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Neue jüdische Presse · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Irartkfrtrtei? frsrlitifdirs fauiilicublatt. ,!"' 1 “ .- :» Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mt. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I __ —. - HedaKtto« «nd HefchLftsstelle: Srsnlcsuri L. M.. vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße Pelefon 10507.! 1 - . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz» und Daten-Borschrtft ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberrinkunft. 6. Jahrgang. Freitag, de« 27. lärii- 5668 <28. Februar 1968). , Ro. 9. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus Odessa. — Vom Lande der Satrapen. — Aus aller Welt.— Personalien. — Aus derzionist.Bewegung. — Feuilleton: Der Prior. — Kunstund Literatur.-Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Brief aus Odessa. Bon Dr. M. G., Odessa. Die patriotischen Aktionen der entschlossenen Verteidiger des Vaterlandes haben in der letzten Zeit, dank der unzweideutigen Eingebung von oben, d. h. Vonseiten unseres neuen Stadthauptmannes und General-Gouverneurs Tolmatschow, an Intensität bedeutend nachgelassen. Man darf indes nicht glauben, daß der „Verband des russischen Volkes" in Ungnade gefallen ist oder sich geschlagen fühlt. Keineswegs! Die Taktik der Straßenexzcsse, die die einst so blühende „Königin des Schwarzen Meeres" an den Rand des lvirtschaftlichen Verderbens brachte und ihre Steucrkrast ungemein schwächte, hat sich vielmehr als. etwas unbequem erwiesen. Man erschrak förmlich in den hohen Sphären, als man eines schönen Tages in deni überaus seriösen und zuverlässigen „Slowo" eine auf Grund von statistischen Erhebungen aufgestellte Berechnung fand, wonach die Bevölkerung Odessa's in den letzten zwei Jahren sich um nahezu 100000 Seelen vermindert hat. Die Folge davon war, daß Tolmatschow in einer Audienz, die er beim Zaren hatte, bevor er sein Amt antrat, den strikten Auftrag erhielt, in Odessa Ruhe zu schassen und die Anarchie von rechts und links, will sagen die Ausschreitungen der „Echt-russischen" und der „Anarchisten-Kommunisten" zu unterdrücken. Das Elftere fiel verhältnismäßig leicht, da Graf Konownitzin und seine Banden für Vorstellungen der hohen Behörde nicht unzugänglich sind. Nicht so das Letztere; denn gegen die lichtscheuen Gesellen und dunklen Ehrenmänner, die bei uns unter dem Mäntelchen des Kropotkinschen politischen Programmes ihr Unwesen treiben und die abscheulichsten Verbrechen gegen Person und Eigentum begehen, ist auch ein energischer Militär wie General Tolmatschow machtlos. Wie sehr übrigens die Pogrompolitiker die Herren der Situation sind, beweist die jüngste Leistung unserer Stadtduma. Wir haben hier in Odessa zwei öffentliche Krankenhäuser, ein allgemeines, sozusagen judenreines, und ein jüdisches. Das allgemeine Krankenhaus wird von den Odessaer Steuerzahlern, die zu gut zwei Fünfteln aus Juden bestehen, unterhalten. Von Rechts wegen müßte also auch das jüdische Krankenhaus, das aus verschiedenen Gründen — schon wegen der koscheren Verpflegung — von dem allgemeinen getrennt sein - muß, vom Stadtsäckel ausgehalten werden. Tatsächlich bezog aber bis vor kurzem das jüdische Krankenhaus, das zum Ueberfluß noch auch christliche Kranke aufnimmt (die Zahl derbeträgt durchschnittlich 25o/o), von der Stadt die verhältnismäßig geringfügige Subvention von 17 000 Rubel jährlich (etwa 10°/o seines gesamten Budgets). Dieser Tagebesch lassen nun unsere Stadtväter, dem jüdischen Krankenhaus die Subvention völlig zu entziehen. Gleichzeitig wurde auch die Einstellung der Unterstützung des jüdischen Waisenhauses und des jüdich e n S i e ch e n h a u s e s beschlossen. Naive Menschen verfielen bei uns auf den einfachen Gedanken, das jüdische Krankenhaus müßte von nun ab christlichen Kranken die Aufnahme verweigern. Daß aber die Odessaer Juden sich nicht zu einer solchen Kühnheit aufraffen werden, braucht dem Einsichtigen nicht erst gesagt zu iverden. Ebenso selbstverständlich ist es, daß die hohe Behörde für uns nicht intervenieren Ivird. Diese scheint überhaupt wenig geneigt zu in, den Bedürfnissen des jüdischen Gemeindclebens und der jüdischen Wohltätigkeit Rechnung zu tragen. So wurde es vor kurzem vom General- Gouverneur Tolmatschow einem so einwandfreien und unbedenklichen Verein wie dem „Esrath- Cholim" (Verein für ärztliche Fürsorge) untersagt, in den verschiedenen Stadtteilen Krankenpfleger zu ernennen, an die sich die ärmere Bevölkerung um ärztliche Hilfe wenden