Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Ü Frankfurter UraelttiflHeS FamüienLltE. Sette 3 -dl» Anzahl Zuschriften erhalten. Mir entnehmen diesen Zuschriften folgende Stellen: „Die bisher zufrieden geioefene» Kreise liebten das Gebetbuch, so wie es sich seit Jahrhunderten erhalten hat, schon wegen der Fülle geschichtlicher Reminiszenzen, die jenen Kreisen teuer sind — die andern Verzichteten größtenteils längst auf den Gebrauch irgend eines Gebetbuches." . >,Wer jeden Tag betet und seinen religiösen Pflichten nachkommt, will dies in der altüberlieferten Weise streng nach den Geboten tun, also auch so beten, wie seine Väter zur Zeit des Tempels, der babylonischen Hochschule und zur Zeit Raschi's, Mendelssohn's es getan haben. Ebenso will er aber auch seine Kinder erziehen. Es ist also schreiende Ungerechtigkeit, wenn eine nichtbetende Majorität einer betenden Minorität vorschreiben will, was sie beten oder nicht beten soll." Wenn nun die „Frkf. Ztg." den Spieß herumdreht und von einer Vergewaltigung der Majorität bei der Beibehaltung der alten Tefillah spricht, so handelt sie in Unkenntnis der einschlägigen Verhältnisse, denn die Tefillah enthält nichts, was Nicht eng mit dem Geiste des Judentums verwirkt ist und ihm entspringt. Wir halten es überhaupt für unkorrekt, wenn Leute, die das Judentum nicht kennen und deshalb die Bedeutung der Tefillah nicht ermessen können, sich in interne jüdische Angelegenheiten einmischen. St. Ludwig. Der ketz.'te Gottesdietist in der Buschweiler Synagoge..— Da kommenden Dienstag die Synagoge in Buschweiler, wo heute nur noch 7 Israel. Seelen vorhanden sind, vcrsteigert wird, versammelten sich, einer Einladung ihres Rabbiners folgend, die Gemeinden Hcgenheim, Hagenthäl, St. Ludwig qm Sonntag Nachmittag in derselben. Es hatten sich auch mehrere Herren aus Basel und der größte Teil der christlichen Bevölkerung von Buschweiler eingefundcil. Es sollte, nachden: schon über 10 Jahre hier kein Minjan mehr war, noch einmal und zum letzten Male hier in dieser Synagoge ein Gottesdienst abgehalten werden. Nachmittags um 4 Uhr wurde zunächst Mincha gebetet. Hiöraüf bestieg Herr Rabbiner Dr. Schüler zu einer Abschiedsrede die Kanzel. Er schilderte, wie das Aushören der jüdischen Landgemeinden — es ist dies in einem Umkreis von kaum einer Stunde UUn die zweite Gemeinde, die ringegaiigcn ist und leider werden voraussichtlich noch mehrere dasselbe Schicksal teilen Müssen — einen großen Verlust für das Judentum bedeutet, da mit dem Aufhören dieser alten Kehillos stets ein Stück alten, wahren Judentums zu Grabe getragen werde. Im zweiten Teile Nahm der Redner «»knüpfend an di? Worte „Lnchvs ü'i/iyuC™ weaukiiaüs porchcms beawir" Abschied von der Synagoge und gelobte *°m ^2men der Sr. A.'dwiger Gemeinde, daß sie die zwei Sefvrim und die silberne Jagd, die sie von Buschweiler erhalten hat, stets in Ehren halten /vcrde. Nach der Predigt trug Hetr Kantor LehmanU, St. Ludwig, das ,.Eli zion" Vor. Mit der Rezitation von Pf. 25 iirtb 18? schloß die überaus ergreifende Feier,*) Lublinitz. Eine alte Holzsytiagöge. Am Eingang des Dorfes C z i e s ch o w a erhebt sich Ein großes, hohes Gebäude aus Holz, welches älter als die Dorfkirche ist. Es war dies früher die einzige Synagoge. für die in den .Kreisen Tarnowitz, Lublinitz und Rosenberg zerstreut lebenden Juden. Der bisherige Kultusbeamte der Shnügoge war wiederum der einzige Jude im Dorfe und führte mit seiner Frau iM Rabbinerhause ein wahres Eremitenleben: Bor zwei Jahren wurde die Synagoge aus Mangel an Gemeindemitgliedern geschlossen und kürzlich