Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Aeite 2. frankfurter Israelitisches KunilteMatt. Sk. 12. Gar siegeSsicher war die Reform in den Kampf gezogen, die ganze Judenheit glaubte sie erobert zu haben, und mit Befriedigung vermeinten ihre Führer auf ihr Werk, die modernisierte, entnationalisierte „mosaische Konfession" blicken zu köimen. Doch schnell war dies Flackerseuer erloschen; Taufen, Mischehen und die absolute Indifferenz der jüdischen Massen war die Frucht solches entjudeten Judentumes. Es soll hier nicht versucht werden, eine Entstehungsgeschichte des Zionismus zu schreiben, nicht untersucht werden, wie weit das Fiasko der Reform, die unvollendete Emanzipation und der wiedererstandene alle Judenhaß den Zionismus gefördert haben. Sein Wesen ist doch sicherlich das zum Willen und zur Tat gereifte Gefühl, welches in den Herzen der meisten Juden schlummert, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, empfunden selbst von denjenigen, welche es oft sozialer oder anderer Vorteile halber verleugnen möchten. Wie aber traf uns gesetzestreue Jude» das zionistische Programm? In Trauer und Sorge hatten unsere Väter dem Abfall vom überlieferten Judentumc, der Reform, gegenübergestanden, und ängstlich bemühte man sich, wenigstens den kleinen Kreis dem Gottesgesetze zu erhalten. Erst die Acra Bcrnays, Hirsch, Hildcsheinier u. a. nahm den offenen Kampf auf, und als nach Jahrzehnten der übermütigsten Intoleranz und Gehässigkeit, mit welchen das Reformjudentum die jüdische Orthodoxie Lbergossen hatte, die Phrasen des „Modernismus" ihre Werbekrast verloren hatten, da stand die Orthodoxie „markvoll und frisch" vor aller Welt. Als damr der Zionismus seinen Werberuf an das jüdische Volk ergehen ließ, da erweckte er freudiges Erstaunen, aber auch begreifbares Mißtrauen in den Herzen der gesetzestreuen Juden. Mißtrauen mochten wohl alle die empfinden, welche nicht vergessen konnten, wieviel trotzigen Haß und Spott entfermdete Judensöhne auf ihre „altmodischen, zurückgebliebenen" Stammesbrüder ergossen hatten und wie man sich nicht begnügt hatte, allein abzufallen, sondern auch jedem Juden das Festhalten am überlieferten Judentum unmöglich machen wollte. Doch aus allen Ländern strömten auch gesetzestreue jüdische Männer herbei, welche aus dem Programme des Zionismus nicht nur die nmteriellc Verbesserung des jüdischen Volkes erhofften, sondern auch zuversichtlich glaubten, ihr geistiges Ideal, Tauroh hakedauschoh, im Zionismus für das Gesamt-Judentum fördern zu können. Hatten die Männer der Reform das Wort „Zion", den Gedanken an Jerusalem, an eine Wiedersammlung des jüdischen Volkes ängstlich aus Gebet und Gedanken entfernen wollen („well sie ihr Geburtsland als alleiniges Vaterland betrachteten"), so war es der Zionismus, welcher in gehobener Begeisterung an die große geschichlliche Vergangenheit anknüpfen und zu einer würdigen Zukunft hinlciten wollte. Hatte die Reform es so weit getrieben, eine „Deutsch-jüdische Kirche" zu gründen, aus welcher die jüdische Sprache verbannt ward, so betonte der Zionismus feine Liebe und Anhänglichkeit an die alte hellige Sprache des jüdischen Volkes. Hatten geistrcichelnde, entartete jüdische Kreise Licht, Freude und Lebensgeschmack nur ' in fremden Lagern zu erblicken vermocht, so schien der Zionismus den jüdischen Bolksmassen die uralte, segenspendende Kultur, die heiligen, tiefsinnigen Gebräuche und Sitten des Judentums vor Augen halten zu wollen. Hatte die Reform und die Interesselosigkeit der jüdischen Masse dem Einzelnen den Weg zur Mischehe und Taufe geebnet, so war es der Zionismus, welcher in stolzer Entrüstung die verwerfliche „Sclbstentäußerung" geißelte und die Reinerhaltung der jüdischen Art als eines seiner höchsten Ideale bezeichnete. Darf eS Wunder nehmen, wenn nach allen diesen Bestrebungen der gesetzeStreue Jude im Zionismus den Weg sah, auf welchem die abtrünnigen, in die Irre gegangenen Stämmes- Brüder zur Tradition der Väter zurückzuftihren seien. Mußten wir nicht unserene heiligen Gesetze und unseren überlieferten reinen Sitten so viel Werbekraft zutrauen, um annehme» zu dürfen, daß der Gedanke an Zion, die Erinnerung an unsere Väter, an die Größe ihres Lebens und Sterbens, daß Alles dieses zur Quelle des jüdischen Volkes, zum Gottcsgesetz und zu dessen Erhaltung in steigender Fortentwicklung führen müsse?