Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 8. Odessaer Komitee und der Gesellschaft Geülah einerseits und einer vereinigten Gruppe von kaukasischen Bergjuden und palästinensischen Arbeitern andererseits bezüglich des Landstrichs B i r s a l e m in der Nähe von Namlch, wo, wie wir bereits in anderem Zusammenhänge erwähnt haben, die erwähnte, aus 40 Familien bestehende Gruvpc auf dem vom Odessaer Komitee auf Abzahlung kreditierten Boden demnächst eine neue Kolonie gründen soll. Die Schuld soll im Laufe von 10 Jahren in Annuitäten mit 2o/0 Zinsen getilgt werden, wobei 25®/o des Gesamtbetrages sofort cmgezahlt lverden müssen. Sämtliche Mitglieder der Gruppe finb verpflichtet, im Laufe des Jahres die Bebauung des Bodens in Angriff zu nehmen. Biele andere Reflektanten aus der Mitte der kaukasischen Bergjudeu, der südrussischcn Kolonisten und der palästinensischen Arbeiter sind leider nicht so glücklich, wie die erwähnte Birsalcmer Gruppe. Zahlreich sind die Gesuche um Agrarkredit, die dem Odessaer Komitee aus diesen Kreisen zugehen. Unter anderen erhielt das Komitee vor kurzem ein solches Gesuch einer Gruppe kaukasischer Bergjuden, das von den Delegierten des sechsten Kongresses, Wcnjaminow und Morduchajew, die in weiten zionistischen Kreisen durch das photogra- - phische Bild „Herzl mit den kaukasischen Delegierten" bekannt sind, unterzeichnet ist. Auch von einer rumänischen Gruppe erhielt das Odessaer Komitee ein dahingehendes Gesuch, das leider abschlägig bcschieden werden mußte. — Tic Frage des Agrarkredits ist die brennendste Frage der Kolonisation Palästinas. R c ch t s b c i st a n d. Zur Regelung der Rechtsverhältnisse der palästinensischen Kolonien werden gegenwärtig durch die Initiative des Odessaer Komitees Schritte zur Schaffung einer besonderen Organisation für Rechtsbeistand gemacht. Säintliche judäische Kolonien erllärten sich bereit, der Organisation beizutreten. Das Odessaer Komitee hatte bereits in seine Budgets für die Jahre 1905 und 1907 einen besonderen Posten von Frs. 5000 für diesen Zweck ausgenommen. Sobald die neue Organisation ihre Organisation beginnt, soll der Posten für das laufende Jahr flüssig gemacht werden. Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. An den Bau des Krankenhauses der israel. Gemeinde, der, da das bisherige stattliche Gebäude in der Königswarterstraßc längst zu eng geworden ist, eine dringende Notwendigkeit ist, kann nun in absehbarer Zeit herangetreten werde». Ter Kaiser hat der Gemeinde durch besondere Kabinettsordre das Enteignungsrecht auf dem für den Bau in Aussicht genommenen 10 Morgen großen Komplex am Bornhcimer Landwchrweg (in der Nähe des Aussichtsturmes) verliehen, welchen Komplex die Gemeinde bisher nur teilweise hatte erwerben können. Frankfurt a. M. Die Falaschas. Bon Herrn Tr. I. Faitlowits ch geht uns die nachstehende Zuschrift zu: Ter Aufsatz „Die Falaschas" im Februar-Heft der Zellschrift „Ost und West, Organ der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle", enthält eine Reihe von dem Berichte des Zentral-Kvmitees der A.J.U. entnommenen Unrichtigkeiten, die ich zur Wahrung meiner eigenen Ehre und zur Klarstellung des tatsächlichen Sachverhaltes hiermit zu berichtigen mich veranlaßt sehe. Ich ersuche.