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Neue jüdische Presse · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Mott. (Fortsetzung.) Es tat mir im selben Augenblick wehe, den nur so wohlgesinnten Mann zu täuschen, — und dennoch war es mir heiliger Ernst mit jedem Worte, das ich gesprochen — nein, nicht ich hatte ihn getäuscht, er hatte sich ' selbst getäuscht. Doch' für einen Augenblick wurde er stutzig. Als er nämlich die Hoffnung aussprach, daß ich fortan startende Fleischspeisen genießen und rascher wieder zu Kräften kommen werde, ich ihm darauf erklärte, daß ich im Kloster nie andere Speisen genießen würde, als solche, wie ich bisher genossen hatte, — da schüttelte er verständnislos den Kops; das konnte er nicht begreifen, denn er war ein tüchtiger Esser vor dem Herrn. „Du scheinst Deinen alten Aberglauben doch noch nicht vollständig überwunden zu haben — na, mrinethcüüen, in dieser Beziehung will ich Dir keinen Zwang antun. Rom ist nicht in einem Tag erbaut worden, und mit der Zeit wirst Du Dich auch an unsere Kost gewöhnen. Vorläufig werde ich den Brüdern nur Mitteilen, daß Du mir die Hand daraus gegeben hast, nie wieder dem Kloster entfliehen zu wollen, und ich werde hinzufügen, daß Du es aufrichtig bereuest, zweimal den Versuch gemacht zu haben und daß Du als Sühne das Gelübde getan hast, fortan nur Fastenspeisen zu genießen. — Aber Dir erkläre ich, daß dieses Gelübde keine bindende Kraft hat und daß ich mit Zuversicht hoffe, daß wir Dich recht bald zu den Fleischessern werden zählen können," fügte er lächelnd hinzu. Seit dieser Stunde entspann sich ein überaus inniges Verhältnis zwischen dem damaligen Prior und mir, beinahe wie zwischen Vater und Sohn. Daß ich ihm das Teuerste auf Erden war, das weiß ich mit Bestimmtheit — und ich hätte von härterer Gemütsart sein müssen, wenn mich alle seine Beweise von Liebe und Vertrauen hätten kalt lassen sollen. Wer das Ziel, das ich mir gesteckt hatte, behielt ich unentwegt im Auge. Sobald jd) vollständig genese» war, begann der Unterricht. Ich lernte mit einem Eifer, der meinem gütigen Lehrer zuweilen Freudenträne» entlockte; er war überaus stolz aus meine Fortschritte, und bei jeder Gelegenheit und jedem gegenüber rühmte er mein Wissen und meinen Glaubenseifer, das er seltsamerweise mit einander identifizierte. Mit sechzehn Jahren bezog ich die Universität in Salamanka, wo ich mich mit theologischen und medizinischen Studien befaßte. Warum ich mich auch mit letzteren beschäftigte, darüber bin ich eigentlich mir selbst nicht recht klar, denn ich hatte nie die Absicht, mich als praktischen Arzt zu etablieren, habe es in der Medizin auch nicht übermäßig weit gebracht. Trotzdem ist es mir einmal gelungen, durch meine medizinischen Studien zehn Menschenleben zu retten. In der Theologie habe ich es aber sehr weit gebracht; mein gütiger Protektor hat oft behauptet, ich wäre der bedeutendste Theologe des Jahrhunderts, mit mir könne es keiner aufnehmen. Noch höher jedoch als meine theologische Gelehrsamkeit schätzte er meine Beredsamkeit. Auch gegen den Großinquisitor hatte er mich wiederholt herausgestrichen, hatte mich als das hellste Kirchenlicht der Gegenwart bezeichnet und merkwürdigerweise hat auch dieser Mächtigste der Mächtigen mir in ganz besonderem Grade seine Gunst geschenkt. So kam es, daß ich, kaum viernndzwanzig Jahre alt, mit der