* *) Ein Edelmensch stand sinnend au der Wiege des heutigen Zionismus, und wenn er im Geiste über Israels Massen blickte, glaubte er „ein Rauschen wie von Adlerschwingen über seinem Haupte zu vernehmen". Ein freier Mann im freien Leben, des Judentums sich kaum bewußt, hatte den Weg zu seinen! Volke gefunden. Und wo sein Wissen versagte, wo sein Sinn voll Weltenskepsis nicht glauben konnte, da setzten sein Verständnis für alles Menschliche und sein Takt ein. Ihm konnten vertrauensvoll alle Schichten des jüdischen Volkes folgen. Wenn auch schon zu Theodor Herzl's Zeit die gesetzestreuen Zionisten sich im „Misrachi" zusammengefunden hatten, so war cs nicht mangelndes Vertrauen zur Führung, sondern das Anwachsen der dcmokratischen Fraktion und ihre Auswüchse, gegen welche die Misrachisten Front machen wollten. Theodor Herzl sank srüh in's Grab, wer führt sein Erbe? Wohl steht an der Spitze des Zionismus der Mann, dessen Händen auch Herzl sicherlich gerne die Führung übergeben hätte und von dessen Leitung auch wir gesetzestreue Zionisten Verständnis erwartet haben. Aber „Ln kaul anaus gewuroh toten kaul anaus chaluschoh kaul anaus onauchi schaumeah". Nicht eine Stimme, die ein Siegen verkündet, und nicht eine Stimme, die ein Erliegen ankündigt, eine Stimme, die uns niederschlägt, ist hörbar. Niederschmetternd mußte auf uns der Ton wirken, welchen in den letzten Monaten unser zweites offizielles Organ „Haolam" trotz wiederholter Proteste immer wieder angeschlagen hat, niederschmetternd mußte auf uns die wohlerwiesene Tatsache wirken, daß in den Büros des Nationalfonds, der „Welt", „Haolams" und des Zentral-Büros in Köln am Sabbath wie'an Werktagen gearbeitet worden ist. Wir haben gewarnt, vielleicht zum letzten Male gewarnt; Herr Wolffsohn hat uns die Erklärung gegeben, daß die Wiederholung solches Vertrauensbruches-) (Chillul Schabbos) in Zukunft ausgeschlossen sei. Und Haolam? Wird Herrn Wolsssohn's Arm auch so weit reichen? Wenn ja, so möge er die R e d a k t i o n s st u b e s ch l i e ß e n; an dem Verluste d i e s e s „h e b r ä i s ch e n" Blattes wird der Zionismus nicht zugrunde gehen. Herrn Wolsssohn's Worten wollen wir Vertrauen schenken, aber auf der Warte wollen wir stehen — und wenn es sein muß, dann „werden wir kämpfen." (Haolam dir. 4.7.)*) Joseph H—. *) Siehe Eintreten der Zionisten bei den badischen Synodalwahlen für den traditionellen Standpuntt. 2) Erklärung des Aktionskomitees auf dem 1., 2. und 8. Kongreß. *) Das Bestehen des „Haolam" ist keine Laune des- Herr» Sokolow, sondern entspricht einem Beschlüsse des letzten Kongresses, der das Hebräische zur offiziellen Sprache der zionistischen Organisation erklärt hat. Es kann also nur darüber eine Diskussion stattsinden, wie der „Haolam" redigiert werden soll. Herr Sokolow hat die Spalten des ,.H." allen religiösen Richtungen geöffnet, was vielleicht loyal gedacht sein inag, aber in Wirklichkeit weder richtig noch ans die Dauer durchführbar ist. Denn wenn die linksstehenden Leser heute an irgend einem Artikel destruktiver Tendenz Vergnügen haben und die rechtsstehenden sich dabei ärgern, um dafür morgen sich mit einem im Geiste des traditionellen Judentums gehaltenen Aufsatz zu freuen, so wird das schließlich dahin führen, daß beide Teile unzufrieden sind. Unser Standpunkt geht dahin, baß der „H." nur partei-politischen und parteiorganisatorischen Inhalt haben darf und daß das, was diesen Rahmen überschreitet, nicht