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Neue jüdische Presse · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Serie ä. frankfurter Israelitisches Familrenölatt. Nr. &. Wert«, Jüdischkeit, jüdischen Brauch und Sitte —; und all die großen Opfer, die gebracht wurden, waren unnütz! Die Lage der Juden hat sogar eine große Verschlimmerung erfahren, denn waren die Beschränkungen der Juden bis dato zeitlicher und administrativer Natur, so soll ihnen jetzt gesetzliche Kraft verliehen werden, eine Volksvertretung — ganz gleich welche — soll sie jetzt sanktionieren. Schon schickt sich die Regierung an, die beschränkte Prozentnorin der Aufnahme per Jude» in den höheren Lehranstalten — die seit dem Jahre 1887 3o/o für die höheren Schulen der Hauptstädte, 5<y<> der provinziellen und 10»,'» 'der Städte der „Tscherta" (Ansiedlungsrayon) betragen — durch bie Duma zum Gesetz zu erheben. Und sollte auch das Gesetz durch die Oktobristen — die manchmal, wenn auch sehr selten, liberale Anfälle bekommen . . . — eine kleine Verbesserung — sagen wir 10°/o für alle Städte — erfahren, was will das sagen; hier handelt es sich um das Prinzip, um die gesetzliche Gleichstellung der Juden mit den andern Nationalitäten. Die Juden unter dem Joche der Satrapen Jgnätiew und Plehwe litten schwer; sie tvaren aber von der festen Zuversicht beseelt, das; eine Konstitution ihnen Erleichterung, ihnen Rechte bringen werde. Jetzt sind die Juden um diese, ihre Hoffnung gebracht worden! Die Regierung verfolgt und schikaniert sie jetzt mehr als je, — und wenn früher nur blinder Haß der einzige Beweggrund für all das ihnen angetane Unheil war, so ist jetzt noch ein Faktor hinzugekommen: Rachsucht für die abgerungcnc Volksvertretung, die in Wirklichkeit niemanden außer der Bureaukratie selbst — denn diese hat für ihre Taten nun ein ge setz liches Mäntelchen bekommen — Erleichterung gebracht hat. Und was nun? Auswandern! Doch wohin? Es bleibt unser» Brüder» nichts anderes übrig, als auf die Aufklärung der russischen Massen zu warten. Wer wer kann es mit Bestimmtheit sagen, was eine Aufklärung^ihnen bringen wird? Die zarische Regierung ist in Schlechtigkeit und Raffinement unübertroffen, sie wird gewiß dafür sorgen, die Massen zur Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit zu erziehen. Das moderne Gift des 'Chauvinismus ist"'ja ein gutes Mittel, die Massen zu vergiften und gegen andere Nationalitäten ausznstacheln und unduldsam zu machen. Und ist es nicht für das jüdische Volk ratsainer, anstatt auf die zweifelhafte Güte der Völker zu vertrauen, sich auf die eigene Kraft zu stützen? Ist es nicht viel leichter und einfacher, das jüdische Volk zu vereinen und es für seine Befreiung reif zu machen? S. H. G—n. - Ans aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Telegrammablösungen. Die Frankfurter Zionistische Vereinigung hat, um den Verkauf von Nationalfondsmarken und Telegrammablösungsformularen zu Gunsten des jüdischen Natioualfonds zu erleichtern, an verschiedenen Stellen der Stadt Depots eingerichtet. Vorläufig find die Marken und Formulare — außer wie bisher in der Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familicnblattes — in folgenden Geschäften zu erhalten: > 'Lchreibwarenhandlung David Kroll's Nachflgr., Neue ZeU, Zigarrenhandlung K. Michaelis, Nechneigrabcnstraße, Ecke Langestraße, Buchhandlung Rothschild, Börnestraße, Buchhandlung Sänger L Friedberg, Allerheiligenstraße. Wegen Errichtung weiterer Verkaufsstellen beliebe man sich an Rechtsanwalt Dr. S. 