Seelsorge des größten Gefangenhauses betraut wurde, in dem die Ketzer vor ihrer Verurteilung schmachteten. Eines Tages wurden zehn Männer verhaftet, weil sic das grauenvolle Verbrechen begangen hatten in rüion unterirdischen Raume ketzerische Gebete und abergläubische Zeremonien zu verrichten. Sie wurden in den bereits überfüllten Kerker geworfen, und ich hielt rnich verpflichtet, höheren Orts darauf aufmerksam zu machen, daß eine entschiedene Gefahr für die Gefangenen in dieser Ueberfüllung liege. Mir wurde erklärt, darum hätte ich mich nicht zu kümmern, es chatte durchaus nichts zu sagen, wenn sämtliche Ketzer krepieren würden. — Danach wartete ' ich einige Tage, in denen ich die mich hocherfreuende Entdeckung machte, daß der Kerkermeister, ein Nenchrist, aber im Herzen noch ein treuer Jude war, der das größte Mitleid mit seinen Stammcsgenossen empfand. Darauf baute ich meinen Plan. Ich begab mich zu dem Großinquisitor mit meinem Zeugnis als Magister der Medizin, um ihn vor allem zu überzeugen, daß ich in der fraglichen Angelegenheit der Sachkenntnis picht ermangele. Dann berichtete ich ihm von der Ueberfüllung im Gefangenhaus und daß ich sofort auf die dadurch entstehende Gefahr aufmerksam gemacht habe und welche Antwort mir darauf geworden. Er lachte und meinte, das wäre richtig, schade wäre es nicht, wenn alle Ketzer krepieren würden, dann könnte die Inquisition auch einmal der wohlverdienten Ruhe pflegen. FraEurter JsraÄitisHeS AamilioMatt. Nr. 10. Ich erwiderte, das wäre gewiß wünschenswert und ich würde ihm, dem Großinquisitor, die Rrchc von Herzen gönnen. Wer die Gefahr, auf die ich im voraus aufmerksam gemacht hatte, wäre bereits eingetreten und zwar in einem von mir nicht vorausgesehenen Grade, indem die bereits erwähnten zehn Ketzer, die man in ein enges Loch eingepfercht hatte, von einer pestartigen Krankheit befallen wären, durch die die ganze Bürgerschaft in Gefahr geraten könne; und ich gab ihm zu bedenken, welche Erregung es unter dem Volk Hervorrufen müßte, wenn bekannt würde, daß durch die Gefangenen des Glaubensgerichtes die ganze Stadt verpestet worden. Der Allgewaltige geriet außer sich, wilde Flüche sprudelten über seine geheiligten Lippen; bald wollte er die bedeutendsten Aerztc der Stadl rufen lassen und mit ihnen beraten, was geschehe» solle; bald erklärte er es für das einfachste, sämtlichen Kranken den Hals umzudrehcn und die Kadaver bei Nacht und Nebel ans den Schindcranger cinscharren zu lassen und so den Bürgern die aufregende Furcht vor der Ansteckung zu ersparen. Jetzt hatte ich ihn, wohin ich ihn haben wollte. Ich lobte seine Idee, die Kadaver der Pestkranken heimlich auf den Schinderanger begrabe» zu lassen, über alle Maßen, ihnen den Hals umdrehen zu lassen, das wäre vermutlich nicht sein Ernst gewesen, wäre auch überflüssig gewesen, denn ich wisse mit Bestimmtheit, daß keiner von ihnen die kommende Nacht Werleben werde. Und nun schlug ich ihm vor, er möge mir schriftliche Vollmacht geben, daß im Gefangcnhaus heute und morgen alles nach meinen Andeutungen geschehen solle, dann glaWe ich mich verbürgen zu können, daß von der ganzen unglückseligen Affäre nichts in die Oeffentlichkcit dringen werde, denn der Kerkernieister und seinen Sohn halte ich .für vollkommen zuverlässig. Ich würde beide beauftragten, gleich nach Anbruch der Nacht auf hem Schinderanger eine Grube