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Neue jüdische Presse · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9. schmalen Hände leicht und sicher sich bewegen, sah nur daS wunderliebliche Angesicht, bald in. dunkeler Glut erröten, bald erbleichen, sah sie die weißen Perlen gleichen Zähne auf die Lippen pressen — ob vor Anstrengung oder in Mitleid? — Aber ich litt nicht. — Endlich waren die Brüche eingerichtet und das Bein kunstgerecht verbunden. „Ich danke dir," sagte der Arzt zu seiner: Tochter, du hast deine Sache gut gemacht. Aber bevor du hinüber gehst, mußt du einen Schluck Wein trinken, die Mutter könnte sonst erschrecken.". »Ich habe mich gar nicht angestrengt," versicherte sie lachend, indem sie den mit Wein gefüllten Becher, den er ihr reichte, nahm nnd einige Tropfen davon trank. — Mein Auge hing unverwandt an ihrem lieblichen Angesicht, sie mißverstand meinen Blick. „Darf ich denk armen Herrn nicht von dem Weine geben?" fragte sie, „er scheint Durst zu haben." Der Arzt, hatte nichts dagegen, da schob sie vorsichtig ihre linke Hand unter meinen Kopf, denselben ein wenig hebend, und mit der Rechten hielt sie mir den Becher an die Lippen. — Und ich trank — wie ich in meinein ganzen Leben nicht getrunken habe. — Nektar glaubte ich zu schlürfen. — „Nun ist's aber genug," sagte der Arzt, als ich den Becher nahezu geleert hatte, „nun gehe hinüber und schicke den alten Diego herein." Sie entsprach der Ausforderung ihres Vaters, nickte mir aber ini Hinausgehen nochmals freundlich en. „Adieu, armer Herr! — ich wünsche euch eine recht baldige vollständige Genesung." „Dann kam der alte Diego nnd hat mich vier Wochen lang — so lange blieb ich im Hanse und in der Behandlung Deines Großvaters — mit unermüdlicher Treue gepflegt. Dein Großvater kam alle Morgen und alle Abend zu mir, er wußte sehr anregend sich zu unterhalte», ich habe manch' angenehme Stunde mit ihm verplaudert, habe Deine Mutter aber bis zum letzten Tag nicht wieder gesehen. 'Als ich mich etwas wohler fühlte, habe ich dieses Bild hier aus der Erinnerung gezeichnet und cs Deinem Großvater gezeigt, der jedoch verschiedenes daran ausznsetzen hatte, auf meine Bitte hat er mir dann gestattet, seine Tochter nochmals zu sehen und die Acndernngen an der Zeichnung vorzunehmen. Seitdem habe ich Deine Mutter nie wieder gesehen; aber ich glaube, es ist in diesen fünfzehn Jahren vielleicht kein Tag vergangen, an dem ich ihr liebliches Bild nicht betrachtet und mich desselben gefreut hätte, und ich glaube — nein, ich weiß mit Bestimmtheit, wenn ich damals nicht bereits Ordenspriester gewesen wäre, so wäre ich.' es vermutlich niemals geworden, sondern ich hätte inich um Deine Mutter beworben nnd Du wärest vielleicht mein Sohn." Ich mußte nittvillkürlich lächeln, er sah es nnd lächelte gleichfalls. „Es kommt Dir cigcutümlich vor, das; ich Dir das so ausführlich erzähle: aber ich wollte Dich überzeugen, daß Du Dich hier nicht unter lauter Menschen befindest, denen Du gleichgiltig bist, und, nicht wahr, ich habe Dich überzeugt. Du weißt es. Du fühlst es, daß Du mir teuer bist wie ein Sohn?" Bezwungen von seinem innigen liebevollen Ton, zog ich unwillkürlich die Hand, die meine Wangen streichelte, an meine Lippen. Glücklich lächelnd blickte er auf mich nieder, indem er meine Hand fest drückte. Ich glaube in Wirklichkeit, daß er mich wie einen Sohn geliebt hat, und ich fühlte mich in seiner Nähe geborgen. Doch vergebens suchte ich ihn zu bewegen, um meiner Mutter willen ihrem Sohne zur Flucht zu verhelfen. — Seufzend schüttelte er den Kopf, das wäre unmöglich, gradezu unmöglich. — Das heißt, nicht tatsächlich unmöglich, aber unmöglich ohne das Leben meiner beiden Eltern zu gefährden. Er habe es wiederholt in Erwägung gezogen, wieder und immer wieder — aber das Resultat wäre immer das'Gleiche gewesen. — Er habe auch wiederholt erwogen, ob es ratsam wäre, meinen Eltern Mitteilen zu lassen, daß ' ich gesund und in liebevoller Pflege mich befände — aber er glaubte auch, davon absehen zn müsse». Meine Eltern wären Neuchristen, denen gegenüber verfahre man am allerstrengsten, da kenne man weder Rücksicht noch Nachsicht. — Was ihn persönlich beträfe, so habe er durchaus keine Abneigung gegen unfern Stampr; fühlte er sich den Eltern meiner Mutter Frankfurter FsrarWWS FamMeubkakt. doch zu