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Neue jüdische Presse · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3 j.chr zn 40 Wochen berechnet, so würden die Kosten des Religionsunterrichtes bei 4 wöchentlichen Stunden 320 Mark betragen. Es ist selbstverständlich, daß die jüdischen Gemeinden nie mehr verlangen können, als sie selbst für den Religionsunterricht ausgeben. Da in den meisten Gemeinden der Religionslehrer auch Kultusbeamter ist, so muß sehr sorgfältig das Gehalt für den Religionsunterricht von dem Gehalt für seine Tätigkeit als Kultusbeamter getrennt werden. Für diejenigen Synagogengemeinden, die selbst leistungsschwach sind und von den Kommunen nicht ausreichend unterstützt werden, hat die Staatsregierung in dem diesjährigen Etat die «summe von 40 000 Mark (Resolutionsfonds) bereit gestellt. Die Gemeinden werden sofort Schritte tun müssen, wenn siemitciner Unterstützung aus diesem Fonds bedacht werden wollen: eine etwaige Eingabe ist an den betreffenden Regierungspräsidenten zu richten. Auch hier ist für eine Bewilligung die Bedingung gestellt, daß in der Gemeinde mindestens 12 schulpflichtige Kinder vorhanden sind. Wo diese Zahl nicht vorhanden ist, da werde» die Gemeinden gut tun, sich mit einer oder mehreren Nachbargemeinde n zusammenzuschließen undeineArtvonSchul-Sozietät für den Religionsunterricht zu bilden, sei es, daß die Kinder an einem Orte den Unterricht empfangen, sei es, daß der Lehrer Wanderunterricht erteilt. Nach den Erklärungen des Herrn Ministerialdirektors Schwartzkopff in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 21. Februar ds. Js. ist es sicher, daß die Regierung einer solchen Sozietät eine Unterstützung nicht versagen wird. Die sachverständige Auskunft des Bundes bczgl. der verschiedenen entstehenden Einzelfragen steht den Gemeinden zur Verfügung, wie der D. I. G. B. bereits durch mehrere seiner Mitglieder an den Arbeiten der „Ueberleitnngskommission" gemeinsam mit den Vertretern des Verbandes der deutschen Juden an der Beantwortung der sehr mannigfachen und schwierigen Fragen mitgearbeitet hat. Berlin. D'e Deutsche Konferenz-Gemeinschaft derAllianceJsraöliteUniverselle tagte hier vorige Woche unter fast vollzähliger Teilnahme aller derselben angehörenden Persönlichkeiten und des Geschäftsführers des Zentralkomitees in Paris Bigart. Der Vorsitzende berichtete, daß die in der vorigen Tagung beschlossene straffere Zentralisierung inzwischen fast vollständig durchgeführt ist. Im abgelaufenen Jahre sind 48 neue Lokalkomitecs geschaffen und 21 bestehende erweitert worden. Die Gesamtorganisation verausgabte im ordentlichen Etat IVr MillionenFrancs für ihre 142Schulen, in denen 45 000 Knaben und Mädchen unterrichtet werden. In den jüngsten Tagen ist in Konstantinopel wieder eine Allian ceschule mit deutscher Unterrichtssprache eröffnet worden. Der Geschäftsführer gab danach Kenntnis, daß die Falascha-Expedition bei dem Negus von Abessynien eingetroffen ist. Die Tagung erörterte eingehend und im bejahendem Sinne die Ausdehnung bezw. Einführung deutschen Sprachunterrichts in einzelnen Allianceschulen, u. a. in Marokko, und ging über die von Professor Philippsou gegen die Alliance gerichteten Angriffe zur Tagesordnung über. Berlin. Die Genehmigung der Regierung erhielten folgende Legate, bezw. Zuwendungen: Jk 20000 an die Baruch - Auerbachsche Erziehungsanstalt in Berlin von Rentier