zu graben und würbe einige mir bekannte Dominikanermönche auffordern, sich gleich nach Mitternacht bei dem Gefangenhaus einzufinden. Die Kadaver der Ketzer brauche man nur in Säcke zu stecken, dann würden die erwähnten Bcttelmönche sie gegen eine geringe Vergütung zu der offenen Grube trägen und dort einscharren. Ich selbst würde den Zug begleiten und alle Beteiligten im Namen der Inquisition zu unverbrüchlicher Verschwiegenheit verpflichten. Vor Anbruch des nächsten Tages sei auf diese Weise die ganze Geschichte aus der Welt geschafft. Dem Kardinal gefiel mein Vorschlag ausgezeichnet, er gab 'mir sofort die verlangte Vollmacht, überhäufte mich .mit Lob, klopfte mir wohlwollend auf die Schulter und erklärte, ich wäre würdig, sein Nachfolger. zu werden." „Unb was ist aus den Kranken geworden?" fragte der jüngere BrWer. Der Aeltere sah ihn lachend an. ,^8ist Du aber naiv! Es waren doch gar keine Kranken da, ich hatte ihre Krankheit nur erfunden, um sie zu retten. Statt in Säcke haben wir sie in Dominikanerkutten gesteckt und dann bin ich mit ihnen hinausmarschiert auf den Schinderanger und habe sie das für sie bestimmte Grab zuschaufeln lassen und dann habe ich sie sortgetrieben, weil ich fürchten mußte, von dem Ausbruch, ihrer Dankesänßerungen erdrückt zu werden." „Unb sie sind alle glücklich entkommen?" ,/Daran zweifle ich nicht, denn wenn auch nur Einer von ihnen wieder gefaßt worden wäre, so hätte ich es sicherlich erfahren, denn dann wäre es auch mir an den Kragen gegangen." ,Zerr Gott im Himmel!" — Angstvoll blickte der Jüngere ans den Bruder. „Unb was wäre Dir geschehen, wenn man Deinen Betrug entdeckt hätte?" Der Aeltere zuckte die Achseln „Feuertod oder lebenslänglicher Kerker, billiger hätten sie es sicher nicht getan." Der Jüngere schlug staunend die Hände zusammen. ,Mnd das hast Du gewagt für wild fremde Menschen!" ,^Ja, mein lieber Junge, kennst Du das Sprichwort nicht, für was gehört was? Wer anderer Leben retten will, muß das Seine in die Schanze schlagen, sonst geht es nicht. Und überdies. du weißt cs doch, das ist der von mir erwählte Beruf." „Das ist Dein Beruf," wiederholte der Jüngere, indem er sich mit der geballten Hand gegen die Stirn stieß. „Und ich, verincssener Tor! habe es gewagt, über Deinen Beruf zu spötteln, weil ich wähnte. Du sprächest von Deinem Beruf als Prior des Benediktincrklosters." ,M»n, das ist doch gleichfalls mein Beruf und wenn ich dje Obliegenheiten desselben nicht treu erfüllen würde, so könnte rch dem, was ich als meinen Lebensberuf betrachte, schwerlich entsprechen." „D Du Herrlicher! Du Großer! Du Einziger! — Wenn Du wüßtest wie ich Dich bewundere! — wie ich zu Dir emporschaue!" —- Mit beiden Armen umschlang er ihn. Der Andere erwiderte lächelnd die Umarmung. ,/On gefällst Dir in Uebertreibungen. Daß Du mich groß nennst, mag noch hingehen, denn ich hin Dein älterer BrWer und tatsächlich etwas größer als Du. Mer herrlich. — Ist der Herrlich, der einem Unglücklichen hilft?" ,Menn er sein Leben dabei aus's Spiel setzt — ganz gewiß." ,T>as tun Aerzte und Krankenwärter alle Tage, wer nennt sie deshalb herrlich? — Und nun gar einzig! — Weißt Du, wie oft Menschen in dieser Weise helfen? — Das weißt' Du nicht und das weiß kein Mensch, denn der Betreffende wird sich hüten, davon zu reden und die von ihm Geretteten gleichfalls." „Selbstverständlich, Du hast doch