hohem Dank verpflichtet und ihr selbst von ganzem Herzen zugetan; aber innig beklage er das Unglück unseres Volkes, dem nur dadurch abzuhelfen wäre, daß cs sich, rückhaltlos in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche werfe, die mit liebendem Verlangen die Arme ihm entgegen strecke. Und dann sprach er davon, welch hohes Verdienst derjenige sich erwerben würde, der unser unglückliches Volk auf den Weg der Wahrheit bringen ioürde, auf den einzigen Weg, auf dem seine Leiden enden würden. Er habe sich gedacht, das müßte eine Aufgabe für nnch sein, der ich deni unglücklichen Volke entsprossen, und unter seiner Leitung tiefer nnd immer tiefer in die Lehren der Religion der Liebe eindringen müsse, die zwar der jüdischen Lehre entsprungen, aber in der Religion der Liebe zn ihrer höchsten Entwickelung gelangt wäre. Ich solle Theologie studieren, müsse ein hochgestellter Geistlicher werden, zu mir würden meine Stammesgenosscn Zutrauen haben, und zweifellos würde es mir gelingen, wenn nicht alle, so doch eine große Anzahl der Unglücklichen zu retten. — Und während der sanfte, mildherzige Mann mehr und mehr in Eifer geriet, überkam cs 'michj mit einem Male wie eine Vision. — Wie eine Fata Morgana glaubte ich urplötzlich mcinc ganze Zukunft vor mir zn sehen — sah mich selbst als hochgestellten Ordenspriestcr — sah mich meine unglücklichen Stammesgenosseu retten — und in dieser Stunde war mein Los entschieden — ich hatte meinen Berns erkannt — mein Entschluß war gefaßt. — Dein Prior war es nicht entgangen, welch tiefen Eindruck seine Worte auf mich gemacht hatten; aber selbstverständlich hatte er den Eindruck mißdeutet. Er sah mich an nnd hielt mir die Hand entgegen, ich schlug die Augen nieder und legte meine Hand in die seine. „Gelobt sei Gott!" sagte er, „daß es mir endlich gelungen ist, Dich, zu überzeugen." „Ich werde Eureni Rate folgen, hochwürdiger Vater," erwiderte ich, „nie iverde ich wieder versuchen, dem Kloster zn entfliehen, und mit größtem Eifer iverde ich alles lernen, was Ihr mich lehren werdet, iverde Theologie studieren und eine möglichst hohe Stufe zu erreichen suchen, um möglichst viele meiner unglücklichen'Glaubensgenossen zu retten." „Gott wird Dein heiliges Streben segnen, mein teurer Sohn und wird Dir Gelingen verleihen, davon bin ich fest überzeugt." (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. Le Traductenr (16. Jahrg.), The Translator (5. Jckhrg.), Jl Traduttore (1. Jahrgang), Halbmonatsschriften zum Studium der französischen, miglifchen, italienischen nnd dentschcn Sprache. Diese Sprachschriften bieten hauptsächlich folgenden Inhalt: Interessante Erzählungen, naturwissenschaftliche Aufsätze, Belehrungen über Länder- und Völkerkunde, Handel, Sitten und Gebräuche, entlveder mit genauer Uebersetzung oder mit Fußnoten. Neben dem Sprachstndimn berücksichtigen sie auch die Aneignung ungemein wichtiger Sachkenntnisse. Ganz besonders nützlich dürften die iir jeder Nummer enthaltenen Gespräche sein, in denen hauptsächlich die in den Schulen nicht genug gepflegte Umgangssprache berücksichtigt wird. Außerdem wird den Lesern Gelegenheit geboten, mit Ausländern zu korrespondieren. — Probenummern für Französisch, Englisch oder Italienisch kostensrei durch den 'Verlag des „Tradnctcur" in La Chaux-de-Fonds (Schweiz). Bodenreform von Heinrich F r e e s e, 270 Seiten. 1907. Gotha, Friedrich Emil Perthes. Reichstagsabgeordneter Heinrich Freese, von 1890 bis 98 Präsident des Bundes der Bodenreformer und zeitweise Redakteur des Bundesorganes „Frei Land", hat in dem vorliegenden Buche all' die Aufsätze vereinigt, die er im Interesse der Bodenreformbewegung im Laufe der Fahre geschrieben hat. Die Bodcnreformbewegung darf Anspruch darauf erheben, gerade bei uns Juden mit lebhaftem Interesse ausgenommen zu werden, denn das 3YL Jahrtausende alte jüdische Gesetz baut den jüdischen Staat auf den Grundlagen der Bodenreform aus, — und so hoffen wir, daß Freese's Buch zahlreiche Käufer in jüdischen Kreisen findet. Es sei hier ans dem Buche das Kapitel „Aus Argentinien" festgehalten. Freese beschäftigt sich darin mit den Baron Hirsch'schen Kolonien. Es wird uns da der großzügige Plan Baron Hirsch's in Erinnerung gerufen. Meser hatte den. Professor an Seite 5. der Universität Lausanne Dr. Löwenthal nach Argentinien mit dem Aufträge