könnte. — Für „Moaus-Chittim" (Versorgung der ärmeren Bevölkerung mit Mazzoth), auf welche in Odessa ca. 50 000 Juden angewiesen sind, darf in diesem Jahre nicht mehr wie üblich unter der jüdischen Bevölkerung von Haus zu Haus gesammelt werden, sondern die Spender müssen persönlich ihre Gaben an bestimmten Orten .abliefern, wo sie unter Persönlicher Aufsicht eines Beamten des General-Gouverneurs entgegengenommen und an die notleidende Bevölkerung verteilt werden sollen. So wird bei uns zur „Beruhigung" der friedlichen Bevölkerung gearbeitet. Was Wunder also, daß der vor kurzem veröffentlichte Jahresbericht des Odessaer Jnformationsbureaus für jüdische Emigranten für das Jahr 1907 eine Zunahme der Emigrationsbewegung konstatiert. Abgesehen von den wohlhabenderen Emigranten, die sich nicht an das Bureau wandten und von den Vielen, die von der Existenz des Bureaus nichts wußten, sind allein mit Hilfe dieses Bureaus (für die Emigration nach Palästina und den Ländern des nahen Orients unterhält das Odessaer Palästina-Komitee ein eigenes Jnformationsbureau) ca. 5000 Mann in diesem Jahre aus Odessa ausgewandert; die numerisch viel stärkere inländische Emigration, d. h. die Uebersiedelung nach sicheren russischen Ortschaften, ist natürlich dabei nicht inbegriffen. Vom Lande der Satrapen. „Trostlos, schier zum Verzweifeln!" hört man allüberall den Russen sprechen. „Rußland hat schlimme Zeiten durchlebt unter dem Joch blutrünstiger Satrapen; doch'vertröstete es sich auf bessere Zeiten, es hoffte, harrte und duldete . . . „Verfassung" war der lichte Punkt in der cgyptischen Finsternis, Verfassung der einzige Trost im Leid. — Nun ist die Verfassung da — und die Finsternis hält unvermindert an, das Martyrium ist noch größer als je zuvor. Das Licht war trügerisch, die Hoffnungen sind vorbei!" so ungefähr spricht heute das denkende, aufgeklärte Rußland. Ist diese verzweifelte Stimmung berechtigt! Teilweise ja! Es sieht wirklich trostlos aus: die Lüge, die Niedertracht, das Mördertuin haben gesiegt, sie thronen im Glanz der Fäulnis Iveiter fort. Die endlich „arbeitsfähige" Duma Stolhpins steht an Verschlagenheit und Niedertracht ihrem Meister nicht nach, sie vertrödelt ihre Zeit in gaunerischen Missen und Skandälchen. Diejenigen, die zur Annahme neigten, daß die Oktobristen, die ausschlaggebende Partei der dritten Duma, nach und nach sich von der Rechten trennen und an die gemäßigte Opposition der Kadetten anfchließcn werden, sind jetzt -gänzlich von ihrem Irrtum kuriert. Stolypin und der Oktobristen - Führer Gutschkow haben ein niederträchtiges Mittel ersonnen, wie man eine Scheidewand zwischen Mehrheit und Opposition aufrichtet; sic haben die gesamte Opposition von der Teilnahme an den Duma-Konimissionen für Landesverteidigung mit der Motivierung ausgeschlossen, daß ihr kein Vertrauen e n t g e g e n g e b r a ch t werde» kann, und indem man auf diese Weise die Opposition vor dem Lande zu diskreditieren suchte, verstimmte inan sie absichtlich dermaßen, daß eine Verstäudiguiig zwischen den Kadetten, die einen Anschluß suchten, und den Oktobristen in weite Ferne gerückt ist. Und noch andere Zwecke verfolgte man damit? — Der russischen Burcaukratic ist das freie, sich selbstverwaltendc Finnland ein Dorn im Auge; das hungernde, verseuchte, ruinierte Rußland kann unter seinem Szepter unmöglich ein blühendes Land vertragen! Und indem man sich anschickt, Finnland mit Hilfe der „arbeitsfähigen" Duma zu knebeln, muß man notwendigerweise die Opposition, die statt von einer Verschlechterung der Verwaltung Finnlands von einer Verbesserung der Leitung Rußlands träumt, von den Kommissionen der Landesverteidigung, wo die verbrecherischen Pläne geschmiedet werden, ausschlicßen. Damit aber das Land' von alledem nichts merkt, wird ein Krieg niit der Türkei erfunden; der Alarm der erdichteten Kriegsposaune soll das Land von den frisch ausgeheckten Verbrechen, die von der Dumamehrheit in Gemeinschaft niit der Regierung geplant werden, ablenken. All das ist klar, und in Rußland herrscht egyptische Finsternis, und alles, was nach Licht, nach Aufhellung trachtet, liegt in Ketten, Kriegszustand hier, Kriegsgericht und Deportation dort. Tod, Hunger, Seuche überall, — keine Rettung — vielleicht für Jahrzehnte hinaus. Und die Juden? Ihre Stimmung ist noch gedrückter als die der freiheitlichen Christen. In der mißglückten Revolution haben unsere Brüder am meisten eingebüßt, nicht nur materiell — reiche Opfer an Gut und Blut —, sondern auch ideell — geistige

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