Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Und das Urteil des Engländers über den jüdischen Kulturgeist lautet anders, als das eines Richard W a g n e r’ §, der trotz Mendelsohn-Bartholdy, Halevy, Mayer-Beer und Rubinstein doch sein „Die Juden in der Musik" geschrieben hat. „Pittoreske" Denker wie Stirn er und Nietzsche, von welchen der erstere uns starrsinnigen Konservatismus, der Letztere die höchste Geistigkeit zuschreibt, eigenartige „Seher" wie Tschechow auf russischer und Maupassant auf französischer Seile, tiefsinnige Psychologen wie Dostojewsky und Titanen der Poesie wie C a r d u c i, Mystiker wie S o l o w j e w und dichterische Gewaltnaturen wie Charles Baudelaire, Verlaine und Lahor wollen wir, obgleich jeder von ihnen seine Meinung über die Natur des jüdischen Geistes ausgesprochen, nicht in den Kreis unserer Betrachtungen ziehen. Es würde uns auf das Gebiet der Völker- und Kulturpsychologie führen. Hier haben wir nur die markantesten Repräsentanten der neuzeitlichen Kultur berücksichtigt und das Problem von selbst sich formulieren lassen. (Fortsetzung folgt.) UMchk-u über die gegenwärtigen Aufgaben des Zionismus. Auf dem anläßlich der Jahreskonferenz der English Zionist Federation stattgehrbten Meeting in Manchester wurde ein Schreiben Ussischkin's verlesen, in dem es heißt: Wir erörtern nicht mehr die Frage, wohin wir wollen, nach Palästina oder nach irgend einem anderen Lande; wir beraten nicht mehr darüber, ob reale Arbeit in Palästina unverzüglich geschehen müsse oder nicht; es ist für uns kein Problem mehr, ob die Pflege national-jüdischen Lebens und national-jüdischer Kultur dringend geboten erscheint. Die souveränen Forderungen des Lebens haben gesiegt, und unsere Konferenzen und Kongresse haben sich nunmehr nur noch mst den: weiteren Ausbau dieser Grundlagen zu befassen, ihre detaillierte Anwendung und Ausgestaltung festzusetzen. — Einige Ableitungen aus diesen Grundlagen gestatte ich inir nun, Ihrer Konferenz zur eingehenden Berücksichttgung angelegenllichst zu empfehlen. 1. Auf dem Gebiete der realenArbeit in Palästina sind cs dreierlei dringende Bedürfnisse,' die gebieterisch Befriedigung erheischen. Es sind dies: a) langfristiger Agrarkredit, b) kurzfristiger Handels- und Jndustriekredit, c) Kultur. ad a) „Land gegen langfristig e Raten abzahl ungen", das ist die allgemeine dringende Forderung aller, die mtt der Palästtnaarbeü vertraut sind. Ein großzügig organisierter Agrarkredü ist die Grundlage unserer Arbeit in Palästina; ohne einen solchen werden wir keinen Schritt vorwärts kommen. Der Nattonalfonds muß nun die Basis für den zu schaffenden Agrarfonds bilden; dafür und für nichts anderes ist er bestimmt! Die verschiedenen geringfügigen gesellschaftlichen Unternehmungen werden das Kolonisationsproblem nicht lösen. Jedem Ansiedler muß Land, Wasser und Luft frei überlassen werden; alles andere muß er sich mit den eigenen Mitteln, mtt dem eigenen Schweiß verschaffen, oder er geht zu Grunde. Der chm überlassene Grund und Boden geht, wie die Luft, die er atmet, für das jüdische Volk nicht verloren. Er wttd immer dem Besitztum des jüdischen Volkes angehören. Von dieser Ueberzeugung ausgehend, hat das Odessaer Palästina-Komitee, dessen Vorsitzender zu sein ich die Ehre habe, den Versuch zur Schaffung von langfristigem Agrarkredü gemacht und auf diese Weise in lchter Zeit bereits zwei neue aus bisherigen palästinensischen Landarbeitern und kaukasischen Bergjuden bestehende Kolonien ins Leben gerufen: Bir-Salem in der Nähe von Rechoboth und Fedge bei Pethach-Tikwah. Bei den beschräntten Mitteln unseres Komitees konnten wir hierfür nur ca. 100000 Francs zurBerfügung stellen (dabei mußten wir Frankfurter Israelitisches Familienblatt. noch die Hilfe des Nattonalfonds in Form eines Darlehens von Fr. 20 000 