Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692572--03814-2698566- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
&tan&1utfet stxelitischks fotoilirnlilatt Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSprriS Pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mt. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mt. 1,50, sonstige Länder Mt. 2.— __ Frankfurt a. Iß., vildelerstraße 4/6, Ecke LleichstraKe P e re fo« 10507. Aerausgeber: KalA ^eir. JnfertionSpreisr: Die viergespaltene Petitzelle. 25 *fB. Die SteOamegeile. 100 ,. Platz- und Dateu-Borschrtft ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereircknnst. 6. Jahrgang. Freitag, de« 3. 86lioiii 5668 <6. Marz 1908). No. 10. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jüdische Probleme. —- Ussischkin über die gegenwärtigen Ausgaben des Zionismus.—Aus aller Welt. — Feuilleton: Der Prior.— Wochen-Kalen der. — Familiennachrichten. Jüdische Probleme. ii.. Zur Naturgeschichte des jüdischen Geistes. Von Maxime LeMaitre -Bern. Wer. den eingewurzelten und unausrottbaren Haß der Völker aller Zeiten gegen uns kennen lernen will, der lasse sich von ihren Kulturträgern über daS Judentum und seinen Geist „informieren". Wie Römer und Hellenen über Juden und Judentum dachten, setze ich als bekannt voraus. Weniger bekannt dürften aber die Urteile der großen Geister der Neuzeit über den jüdischen Geist und seine Natur sein. Und daher werde ich, bevor ich an systematische Behandlung der Frage herangehe, eine kleine historische Skizze vorausschicken. Im Zeitalter Bartels' und Chamberl ain's werden eifrig „Juden-Studien" getrieben. Herr Chamberlain ruck» Bartels sind Männer der Wissenschaft, und also suchen sie die Juden und den jüdischen Geist „wissenschaftlich" zu erforschen. Bartels ist der Philosoph der „rein teutschen Heimatkunst" geworden und Herr Chamberlain der philosophische Vertreter der „rein arischen Kulturidee". Um zu beweisen, daß der jüdische Geist verderblich auf die allgemeine Kultur gewirkt, hat der austrisierte Anglosachse seine Grundlagen geschrieben. Und der ganze kulturphilosophische Antisemitismus tendiert nur dahin, nicht sowohl die Juden als das Judentum, den jüdischen Geist, zu verleumden. Den Juden, so sagen sie, gehe jedes religiöse Empfinden ab, der jüdische Geist entbehre jeder schöpferischen Kraft. Wir verstünden weder von Kunst noch von Politik etwas. Der jüdische Geist, meint Eduard von Hartmann, neigt nur zum Eklektizisnrus und ihm fthle jede originelle produktive Kraft. Bon der Verderblichkeit des jüdischen Geistes war Treitschke überzeugt,und der große Mommsen dachte ebenso wie sein Antipode. Kant nennt ihn unmoralisch, und Schopenhauer meint, alles was der jüdische Geist geschaffen, sei lläglicher Optimismus. Der schwarzgallige Phllosoph findet den Ton eines Bierwirtes, wenn er auf das Judentum zu sprechen kommt. Darmstätter und Reinach zitieren oft Voltaire als Freund jüdischer "Eigenart und nenn«r ihn einen Helden im Kampfe um die Emanzipation der Juden. Aber in Wirllichteit war Voltaire der grimmigste Judenfeind, der je , gelebt hat. Sowohl Schopenhauer, als auch neuerdings Chamberlain berufen sich mit Recht auf Voltaire, denn- Voltaire spricht immer von dem jüdischen Geist als von einem „ösprit äs volvar". Man lese in Voltaires „Dictionnaire philosophique" die Artikel „Abraham", „Histoire des rois Juifs", „Jephts", „Joseph", „Moise", „Salamon", und man wird sich überzeugen, daß Voltaire einem Pückler in keiner Weise nachsteht. Nur ist der Franzose galanter als der Deutsche. — Herder, der Verfasser „Vom Geiste der ebräischen Poesie" gehört. nichts weniger als zu den Freunden jüdischen Geistes. Im zwölften Buche seiner „Ideen" ist zu lesen: „In den Wissenschaften, die ihre vortrefflichsten Köpfe trieben, hat sich jederzeit mehr eine gesetzliche Anhänglichkeit und O.dnung als eine fruchtbare F eihcit des Geistes gezeigt" — und weiter „ein Ge-, schlecht schlauer Unterhändler auf der ganzen Erde, eine parafi.ische Pflanze auf den S.