Sigismund Samuel; .4L 92 300 an die jüd. Gemeinde in Berlin für eine Stiftung zur Unterstützung speziell hilfsbedürftiger Mitglieder der Familie des verstorbenen Rentiers Isaak (Isidor) Haberland und seiner Ehefrau Klara geb. Reiwald; Jk 22 300 von demselben Erblasser zur Errichtung von Zimmern in der Altersversorgungsanstalt der jüd. Gemeinde in Berlin; Jk 10 000 an die gleiche Altersversorgungsanstalt von dem verstorbenen Sanitätsrat Dr. Leonhard Bamberger; Jk 20 000 an die Baruch-Auerbachsche Erziehungsanstalt in Berlin von den Erben des verstorbenen Kommerzienrats N. Israel; Jk 20000 an die jüd. Gemeinde in Berlin, halb für Zwecke der Armenverivaltung, halb zur Unterstützung von Mädchen, die sich für den jüd. Religionsunterricht ausbilden, von dem verstorbenen Bankier Julius Bleichröder; Jk 10000 an den Hilfsverein der Deutschen Juden von den Erben des verstorbenen Bankiers Julius Bleichröder; Schenkungen der jüd. Gemeinden Berlin, Breslau und Frankfurt von je Jk 10000 an den Deutsch- Israelit. Gemeindebund, zur Errichtung einer Erziehungsanstalt für schwachsinnige jüdische Minderjährige. Berlin. Zum Wettbewerb um ein jüdiswes Märchenbuch, der von der „Jugendschrlften-Kommission der Großloge für Deutschland VIH U. O. B. B." ausgeschrieben war, sind 10 Sammlungen eingegangen. Tic Kommission hat beschlossen, die Hälfte des Preises im Betrage von 250 Jk dem Verfasser der Sammlung „Morgenröte" Herrn Jakob Levy- K ö l n zu gewähren. Außerdem sind der Schriftstellerin Else Ury-Eharlottenburg und dem Houptlehrer Reuß-Aurich für einzelne Märchen aus den von ihnen eingesandten Samnilungen kleinere Preise zuerkannt worden. — Da der Kommission inzwischen von hochherziger Seite 1500 Jk zur Prämiierung geeigneter Jugendschriften zur Verfügung gestellt worden sind, so veranstaltet sie ein neues Preisausschreiben. Es kommen diesmal drei Preise zur Verteilung: ein erster von siebenhundert, ein zweiter von fünfhundert und ein dritter von dreihundert Mark. Erwünscht sind in erster Reihe Biographien bedeutender jüdischer Männer und Frauen aus nachbiblischer Zeit, sowie die Schilderung kulturgeschichtlich interessanter Perioden der jüdischen Geschichte. Auch Bearbeitungen anderer Stoffe sind von der Bewerbung nicht ausgeschlossen. Drei verschiedene Biographien usw. sollen zu einem Band vereinigt werden. Ebenso können einzelne Erzählungen, die sich dazu eignen, einem größeren Bande gleichartiger Arbeiten einverleibt zu werden, mit einem Preise bedacht werden. \ Die Einreichung der Arbeiten hat bis zum 31. Januar 1909 an die Adresse des Herrn D. Wolfs, Wilhelmstr. 118, Berlin SW., zu erfolgen. Die Arbeiten sind nrit einem Kennwort zu versehen; dasselbe hat auf einem verschlossenen Briefumschlag wicderzukehren, der eine Karte mit dem Namen des Verfassers enthält. Die Verteilung der . Preise erfolgt bis spätestens Ostern 1909. Die preisgekrönten Arbeiten bleiben Eigentum der Großloge, die für ihre Verbreitung in "geeigneter Weise Sorge tragen wird. Die Verfasser übernehmen die Verpflichtung, die Arbeiten bis zum 11. August 1909 druckfertig herzustellen. Berlin. Statistik. 