beanspruchen). Wieviel wäre nun zu erreichen, wenn man für diesen Agrarkredit die verhältnismäßig reichen Mittel des Nationalfonds in Bewegung setzen möchte? Dieser würde sich dann als lebendige, leistungsfähige Institution die Sympathien der jüdischen Welt, die er in letzter Zeit etwas eingebüßt zu haben scheint, von neuem erobern. Aber auch das in Grund und Boden angelegte Geld des Nationalfonds wird sich dank der rapiden Preissteigerung des Bodens unvergleichlich besser verzinsen, als die englischen Konsols. ad b) Eine zweite Hauptforderung der Palästinaarbeit ist ein groß angelegter kurzfristiger Kredit für Handel und Industrie, und zwar als Aufgabe der Anglo Palestine Company. Die zionistische Organisation hat allen Grund, auf diese Institution stolz zu sein. Im Laufe der vier Jahre ihres Bestehens hat die A. P. C. dem Lande ungeheuren Nutzen gebracht. — Leider aber herrscht in der A. P. C. Geldmangel; auch hat sie iilsgesamt nur vier Abteilungen, während man darauf ausgchen müßte, in samttichen, mehr oder weniger bedeutenden Punkten Syriens und Palästinas Boden zu fassen. Die Vermehrung der Kapitalien der A. P. C. wäre auf zwei Wegen zu erreichen: 1. durch allmähliches Hinüberf.ießen der Kapitalien des I. C. T. in die A. P. C.; 2. noch viel wichtiger aber ist es, den Verkauf der Aknen der A. P. C. energisch zu betreiben. ad <r) Die kulturelleErziehungund Umerziehung der palästinensischen Judenheit ist unsere drttte Aufgabe. Tie fast hunderttausendköpsige Bevölkerung in ein organisches, durch ein und dieselbe, allgemein herrschende Sprache der Propheten geeintes, nach ein imd derselben großen, freien Zukunft strebendes Ganze zu verwandeln — das ist Sache der Kindergärten, der städttschen und ländlichen Elementar- und Mittelschulen, Gewerbe- und Fortbildungsschulen, Bibliotheken u. dgl. Leider aber hat die zionistische Organisation bis jetzt diesen wichtigen Punkt ganz außer Acht gelassen. Der Hilfsverein der deutschen Juden verausgabt jährlich für Erziehungsbedürfnisse in Palästina Francs 100 000, das Odessaer Palästinakomitee Fr. 60000 (im laufenden Jahre hat es noch obendrein die Garantie für das Budget des hcbräffchen Gymnasium in Jaffa überttommen), während die zionistische Wcltorganisatton für diesen Zweck sozusagen Pfennige gibt. In dieser Hinsicht muß eine Aenderung des Kurses eintreten. Die englische Föderation, an deren Spitze ein Mann von so großen jüdffch-kulturellen Gesichtspunkten wie Dr. Gaster steht, die Föderation, aus deren Mitte ein so edler Spender für jüdisch-kulturelle Zivecke, wie Herr Moser hervorging, müßte hier die Initiative ergreifen. Nehmen Sie das hebräische Gymnasium in Ihre Hände, schaffen Sie ihm einen dauernden Fonds, sichern Sie ihm die Existenz in der Zukunft! Dies wären unsere Aufgaben in nächster Zukunft in und um Palästina. 2. In den Ländern der Diaspora haben wir gleichfalls einen scharf martterten Weg vor uns. Wtt haben hier die Aufgabe: a) die jüdischenBolksmassenunter zionistischer Fahne zu einigen und zu organisieren, überall und immer laut und stolz unsere polittschen und nationalen Rechte zu verteidigen. — Unsere Gesinnungsgenossen in Oesterreich haben den glänzenden Beweis dafür gebracht, von welch' zündender Wirkung und großem Nutzen ein solches Auftreten ist. Diesen Weg schlugen auch die Zionisten Rußlands ein, und ich zweifle nicht daran, daß die tieferblickenden Führer unseres Volkes in England, in den Vereinigten Staaten, ja sogar in Deutschland früher oder später dem Beispiele ihrer östlichen Brüder folgen werden. b) die Kenntnis des Judentums, der jüdischen Geschichte, der hebräischen Sprache und Literatur zu verbreiten. ____ Nr. 10. Die politische Renaissance allein, die nicht gleichzeitig von der kulturellen begleitet wird, genügt noch nicht. Ihre Nachbarn und Kompatrivten, die Irländer, sind