-sie höflichst, die nachstehende Erklärung in Ihrem gcfch. Blatte zum Abdruck zu bringen: 1. Ter Artikel behauptet, daß meine „Forschungen sich auf den Besuch einiger Falaschadörfer beschränken mußten." Demgegenüber stelle ich fest, daß ich länger als ein Jahr die beiden Landschaften Tigrö und Amhara bereist und darin die von Falaschas bewohnten Provinzen Lasta, Iedzu, Boghemeder, Tembea, Waghera, Semien, Tsegadie, Walkait besucht habe. 2. Ter Artikel behauptet, daß ich „die Provinz Goudau nicht besuchen konnte, in der zur Zeit die größte Anzahl jüdischer Falaschas sich befindet." Diese Behauptung ist vollkommen zutreffend. In der Provinz „Goudau" bin ich allerdings nicht gewesen, denn eine solcheProvinz existiert nicht.Sollte, wie ich vermute, G o n d a r gemeint sein, so würde auch das von einer vollständigen Unkenntnis der Berhällnisse zeugen, da Gondar nur eine Stadt und in der Provinz Tembea gelegen ist. Diese Provinz Frankfurter Israelitisches Familienblatt. birgt in der Tat (neben Wagera und Semien) die größte Zahl der Falaschas; darum habe ich mich auch in dieser Provinz und in der Hauptstadt Gondar mehrere Monate aufgchalten. Ms lebendige Zeugen meines dortigen Aufenthaltes habe ich die in dem Artikel erwähnten beiden jungen Falaschas mitgcbracht, die aus der Provinz Tembea stammen. 3. Ter Artikel behauptet, daß die „zwei jüdischen Leute" „in der orientalischen «chnle (der Alliance) ausgenommen wurden und sich sehr schnell mit der europäischen Kultur befreundeten." Der Artikel verschweigr, oäß die Aufnahme seitens der Alliance ursprünglia; entschieden verweigert wurde und erst nach Intervention von hochangcsehencr Seite erfolgt ist. Es entspricht nicht den Tatsachen, daß die beiden Falaschas die ihnen vollständig unbekannte hebräische Sprache in dieser Schule erlernten. Bon ihrer Ankunft im Herbst 1905 bis Mai 1906 erhielten sie überhaupt k e i n e n U n t e r r i ch t, und auch dann, aus Grund meiner Vorstellungen nach persönlicher Verwendung des hochverehrten Präsidenten der Alliance nur eine Stunde wöchentliche» Unterrichts im Hebräischen. Ter Artikel verschweigt ferner, daß der eine der beiden Falaschas sich seit dem Januar 1907 in Florenz befindet und daß auch der andere seit Herbst 1907 die Alliance-Schule verlassen hat. Da ick mich für die beiden jungen Lento verantwortlich fühlte, konnte ich es mit meinem Gewissen nicht! länger vereinbaren, daß die religiöse Anschauung, die sie mitbrachten, durch die Erziehung in jener Schule und durch die ihnen zugänglich gemachte Lektüre untergraben wurde. 4. Ich erachte cs um der Wahrheit willen für geboten, seiner zu crllären, daß die Alliance sich niemals ans freien Stücken für die Falaschas interessiert hat. Bereits die Mission meines verehrten .Lehrers Joseph H a l e ö i> wurde erst auf Anregung von anderer Seite ausgerüstet. Tatsache ist ferner, daß auch ich mir durch Halevh veranlaßt wurde, die Reise zu unternehme», daß mir die Mittel hierzu nicht von der Alliance, sondern auf Verwendung des edlen Grand Rabbi» Z a d o c Kahn s. A. von Herrn Baron E d m o ii b d e Rothschild gewährt wurden. Allerdings ist mir bei nieincr Abreise von Paris durch den Geschäftsführer der Alliance zngesichert worden, das; mir ein für meine Reise bereits votierter Betrag unmittelbar nach meiner Ankunft in Massaua zngehen solle; aber auf meine wiederholten Anfragen erhielt ich zunächst gar keine, später eine ausweichende Antwort. Ten Kommentar zu diesem seltsamen Verhalten der Alliance gab mir nach meiner Rückkehr die wiederholte uind entschiedene' Erklärung des Geschäftsführers: ich dürfe mich versichert halten, daß in dieser Generation die Alliance sich nie und nimmer für die Falaschas interessieren werde. Diesem Prinzip ist die Alliance seit nieincr Rückkehr bis zum Beginn des Jahres 1907 treu geblieben. Wenn sie seitdem ihre Haltung geändert hat, so geschah es unter dem Truck der öffentlichen Meinung, die durch meine Propaganda — ich nehme dieses Verdienst für mich in Anspruch — auf die Lage der Falaschas aufmerksam wurde und eine Hilfsaktion entschieden verlangte. Nur mit schwerem Widerstreben habe ich mich zu dieser Flucht in die Oeffentlichkeit entschlossen, die mir aber, um einer Mißdeutung meines Schweigens vorzubeugcn, durch die Darstellung in dem amtlichen Organ der Alliance aufgczwungcn wurde. i Dr. Jacques Faitlowitschl. Berlin. Der Verband der Deutschen