'Schwarzschild, Vilbelerstr. 4/6, zu wenden. Der Gebrauch der Telegrammablösungs - Einrichtung sei auch allen.jenen ans Herz gelegt, die der zio». Bewegung nicht angehören, denn die Gelder des Nationalfonds sind zum Ankauf von Land in Palästina bestimmt und kommen damit der Förderung des Ackerbaues unter uns Juden zugute. Frankfurt a. M. Aus dem Bureau der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoren Judentums" wird uns geschrieben: „Wie bekannt, hat die Preußische Staatsregierung an den auf Befürworten der „Freien Vereinigung" in den nächstjährigen Etat eingestellten Dispositionsfonds zu Gun sten des jüdischen Religionsunterrichtes die Klausel geknüpft, daß auf Beihilfe aus diesem Dispositionsfonds nur diejenigen leistungsschwachen Genikinden ein Anrecht haben sollten, in denen die Zahl der die öffentlichen Volksschulen besuchenden jüdischen Kinder dauernd mindestens zwölf beträgt. Diese Klausel entspricht zwar insofern den allgemein geltenden Gepflogenheiten, als auch nichtjüdische lcistnngsunfähige Schulverbände nur dann unterstützt werden, wenn sie diese Mindestzahl von 12 Kindern ausweisen können, sie führt aber — wie wir bereits in unserer Mitteilung vom 12. Jan. ausführten —1 zu einer Unbilligkeit gegenüber den jüdischen Gemeinden, weil bei der starken Zersplitterung der jüdischen Bevölkerung durch jene Klausel ein unverhältnisniäßig großer Teil der jüdischen Kinder von den Wohltaten des Fonds ausgeschlossen bleibt, während dies bei den größeren christlichen Schnlvcrbänden nrrr in einer verschwindend geringen Anzahl von Fällen zutrifft. Um den zisfcrinäßigen Nachweis zu führen, daß diese von der Negierung nicht gewollte Unbilligkeit bei der Eigenart der jüdischen Verhältnisse tatsächlich eintreten würde, hat die Schulkommission der „Freien Vereinigung" eine detaillierte Statistik über die Zusammensetzung der einzelnen Gruppen von jüdischen Schulkindern in den öffentlichen Volksschulen ausgearbeitet. Diese Statistik ergibt, daß von den evangelischen bezw. katholischen Schulkindern 479 bezw. 1109, das ist 0,015 Prozent bczw. 0,05 Prozent, von den jüdischen Schulkindern dagegen 2662, das ist 11HL Prozent, in Gruppen von w e n i g e r als 12 Kindern in der Monarchie zertrcur sind! In Wirklichkeit ist das Verhältnis für die jüdischen Volksschüler noch u n g ü n st i g e r, denn die der Statistik zu Grunde liegenden Tabellen enthalten nicht die Bcsuchsziffer der einzelnen Volksschulen in jedem Kreise, sondern nur di: Gesa m t z i f f c r für die Gesamtheit der Volksschulen jedes Kreises. Da die öffentlichen Volksschulen des einzelnen Kreises zahlreiche sind, zum Teil über hundert, so ist natürlich die Zahl der Gruppen mit weniger als 12 weit größer als die Tabellen es erkennen lassen, sodaß bei Berücksichtigung der einzelnen Volksschulen die nachteilige Lage der Juden noch weit, weit greller hervortreien würde. Erfreulicher Weise ist es der „Freien Vereinigung" gelungen, auf Grund dieser Statistik sämtliche politische Parteien des Abgeordnetenhauses davon zu überzeugen, daß die von der „Freien Vereinigung" beanstandete Beschränkung auf die Mindestzahl von 12 Schulkindern in Anbetracht der eigenartigen Lage der jüdischen Gemeinden durchaus nicht gerechtfertigt sei. Demgemäß haben in der 35. und 36. Sitzung des Abgeordnetenhauses am letzten Freitag die Abgeordncten Peltason (Fr. V.), Marx (Ztr.), Schroedcr (Nat.