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Neue jüdische Presse · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IkrarrLfrtrker Sfrorlilifdirs fmilirililatt. I —! > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei tnS HauS. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— -— - -- --- > HedaLtioil «nd ch-fchäftsD-tte: Srankfurt s. M.. vilbelerstraße 4/ö, Lcke »leichstra-e v-r-f-« 10507. Heransgevep: Kaks chsks. , JnsertionSpreise: Die viergespaltene Petitzeilr. 25 Psg. Die Reklame; eile. ioo „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Prei» nach Ueberrinkunst. . . 6. Jahrgang. Freitag, den 10. Mar scheni 566$ (18. März 1908). No. 11. Inhalt des HauptblatteS. Artikel: Jüdische Probleme. — Der „moderne" oberrätliche Unsinn und seine Folgen. — Zionismus — eine Rückkehr zum Judentum. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Der Prior. —Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Briefkasten. — Vereins-Kalender. Jüdische Probleme. u. Zur Naturgeschichte des jüdischen Geistes. Von Maxime Le Ma!tre-Bern. (Fortsetzung.) Bevor ich zur Behandlung des eigentlichen Problems übergehe, muß ich noch einige kurze Bemerkungen über die Möglichkeit der Problembehandlung vorausschicken. Als das letzte Waldlied der Romantik verklungen und die Völker Europas aus dem romantischen Traum zum erkennenden Leben erwacht waren, stellte sich bei ihnen das Bedürfnis einer scharfen Um- und Abgrenzung ihrer geistigen Kulturpersönlichkeiten ein. Aus dieser allgemeinen Tendenz heraus sind Bucles „History of the- Civilisation in England" und F o n l l i e' s „ksyedolo§is du peuple fransais" hervorgegangen. In Deutschland haben Treitschke und Drießmann ähnliche Versuche gemacht, allein das geistige Deutschland konnte inmitten seines gewaltigen kulturellen Alufstrebens keine genaue Bilanzierung seiner Kulturwerte vornehmen, wie England und Frankreich. Nach 70—71 glaubte man allgemein, Deutschland gehe einem neuer: „Perikles-Zeitalter" entgegen, was nach gewissen soziologischen Gesetzen, die Max Nordau erkannt, unmöglich war. Aus diesem Grunde konnten in Deutschland weder ein Bucle noch ein Foullis entstehen. Die Werke der zwei obengenannten Denker, so verschieden sie nach Form und Inhalt sind, weisen doch ein gemeinsames Bestreben auf: Jeder von ihnen will die Natur des Geistes seines Volkes erklären und erkennen. Daß solche wissenschaftlichen Bestrebungen einen höheren Kulturzweck verfolgen, steht außer Frage. Wenn die /Völker sich gegenseitig kennen, werden sie sich auch gegenseitig achten.' Mit dieser einleitenden Bemerkung wollte ich sagen, daß die Naturgeschichte des -jüdischen Geistes zu beschreiben möglich ist, ferner, daß gerade jetzt, da auch wir aus dem romantischen Traum zum nationalen Streben und Erkennen erwacht sind, einige, wenn auch noch so skizzenhafte Zeichnungen des jüdischen Geistes zeitgemäß sind. Und nur als Skizzen wollen diese Blätter angesehen werden. Die Natur des jüdischen Geistes als Knlturproblem blickt auf ein Alter von zwei Jahrhunderten zurück. Die Geschichte des Problems beginnt mit dem großen französischen Philosophen Pierre Daniel Huet, Bischof von Avranches (1630—1721). Huet war zuerst Car- :.tesianer, und später entstanden Zweifel in ihm, die ihn zum Skeptizismus führten. Huet war ein Vielwisser und ein scharfsinniger Denker. Als der Cartesianismus schon bei ihm längst ansgezitkert war, schrieb er sein „Traite de la faiblesse de l’esprit humain", das 1728 in Amsterdam erschien. In diesem Werke will Huet den Nachweis führen, daß es ein rationelles Kriterium der Wahrheit nicht geben könne, und im Kampfe mit dem rationalistischen Positivismus seiner Zeit, der zu einer Geringschätzung der Antike führte, sucht Huet zu zeigen, daß all die Religionen und philosophischen Systeme des Altertums tziner dem jüdischen Volke entstammenden .Tradition zu verdanken sind und ferner daß alles, was der Menschengeist bisher an Einsicht gewonnen, speziell aber religiöse und sittliche Normen, ein Erzeugnis des jüdischen Kulturgeistes ist. Der jüdische Geist, meint Huet, zeichnet sich vor allem durch sein en „intuitiv en Ch arakter" aus. Aber aus dem intuitiven Charakter des jüdischen Geistes zu schließen, daß „die Religionen und philosophischen Systeme des Altertums einer dem jüdischen Volke entstammenden Tradition zu verdanken seien", ist mehr als eine Hypothese. Schon bei der Geburt des jüdischen Geistes