Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692574--03847-2698602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Isrartkfrtrker frarlitifdirö fnmiliriililutt. < . - > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— l -- n ... , - .. > HedaKtton chefchäftsDetto: Srankfurl a. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße v-r-f-« 10507. I Kerausgevep: Kalsz $eU. Insertion-Preise: Di« viergespaltene Petttzellr. »5 fta. Die Rellamezrile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Nrdereinkunst. - 6. Jahrgang. Freitag, den 17. Mar 86K011L 5668 <26. März 1968). Ro. 12. Inhalt des Hauptblaltes. Artikel: Jüdische Probleme. — Misrachi. — Das Reformgebetbuch in Baden gefallen. — Aus allerWelt.—Personalien—Feuilleton: Der Prior. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Indische Probleme. 11. Zur Naturgeschichte des jüdischen Geistes. Von Maxime Le Ma!tre-Bern. (Fortsetzung.) Statt einer primitiv vergeistigten Welt haben wir in der Mythologie eine zweite hinzugedichtete Welt. Und als diese hinzugedichtele Welt die Herrschaft über des Menschen Gemüt zu erlangen sich anschickt, findet sich der jüdische Geist wie ein hellaufblitzender Meteor am Himmel ein, dessen Licht den letzten Hintergrund aller Ewigkeit beleuchtet und aufhellt. Gott sprach: Es werde Licht — und es ward Licht! Der Eindruck der Allmacht wird nicht durch Schilderung physischer Vermittlung geschwächt. Und jäh, ohne jedes Flicken und Hervorbringen, nur durch das Wort, vielmehr durch den Willen göttlicher Einheit ist das Band zwischen den einzelnen Dingen in der Natur und zwischen Natur und Geist hergestellt. So gestaltet sich die jüdische Schöpfungsgeschichte als die erste und erhabenste Manifestation des universalistischen, des kosmischenGedankens. Mein hier tritt nicht, wie in manchen Mhthologemen das Universell-Kosmische als Gegensatz zum Individuellen auf; vielmehr ist es der Universalismus, innerhalb dessen die Existenz jeder Individualität gesichert ist. Zwischen Individuum und der Allheit der Dinge einerseits und zwischen dem Individuum und der einen Mlmacht andererseits besteht ein direktes und sicheres Verhältnis. Die Natur dieses Verhältnisses verlecht der Existenz des Individuums eine scharf begrenzte Bestimmung und Betätigung. Der Mensch ist nicht eine Geburt des Niederganges und der Sünde, wie der Mythos und Buddha ihn auffassen, sondern ein Werk der höchsten Naturvollendung. Daraus ergibt sich aber dreierlei: Der Mensch darf sich nicht mit der Natur identifizieren, er muß sie beherrschen und meistern: Der Mensch als Vermittler zwischen Individuum, d. h. als Naturausschnitt und als die Manifestation der göttlichen Mmacht, ist nicht Launen und Kaprizis preisgegeben, sondern er lebt im Bewußtsein der Sicherheit seiner Existenz, und was am meisten für den jüdischen Geist richtunggebend ist — das goldene Zeitalter ist nicht hinter uns, wie der Buddhismus verkündet, sondern vor uns. Ernest Renan, der Verfasser der „Histoire du peuble juif", zeiht uns einer Simplizität d«S veistes. Aber „simpel" dentt einer. wen» er den gewaltigen Kulturschatz, den die Einheitserkennttris und das Einheitsbewußtsein umfaßt, nicht zu würdigen weiß. Abgesehen von dem Fortschritt in der menschlichen Erkenntnis, der das Einheitsbewußtsein mit sich gebracht, hat die Einheilsidee den Menschen in eine andere Welt gebracht, in eine Welt von Frieden und Gerechtigkeit. Solange der Polytheismus seine Orgien feierte und unter den Göttern selbst ein krasser Antagonismus herrschte, war dem Menschen die Idee der einen Menschheit und des Friedens ebenso unbekannt wie dem australischen Neger der pytagoräische Lehrsatz. Erst die Idee des einen Gottes, der der eine» Menschheit gegenübersteht und als Einer und Einziger (Echod) den Frieden in sich verkörpert, hat sich beim alten Menschen allmählich die Erkenntnis der Menscheneinheit und mithin die Wurzel aller Sittlichkeit hcrausgebildet. Allein der vom Mythos bestialisierte Mensch war der Einheitsidee trotz Xnenophanes nicht gewachsen und fiel in die Barbarei des Polytheismus zurück. Nur die semitischen Völker, deren Ruhm es nicht war, einen Mythos zu haben, haben es vermocht, die Einheitsidee zu bewahren