- Lib.), Viereck (Freikons.), Cassel (Fr. Volksp.) auf Grund unserer Statistik die Bitte ausgesprochen, daß die Staatsregierung bei der Verteilung der Fonds sämtliche aus Beihilfe angewiesenen jüdischen Gemeinden ohne Rücksicht auf die Zahl der vorhandenen Schüler in Betracht zieht. Der Vertreter der Konservativen, Abg. Henning, erklärte, daß er sich den vom Se vorgetragenen Wünschen anschließe. Ministcrialtor Schwartzkopff gab die Erklärung ab, daß die Königliche Negierung dcnr jüdischen Religionsunterrichte großes Wohlwollen entgegenbringe, daß die besonderen Minderhcitsverhältnisse berücksichtigt werden sollten, indem die Regierung den Zuschuß auch dann nicht versagen werde, wenn die Zwölfzahl nicht aus eine m Schulverbande, svnderil aus mehreren politischen Gemeinden sich zusammensetzen würde. Im übrigen müsse abgewartet werden, ob dieinden diesjährigen Etat nurschätzungsweise eingestellten 40000 Mark zur Erreichung des angestrebten Zweckes ausreichten und es solle andernfalls der F 0 n d s e r h ö h t werden. Was die jüdischen Volksschule» beträfe, so hätten,diese im Bedarfsfälle den gleichen Anspruch aus Beihilfe aus dem großen allgemeinen Fonds für die christlichen Volksschulen. Es ist auf Grund dieser Erklärung jedenfalls dringend zu raten, daß sämtliche jüdischen Gemeinden, welche aus die staatliche Beihilfe zum Religionsunterricht angewiesen zu sein glauben, ihre Gesuche unter eingehender Begründung den Landratsämtcrn unverzüglich unterbreiten, ganz einerlei von weni und in welchen! .Umfang der Religionsunterricht zur Zeit erteilt wird. Das Bureau der „Freien Vereinigung" i st bereit, jeg - lich er Gemein de die erforderlichen Materialien zur Verfügung zu stellen und die notwendigen Auskünfte zu erteile n." Berlin. In der Februar-Nummer der.Zeitschr. f. Demogr. u. Statist, d. Juden" kommt Dr. Arthur Nuppin zu folgenden Resultaten bezüglich der Mischehen unter den Juden': In „Dänemark", „Australien" nnd „Italien" machen die Mischehen über ein Drittel aller rein jüdischen Ehen aus. Gleiches gilt für „England", „Frankreich" und die „Vereinigten Staaten", soweit man von dem Einwandern der letzten 3 Jahrzehnte absieht. Auch „Berlin" nnd „Hamburg" gehören zu dieser Rubrik. Im „protestantischen Deutschland", „Holland", „Wien" nnd „Budapest" betragen die Mischehen 10 bis 25o/o der rein jüdischen Ehen und zeigen eine Tendenz zu rascher Zunahme. Im „katholischen Deutschland", „Ungarn" (ohne Budapest) und „Böhmen" machen die Mischehen 2 b i» 10«/o und in „Galizien", „Bukowina", „Rumänien" und in den „Jndenvierteln New-Dorks, London's und Paris" weniger als 2»/» der rein jüdischen Ehen aus. Berlin. Aus der Sitzung des Preußischen Landtags am 21. ds. Mts.: Abg. P e l t a s 0 h >1 (Frs. Bgg.): Zu dem Fonds ist ein Vermerk gemacht, ans dem hervorgeht, daß Syiiagogengemeinden nur dann unterstützt werden ollen, wenn 'die Leistungen schwach sind und mindestens zwölf jüdische Schüler vorhanden sind. Diese Auffassung widerspricht der Resolution, die bei der Beratung des Volksschulunterhaltungsgesetzes besmlossen worden ist, die eine solche Einschränkung nia/i vorgesehen hat. Wird nach dem Wortlaut des Vermerks verfahren, so würde eine außerordentlich große Zahl von jüdischen Schülern ohne Religionsunt erricht in der Schule bleiben. Die jüdische Bevölkerung klagt überhaupt darüber, daß ihr gegenüber nicht immer die gesetzliche Gleichberechtigung gen ahrt werde. Die Schulverwaltung sollte sich hüten, dieses Gefühl durch kleinliche Mittel zu verstärken. Ministerialdirektor Dr. S ch w a r tz k 0 p f f erklärt, daß die Negierung der vom Vorredner angechnittenen Frage durchaus wohlwollend