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Neue jüdische Presse · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 90. d. Mts., die Vorlage betreffs Durchlegnng der Bahnhofstraße nach der Gartenstraße. Damit ist die Zerstörung unseres alten Friedhofes besiegelt. Der Referent, Herr Generalagent Baumeister, empfahl zwar, die Vorlage erst an den Etats-Ausschuß zu verweisen, und Herr Prof. Dr. Wohlauer erklärte überhaupt die Dnrchlegung der Straße kn der geplanten Weise für nicht erforderlich. Dagegen wandte sich aber der Herr Oberbürgermeister, indem er darauf hillwies, daß die Versaminlung schon vorJahren diese Durchlegung gewünscht habe, daß diese Sache erledigt sei und sich deshalb auch eine Ausschußberatung erübrige. 'Daß der antisemitische Eisenbahn-Sekretär Stein diesen Ausführungen beipflichtete, merkwürdigerweise mit der Begründung, daß die vereinbarten Preise nicht zu hoch seien (ca. 100000 Mk. soll uns diese Geschichte kosten), wundert uns nicht. Daß aber der angeblich freisinnige Vorsitzende des Schweidnitzertor-Bezirksvereins Herr Bischof fiir die sofortige Annahme der Vorlage eintrat, das wollen ii-iv hier gebührend festnagelu; die Versammlung beschloß darnach. Mit uns Juden wird nicht viel Federlesens gemacht. Wir holen den sogenannten Freisinnigen die Kastanien aus dem Feuer. Dafür dürfen sie uns auch unser Heiligstes sofort nehmen. 'Antisemiten und Freisinnige Arm in Arm für Zerstörung des jüdischen Friedhofs, ein ergreifendes Schauspiel! Die Annahme der Vorlage erfolgte vor leeren Bänken in Anwesenheit von nur wenigen Stadtverordneten, nachdem die 2 geschlagene Stunden währende Etatsdebattc, in welcher die Redner über alles mögliche nur nicht über den Etat sprachen, die Mitglieder der Stadtverordneten-Versammlung ermüdet hatte. Bon den Vertretern der Synagogen-Gemeinde, welche der Stadtverordneten-Versammlung angehören, nahm auch nicht einer das Wort, obwohl doch der Gemeinde-Vorstand wiederholt und ausdrücklich auf die Gewissensbedenken und die durch die Zerstörung des Friedhofs zu erwartende Verletzung der Gefühle der Gemeinde-Mitglieder hingewiesen hatte. Ob wohl auch die Vertreter einer evangelischen oder katholischen Kirchen-Gemcinde in ähnlichem Falle sich in eisiges Schweigen gehüllt hätten? U. A. w. g." Essen. Hundert Jahre waren am 26. Februar vergangen, seitdem hier die erste Synagoge durch de» damaligen Oberrabbiner Loeb Aron Karlsburg aus Krefeld eingeweiht wurde. Die jüdische Gemeinde, die nach der Chronik bereits 1291 in Esse» bestand und die heute 2500 Seelen zählt, zählte damals nur 12 Familien. Oesterreich-Ungar«. Wien. Bekehrungseifer! In der letzten Sitzung des israelitischen Kültusvorstandes brachte Dr. Berger zwei neue Fälle christlichen Bekehrungseifers zur Sprache. Ein Leipniker, Kulka, >var körperlich und seelisch schwer erkrankt nach Wien in das Währinger Haus der Barmherzigkeit zugereist. Bon seinen Pflegern bedrängt, hatte er die Wiener Kultnsgemeinde um Hilfe angerufen. Auf den herzzerreißenden Bericht ihres nach ''Währing entsandten Beamten und da das Statut ihres Siechenhauscs die Aufnahme des Ortsfremden verwehrt, hatte die Kultusgeineinde mit Briefen und Depeschen die Schwestergemeinde nnd das Versorgnngshaus in Leipnik zur Erfüllung ihrer Pflicht gemahnt, jedoch schließlich nur die Zusage der Einberufung einer Borstandssitzung erzielt. Der zweite Fall betrifft eine an Magenkrebs leidende Jüdin aus Galizien, die nach wcchselrcichen Geschicken im städtischen Versorgungshaüse in Lainz Aufnahme fand, indes nach Ermittlung ihrer Heimatsgemeinde vor die Wahl: Taufe oder Abschiebung gestellt worden war, so daß die Kultusgcmeinde Wien, welche der Kranken schon bis nun Koscherkost geliefert hatte, sie provisorisch ins jüdische Spital' aufnahm. Budapest. Nationalspende für einen jüdischen Dichter. — Anläßlich des 40jährigen Dichterjubiläums Josef K i ß' hat sich unter dem Protektorate des Ministerpräsidenten, des Kultusministers, des Ministers des Innern, des Präsidenten des Magnatenhauses, des Präsidenten des Abgeordnetenhauses ujw. ein Komitee gebildet, das als Spende'der ungarischen Nation an ihren Dichter ein Büch über Josef Kiß und von Josef Kitz herausgeben will. 