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Neue jüdische Presse · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ... Frankfurter FsraklitisFeS Farnilienblakt. " Nr. 11. »r könne Hunderte dem wahren Glauben abwendig machen. Aber aus mehrfachen Gründen könne man -nicht mit der eigentlich gebotenen Strenge gegen ihn Vorgehen, darum halte er es für das Richtigste, ihn in die bereits erwähnte verpestete Zelle sperren zu lassen und ersuche mich dann in geeigneter Weise, d. h. mit der gebotenen Vorsicht, zu.der er mich nicht erst zu ermahnen brauche, für die Wegschaffnng des Kadavers usw. sorgen zu wollen. — Ich dankte für das Vertrauen, das aus dem mir gewordenen Aufträge sprach, und versicherte, ich würde mich, bestreben, dasselbe zu verdienen. Abermals mit der erforderlichen Vollmacht versehen, würde ich sofort den betreffenden Ketzer in die von mir verschlossene Zelle führen lassen und wenn nach zwei Tagen das Miasma seine Wirkung getan/ dann würde ich seine Leiche in einen Sarg legen lassen, würde zu größerer Vorsicht Erde auf dieselbe streuen und diese mit Kalkwasser überschütten. Dann würde ich in meiner Gegenwart den Sarg zunageln und zur größeren Sicherheit Steife um denselben legen lassen. So könne die Beerdigung von den gewöhnlichen Totengräbern vollzogen 'werden. Mein Gönner fand die Anordnung vortrefflich, ich erhielt die erforderliche Vollmacht, und daß der von seiner Eminenz dem Tode geweihte Ketzer, schon bevor der mit Erde gefüllte Sarg unter der Erde war, über alle Berge war, versteht' sich von selbst." Der Jüngere der Brüder lachte hell auf. „Und Du hast ohne Zweifel wieder den Dank seiner Eminenz eingeheimst. — Köstlich! köstlich! — Sage mir nur, Gabriel, kannst Du Dich denn immer des Lachens enthallen bei allen diesen urkomischen Kapriolen?" Der -Prior atmete schwer auf, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr. „Lachlust empfindet derjenige nicht, dem die Angst, seine Täuschung könnte entdeckt werden, das Herz wild llopscn macht und den kallen Schweiß aus den Poren treibt. — Ich bin ja meiner Natur Nach ein Feigling — und zu dem das Bewußffein, nicht nur mein Leben auf's Spiel gesetzt zu haben, sondern auch das meiner Helfershelfer — ich sage Dir, das ist entsetzlich," fügte er in.sich erschauernd hinzu. Sein Bruder blickte bewundernd zu ihnr auf. „Ich habe doch vecht, Gabriel, Du bist groß." „Ach, sprich keinen Unsinn! — Wenn Du wüßtest, welch namenlose Angst mich oft erfaßt. — Ich sage es ihnen zwar jedesmal, daß sie ihr Leben in die Schanze schlagen — denn wenn ich auch selbstverständlich entschlossen bin, bei etwaiger Entdeckung alles auf mich zu nehmen, mich nach Kräften zu bemühen, das Gericht glauben zu machen, daß die Leute keine Ahmmg hatten, daß ihr Vorgehen gegen das Gesetz gehandell — aber, baß mir das gelingen würde ist sehr, sehr zweifehlhast. — Aber es ist merkwürdig, sie halten sich, überzeugt, mir könne nichts mißlingen und darum tun sie blindlings ohne Ueberlegung, was ich anordne. Das ist mir selbstverständlich in gewisser Beziehung recht, aber andererseits — meine Verantwortung wächst dadurch in's Maßlose." Sein Antlitz war bei diesen Worten leichenblaß, er preßte die Hand gegen das Herz, das wild zu pochen schien. „Mein Bruder! mein lieber teurer, großer Bruder!" Der junge Mann schlang den Arm um den Prior und lehnte den Kopf gegen dessen 'Schulter. „Wie das Herz Dir pocht — ich höre es — furchtbar rasch — Gabriel! Gabriel! Du mutest Dir zu viel zu — Du hälft das nicht aus — Du mußt ein Ende machen." „Ich verstehe Dich nicht — was meinst