gegenübertehe. Die Ausführungen des Herrn Mg. Peltasohn beruhen zum großen Teil auf gewissen Mißverständnissen. Vorläufig ivollen wir abwarten, ob die im Etat ansgeworsenen 40,000 J£ für den Religionsunterricht ausreichen. Abg. Marx (Zentr.) wünscht Streichung der Bestimmung, wonach die Unterstützung bei jüdischen Geincinden nur an Leistungsschwache gewährt werde, sowie den Wegfall der Beschränkung, daß die Unterstützung nur bei dauernd mindestens zwölf Kindern | eintritt. Abg. Viereck (freikons.): Wir werden der Bewilligung von 40,000 Mark an jüdische Gemeinden gern zustimmen. Die jüdischen Kinder sind in der Diaspora so weit zerstreut, daß wir die Beschränkung auf mindestens zwölf Kinder fallen lassen müssen., Ei» Negierungskommissar erklärt, daß den leistungsfähigen jüdischen Gemeinden keine Zusage gegeben worden sei, und also der im vorigen Jahre angenommenen Resolution voll entsprochen werde. Abg. Cassel (Frs. Vpt.): Die Wsicht der Mehrheit ging absolut nicht dahin, diese Beschränkung zu statuieren. Vor allem dürfe die Zuwendung nicht von der Mindestzahl von zwölf Kindern abhängig gemacht werden. Abg. Schröder -Kassel (natl.) erkennt es an, daß der Ministerialdirektor bezüglich des Unter- ' stützungsfonds von 40,000 Mark eine so entgegen- I kommende Erklärung abgegeben hat. Redner hält eine I angemessene Erhöhung des Fonds für nötig und bittet, davon abzulassen, erst bei mehr als zwölf Kindern eine Unterstützung zu gewähren. Abg. H e n n i g (kons.) schließt sich den von den Vorrednern geäußerten Wünschen an. Mannheim. Das Wahlbureau der Gegner des oberrätlichen Reformgebetbuches (Vorsitzender: Dr. Jonas Simon, Heidelberg, Uferstr. 48 a) wendet sich in einem Aufruf an die jüdisch: Bevölkerung Badens, Geld für die Agitationskosten beizusteuern. In dem Aufruf heißt es, nachdem betont worden ist, daß nach Einführung des neuen Gebetbuches der badische Jude in den außerbadischen Gotteshäusern nnd der außerbadische Jude in den badischen Gotteshäusern fremd sein werden: „Ms Schulbuch bietet der Entwurf nur rein ethische Lehren; aber nichts spezifisch Jüdisches mehr. Unter „Geboten und Lehren" sucht man vergebens nach den jüdische» «speisegesetzen, nach Lehren über die Heilighaltung des Sabbat, über die Feier des Versöhnungstages, oder auch nur über die Einführung jüdischer Knaben in den Bund Abrahams. Dieses Gebetbuch ist darum nur zu geeignet, das Judentum mit Stumpf und Stiel in Baden auszurotten. Die gesetzliche Einführung dieses Buches in den Schulen kann durch Oberrat nnd Synode — die Volksvertretung der badischen Juden — verfügt werden. Das bedeutet nichts geringeres als einen allmählichen, aber sicheren Zwang unter das Joch pes Reformjndentums und der Assimilation: kommende jüdische Generationen in Baden werden kein anderes Schulbuch, Gebetbuch und Religionslehrbuch mehr kennen als dieses. Die Einführung des Gebetbuches in den Synagogen soll dem Majoritätsbeschluß der einzelnen Gemeinden anheimgestellt werden. Die nichtbetende Majorität soll also der betenden Minorität das Gebet vorschreiben dür- | fen! Damit wird 'eine Majorisierung j in Fragen der Religion und des Gewissens zugegeben. Einen derarttgen Gewi s, e n s z w a n g muß auch jeder wahrhaft liberale Jude aufs entschiedenste verwerfen." Breslau. Die Aufhebung des alten jnd. Friedhofs. — lieber dieses Thema schreibt das „Jüd. Bolksblatt": „Die Stadtverordneten - Versammlung verabschiedete in ihrer Sitzung 'vom letzten Donnerstag, de,»

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