Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leite 2. gemeinden, die mit ihre« 10, 00, 30 Familien sich nicht den Luxus eines doppelten Gottesdienstes und zweier Kultusbeamtcn, je einen für die nach dem neuen und je einen für die nach dem alten Gebetbuch beten wollenden Andächtigen gestatten können. Der Oberrat freilich macht es einfach: stimmen 11 Mitglieder einer Gemeinde für und 9 gegen das neue Gebetbuch, dann ist dieses eingeführt, — und das nennt man dann nicht Vergewaltigung, sondern gerechtes demokratisches Handeln! Daß die überstimmte Minorität weder den Gottesdienst besuchen noch .den den Gottesdienst leitenden Beamten als Schächter oder Religionslehrer anerkennen kann, darüber hat sich der Oberrat noch keine Kopfschmerzen gemacht; der Religionsunterricht ist obligakorisch, und woher die Religiösen ihr koscheres Fleisch bekommen, das ist deren eigenste Angelegenheit. Wie ist aber die gerechte Lösung, da die Beter mit dem modernen Empfinden des Oberrates auch nicht vergewaltigt werden dürfen? Ich muß gestehen: Wenn das moderne Empfinden des Oberrates maßgebend sein soll, dann weiß ich auch keine Lösung. Anders aber, sobald in einem jüdischen Gotteshäuse und in einer jüdischen Religionsschule jüdisches Empfinden Voraussetzung ist. Wenn dies Voraussetzung ist, dann müssen wir sagen, daß das traditionelle Gebetbuch vom ersten bis zum letzten Wort jüdisches Empfinden atmet, jüdische Lebensauffassung gibt und daß das neue Gebetbuch etwas Unsinniges und Halbes mit seinen durchaus inkonsequent durchgeführten Aenderungen und seinen mit dem danebenstehenden hebräischen Text häufig nicht im entfernteste» übereinstimmenden Uebersetzungen darstellt. Für den nicht mehr traditionell lebenden Juden bedeutet es keinen Gewissenszwang, wenn er das alte Gebetbuch, durch das in allen Synagogen der Welt die Einheit Israelsin der ganzen Welt gewahrt wird, in die Hand nimmt und daraus den Geist des reinen, unverfälschten Judentums zu sich sprechen läßt, im Gegenteil: es steigt in chm eine Ahnung von diesem Judentum auf. Die Einführung des neuen Gebetbuches aber bedeutet einen schweren Gewissenszwang für die Minoritäten, in deren Gemeinde es eingeführt wird und muß eine Zersplitterung der badischen Judenheit im Gefolge haben! Für das jüdische Verständnis und das jüdische Herz des Oberrates spricht die Gebetbuchafsäre Bände. Millionen unserer Brüder kämpfen einen verzweiflungsvollen Kampf um ihre nackte Existenz, flüchten von einem Ort zum anderen und finden nicht einmal ein Nachtasyl; unsere Feinde, die uns geistig und körperlich vernichten und unseren Namen aus der Geschichte ausmerzen möchten, mehren sich von Tag zu Tag; — und da kommt man, um modern sein zu wollen, mit unsinnigen, gedankenlosen Resormen, macht uns lächerlich nach außen und zersplittert und schwächt unsere Position nach innen. UnS fehlt für diese Untat der richtige Ausdruck. Zionismus — eine Rückkehr zum Judentum. „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland," so verkündete der Welt der Heimgegangene große Zionistcnführer Theodor Herzl auf dem 1. Kongresse. Beruht dieser Ausspruch auf Wahrheit, trifft er wirklich zu? Gewiß! Denn welchen Sinn sollte der Zionismus haben, wenn das Gegenteil dieses Wortes wahr wäre? Um nur die Judennot aus der Welt zu schaffen, dafür gibt es noch eine ganz andere Lösung . . . eine Christennot gibt es nicht . . . Judennot ohne Judentum ist eine Nonsenz! „Der Zionismus ist keine Parteisache," sagte Buber auf dem 3. Kongresse, „sondern eine Weltanschauung." „Der Zionismus ist die Folge einer tiefen Sehnsucht nach eigenem ünS entsprechenden Lebensinhalt waren des bulgarischen LandesrabbinerS Dr. Ehrenpreis' Worte auf dem 1. Kongresse. ' Nur so und nicht anders, nur wenn eS «i« Judentum, eine jüdischeWeltanfchauung, hie der Betätigung bedarf, gibt, wenn eine