Du?" „Ach, Du verstehst mich wohl — aber Du willst mich, nicht verstehen. — Du sagst. Du hättest auch Medizin studiert, wärest auch Magister der Medizin — nun, das bin ich nicht, aber ich weiß doch, daß ein Herz, das so rasch pocht wie Dein Herz, nicht gesund sein kann." „Darin hast Du recht, das weiß ich schon seit vielen Jahren, mein Herz ist nicht ganz gesund. Aber deshalb brauchst Du Dich nicht zu beunruhigen, bei meiner regelmäßigen Lebensweise und bei dem Umstand, daß ich nie Fleisch esse und nie Alkohol genieße, kann das Herz noch viele Jahre fungieren, das hat mir der berühmteste Professor der Universität gesagt." „Aber Du kannst Deine Lebensweise nicht regelmäßig nennen, wenn Tu Dich oft so maßlos aufregst." „Dafür kann ich nichts," erwiderte der Prior, achselzuckend, „das ist vielleicht auch Folge meines nicht ganz gesunden Herzens, auch der häufige Farbeuwechsel, überden ich mich, so oft ärgere, rührt daher, wenigstens nach- Ansicht des erwähnten Professors." „Das mag ja lein, aber wenn Du mir nach Holland folgen würoest, in das Land der Freiheit, wo wir frei unserm Gotte dienen können, wo es keine Inquisition gibt und wo keiner sich um den Glauben des andern kümmert, dort würdest auch -Du ruhig leben können, ohne jegliche Aufregung." „Das glaubst Du, aber Du bist kein Menschenkenner. Wenn ich mich hier auch zuweilen maßlos aufrege, so wird diese Aufregung doch auch reichlich ausgewogen durch die innige Genugtuung, die mich erfüllt, wenn es mir hin und wieder gelungen ist, Menschenleben zu retten." „Das mag ja sein für Dein Empfinden, aber keineswegs für Dein Herz. Das wird auch durch diese Genugtuung erregt und wild pochend gemacht." „Und deshalb, meinst Du, sollte ich den von mir erwählten Beruf aufgeben, aufgeben das Ziel meines Lebens, all meines Strebens? — da kennst Du mich schlecht. Ich will auchmeinein Namen Ehre machen wenn ich auch von Natur ein Feigling bin, meine Stärke liegt in Gott. Und.überdies, wenn ich nun Deinem Wunsche entsprechen und Dir in das Land der Freiheit folgen würde und dort hören würde von all den Greuel, von all dem Schauervollen, das inzwischen hier geschieht — und wenn ich mir dann sagen würde, sägen müßte, wenn Du kein Schwächling wärest, wenn Du dem frei erwählten Berufe treu geblieben wärest, dann hättest Du vielleicht so und soviele Menschenleben retten können, die nun in den Qualen des Kerkers oder des Feuers erloschen sind! — Wenn ich mir das sagen müßte — das hielte ich nicht aus, da würde ich entweder dem Wahnsinn verfallen oder ich würde znrückkehren in dieses unglückselige Land — würde mich dem aufgegebenen Beruf abermals widmen wollen und es vielleicht nicht können — würde höchst wahrscheinlich selbst dem Glaubensgericht verfallen. — Nein, mein Bruder, nein, — dringe nicht weiter in mich." „Du hast recht," erwiderte der Jüngere, indem sein Blick mit heißer Liebe an dem hin und wieder in Erregung zuckenden Angesicht des Bruders haftete, „Tn-hast recht, ich, sehe cs ei», ich darf nicht weiter in Dich dringen. — Aber ich, hoffe trotzdem, daß auch Du in nichr allzuferner Zeit das Asyl in der Ferne suchen wirst. — Sage mir doch, kommt die angebliche Pestzclle -noch öfter in Verwendung?" „Hin und wieder allerdings. Es dürften acht oder neun mit Sand gefüllten Sarge dort draußen in ungeweihter Erde vergraben sein." „Das ist doch amüsant, wenn Du auch nicht darüber lachen kannst, es steckt Humor in Deinem Vorgehen, und wenn Du erst einmal zu mir kommen wirst —" „Daß ich dereinst dieses unglückliche Land ver- .lasseir und in Deiner Nähe eine Zufluchtstätte suchen