und sortzupslanzen. — Dieses Einheitsbewußtseintrennt uns für alle Ewigkeit von unserer Umwelt. Ihre Kultur, die auf Hellas und Rom zurückgeht, baut sich auf dem Mythos auf, die unserige auf der Idee der absoluten All-Einheit. Der naturalistische Monismus, wie er in der letzten Zeit verkündet wird, ist nur ein barbarischer Abklatsch unserer absoluten Einheitsidee. — — Sie, die ersten Erben der decadenten Antike, sind nur an die Peripherie der Einheitsidee herangelangt, die sie sich nicht ohne physisches Medium haben denken können. Und kaum die Peripherie berührt — haben sie ihre Zukunft mit Beschlag belegt.Was Wunder? Ist Plotin's Emanationslehre keine Phylosophie des Mythos? — Mso sagten sie: Das goldene Zeitalter ist hinter uns — der Erlöser ist schon gekommen, und der Menschen Bestimmung auf Erden ist nur Buße und Kasteiung. — Und was war die Folge? Kurz nach der Begründung des Christentums bricht in Borderasien und Nordafrika eine Askese-Epidemie aus, die alle vttalen Regungen im Menschen zu untergraben drohte. Eine einzige egypttsche Provinzstadt beherbergte 20,000 Mönche und Nonnen. Aber das Leben ist stärker als eine blut- und leblose, ja lebenstötende Idee. Nicht der Mythos siegte — sondern Roms eiserne Faust.Und, weil sich ihre ganze Kultur auf dem Mythos, auf jenem nur rückwärtsschauenden Ungeheuer ausbaut — hat das Christentum als theorettsche Weltanschauung nicht im geringsten den Menschen weitergebracht. Denn wahre Kultur beginnt da, und auch reine Erkenntnis, wo der Mythos aufhört. .... Die Einheitsidee ist nicht mit All- Idee zu identifizieren. Die erstere ist die Wurzel des Monotheismus, die letztere die des Pantheismus. Und gegen den Pantheismus hat sich der jüdische Geist gewehrt wie gegen den Mythos, denn der Pantheisums degradiert auch den Menschen. Unsere Vorfahren in Amsterdam haben ini Jahre 1669 Baruch Spinoza aus dem Schoße des Judentums ausgestoßen und gegen ihn den Bannstrahl geworfen, nicht nur, weil er Gott mit der Natur identifizierte, sondern weil er auch den Menschen mit der Natur gleichstellte. Der Mensch steht in einem gewissen und bestimmten Verhältnis zur Natur, ist aber nicht mit ihr gleich. Und die Lehre vom Gegenteil, die den Menschen degradiert, mußte den jüdischen Geist empören. Daher die Verdammung Spinozas. Und ich als Jude des zwanzigsten Jahrhunderts verstehe das Verhalten der Amsterdamer Mischen Gemeinde Baruch Spinoza gegenüber und billige es.auch. Mythos ist Kaprizio. Neckar hat sich in einen Hund verwandelt, der eine Gott in eine Katze, der dritte Gott ist von einem anderen Gotte besiegt und zu Falle gebracht worden. Wie soll der Mensch das Bewußtsein der Sicherheü in seiner Brust tragen, wenn die Götter selbst tollen Schicksalslaunen unterworfen sind? Wie ist Gesetz und Norm möglich, wenn der Mensch in seinen Göttern die Verkörperung der Unbeständigkett, des Zufalles und der Wlllkür sieht? Hier tritt am schärfsten der Gegensatz zwischen jüdischer und nicht-jüdischer Denkart auf. Hier offenbart sich eine unüberbrückbare Kluft. Im jüdischen Universalismus manifestiert sich, wie ich schon oben angedeutet, kein Gegensatz zur Jndividualttät; im Gegentell ist innerhalb des jüdischen Universalisnms die Existenz jeder Individualität, ich möchte fast sagen nach einer Art prästabilierter Harmonie, die jedoch nicht mtt dem Determinismus zu verwechseln ist, well daKJudentum die Freihett des Willens lehrt, gesichert. Aus diesem Verhältnis des Individuums zum All und zur Ewigkeit ergibt sich die Idee derOrdnung unddes Gesetzes. «Fortsetzung folgt). Misrachi. Was hat «ns der Zionismus gegeben? Wenn wir gesetzestreuen Zionisten heute, nach dem etwa elfjährigen Bestehen des Zionismus, uns diese Frage vorlegen, so müssen wir uns vergegenwärtigen, welche Gaben wir vom Zionismus erwarten durften und erhofft hatten. Die Emanzipatton hatte die Juden aus der dunklen Enge des Ghettos an das Licht gelockt, und den lichtentwohnten Blick der Ghettokinder hatte die Freiheitssonne geblendet. Da schmähte man die Brunnen, aus welchen Jahrhunderte lang der schmachtende Jude Lebensmut und Hoffnung geschöpft hatte, und man grub neue Brunnen: „Reform".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.