auch uns zu unverbrüchlichem Schweigen verpflichtet. Aber sage mir, hast Du noch öfter Menschen in dieser Weise gerettet?" „In ganz derselben Weise und Biele auf einmal nicht. Doch als Magister der Medien hielt ich mich verpflichtet, dem Großinquisitor mitzuteilen, daß ich die Räumlichkeiten, in denen die Pestkranken gelegen und gestorben, es wären eine größere Zelle und eine lleine — wiederholt mit Kalk hätte übertünchen lassen, um die von der grauenvollen Krankheit zurückgebliebenen Miasmen zu vernichten, in der größeren Zelle wäre das auch gelungen, in der {feinem jebodj, die bereits drei mal übertüncht worden wären, wäre das Miasma nicht zu bannen, ich hielte mich überzeugt, daß kein Mensch den Aufenthalt in jenem Raume auch nur zwei Tage überdauern könne. Um daher einer abermaligen Kalamität vorzubeugen, hätte ich mich veranlaßt gesehen, die betreffende Zelle eigenhändig zu verschließen und ihm, dem Großinquisitor, den Schlüssel davon zu übergeben. Da sah ich, was ich nie gesehen, de» Allgewaltigen erbl ichen, und beim Anblick des Schlüssels der vermeintlichen Pestzelle sich unwillkitrlich "einige Schritte zurückziehen. schaltet Ihr den Schlüssel in Verwahrung," sagte er mit zuckenden Lippen, „er ist bei Euch am besten aufgehoben, ich wüßte ihn in keines Zuverlässigeren Hand." (Fortsetzung so'gt.) Kaiser Friedrich Quelle —- ■ — Offenbach a. M. - Gegen Gicht nnd /Khenmatiamns bewährt. Wohack Hoher, Hofjuvaeli r, Kaiser str. >, Frankfurt a. M. Inhaber: 3kL W»iIaiZ. Ponton, Juwoton, GoMwonotn :. - : Auf Wunsch utswahlsendusgen. ■ . ■ Wocheu-Saleirver. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, dm 7. März (--- 4. Adar scheni) : Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 05 Min., in Berlin 6 Uhr 35 Mi». Wochenabschnitt: P e k u d e i. Wir hören von der Summe der eingehobenen Silberfchekel, von den Priestergewändern, Efodmantel, Brustschild und Oberrock, Gürtel und Stirnschild, von der inneren Einrichtung der Stiftshütte, von deren Einweihung und der Priesterweihe. — Die Aufstellung der Stifts- Hütte fand im Monat Nissan statt, vom Rausche Chaudesch an beginnend. Die Priester wurden jedoch schon zuvor — in den letzten Tagen des Monats Adar — geweiht. Lehre daraus: das Heiligtum ist an sich nicht die Hauptsache, erst die Priester geben ihm Wert und Weihe, wie auch der prunkvollste Synagogenbau wertlos erscheint ohne die frommen andächtigen Beter. — (Die Stiftshütte, deren Herstellung uns in den jüngst verlesenen Sidraus mitgeteilt wurde, begleitete Israel bei dem Zuge durch die Wüste, wurde dann im heiligen Land zu Schilo, Gilgal, Nob und Gibeon aufgestellt. Nach dem Aufbau des festen Tempels in Jerusalem ward sie in einer Vorhalle desselben aufgehoben.) — Mit der Sidra Pekudei schließt das 2. Buch Moses. Der heutige Sabbat heißt Havsokoh, b. i. „Unterbrechnng" oder Pause, d. h. es wird kein besonderer Abschnitt aus einer 2. Thorarolle verlesen. Je nach dem, wie Purim fMt, tritt die „Pause" unterbrechend ein! Das Jauzer für diesen Sabbat hat die Regeln für die Havsoko znm Gegenstand der Berechnung und Darstellung. sind hei eiligen, and wichlitlttlVDCnniCI) tigen Kommission™ die Messenger-fioy’s de- Ausfdhrungsstell« und jederzeit auf TeleEonruf 9401, 9402 und 2770 —-— zu haben, ■; . Tapezier a. Moratenr Cafe CwsUiHer. ““SESfiSEfiS

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