gesandt, 9 Millionen Joch Land, eine Fläche so groß wie Niederösterreich, anzukaufen. Das Land wurde angekauft und seine Besiedlung theoretisch bis ins Einzelne bestimmt. Daß Baron Hirsch 2 Faktoren außer Acht gelassen hatte — nämlich das Hemmende eines administrativen Bcrwaltungsapparates, der auf die Selbständigkeit der Kolonisten zu wenig Rücksicht nimmt, und das Fehlen einer Idee, die die Kraft hat, jüdische Volksmassen heranznziehen, hat sich .spärer erwiesen. Freese benutzte damals die Gelegenheit, die Gründer auf die Bodenreform hinzuweisen; er schrieb: „Die Gründer der Kolonie sollen der Kolonie das, unglückselige römische unbeschränkte Bodenbesitzrecht und Hypothekenpfandrecht ersparen, das an dem Mark der alten und neuen Welt zehrt, das in den Städten zu fünfstöckigen Mietkasernen mit Aftermietern, Schlafburschen und Postituierten, und in den Dörfern infolge Verkauf und Vererbung zu einer ins Unerträgliche gewachsenen Hypothekenlast geführt hat. Sie sollen zurückkehren zu den ewigen Wahrheiten ihrer eigenen Religion nnd bei der Regelung der Bodenfrage eingedenk sein des Wortes der Bibel im 3. Mos. 25, 23: „Darum sollt ihr das' Land nicht verkaufen ewiglich; denn das Land ist mein und ihr seid Gäste und Fremdlinge daraus." Wey des neues deutsches Rechtschrei bwörterbnch. Mit Rechtschreibregcln, kurzen Wort- und Sacherklärungen, Verdeutschungen der Fremdwörter und sprachlichen Winken aller Art. Auf Grund der neuen, gemeindeutschen Rechtschreibung nach der Einheitsschreibung des Buchdrucker-Duden bearbeitet. Vierte, vermehrte Auflage. (56. bis 60. Tausend.) Mit etwa 50.000 Stichwörtern. Preis gebunden 1 JL 50 Pf. 2 Kr. Leipzig, G. Frey tag. Wien, F. Tempsky. 1908. Der vielfache Wechsel der amtlichen Rechtfchreibungsnormen in den letzten Jahrzehnten hat im Verein mit den mannigfachen privaten Bestrebungen nach einer Vereinfachung und Vereinheitlichung der Schreibung im phonetischen <öinne die Unsicherheit in der Orthographie zu einem allgemeinen Uebelstand und eben damit ein zuverlässiges und wohlfeiles Orientierungsmittel zum allgemeinen Bedürfnis werden lassen. Das vorliegende Buch hat sich als vorzugsweise geeigneter Ratgeber auf diesem Gebiete derart bewährt, daß es seit langem unter den ersten seiner Art rangiert. In Per Durchführung der Einheitsschreibung nach Maßgabe der allerneuesten Rechtschreibung steht es ganz auf dem Boden der kleinen amtlichen Regelbücher. An Regelmaterial bietet es . in sorgfältigster Sichtung nur das, was wirklich der schriftlichen Korrektheit dient, dieses aber vollendet. Die zirka 50.000 Stichwörter erschöpfen alle wichtigen Erscheinungen des deutschen Wortschatzes. Die Fremdwörter sind mit Ursprungsangabe und in sehr geschickter Verdeutschung gegeben, dazu auch in einer solchen Reichhaltigkeit, daß das Buch mindestens für 'Alltagszwecke ein Fremdwörterbuch völlig ersetzt. Kaiser Friedlich Quelle - Offenbach a. M. — Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wochen-Saleu-er. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 29. Februar (— 27. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 35 Mn. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 55 Mm., in Berlin 6 Uhr 25 Min. Wochenabschnitt: Wajakhel. Oft mit der Sidra Pekude zusammengelesen, diesmal getrennt davon, weil ein Schaltjahr ist. Inhaltlich erinnert die Sidra Wajakhel an Terumo. Wiederholt hören wir. wie Moses das Volk zum senden von Rohstoffen für die Stiftshütte aufforderte und wie reichlia) die Gaben flössen. Man mußte ausrufen, es sei nrehr als genügend gesammelt. Es werden in der repetierenden Zusammenfassung die Künstlerhandwerker Bezalel und Oholiab genannt, von den Teppichen, Brettern, von der goldnen Lade, dem goldnen Tisch für die Schaubrode, dem kunstvoll getriebenen Leuchter, dem Raucher- und Ganzopseraltar erzählt. Den Schluß des Wochenabschnittes bildet die Beschreibung des „Umhoses", auch dies als Wiederholung. Bemerkenswert ist die Einleitimg der Sidra mit dem Gebot der -L-abbatheiligung, mitten in der Geschichte des Stiftshüttenbaues. Die Tradition leitet daraus die Lehre ab, daß am Sabbat eben jene Arbeiten verboten, die beim Bau der Stifts- Hütte vorkamen. Einsegnung des Neumondes Adar-Scheini, d. r. - der 2. Adarmonat, also der 13, in diesem Jahr, das

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