änlmen anderer Nationen". Und dann das Gesamturtefl: „Die Erhaltung der Juden erllärt sich ebenso natürlich als die Erhaltung der Brahmanen, Parsen und Zigeuner". Mir ist außer Hegel kein bedeutender Denker der letzten drei Jahrhunderte bekannt, der nicht den jüdischen Geist ve.leumdet. Der Eine mit mehr, der Andere mit weniger Niedertracht. Erst in der neuesten Zeit haben sich zwei Deuker, L o tz e und Mach, etwas günstiger über die Natur des jüdischen Geistes ausgelassen. Ernst Mach hat seine Steckenpferde: „Spinoza und Herz", und Lotze imponiert die jüdische Schöpfungsgeschichte, die er als erhaben bezeichnet —. Im skeptischen sechzehnten Jahrhundert waren wir in ihren Augen die Positivisten, im religiösen siebzehnten Jahrhundert waren wir die Atheisten, im Jahrhundert der Aufklärung und des Humanismus, des Encyclopetismus und der Freigeisterei waren wir die Barbaren und die Wilden. Herder und seine Zeitgenossen sehnen sich nach „rein humanisierten Juren". — Im Jahrhundert der Kritik sind wir die Togmati er. Mag Hermann Cohen noch so viel rufen: „Zurück zu Kant, zu Platon und zu den Propheten", die, Tatsache, daß der größte Kritiker aller Zei en, Immanuel Kant, in seiner Religionsphilosophie das Judentum und seinen Geist als dogmatisch und unmoralisch verleumdet, läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Und nicht ohne G und beruft sich Huston Stuart auf Kant. — Im k> smopolitischen Zeitalter zeihte man uns des starren Nationalismus, und jetzt, in einer Zeit des aufstrebenden Nationalismus spricht man vom kosmopolitischen „Judenpack". Aus der Schlegelschen Shylockkritik ist zu ersehen, wie die Romantik über den jüdischen Geist dachte, und wer Carl Marx'eus Broschüre über die Juden gelesen, weiß, wie der philosophische Begründer d:s historischen Materialismus den jüdischen Geist einschätzte. In der letzten Zeit hat allerdings Kautsky versucht, das Marxische Urteil über den jüdischen Geist zu korrigieren, indem er in seinem Buche „Ethik und Materialismus" den jüdischen Geist als kulturschöpstrisch und in der Geschichte des -menschlichen Denkens epochemachend bezeichnet. Beweis? Spinoza und eben Carl Marx. Die Vollblutdeutschen werfen Heine sein Judentum vor, die Deisten zeihen ihn des Atheismus, die Atheisten nennen ihn Verräter, well er Deist war, die Sozialisten singen seine Weber, und in den protestantischen Kirchen ertönen oft seine geistlichen Hymnen. Die Juken nennen ihn Ueberläufer und die Christen Renegat. Aehnlich erging es Spinoza! — Aber das ganze jüdische Volk teilt das Schicksal seiner Stiefsöhne. Ter Kritiker und Moralist Kant nennt uns Dogmatiker und Jmmoralisten, Voltaire und Schopenhauer zeihen uns des lumpigen, seichten Optimismus, die Romantik sah in uns die eingefressensten Rationalisten. Für die kcnscrra i en Lt atsb.ärger sind wir die Anarchisten und für den ro en Pöbel die Ausbeuter. Gewiß ein trauriger Ausblick! — Aber aus diesem Chaos der entgegengesetz en Urteile dämmert ein Funke Klarhi.it auf. Man nimmt uns nicht so leicht, wie mancher liberale jüdische Mann glauben machen möchte. Unser Geist und unsere geistigen Anlagen, d. h. die moralische und intellck.uelle Natur unseres Kollektivmus haben immer einen Gegenstand der Diskussion gebildet. Wohl hat man uns hie und da bewußt überfahren, aber nie bewußt übergangen. Ich kann noch unzählige Urteile über die Natur des jüdischen Geistes anfüh.en, die sich nicht weniger widersprechen, als die oben angcführten. Aber wozu? Ich glaube diese kleine Probe genügt. In der systematischen Darstellung werde ich noch auf diesen und jenen Geistes ie en zu Lckkommen. Bevor ich diese lleine einleitende Skizze schließe, will ich noch eines Volkes und seiner Männer gedenken, die sich in ihrem Urteile über die Natur des jüdischen Geistes von ihren Stammes und Rassengenossen vorteilhaft unterscheiden. Die Engländer, ein Volk, das bis an die Zähne mit Genie und Kraft gewappnet, ein Volk, das die besten Elemente» hellenischer, jüdischer und römischer Kultur in sich ausgenommen und aus diesen Kulturftagmenten ein neues Ganzes geschaffen — die Engländer, weil sie wirllich groß und stark sind, sind auch dankbar und gerecht. Wie ein Cromwell über Juden und Judentum dachte, ist aus seinen Unterhandlungen mit Menasse den Israel bekannt. Und Shakespeare hat den jüdischen Geist verstanden, obgleich er gar keine Juden kannte; nicht trotz, sondern wegen seines Shylock's. Und trotz der Einwände liberaler Phi.ister halte ich noch heute die Behauptung aufrecht, daß Shylock unter den gegebenen Verhältnissen „der Jude" ist. Bytoms „Hebrew Mdodies", Tenyson's liefe Verehrung der Propheten, sein Bekenntnis, daß er allein bei ihnen in die Schule gegangen, daß sie die höchsten sittlichen Ideen ve.künd.t, Mancaly's mannhaftes und tapferes Eintreten für Juden und Judentum, Hall Cann's Wertschätzung alles dessen, was der jüdische Geist je geschaffen, die Beurtellung des Judentums durch Männer wie Chaftesbury und Tindal gestatten ein allgemeines Urteil über das Verhältnis des Engländers schlechthin zu Juden und Judentum. —