werde, ist möglich, doch so lange Gott meinem Streben hier Gelingen verleiht, so lange halte ich mich nicht berechtigt dazu." „Doch wenn Dein Streben hier auch nur ein einziges - mal mißlingen würde, so würdest Du es mit Deinem Leben büßen müssen," sägte der jüngere Bruder traurig, „zur Flucht würde Dir keine Zeit bleiben." Der Prior zuckte die Achseln. „Mein Leben steht in Gottes Hand." — Es war am folgenden Tage. Der Festes-Trubcl war vorüber, Madrid hatte wiederum seine alltägliche Physiognomie. Trotzdem lag es wie ein undefinierbarer Druck auf dem Gemüt vieler, gar viele hatten die Nacht schlaflos verbracht, hatten sich schlaflos aus ihrem Lager gewälzt, wähnten noch immer die erst am Abend verstummten grauenvollen Jammerschreie der ruchlos gemordeten unschuldigen Menschen zu vernehmen — doch mit Tagesanbruch trachtete jeder, die Erinnerung an die -gestrigen Schrecknisse zu bannen, wußte doch jeder, daß cs genügte, der Trauer um gerichtete Ketzer geziehm zu werden, unr selbst als Ketzer angellagt und verurteilt zu werden. Doch selbst im Palast des Königs war es nicht gelungen, alles menschliche Gefühl zu vernichten. Kein erquickender Schlaf hatte die Augen der jungen Königin geschlossen, ruhelos hatte sie sich während der ganzen Nacht auf ihrem schwellenden Lager gewälzt, die Augen fest zugeknifsen, die Ohren mit beiden Händen fest verschlossen — und doch, sah und hörte sie beständig all das Schreckliche, das sie am verflossenen Tage geschaut und gehört — wähnte häufig, daß auch sic in die lodernden Flammen geschleudert werden sollte, schrie um Hilfe und flehte jammernd 'um Barmherzigkeit. Vergebens bemühte sich ihre Umgebung, sie zu beruhigen, machtlos erwies sich auch die Kirnst des Leibarztes — und auch die Vertreter der Geistlichkeit, die der König in seiner Herzensangst hatte rufen lassen, wußten nichts zu raten, bis endlich der Großinquisitor den Vorschlag machte, den Prior des Bencdiktinerllosters, für dessen Tun sich die junge Königin gestern lebhaft interessiert hatte, rufen zu lassen, in der Hoffnung, daß es dessen Zuspruch, gelingen werde, das inaßlos erregte Gemüt der zarten Fürstin zu beruhigen. Derartiges Vorgehen verstieß allerdings gegen die Etikette, die nur - dem Beichtvater ihrer Majestät den Zutritt zu deren Gemächer gestattete, doch, in diesem Ausnahmefalle war eine Ausnahme gestattet, die der König in so fern abschwächte, als er den vom Großinquisitor Empfohlenen zum Beichtvater seiner jungen Gattin ernannte. Allgemeines Aufsehen erregte es im Kloster, als die Hofequipage vor der Pforte desselben hielt und der Kammerherr, der auf ausdrücklichen Befehl des Königs den Geistlichen persönlich verständigen und abholen sollte, ausstieg. (Fortsetzung folgt.) f'H»i Sraüenlnh“ Paül&C<M.m.li.H. ttJWÄUiaUUU Telephon 1866. Hardenbergstrasse 9. Kaiser Friedrich Quelle —■— Offenbach a. M. —— Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. mmm Neubauten Umbauten Incendekoratlon. Wocheu-Kalerrver. (Zeitangaben nach dem Losch.) SamStag, den 14. März (— 11. Adar scheni): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr SS Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 15 Min., . in Berlin 6 Uhr 48 Min. Wochenabschnitt: Wajikro. Die Sidra behandelt die verschiedenen Arten von Opfern und die Vorschriften für dieselben. Es gab freiwillige und Pflichtopfer, Gemeinde- und private Opfer, je nach dem Opfergegenstande selbst Tier- und Mehlopser (Speiseopfer), auch Wein- oder Gußopfer. Als Opferticre sind Rinder, Stiere, Kalb, Ziege und Tauben genannt. Die Mehlopser konnten gebacken und