'Das' Komitee verlangt von jedem sich an der Nationalspende Beteiligenden 100 Kronen und gibt im Tausch dafür das Buch. Prag. Sie kennen ihre Leute! Die Kinderschutzstationen, deren aktive Mitglieder nur Katholiken werden können nnd die ihre Tätigkeit nur auf katholische Kinder erstrecken, lassen jetzt — gelegentlich des Kaiserjubiläums — an reiche Juden elegante Schreiben ergehen, in denen sie um Beiträge bitten. Hierzu bemerkt die „Arbeiterztg.": „Bezeichnend aber ist es, daß die Gimpel wirklich auf den Leim gehen. Die reichen Juden sind eben immer noch im geistigen Ghetto und feige genug, das Schutzgeld zu zahlen, wenn es nur von einem echten Aristokraten verlangt wird . . . Sie fühlen sich sogar geschmeichelt, daß dieselben Personen zu Ihnen schnorren gehen, die sie nicht der Ehre würdigen, auch nur als Vereinsmitglieder gleichberechtigt zu sein," Frankfurter Jsraelitifrhes FamilienLlakt. Innsbruck. Die Wahlen zum Tiroler Landtag sind beendet. Die Christlich sozialen haben 15 Sitze gewonnen; ihre Zahl hat sich also von 10 auf 25 vermehrt. Schweiz. Basel. Eine außerordentliche Gemeindeversammlung beschäftigte sich mit dem Ban eines Gemeindehauses. Nach Errichtung desselben soll das alte Gemeindehaus in der Eulerstraße abgerissen und der Hanpteingang der Synagoge wieder in den Synagogenhof verlegt werden. Die Versammlung ermächtigte den Vorstand, die von Herrn Dreysnö-Brodsky gestifteten 160 000 Frks. für den Van zu verwenden und eine Hypothek von 200 000 Franks aufzunehmen. — Zur Bildung eines Synagogenchors ist ein jüdischer Gesangverein gegründet worden. Rußland. Petersburg. Nach den Feststellungen der Volkszählung von 1907 bildeten die Juden 4,13o/o der Gesamtbevölkerung Rußlands. Hiernach hätten 1902 13013 und 1903 13 250 Juden beim Militär eingestellt werden müssen, es sind aber 19 705 und 19 911 Juden in diesen beide» Jahren eingestellt worden. Petersburg. Der Senat hat verordnet, daß I ü d i n neu, wenn sie einen Mann heiraten, der sein Wohnrecht außerhalb des jüdischen AnsiedluugSrayons hat, das ihnen bisher durch ihre Familie «ußerhalbdesAnsiedlungsrayons znstchcnde 'Wohnrecht verlieren. — In Homel bat eine jüdische Deputation den V i z e g o u v e r n e u r, zu gestatten, daß die jüdischen Läden, die S o n n a b e n d s geschlossen haben, Sonntags öffnen dürfen. Der Vizegouverncur^v e r w e i g e r t e das 'Ansuchen, da Juden, die 'samstags geschlossen haben, nicht den christlichen Sonntag stören dürften. Minsk. Eine einzigartige Existenz. Ern .Mensch namens Preis ist hier endlich verhaftet worden und soll so lange festgehaltcn werden, bis er den 21 Frauen, die er im Zeitraums von 9 Jahren heiratete, den Scheidebricf gegeben hat. Mit einer Heiratsvermittlerin fuhr er herum, die ihm Partien mit Mädchen nnd Witwen, die nicht an den Mann kommen konnten, vermittelte, und nachdem er seiner jedesmaligen Frau ihre Habseligkeiten abgcncmmen hatte, verschwand er. Natürlich waren die dummen Personen eine Heirat ohne behördliche Dokumente eingegangen. Großbritannien. Leeds. Antisemitismus. Der Besitzer des Grand Restaurant hat in dem ersten Stockwerke