Mit Genehmigung der königlichen Regierung zu Oppeln in einem Versteigerungstermine össentlich verkauft. Der Zuschlag bei einem Gebot von . nur 1250 Mark wurde dem Pfarrer Urban in Södöw, zu dessen Parochie lTzieschowa gehört, unter Vorbehalt der Genehmigung der Regierung erteilt. Pfarrer Urban hat die Synagoge mit dem Rabbinerhause nicht zu Geschäftszwecken erworben, sondern um beide Gebäude möglichst lange als Baudenkmäler zu erhalten. Durch einen Hügel vom Dorfe getrennt, liegt der zur Synagoge gehörige große Friedhof, der. eine Menge alter Grabdenkmäler mit hebräischen Inschriften enthält. Hierzu bemerkt das Breslauer „Jud. Bolksbl.": Gibt es denn keinen oberschlesischen Gemeinde-Berband mehr, der 1250 Mark übrig hat für die Erhaltung einer historisch denkwürdigen Synagoge? Oesterreich-Ungarn. Prag. Aus dem ehemaligen Prager Ghetto. Mit der laueren Witterung hat in Prag auch sofort die Bautätigkeit wieder eingesetzt. Im AssamerungSgebiet schwindet die ehemalige kleine Pl'nkaSgasse, die alten, einförmigen Häuser werden niedergerissen, an deren Stelle die neue Straße ziehen und eine kleine Parkanlage sich erheben wird. Auch die ehemalige große Pinkasgas se, wie der von der Rabbinerzur Karpfengasse sich hin« ziehende Teil der Josefstädter (Breiten-) Gasse genannt wurde, wird durch die Demolierung der ver» *> Soeben erfahren wir, daß die Synagoge für M. 8800 in den Besitz des Herrn KxeiSratS Cron übergegangen ist. fallcnen Häuser in Fortsetzung deS bereits erhöhten Straßenzuges eine Umwandlung erfahren. Dadurch wird die bisher im Hof der ehemaligen Rabschen Häuser stehende Pinkassynagoge, welche ihrer Umgebung den Name» gab, frcigclcgt werden. Die Gründung dieses Gotteshauses wird der Sage nach in das 13. Jahrhundert verlegt, es dürste aber erst um das Jahr 4490 erstanden sein und als sein Erbauer wird Pinkas Horwitz bezeichnet. Im Lause der Jahrhunderte wurde die Synagoge öfters umgebaut, zuletzt im Jahre 1862. Im Innern sinket sich ein altes, herrlich gearbeitetes Gitter aus Schmiedeeisen, davor das Wappen des vom Kaiser Jose) II. im Jahre 1782 geadelten Joachim Edlen von Poppel. Als Reliquie wird auch ein altes Gewand nach dem Rabbiner Salomon Molch aufbcwahrt. Molch nahm nämlich die Taufe, trat später wieder zum Judentum über, um endlich in Italien auf dem Scheiterhaufen zu Sterben (1432). — Aus der Pinlasgafse, die bis 1817 auch Ueberfuhrgasse genannt wurde, weil sich hier an Stelle des jetzigen Kettenstcges die Uebersuhr befand, gelangt man am Kunstgewerbemuseum vorbei zu dem in einer Ecke der Nfergasie gelegenen israelitischen Badhof mit seiner schönen Kanzel und den schattigen Bäumen im Hof — einem ehemaligen Wirtschastshofe. Auch die Tage dieses Badhofes sind gezählt. In Kürze wird et niedergelegt und zur Straßenerweiterung verwendet werden. Czernowitz. Baron Hirsch'sch e Stiftung. Unter Vorsitz des Kultuspräses Dr. Straucher fand am 4.. d. eine Sitzung des Kuratoriums der Baron Hirsch.'schen Stiftung statt. In derselben wurden an 25 jüdische Handwerkslehrlinge Stipendien ä je 50 Kronen verliehen. Ferner wurden zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder nachstehende Beträge angewiesen: Stanestie und Radautz je 200 Kr., Sereth, Kimpolung, Gurahumora, Sergine-Putilla und Storozynetz je 100 Kr. und Wiznitz 300 Kr., gemäß den Anordnungen des Kuratoriums in Wien. Rußland. Petersburg. Charakteristisch für den jetztin Rußland herrschendest Gei st ist der Beschluß der Duma-Kommission für Religlonsaiigelegeuheiten, bet Religionsbeleibigung die Strafe in dreifacher Staffel festzusctzen, die höchste