in verschiedener Zubereitung gebracht werden oder auch als pures Mehl. Das Sprengen des Opferblutes gegen den Altar war Hauptsache, nicht das Schlachten, t Manche Opfer wurden ganz auf dem Altarfeuer verbrannt, von andern wurden verschiedene Teile von ben Priestern gegessen, das Uebrige verbrannt^ Es sind aufgezählt: Ganz- oder Emporopfer, L-ündopfer, Schuldopfer, Dankopfer, Friedensopfer und verschiedene Mehlopser. Auch sind diverse Sünden genannt, wegen deren Sühn- oder Schnldopfer zu bringen war. (Eidesanssage, Veruntreuung heiligen Guts, Entweihung des Heiligtums im Zustande körperlicher Unreinheit Usw.) — Eine lichtvolle Darstellung sämtlicher Opjervorschriften' gibt Hirsch's Pentateuchkommentcir. Von der Mischna (6 Bände) füllen diese Gesetzesteile einen ganzen Band. Wir können hier nicht darauf eingehen. Man liest am Sabbat vor Purim Parschas Sochaur. Wir gedenken in diesem Abschnitt der ruchlosen Tat Amaleks. Es geschieht deshalb gerade vor Purim, da der Judenfeind Haman Amaleks Sprößling war. Amalek wollte durch den plötzlichen Ueberfall Israel nach dem Meeresdurchzug der Welt zeigen, daß er den Judengott nicht fürchtetvor dem damals alle Völker zitterten. Menschenmacht über Gottcsmacht! A. ist also vielmehr Gottes als Israels Feind. Wir hassen jede trotzig-stolze Auflehnung gegen Gott als ein„Seicher-Amalek", ein Erinnerungs- und Wahrzeichen amalekittschen Sinnes. Das ist der Sinn von Parschas-Sochaur. Nicht Menschenhaß befiehlt unser Gesetz; ist doch sogar die Feindesliebe des öfteren zur Pflicht gemacht. 2. Bch. M. Kap. 23, 5. Bch. Al. Kap. 23)) Es ist ausdrücklich, erllärte Pflicht, Parschas- Sochaur zu lesen bezw. zu hören. -Das „Jauzer" dieses Sabbats spricht von den mancherlei Kämpfen, die Israel mit Ämalek hatte. — Dienstag (17. März) ist Purim. Es erinnert an die wunderreiche Rcttnng Israels zur Zeit der Perserherrschaft, ungefähr 500 I. vor dem Jahre 1. — Ahasveros, König von Persien, glaubt der lügenhaften Anllage seines Ministers Haman, Israel sei staatsgefährlich. Dabei hatte Mordochai dem Ahasveros das Leben gerettet. Haman hatte die Erlaubnis, alle Juden vertilgen zu dürfen. Durch das Los wird hierzu der 14. Adar bestimmt. Esther, Mordochais Nichte, die inzwischen Königin geworden, leistet Fürsprache für ihr Volk. Haman wird entlarvt und an den für Mordochai bestimmten Galgen gehängt. Mordechar wird Minister, und bei den Juden kehrt Freiheit und Freude ein. ‘Sie feiern das fröhliche „Losefest" (Purim). Vorschriften. Montag ist „Taanis Esther" zur Erinnerung an Esthers Fasten, ehe sie ihre Bitte um Israels Rettung vortrug. Waj'chal-Vorlesung. Selichans im Schmauno - Esrei des Morgens. Aneinu-Einschaltung. Jeder höre zweimal Megilovorlesung. Die Megilv muß vorschriftsmäßig geschrieben sein. 3 Bor- Brochaus, morgens 2. Eine Nach-Brocho. Im Tischgebet und Sch. Esrei „Al - hanissim". Purim- Freudenmahl ani Tage abhalten. — Mischloach- Monaus — mindestens einem Freunde zweierlei. Geschenke an Speisen. An. 2 Arme 2 Gaben j,,Mätonans-Lo-evjaunim"). Awelim senden auch, erhalten aber nichts. Kein Tachanun, auch Mittwoch — Schuschan. Purim — nicht. Thoravorlesung von Amaleks Kampf. (2. Bch. M., Kap. 17.) Machazis Haschekel geben. _ Offenbarer Druckluft - Anlage Telefon 123. Qtlenbach S. M. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TepplChrslnlgung. Dlstr. Auskünfte! über Vermögens-, Kamlliono. Gesohäftsverhiltntsse, Beobachtungen, Ermittelungen an allen Plätzen der Welt. Grosse Deteetlv-Zentrale 11! Salzhans 6, I. Telephon 4359.

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