19'6 wurden in Preußen 2739 jüdische und 638 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. Die natürliche Zunahme, die sich durch Abzug der Sterbeziffer von der Geburtsziffer ergibt, betrug 1966 in Preußen bei den Christen 15,72<>/o, bei den Juden aber nur 4,46<>/o. Breslau, 3 März Au' der Tagesordnung der morgigen Sladtvcrordnctensitzung steht der Entwurf eines O r t s st a t u t s über die Sonntagsruhe im Händelsgewer.be. §4 dieses Entwurfs lautet: .Zn Geschäften, welche an Sonnabenden geschlossen sind, dürfen an Sonntagen die jüdischen Angestellten während des ganzen Jahres von 8—9 Uhr- Vormittags und von 11—lr/a Uhr mittags beschäftigt werden. Die Geschästslokale müssen jedoch in dieser Zeit geschlossen bleiben, soweit sie nicht nach 'den vorhergehenden allgemeinen Bestimmungen offen sein dürfen." Oesterreich - Ungar«. Wien, i^as 8 jährige Tö Tierchen des Ka»i manns Leo Straß in Nachod sandte an die Kö n i g i u von R u m ä n i e n 5 Kronen für die rumänischen Notleidenden und bat um eine Ansichtskarte. Sie erhielt darauf folgende Karte: „Mein liebes Kind! Wenn ich etwas ganz großes will, dann bitte ich den lieben Gott. Wenn ich aber von kleinen Leuten Hilfe haben will — denn viel Wenig macht ein Viel! — dann sage ich's den ,Bergmännchen. Und die gehen bei Nacht und flüstern den Kindern zu: Helft, helft, helft! und wir wollen Euch froh inachen! Und jedesmal helfe» die Kleinen. — Gestern bekam ich die Nachricht, daß eine Mutter gestorben ist, die vier blinde Waisen zurückläßt! Ich lasse sie sofort kommen, denn Hilfe kommt mir sicher. Ich hab's schon den Bergmännchen gesagt. Tausend Dank und Segen Dir. Elisabeth." Hierzu bemerkt Bloch's Wochenschrift: „Das Kaufmannstöchterchen in Nachod hätte zweifellos barmherziger gehandelt, wenn es den Inhalt seiner kleinen Sparbüchse den armen Juden lindern in Rumänien gespendet hätte, den armen Kindern jener Unglücklichen, die man unbarmherzig verfolgt, beraubt, mißhandelt und wie der Minister Karp in der Kammer einmal ausdrücklich bestätigte, häufig genug in der Donau ertränken läßt." Budapest. Die Nruwadl der 31 gliedrigen Repräsentanz der orthod. Gemeinde, die nur alle sechs Jahre einmal vorgenommcn wird, fand unter solch' lebhafter Beteiligung statt, daß nur 40 Gemeindemitgliedcr von .ihrem Stimmrecht keinen Gebrauch gemacht haben. D.ie Repräsentanz hat in ihrer ersten Sitzung den bisherigen Vorstand einstimmig wiedergewählt. Der Vorstand besteht also, wie bisher, aus: Moses Freudiger (Präses). Dr. Jakob Schächter und Adolf Frankl (Vizepräsidenten), Isidor Abeles, Edmund Müller, Josef Feith und Dr. Wilhelm Totis. Prag. O>-ne Unterschied der Konkesiion. Der bekannte Kvhlengroßindustrielle Ed. Weinmann in Aussig hat gemeinsam mit seiner Frau ein Siechenhaus für Sieche ohne Unterschied der Konfession errichtet Jetzt hat die «tadtvertretung als Pflegerinnen in dieses Institut Nonnen ausgenommen und verweigert jüdischen Kranken dieAusnähme. Herrn Wcinmann ergeht es nun ebenso wie seinem Konkurrenten Petschek, der einen herrlichen Weg zur Ferdinandshöhe bei Aussig bauen ließ, welcher jüdische» Spaziergehcrn versperrt bleibt. Vielleicht werden die jüdischen Wohltäter endlich doch einmal mit den Tatsachen rechnen lernen, von ihren hochherzigen Stiftungen „ohne Unterschied der Konfession" abgehen und ihre Geldmittel lieber zur Linderung jüdischen .Elends verwenden. „Sclbstwehr," Kascha«. Unglaublich! Am 9 Februar wurden in der orthodoxen Gemeinde die Wahlen^vollzogen, bei denen der bisherige Präses Simon «harmann seinem Gegenkandidaten Mor. Liebermann unterlag. Die Parteigänger des Herrn Scharmaim machten nun ihrer Wut darin Luft, daß sie bei dem Kultusminister tele graphisch an