tiefe Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. Sehnsucht nach einem eignen jüdischen Lebensinhalt vorhanden ist, ist der Zionismus erklärlich und notwendig; im anderen Falle aber unverständlich und überflüssig. Sind nun diese Grundsätze des Zionismus Grundsätze der Zionisten geworden? Sind die Zionisten dem Judentum wirklich näher getreten — oder begnügten sie sich nur mit Schekel- und Jahresbeitrag? Leider müssen wir letzteres konstatieren! Sogar die wichtigsten Gebote des Judentums werden mißock.tet; man ist national, ohne das nationalste Merkmal, die B e s ch n e i d u n g, vorzunchnrcn; man ist national, ohne den urjüdischen geheiligten Ruhetag zu beobachten; man ist national, ohne rituell leben zu wollen; man ist national, ohne sich verpflichtet zu fühlen, seine» Kindern Hebräisch, die nationale Sprache, bcizubringen; und während alle Nationen, die auf ihrem eigenen Boden sitzen und ein natürliches nationales Dasein führen, die Beobachtung der unsinnigsten nationalen Bräuche als selbstverständlich, mischen, setzt sich der jüdische Nationalist, der auf fremdem Boden lebt und beständig der Gefahr des Ausgehens im großen und gewaltigen Strome des ihn umgebeirden andersgearteten Lebens ausgcsetzt ist, über die wichtig st e n nationalen Bräuche leichten Herzens hinweg. Man glaubt niit einer freisinnigen Weltanschauung alles Unterlassen entschuldigen zu können, ohne zu bedenken, daß das Judentum keine Konfession iin landläufigen Sinne, — sondern eine jüdische Gesetzgebung religiöser, nationaler und sozialethischer Natur ist. „Die Zionisten sind keine Partei," sagte Nordau auf dem 2. Kongresse, „sie sind das Judentum selbst". „Das Judentum selbst", — Judentum ohne jeglichen Inhalt; — ist dies nicht das größte Paradoxon, das Nordau je gesagt hat. „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum;" — soll die Entrichtung eines Schekels die Rückkehr zum Judentum bedeuten? Und was noch schliminer ist, — diese Inkonsequenz erstreckt sich nicht nur auf die einzelnen Zionisten, sondern reicht bis zur Leitung hinauf; so brachte man es fertig, in den Büros des Nationalfonds und der „Welt" am Samstag zu arbeiten, und es bedurfte erst der Proteste, um diesen Mißstand zu beseitigen. „Der Zionismus beabsichtigt nichts, was die religiöse Ueberzeugung irgend einer Richtung innerhalb des Judentums verletzen könnte," diese Erklärung Herzl's auf dem 1. Kongresse ist so selbstverständlich, daß sie beinahe überflüssig erscheint und doch . Doch wo die Garantien für die Unverletzlichkeit eines Präsidenteuwortes? „Es gibt keine Garantie», tretet aus!" rufen manche. Die so reden, sind keine Zionisten, sie waren es niemals gewesen! Ein guter Deutscher oder Russe tritt aus seinem Deutschtum oder Russentum nicht aus; auch nicht, wenn seine Regierung Massenmorde veranstaltet! Und doch gibt es Garantien! — Ein starker Misrachi muß geschaffen werden, der die Werte des Judentums in die Bewegung trägt und auf die Konsequenzen des Zionismus die zionistische Jugend vorbereitet. Und mit dem Moment, da der Zionismus sich konsequent geworden ist, verfällt keine Leitung auf eine so unzionistische Aktion wie 'Sabbatentweihung u. d. m. Wer also wirklich Zionist ist, der schare sich um den Misrachi. Er wird damit die Rückkehr der Juden zum Judentum bewerkstelligen und dem Zionismus seine Existenzberechtigung geben. S.