Strafsiafsel für Vergehen gegen den griechisch-katholischen Glauben, die zweite Staffel für Vergehen gegen die übrigen christlichen Religionen und die niedrigste Staffel für Vergehen gegen die nichtchristlichcn Religionen. Lodz. Wegen Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei wurden 22 jüdische Bäcker zur Verbannung nach Sibirien verurteilt. Palästina. Jerusalem. Nach wochenlangen so heftigen Stüruren, daß sie zumal in den Orangerien nicht imerheblichen Schaden anrichtcten, zog der beglückende Frühling ins Land in seiner ganzen Herrlichkeit, wie er schöner kaum anderswo erlebt wird. Bäume und Flur, von lachender Frühlingssonnc bestrahlt, prangen in schönster Blüte. Und stellt sich der Malkosch — Spätregen — zeitlich ein, so dürfen wir einem gesegneten Jahre entgegen sehen. Es wäre aber auch jd)on Zeit, daß sich der Allmächtige der Armen erbarme, Ein s ch w e r e r Winter liegt hinter uns. — . ,! Herr und Frau Jakob Schiff aus New Fork haben die heilige Stadt besucht und etwa-acht Tage lang da geweilt. Die Anstalten, sowie Gemeinden sind hochherzig bedacht worden. — Im allgemeinen aber steht das' gegenwärtige Jahr inbczug auf Fremdenverkehr gegen das Vorjahr weit zurück. — ' Die Hoffnung, daß »«»mehr Frieden in die heilige Stadt einkehren wird, hat sich leider nicht ganz erfüllt.. Diesmal sind es die Yeminiten, welche die Ruhe stören. Sie gehen daran, sich von dersephardi scheu Muttergemein deloszusageu und eine separate Gemeinde zu bilden. Die Vorsteher der Sephardim luden die Rädelsführer der elfteren zu einer Konferenz, welcher auch Schreiber dieser Zeilen beiwohnte, ein, damit sie ihre Forderungen präzizieren möchten. Diese waren aber so unverschämt, daß ein Paktieren mit ihnen aus dieser Basis unmöglich erscheint. Die Leute, von gewisser 'Seite aufgestachelt, benahmen sich geradezu herausfordernd Nicht genug aber damit, streuen sie auch in alle Winde die unflätigsten Lügen gegen den Chacham Baschi und seine Gemeinde aus. Daß so viel Sckmutz noch in europäischen Blättern eine Ablagerungsstätte findet! Die verhetzten. Yeminiten scheinen auf die europäische Wohltätigkeit zu bauen. Da haben sie sich aber gewaltig verrechnet. Ruhestörer wird kein Mensch unterstützen. Außerdem koste: es ja Opfer genug, um das Bestehende zu erhalten. _ Hoamitti. Personalien. Frankfurt a. M. Bon einem unsagbar schweren Unglück wurde die Familie des greisen Herrn^Karl Guggenheiu, in unserer Stadt betroffen. Ihr Sohn. Herr Oberlehrer Dr. Josef Guggeuheim, derstarb plötzlich ohne vorangegangenes Unwohlsein an einem 32 Geburtstage. Er hatte eben erst mit »inen ksttern in heiterer Stimmung beim Mittagsmahl' gesessen und sich einer kurzen MittagSrnNe hingelegt, und aus dieser ist er nicht mehr erwachr. Eine wirklich unheilbare Wunde ist den greisen Eltern geschlagen worden, denen er ein vorbildlicher Sohn geioesen, und denen er mit seinem Tode zum ersten Male einen schweren Kummer bereitet hat. Aber der Entschlafene nimmt auch ein öffentliches Interesse in Anspruch, da er seit einigen Jahren eine Oberlehrerstelle an der Realschule der Israelitischen Re» li'gionsgcsellschaft bekleidete. Seine Wirksamkeit war bereits von den schönsten Erfolgen gekrönt. Er war ein tüchtiger Lehrer, von peinlicher Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten, von tiefem Gerechtigkeitsgefühl erfüllt, ein Mann von gründlicher wissenschaftlicher Bildung auf dem Gebiete der neueren Sprachen. Nnd diesen Tugenden und Fähigkeiten entsprach auch fein didaktisches Können. Eine innige und geräuschlose Frömmigkeit endlich vollendete das an sympathischen