in ein Parteiorgan gehört. Uebrigens hat eS Herr So» kolow 30 Jahre lang verstanden, eine Zeitung zrir Zufriedenheit auch der orthodoxen Leser zu leiten; — warum nun jetzt auf einmal nicht mehr? Denn bas; die Interessen der Bewegung eine neutrale Haltung der Leitung erheischen, sollte nicht erst gesagt werden müssen; eine andere Haltung kann ihr nur zum Schaden gereichen und muß Wasser auf der Mühle ihrer zahlreichen Gegner sein. Wir habe» nie erwartet, daß der Zionismus nun plötzlich das tradionelle Judentum wieder lebendig werden lasse; wir haben stets gewußt, daß dies nur in allinählicher Entwicklung möglich ist — unbestreitbar ist schon heute mancherlei Erfreuliches durch den Zionismus erreicht worden — und daß diese Entwicklung von der qualitativen und quantitativen Stärke und der politischen Geschicklichkeit des Misrachi, des Trägers der Tradition des jüdischen Volkes, abhängt. Wenn noch nicht mehr Resultate erreicht sind, so liegt das an der bisherigen Schwäche des Misrachi, die der unversöhnliche, die reinliche Scheidung von allen nichtorthodoxen Juden predigende Flügel der Orthodoxie verschuldet hat. - Da der geschätzte 'Schreiber in seinen Aussührungen auch die Reform behandelt, so möchten wir auch dieses Thenra mit einigen Worten streifen. Die Reform von heute ist Nicht mehr die von vor 50 Jahren. Es gibt heute-eine große Anzahl liberaler Juden, die den Willen haben, sich dem Judentum zu nähern — siehe Ausfall der badischen Wahlen —, und mit diesen läßt sich bei einer geschickten Partei- Politik der Orthodoxie und der Nationaljuden eine Verständigung erzielen. Mit dem alleinigen fortwährenden Sturmlauf gegen g!le und alles seitens des unversöhnlichen Flügels der Orthodoxie wird zum Schaden der Gesamtheit und der traditionellen Judenheit das Gegenteil erreicht. D. Redakt. Das Reformgebetbuch in Baden gefallen! Die-von den Zionisten und Gesetzestreuen Badens gemeinsam organisierte Opposition gegen das vom Gr. Oberrat der Israeliten der nächsten Synode zur Einführung vorzulegende Resormgebetbuch siegte in dem am Sonntag stattgefundenen Wahlkampf mit 15 Mandaten gegen 6 Mandate, die den Freunden der Äebctbuchvorlage und 1 bedingten Freunde derselben zufielen. Die Majorität der Gegner in beu‘ einzelnen Wahlbezirken ist mitunter eine überaus große. Am bemerkenswertesten ist der Sieg in Karlsruhe, dem Sitz des Oberrats, wo zwei Zionisten als Gegner des Reformgcbetbuches mit % Majorität siegten, trotzdem die gesetzestreue Richtung, in Karlsruhe feit einigen Jahrzehnten aus der badischen Organisation ausgetreten ist und deshalb im Wahlkampf nicht Mitwirken konnte. Durch die Wahlergebnisse kann selbstverständlich die Vorlage des Oberrats von vornherein als gefallen betrachtet tverden. Der posittve Erfolg wird in einer Stärkung des jüdischen Pflichtbeivußtseins liegen, da ein Interesse an jüdischen Dingen durch den seit Monaten tobenden Kampf in ganz Baden geweckt wurde, wie es in solcher Stärke bisher in Baden überhaupt noch nicht beobachtet worden war. Es wird Aufgabe der Zionisten sein, nach Kräften mitzuwirken, daß dieses neuerwachte Interesse jetzt — da der Friede innerhalb der Organisation gewährleistet erscheint — in jüdischem Sinne nutzbar gemacht wird. n. * * * Das Ergebnis der badisch enSynodal wählen ist folgendes: Bcz. Gailingen: Dr. med. C. Heilbronn, Arzt, mit 111 Stimmen gegen 1. Bez. Sulzburg-Lörrach: Elias Heim, Müllheim, gegen Nordmann, Lörrach,mit 99 Stimmen gegen 43. Bez. Freiburg-Stadt: Rechtsanwalt Kassewitz gegen Bankier Ludwig Weil mit 122 Sttminen gegen 115. Bcz. Freiburg -Land:Kaufmann Epstein-Freiburg einstimmig ohne Gegenkandidat. Bez. Offenburg: Rentier Lang-Altdorf ohne Gegenkandidat. Bez. Bühl: Leo W ertheimer-Bühl gegen Dreifuß - Gernsbach mit 200 Stimmen gegen 50. Bez. Bruchsal-Land: Kaufmann Sigmund S i n a u e r - Grötzingen gegen Kaufmann Meerapfel - Untergrombach mit 115 Stimmen gegen 69.