gleichfalls in letzter Zeit zil dieser Einsicht gelangt und gründeten eine spezielle Liga zur Neubelebung der keltischen Sprache und des nationalen Geistes. Wir haben in Rußland bei den ungünstigsten polittschen und ökonomischen Bedingungen diese Arbeit keinen Augenblick vernachlässigt; „Jbriah"-Bereine wurden gegründet und Wetter ausgebaut, der „Haschiloah" wurde von neuem ins Leben gerufen, und gar manches noch wird auf diesem Gebiete versucht und unternommen. Auch Sie werden dieser Arbeit Ihre ernsteste Aufmerksamkeit zuzuwenden haben. In London weilt jetzt der Vater des Kultur-Zionismus, Achad-Haam. Die Ihnen so gebotene Gelegenheit, mit ihm in Fühlung zu kommen, kann Ihnen in dieser Beziehung höchst förderlich sein. Suchen Sie hier etivas zu schaffen, 'was der englischen Juden würdig wäre! ....*) Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Der Deutsch-Israelit. Gemeindebund schreibt uns: Die durch das neue preuß. Volksschulunterhaltungsgesetz geschaffene Lage des jüdischen Religionsunterrichts ist fortgesetzt Gegenstand der Aufmerksamkeit des D. I. G. B., insbesondere seiner Gemeindennterstützungskommission gewesen. Durch persönliche Rücksprache mit dem Dezernenten des Kultusministeriums hat sich der Bund über die jeweilige Auffassung an maßgebender Stelle auf dem Laufenden' erhalten und seine kleinen preußischen Bundesgemeinden, etwa 400 an der Zahl, durch Zirkulare über die von ihnen zur Erlangung eines kommunalen und staatsseitigen Zuschusses zu unternehmenden Schritte unterrichtet. Die Hauptpunkte dieses Zirkulars sind folgende: Wenn die Zahl der jüdischen Kinder -einer Gemeinde, die die öffentlichen d. h. christlichen Volksschulen des Ortes besuchen, dauernd mindestens 12 beträgt, und wenn der jüdische Religionsunterricht für diese Kinder von der Synagogengemeinde eingerichtet und unterhalten wird, so ist die Kommune gesetzlich 'verpflichtet, der- Synagogengemeinbe eine Beihilfe zur Besoldung der von ihr bestellten Religionslehrer zu leisten. Wie hoch diese Beihilfe sein muß, hängt von den besonderen Verhältnissen der Gemeinde ab: 1. Von der Höhe der Kommunalsteuern, die die jüdischen Einwohner aufbringen im Verhältnis zu den von den christlichen Mitbürgern - gezahlten Steuern. 2. Von der Ersparnis, die die Kommune dadurch erzielt, daß sie den Religionsunterricht nicht selber an den ^christlichen Volksschulen einrichtet. 3. Von der Zahl der Stunden, die die' Synagogengemeinde für notwendig erachtet. Im allgemeinen wird der Synagogenvorstand zunächst' diejenige Summe fordern dürfen, die die Kommun eaufbringe»müßte, wenn sieselbst den Unterrich tan der Volksschule unterhielte. Wenn man, um ein Beispiel anzuführen, durchschnittlich die Stunde mit 2 Jt. und das Schul- *) Herr Ussischttn verlangt, daß das Aktionskontitec nicht nur die Okkupation und Regeneration des palästinensischen Bodens, sondern auch die Regeneration der palästinensischen Juden energisch betreibt. Für das erstere will er die Mittel des Nationalfonds in Anspruch nehmen, dessen gesamtes Kapital er in Palästinensischem Boden festgelegt sehen will — hiermit wird die überwiegende Mehrheit der Zionisten wohl nicht einverstanden sein . —, letzteres glaubt er durch die Schaffung , eines gewaltigen Schulnetzes bewerkstelligen zu können. Wir hätten gegen die Errichtung von Schulen nichts einzuwenden gehabt, wenn uns die nötigen Garantien für deren einwandsfreie Leitung bezüglich der Tradition gegeben wären. Aber leider sind vorläufig dieseGarantiennichtvorhanden, und deshalb muß das Schulwesen den einzelnen F r a k t i o n e n der zionistischen Organisation überlassen werden. Wir bedauern sogar den geringen Betrag, den das Aktionskomitee dem Jaffaer Gymnasium, dessen. Führung in traditioneller Hinsicht uns nicht einwandsfrei erscheint, gewährt.; Die Redaktion.