Zügen so reiche Charakterbild des leider so früh abberusenen Mannes, der durch seine ganze Persönlichkeit jetzt schon und mit der Zeit noch immer mehr und mehr dazu berufen gewesen wäre, ein Vorbild der seiner erziehlichen nnd unterrichtlichen Tätigkeit anvertrauten Knaben und Jünglinge und eine Zierde seiner Gemeinde zu sein. Auch diese hat in der Tat durch seinen Heimgang einen trefflichen Lehrer und Erzieher, einen Jehudi von strenger nnd tief innerlicher Frömmigkeit verloren. Sein letzter Gang hatte ihn wenige Stunden vor seinenr Tode nach der Synagoge geführt, und nach fröhlicher Zwiesprache mit seinen von ihm über alles geehrten Eltern ist er hinübergeschlummert. Sein Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung von alt und jung für den hochgeehrten und tief betrauerten Mann. Herr Direktor Dr. Lange gab in kernigen und zu Herzen gehenden Worten in großen Zügen ein ergreifendes Bild von der Persönlichkeit und dem bedeutenden Wirken des Entschlafenen, dessen Andenken ans dem Herzen der -schüler nicht verschwinden sollte, aus denr der Kollegen nicht verschwinden wird. Herr Lehrer Alb. Hirschberg rief im Namen des orthodoxen Lehrerbundes, ein anderer Herr im Namen des Turnvereins wehmütige Worte des Abschieds dem Entschlafenen nach. Frankfurt a. M. Sonntag. 15. März, feiert Herr F e i st S o n d h e i m e r, Lehrer und Verwalter der Israel. Waisenanstalt, Röderbergweg 87, sein 25jähriges Amtsjubiläum. Bergen b. Frankfurt a. M. Das Lazarus Heß'sche Ehepaar feierte die Diamantene Hochzeit. Berlin. Kommerzienrat Ludwig Lehmann, Seniorchef der Lehmann'schen Wollwarenfabrik in Rummelsburg, verschied im Alter von 72 Jahren. « Kommerzienrat Heinrich Buchholz, Scniorches der Wäschesabrik Heinrich Buchholz & Co., ist, 75 Jahre alt, verschieden. Er gehörte den Acltestcn der Kaufmannschaft an und bekleidete seit 15 Jahren das Amt eines Handelsrichters. — D r. L. « t e r n h e i m, der Mitbegründer der hiesigen Adaß-Jisroel-Gemeinde und der Gründer einer Jeschiwah in London, ist _in Wien im 67. Lebensjahre gestorben. Dr. St., der einer der Tätigsten nnd Ausopferungssreudigsten in der gegenwärtigen orthodoxen Judenheit war, entstammte einer angesehenen, aber unreligiösen Familie in Hannover. Stuttgart. Kommerzienrat Adolf Orten» heimer erhielt die Karl-Olga-Medaille. Heidelberg. Dr. Salomon Lesmann, Honorarprofessor für -Sanskrit, Altindische Kulturiind Literaturgeschichte an der hiesigen Universität, wurde zum ordentl. Honorarprofessor befördert. Prag. Der hochangesehene Landesadvokat Tr. Siegmund Schneider ist, 66 Jahre alt, gestorben. Schneider war Disziplinarrat der Advokatenkammer, Vorstandsmitglied der isr. Kultus» gemcinde, Obmann-ü-tellvertreter des Vereins für geregelten Gottesdienst und des Nächstenliebevereins, sowie Präsident und Vorstandsmitglied vieler anderer Wohltätigkeitsvereine. Petersburg- Der junge jüd'sche Künstler Arnold Ljachowsky erhielt auf der FrühjahrSausstellung der hiesigen Kunstakademie für sein Bild „Hiob und seine Freunde" eine Prämie. 0 Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. Fortsetzung.) Wenige Tage darauf erhielt ich abermals bi« Aufforderung, mich bei ihm einzusinden. Wieder überhäufte er mich mit Lob, rühmte meine Umsicht, meine Vorsicht, meine Uebersicht, meine Einsicht und mehr als alles meine Aussicht, eine glänzende Zukunft läge vor mir. Dann ging er auf Umwegen, wie die Katze um den heißen Brei, aus sein Ziel loS. Man hatte einen Ketzer eingebracht, btt hundertfach den Tod verdiene, es wäre ein .gefährlicher Mensch, den mpr um keinen Preis leb«» lassen dürfe»