fragten, ob Mitglieder der Gemeinde, die „Galizier" und keine ungarischen Staatsbürger sind, stimmberechtigt sind. Wenn in der „liberalen" Gemeinde zu Köln am Rhein etwas derartiges vorkommt — bon! Doch bei einer vor jeder liberalen Beeinflussung geschützten autonom „orthodoxen" Gemeinde in Ungarn, einer Gemeinde, in der jüdisches Recht gelten soll — das begreife, wer es begreifen kann! Rußland. Irkutsk. Schikanöse Zumutung! Der Gouverneur chat an de» Rabbiner Sch. Beilin die Forderung gestellt, ein Register über die Juden, die in Irkutsk wohnen, zu führen und die Verantwortlichkeit für dessen Richtigkeit zu übernehmen. Rabbiner Beilin hat selbstverständlich geantwortet, daß ihm die Erfüllung dieses Verlangens unmöglich ist, — und daraufhin hat der Gouverneur beim Ministerium den Antrag gestellt, Rabbiner Beilin seines Amtes verlustig zu erklären. Marokko. Casablanca. Der Alli nce'chulle te- Pisa sandte an die Hauptleitung der Mliance Jsraßlite in Paris folgenden Brief: Ich habe die schmerzliche Aufgabe, von einem Unglück zu inelden, dessen Opfer unsere Glaubensgenossen von M z a b geworden sind. Am 17. d. M. kamen die Truppen des Generals d'Amade bei ihrem Zug gegen die Mdakra's am Fuß der Hügel nahe bei Mzab an. Der Kaid der Kasbah Ben-Ahmed, der volkreichsten des Mzab und die die meisten Israeliten in sich schließt, erklärte den französischen Behörden seine Unterwerfung. Am Tag? darauf Übten die anderen Bewohner des Mzab Vergeltung, indem sie jene Kasbah ausraubten, ^ie beiden Indenviertel Stein für'Stein zn Grunde richteten, eine große Anzahl von Israeliten n m b r a ch t e n und die übrigen wie eine Herde Vieh über die Feld -r wegführten. Diese Nachrichten sind mir amtlich bestätigt worden. Nach Auskünften von Eingeborenen haben die meisten israelitischen Einwohn-r iener Kasbah, einige hundert an der Zahl, sich nach Casab'a ica gewendet. Eine beträchtliche Zahl soll sich auch nach anderen Kasbahs g flüchtet haben. Ich empfing gestern wieder einen aus 50 Personen bestehenden Vortrupp, vou deren Entblößung man sich eine Borst llung machen kann, wenn man an das Elend denkt, an das die Bevölkerung gewohnt ist. und an die Drangsalierungen, deren Gegenstand sie ganz besonders seit einiger Zeit bildet, sowie an den langen Weg, der bis Casablanca zurückzulegen war. Ich habe für die Israeliten von Mzab dies lbcn Maßnahme» ergriffen, wie für die Israeliten von Settat: Unterkunft und Unterhalt für einige Wochen, Kleidung, Arbeitsbesorgung für die Männer und allmähliche Verteilung der Familien. Ein drittes Kontingent von Flüchtlingen aus Settat. das am 16. d. M. angekommen ist, brachte die Gesamtziffer auf 315. Wir haben sie al? gekleidet, ihnen Obdach und Nahrung gegeben. Vom 21. d. M. an haben wir angefangen. sie in der Stadt zu zerstreuen, um Raum zu gewinnen für die Unglücklichen, die aus Mzab kommen sollten. Ein erster Versuch, den wir mit 10 Familien machten, bewies uns, daß sie Arbeit und Wohnung finden konnten. Auf diese Weise haben wir in 4 Tagen über 50 Familien untergcbracht. Den Rest von etwa 40 Familien werden wir im Lanke dieser Woche versorgt haben. Ungefähr 10 Greise, die zu keiner Arbeit 'fähig sind, bleiben in der Liste für wöchentliche Unterstützungen, die von Gemeindewegen an die Arinen verteilt werden. Für die Flüchtlinge von Mzab haben wir.dieselben Maßnahmen getroffen.

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