merken wir seinen scharfen eigenen Einschnitt. Er stellt im Altertum eine eigene ausgeprägte Kulterindividualität dar, wie heute. Flüchtig orientieren wir ims über seine Natur, wenn wir fragen, wie und aus wem er hervorgegangen ist. Die griechische Tragödie ist aus dem Geiste der Musik hervorgegangen. Olympische Spiele, Dialoge, Handlungen usw. Das römische Recht, der römische Kulturgeist waren ein Erzeugnis des Willens zur Macht. Den jüdischen Geist hat die „Theo diee" geboren, und er ist aus dem Kampf zwischen Bös und Gut, Recht und Unrecht hervorgegangen. Und so ist es verständlich, daß man heute unter Neukantianern geneigt ist, die Weltanschauung der Propheten als eine Art ethischen Pantheismus darzustellen, indem man sagt, der Gott der Propheten sei lediglich das Wesen der Sittlichkeit. — Wir werden noch später auf diesen Irrtum zurückkommen. Der starke sittliche Unterton des jüdischen Kollektiv-Jch hat dem Werdegang des jüdischen Geistes schon bei seiner ersten Selbstentfaltung eine bestimmte Direktive gegeben. Die Fragen nach Gut und Böse erweitem den menschlichen Horizont und führen den Menschen dazu, aus seiner engen subjektiven Welt herauszutreten und sich in einer Ewigkeit einzufinden. Das jugendliche Nachdenken der frühesten Geschlechter mußte schon zwar einen dunkeln Kern der Tinge anerkennen, und wir wissen, daß eine schrankenlose Beseelung der Natur eine der frühesten Vorstellungen der menschlichen Bildung gewesen ist. Der alte Mensch war von Natur aus träge und einer tatlosen Beschaulichkeit immer hingegeben. Diese tallose Beschaulichkeit konnte sich ungestört an dem Gedanken einer Lebendigkeit erfreucn. Was wäre da natürlicher gewesen als die Betrachtung aller Erscheinungen von einem Gesichtswinkel? Und doch hat keine Mythologie den Kreis der Erscheinungen und das in chnen erkennbare Band einer kausalen Verknüpfung in das Ganze ihres Weltblldes ausgenommen. Die Dinge lagen jedem vor Augen, allein der phantastische alte Mensch hat das, was vor seinen Augen lag. einfach übersehen und seinen Blick in die Ferne schweifen lassen. Seine Gedanken, die — weiter ausgebildet — zu Konflikten hätten führen müssen, ruhten friedlich bei einander. Er schasste sich Fetische und Götter, betete sie an und prügelte sie alsdann. Was ihm fehlte, war dasBewußtsein der Einheit, mithin auch die wirkliche zusammenhängende Allheit der Dinge. Ohne Verständnis für das direkte Verhältnis der Einzelerscheinung zur Gesamtnatur, vergöttert er jede Regung seines Herzens, jede Aeußerung seines Wlllens, jedes Trachten und Sinnen, und bald hat er ebensoviel Götter als Leidenschaften und Begierden. Das Band zwischen Natur und Geist ist zerschnitten. Nirgends Einheit und Harmonie, überall Chaos und Verwirrung imd schließlich atavistische Rückfälle und heillose Verwilderung. (Fortsetzung folgt.) Der „moderne" oberrätliche Unsinn «nd seine Folge«. Welcher Herkules durchschlägt den gordischen Knoten, der seit Wochen die Gehirngewinde der badischen Juden in einem unlöslichen Knäuel verschlungen hält? Die einen verlangen die Beibehaltung des traditionellen, in der ganzen jüdischen Welt gleichen Gebetbuches und die anderen dessen Versenkung in die Rumpelkammer zu Gunsten eines von dem badischen Oberrat der Israeliten herausgegebenen modernen, dem gegenwärtigen Empfinden der Baden mosaischer Konfession angepaßten Gebetbuches, — und beide schreien, daß man sie in unserem Zeitalter demokrattschen Denkens nicht vergewaltigen dürfe: Und der weise Kadi?' Der weise KM ist diesmal selber Partei, denn es ist eben jener: badische Oberrat, der das neue Gebetbuch erzeugt hat und nun sein liebes Kind zur Herrschaft bringen möchte. Der weise Kadi sagt mit der unschuldigsten Miene der Welt, mit der Pose des gerechten Richters: Ich überlasse es dem sieien Beschluß einer jeden Gemeinde, ob sie das neue Gebetbuch einführen wlll oder nicht. Er sagt aber nicht, daß diese Antwort keine Lösung der Frage bedeutet, daß diese Antwort vielmehr ein Taschenkunststückchen ist, durch das das gedankenlose Publikum über den Ernst der Angelegenheit hinweggetäuscht werden soll. Und die Angelegenheit ist ernst! Denn werden die dem Oberrat genehmen Kandidaten gewählt, dann muß in Baden bald ein Wirrwarr eintreten, wie er noch nie in der Judenheit war. Bon den etwa 120 jMschen Gemeinden Badens sind nämlich die meisten Kleinstadt- und Dorf-

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