des Restaurants ein Cafe eingerichtet, zu dem er Juden den Zutritt verweigert. Die jüdische Gemeinde protestiert nunmehr gegen eine Erneuerung der Lizenz des Restaurantbefitzers, der erklärt, daß er auf gute Kundschaft rechne und daß diese Kundschaft nicht mit Juden in einem Raume sitzen wolle. Amerika. Chicago. Die Jüdische Ackerbau-Hilfsgcselkschast hat sich den Besitz einer großen Fläche Land in Kalifornien gesichert und will dort kolonisieren. Die Fläche läßt sich in 15 Farme zerlegen und dürfte 500—600 Familien eine Existenz schassen. Zur Kultur eignen sich Zitronen, Apfelsinen, Oliven, Feigen, Birnen. Aepsel usw. 5 acres ernähren bei sachgemäßer Bearbeitung eine Familie und setzen sie noch in den Stand, in 6—8 Jahren den Preis für ihren Besitz äbzuzahlen. Marokko. Casablanca. Herr Pisa, der Vertreter der Alliance Jsraelite Universelle, hat unter dem 9. Februar an den Präsidenten der Alliance in Paris folgenden Brief gerichtet: Gestern abend bin ich eiligst von Herrn Malpertuy, dem französischen Konsul, gerufen worden, der wir von folgender Depesche des Generals d'Amade Mitteilung , machte: „80 Israeliten von Settat sind unter französischem Schutze auf dem Wege nach Casablanca: tresfen Sie Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme." Wirklich war am 5. eine Heercsabteilung von Casablanca nach Settat ausgebrochen und hatte nach kurzem Kampf die Kasbah bombardiert, nachdem die Israeliten diese verlassen hatten und von den französischen Truppen ausgenommen worden waren. Herr Malpertuy riet mir, sofort auf Mittel bedacht zu sein, um die so vielfach heimgesuchten Unglücklichen untcrzubringeii. Mit rührenden Worten voller Mitgefühl stellte er mir das Brot zur Verfügung, das ich täglich nötig haben würde. Mit Herrn Zagnry, dem Vorsitzenden des israelitischen Komitees, der gleichfalls unterrichtet worden war, machte ich mich auf, eine hinreichend geräumige Unterkunft zu suchen, die die Flüchtlinge fassen könnte, ohne daß man den Ausbruch einer Epidemie zu befürchten hätte. Herr Bendahan, ein hiesiger Notabler, stellte uns entgegenkommend eine seiner Besitzungen zur Verfügung. Wir bereiteten in aller Eile ein Frühstück vor und machten uns zum 'Empfang ber Flüchtigen bereit: Seite 3. Heute früh 11 Uhr sind sie, 135 an der Zahl, in kläglichem Zustand angelangt. Die Männer sahen aus wie Gespenster, die Haare struppig, der Bart ungepflegt, in schmutzige Säcke gehüllt^ teilweise nackt, die Füße geschwollen, die Frauen notdürftig in ein Stück farbloses Gewebes gehüllt, an den ausgetrockneten Brüsten halbverhungerte Kinder. Unmöglich, jung und alt von einander zu unterscheiden — so sehr hat das Elend sie gleichgemacht. Wir bereiten ihnen ein Strohlager, geben ihnen Wasser, bieten ihnen Brot und Orangen, und hören den Bericht über die Schrecknisse, denen sie seit Monaten ansgesetzt gewesen sind. „Tie wissen", erzählt uns eine junge Frau, „was wir y.or vier Jahren gelitten haben. (Im Jahre 1903 hat eine große Plünderung stattgefunden). Wir waren in unsere Häuser zurückgekehrt und hatten uns an unsere Arbeit begeben, einige zum Körnerbau, andere zur Schuhflickerei. Die folgenden Jahre waren hart. Es hat an Regen gefehlt nnd es gab keine Ernte. Für uns bedeutete das den Hunger. Aber wir helfen uns immer durch, wenn man uns nur im Mellah in Ruhe läßt. Vor sechs Monaten sahen wir, daß die Dinge eine üble Wendung nahmen, und daß die Araber aur einen schlimmen Streich dachten. Darnach erfuhren wir die Plünderung von Casablanca. Die Israeliten, die diese Stadt verlassen hatten, flüchteten sich zn uns. Bald kehrten sie zurück, die einen über Mazagan, die anderen .