leute, die in ihrer Eigenschaft als Deutsche die deutsche Literatur zum Gemeingnte der deutschen Gesamtheit machen möchten, sind nicht allein tatlos, sondern opponieren sogar, wenn es sich darum handelt, als Juden dem jüdischen Geistesleben das gleiche Recht zu gewähren. Da kommt bei ihnen der kühle Rationalismus zur Geltung und ruft: Wir und unsere Kinder haben keine Zeit für die Pflege des spezifisch Jüdischen! Sie bedenken nicht, daß der kiihle Rationalismus die Taufe empfiehlt, denn schon der Name Jude hindert auf dem Lebenswege. Fräulein Pappenheim ist eine Feindin der Taufe; wie kann sie es da verantworten, die hebräische Sprache Seite 3 und die Eabbatbeoöachtung zu bekämpfen, auf deren Boden nur die Erhaltung des Judentums möglich ist? Fräulein Papenheim erblickt im Unterricht der jüdischen Gegenstände etwas Reaktionäres; allein t% wird doch niemand einfallen zu behaupten, daß die Verbreitung der deutschen Werte reaktionär ist; es sei denn, daß die jüdischen Werte minderwertig sind. Doch ein jeder, der das Judentum kennt, weiß, daß die jüdischen Werre im höchsten Grad ethisch und demokratisch sind. Es ist eben ein Irrtum vieler unserer Liberalen, das Judentum als starres Dogma hinzustellen. Und noch eines hat der Prozeß wieder einmal vor die Oefsentlichkeit gezerrt: die ungenügende materielle Lage der Israel. Volksschule, die freilich nur in den Gehalt- und Pensionsverhältnissen ihrer Lehrer zum Ausdruck kommt, während — es sei hier noch einmal hervorgehoben — die Leistungen der Schule nach dem Urteile der Vorgesetzten Behörden durchaus vollwertige sind. Wir verkennen nicht die Tatsache des bis zur Grenze der Leistungsfähigkeit belasteten Etats der Israel. Religionsgesellschaft, — aber hier muß dennoch endlich einmal eine einer solch' bedeutenden Gemeinde würdige Aenderung geschaffen werden! Franksurt a. M., 19. März. Der Hilfsderein der Deutschen Juden schreibt uns: Ter Telegraph hat bereits die Nachricht von dem großen Brande am vergangenen Freitag in der Vorstadt Haskoei von Konstantinopel gebracht. Auf Grund von Nachrichten, die der Hilfsvercin erhalten hat, kam das Feuer um 1 Uhr mittags in einem Spezereigeschäst in der Naftalistraße zum Ausbruche. Im Nn stand das ganze Viertel, das überwiegend aus Holzhäusern besteht, in Flammen, sodaß die Feuerwehr von Haskoei keine Hilfe bringen konnte — und dies um so weniger, als gerade ein starker «üdwind einsetzte. Erst gegen 5 Uhr nachmittags gelang es, an einigen Stellen des Feuers Herr zu werden, das in anderen Straßen noch stundenlang weiter wütete. Tie Rettungsarbeiten wurden geleitet von Raschid Pascha, dem Präselten, und von Hasdi Bey, dem Gouverneur von Pcra. Zum ganz überwiegenden Teile sind es Israeliten, die vielfach ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Auf Befehl des Sultans wurden die geretteten Effekten der Betroffenen unter militärischen Schutz genommen, die Obdachlosen selbst wurden zunächst in Synagogen unkergebracht. Ihre Zahl beträgt 5028. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat zur Linderung des furchtbaren Unglücks und zur Beschaffung von Brot zunächst 1000 Fr. telegraphisch nach Konstantinopel übersandt und er hat sich an alle großen jüdische» Organisationen mit dem Vorschläge gewendet, durch Einsetzung eines gemeinsamen Komitees in Konstantinopel in rationeller Weise eine Hilfsaktion in die Wege zu leiten. Die Schulen des Hilssvercins der Deutschen Juden sind glücklicherweise unversehrt geblieben. Berlin. Nach Telegrammen, die der Hilfsverein der Deutschen Juden erhalten hat, ist Haskieu, eine der Borstädte Konstantinopels, zum großen Teil abgebrannt. 500 Häuser sind in Asch e gelegt, 4000 Personen sind ohne Obdach. Auf Grund dieser Nachrichten hat der Hilfsverein der Deutschen Inden feinem dortigen Komitee für erste Hilfeleistung einen Betrag von 1000 Frs. telegraphisch zur Verfügung gestellt. München. In einer der jüngsten Sitzungen des Landtages.geriet der sehr klerikale Kultusminister Dr. AntonRitter von W e h n e r in Aufregung, weil wieder einmal an seine jüdische Abstammung erinnert wurde. Auch Ltaatsrat Dr. Wilhelm von H e n l e, der stellvertretende Justizministcr, ist jüdischer Abstammung. Zwei seiner Brüder, von denen der eine Geheimer Rat, der andere Regicrnngsdircktor war. blieben Juden. Hamburg. 16. März Hochherzige Stlf. n n g. — Aus Anlaß seines morgigen 70. Geburtstages stifteten Moritz War bürg 75 000 *Kl und seine Söhne 100000 JL zum Bau eines neuen Gebäudes sür die Tnlmud-Thvra-Recrls ch n l e. Der Jubilar ist Vorsteher der Deutsch-Israelit. Gemeinde, Vorsitzender des Vorstandes der Talmud- Thora-Realschule und des Israelit. Waisenhauses und Mitglied des Ausschusses der Reichsbank, des Kuratoriums der Hamburger wissenschaftlichen Stiftung und des Vorstandes der Philharmonischen Gesellschaft, — ein Zeichen seiner mannigfaltigen Betätigung im Dienste der Gesamtheit, der sich nun seine Stiftung würdig anreiht. Thorm. In der Stadtverordnetenvers a m nt l u n g entstand bei der Etatsberatung eine interessante Debatte über die Unterstützung jüdischer Aumen durch die Stadtgemein o e. Der Stadtverordnete D. W o l s f behauptete, daß die jüdischen Armen nicht gleichmäßig mit den Armen anderer Konfessionen behandelt werden. Bon den in den Etat eingestellten 38 000 Mark werden an die jüdischen Armen im ganzen nur 350 Mark ausgegeben. — Der Oberbürgermeister Dr. K e r st e n suchte zwar

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