—n. Brief aus Ungarn. Der Fall des armen Osias Heilvern hat laut und deutlich demonstriert, daß auch die moralische Grenzlinie, die uns vom Reiche Carmen Silvas scheidet, geschwunden ist. Sechzehn Jahre hat dieser unbescholtene Mann mit seiner ungarischen Frau in Madcinka gewirtschastet, bis der amtliche Dorfpascha auf seinen Kaftan aufmerksam wurde und in böser Laune — unser Fremdengesetz ist darauf eingerichtet — den armen Menschen vom sicheren Elende ins Unsichere peitschte. Die Welt wird durch einen neuen Typus des ewigen Juden bereichert. Zum russischen und rumänischen gesellt sich als dritter im Bunde: der - von der ungarischen Steppe. Nr. 11. Mit sublimere« Waffen, aber immerhin radikal genug, kämpfen die „superioren Vertreter der turanischen Rasse" gegen daS jüdische .Element. Karl Tauber in Raab war ihr letztes gelungenes Experiment. Seit 30 Jahren stand er an der Spitze der oppositionellen Partei, deren Seele und Rückgrat er war. Um eine Zeit, wo die Vollblutmagyaren ihre Tapferkeit in der blitzartigen Flucht vor der Fahne Kossuths bekundeten, hat er für diese gekämpft und gelitten, und statt,- wie die schlauen Kalkulanten, sich der herrschenden Macht zu unterordnen, unentwegt bei der Idee ausgehalten. Nun, da die Partei zur Regierung gelangte und es sich gut in ihrem Schatten sonnen läßt, haben sie ihn mit brutaler Faust in die katzenjämmerliche Ernüchterung gestoßen. Der jüdische Präsiden t — so verkündeten die Neophiten — m ü s s e von der Bildfläche verschwinden, um nicht das Prestige der Partei zukompromittieren; und Kossuth, der auf seinen Schultern in die Höhe stieg, sagte Ja und Amen. Diese Ereignisse, wie symptomatisch sie auch unsere Lage charakterisieren, bedeuten schließlich nur ein schwaches Wetterleuchten im Vergleich zum tobenden Sturm, bei dem Abraham Huß sein Leben schimpflich lassen mußte. — Mihalka, ein verabschiedeter Gensdarm, über den sich die Verdachtsmomente, der Täter des Petcowaer Postraubmordes zu sein, so ansammelten, daß, es für ihn kein Entrinnen gab, gestand, daß er von Huß durch die Drohung, ihm sonst die Pferde zu vergiften, bestimmt wurde, den Doppelmord zu begehen. Obwohl nun vom geraubten Gut kein Heller im Besitze des armen Huß gefunden wurde uyd trotzdem der Aussage des abgefeimten Schurken die Beteuerung des unbescholtenen Delinquenten bis zum letzten Moment entgegenstand, wurde Huß vom Geschworenengericht zum Strang verurteilt. Ohne ihn anzuhören, ohne die Sprache des Verteidigers — der sich ungarisch ausdrücken mußte, was den wallachischen Geschworenen spanisch klang — zu verstehen, haben sie über Huß den Stab gebrochen. „Der gewaltige Blödsinn und die rohe Inhumanität" — wie der berühmte Kriminalist Oetvos schrieb — geschah: der tierischeMörder, der seinen Kousin und Kameraden erst erdrosselte und dann noch um einige Groschen den Aerzten bei der Sezierung behilflich war, wurde begnadigt, und Huß, der Vater von sieben Kindern, der trotz Qual und Marter bis in den Tod seine Unschuld beteuerte, gegen den einzig und allein gravitierend ddr überführte Raubmörder, der sich nebenbei dadurch seine Lage erleichterte, für den aber weder logische noch psychische Motive vorgebracht werden konnten, wurde dem Nachrichter überwiesen. Mit einer heiligen Ruhe vernahm der Delinquent den letzten Spruch. Er legte noch einmal Talis und Tfilin an und verkündete mit Inbrunst sein letztes Sch'ma Jisroel. Er dankte dem König für die zurückgewiesene Gnade. Es sei gewiß —• sagte er — Gottes unerforschlicher Wille, daß er unschuldig sterben müsse. Dann schritt er auf den Richtplatz zu und hauchte mit „echod" seine Seele aus. Die Teilnahme, die man der Familie dieses durch konzessionierte Lynchjustiz erwürgten Juden von allen Seiten entgegenbringt, täuscht keinen von uns über die Tatsache hinweg, daß dieser Galgen ein finstererMeilenzeigerauf dem dunklen Weg der Reaktion ist, der zurück ins schwärzeste Mittelalter führt. _ Zioni. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Zu den,Synodalwahlen in Baden. — Auf den Artikel „Anti-ModerniSmus in Baden" in ihrem letzten Sonntagsblatte, der sich von neologer Seite aus mit dem bekannten Gebetbuch des badischen Oberrats und seiner Gegnerschaft bei allen jenen, die das bisherige, im Geiste der überlieferten Judentums geschriebene und. bei der Judenheit der ganzen Welt gleiche Gebetbuch beöbeh alten wollen, beschäftigt, hat di» >,Frkf. Htg."'