über Rabat. Als wir die Mehallah Mouley Rechids kommen sahen, hatten wir das Vorgefühl eines Ueberfalles. Denn wenn die Mehallah oder die Stänrme Geld brauchen, so stürzen sie sich eben auf uns. Wirklich plünderten sie auch vor drei Monaten einen Teil "des Mellah, die Meinungsverschiedenheiten unter den Stämmen sich zu nutze machend. Sie nahmen uns alles, was wir hatten, l Es war herzlich wenig, und vielleicht danken wir es unserer Armut, daß wir das Leben behielten. Nach, dem Abmarsch der Plünderer hatten wir den Hungertod vor Augen. Nach Casablanca konnten wir nicht gehen, weil die Araber uns den Weg versperrten, doch auch rückivärts konnten wir uns nicht bewegen, aus Furcht, anderen arabischen Stämmen in die Hände zu sallen, und so waren wir'gezwungen, in den verlassenen Dörfern zn arbeiten. Zum Glück kam ein Courier von Herrn le Maitre aus Casablanca, der einen Brief an den Scheck ben Omar brachte, in dem wir ihm empfohlen wurde». Dieser reiche Araber nahm uns alle auf, gab uns wochenlang zn essen und zeigte sich von solcher Güte, daß wir nicht glauben wollten, er sei ein Araber. Bor einem Monat kamen die Franzosen nach Settat. Die Araber flohen alle, viel: Israeliten mit ihnen. Wir blieben, etwa 400 an der Zahl, in der Stadt, hoffend, daß die Franzosen die Stadt einnehmen würden. Aber nach mehrstündigem Aufenthalt brachen sie plötzlich auf. Kaum waren sie einige Kilometer entfernt, wir sahen noch ihre Feuerzeichen, als die Araber von den Bergen zurückkamen. Die folgenden 44 Tage waren furchtbar, und ich begreife noch nicht, daß wir sie; überlebt haben. Alle Leute, die überhaupt sich bewegen koimten, verließen die Stadt und flohen zum Ry Ayouch-ben Malca hinter den Bergen, den die Araber respektieren. Wir blieben in fortwährender Angst in der Stadt, in ewiger Furcht vor einer Plünderung. Einige Tage später, rückten endlich die Franzosen wieder vor Settat. Wissend, daß die Franzosen jetzt dableiben würden, plünderten die Araber ein letztes Mal die Stadt und führten einige mit sich fort. Die Zurückgebliebenen wurden von den französischen Truppen ausgenommen, die uns zu essen gaben. Man fragte uns aus, und wir antworteten, was wir wußten, daß die Mehallah nicht mehr kämpfen wollte, daß Zwietracht unter den Stämmen herrscht. Endlick) führte man uns nad) Berschid zurück, eine Nacht schliefen wir in Medionna, und jetzt sind wir ohne Hoffnung auf Wiederkehr in unsere Häuser." Auf unsere Frage, was aus ^den anderen Israeliten geworden sei, deren es in settat und in den Dörfern doch mindestens Tausend gegeben hätte, und von denen jetzt nur 150 vorhanden seien, erhielten wir den Bescheid: „Wir wissen cs nicht. Biele sind in Casablanca bei ihren Verwandten, andere sind jenseits der Berge, nnd sicherlich viele unter den Arabern." Es kann nicht davon die Rede sein, die Flüchtigen zu repatrieren. Wir organisieren das Hilfswerk, geben ihnen Kleidung und Nahrung, und dann wollen wir für sie Unterkunft und Arbeit suchen, sodaß sie sich unter die Bevölkerung mischen. Ich appelliere an die Großherzigkeit des Zentral-Komitees, daß es den Unglücklichen Hilfe schicke.*) Personalien. Frankfurt a. M. Ihren 90. Geburtstag feierte Frau Betty Flersheim Witwe, geborene Oppenheim, wohnhaft Taunusplatz 23. Frankfurt a. M. Rechtsanwalt Dr. Alfred Grünebaum wurde zum kgl. bayer. Reserveleutnantbefördert. Bei der jüngsten Beförderung in der bayerischen Armee waren dem Vernehmen nach von den etwa *) Die Alliance Jsraelite Universelle hat Herrn Pisa sofort 5000 Franks zur Verfügung gestellt und weitere 2000 Franks nach Marrakesch geschickt, wo die Lage der Juden gleichfalls überaus mißlich ist.

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