Juden ist seit langer Zeit damit befaßt, die Verhältnisse der Iuden in der Provinz Posen und deren Beeinflussung durch die Polenpolitik zu bearbeiten. Die Sammlung des hierzu erforderlichen Materials wird noch eine geraume. Zeit in Anspruch nehmen, weil, insbesondere für die früheren Jahrzehnte, irgendwelche Vorarbeiten nicht vorhanden sind und die zur Prüfung der Frage heranzuziehcnden Ziffern kaum, oder doch nur mit großen Schtvierigkeiten, zu beschaffen sind. Berlin. Am 16. ds. Mts. fand unter Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftssührendcn Ausschusses des HilfsVereins der Deutschen Juden statt, in der Herr Dr. Nathan in großen Zügen Bericht über seine Reise erstattete. Zur allgemeinen lebhaften Befriedigung der Versamnielten konnte der Vortragende feststelleu, das; ec bei vorurteilslosester Prüfung die sämtlichen Institute des Hilfsvereins im Orient vorttefflich organisiert gefunden habe, und daß die Prinzipien, die für den Aufbau und Lehrplan derselben maßgebend gewesen seien, sich in jeder Richtung bewährt haben. Die Anstalten des Hilfsvereins sind von Anfang an den Anschauungen der religiös gesinnten jüdischen Bevölkerung des Landes angepaßt worden, und sie haben sich auf dieser Basis gesund entwickelt. Es hat sich auch in vollem Maße bewährt, daß der hebräischen Sprache, die in Palästina eine lebende Sprache geworden ist, eine grundlegende Bedeutung eingeräumt wurde, und daß sie schon vom Kindergarten an gelehrt wird. Herr Dr. Nathan legte des näheren dar, daß hebräisch und die Landessprache — arabisch bczw. türkisch — in allen Schulen des Orients das unentbehrliche Sprachwissen darstellen müssen, daß 'man aber in größeren Handelszentren noch eine europäische Kultursprache hinzufügen müsse. Nur wo ein reales Bedürfnis dafjir 'vorliegt, ist die Kenntnis einer Kultursprache ein Segen; in anderen Fällen — z. B. vielfach in ganz kleinen zerstreuten Ortschaften ans dem Lande — biete der Besitz einer Kultursprache einen verhängnisvollen Anreiz zur Auswanderung. Ter Nesercnt wies alsdann noch ans die außerordentliche Bedcntnng hin, die die zeitgemäße A u s g e st a l t u n g des Talmud-Thora-llnt e r r i ch t s w e s e n s für den Orient und insbesondere für Palästina besitzt, und er teilte mit, daß er ein prinzipielles Einverständnis über das, was auf diesem Gebiete zu geschehen hat, mit den beteiligten Kreisen ycrbeigesührt habe. Ter Ausschuß gab seine Zustimmung dazu, daß der Hilfsverciii für eine solche Unterstützung der Talmnd-Thora-Schulen Mittel zur Verfügung stelle. An der religiösen Unterweisung soll nicht das Geringste geändert werden. Hingegen soll der Lehrplan erweitert werden durch Anfügung hebräischen und arabischen Sprachunterrichts. Auch die Realien sollen in hebräischer Unterrichtssprache gelehrt werden, so daß die jungen Leute besser für das praktische Leben vorbereitet die Schule verlassen. Der erste Schritt ans diesem Wege wurde durch Bewilligung einer den Bedürsnissen entsprechenden Summe für die Talinud-Thora-Schnle der «ephardim in Jerusalem gemacht. Es wurde mit Freude begrüßt, daß die sephardischen Gemeinden in gleicher Weise wie die aschkenasischen den Anstalten des Hilfsvcrcins ihr Vertrauen schenken. Mit großem Interesse nahm der Ausschuß Kenntnis davon, daß durch Vermittelung des Herrn Tr. Nathan der langgehegte Plan betreffend die Begründung der D r. Salven di M n st c r f a r in, auf der voraussichtlich auch Zöglinge des Lehrerseminars in Jerusalem in ihrer Ferienzeit praktische Unterweisung erhalten werde», realisiert worden ist. Herr Dr. Nathan gab darauf einen Bericht über die Verteilung der Summe, die der geschäftsführende Ausschuß ihm zur Linderung der wirtschaftlichen Notlage nno Teuerung in Palästina zur Verfügung gestellt hatte. Alsdann wurde das Budget für Palästina für das Schuljahr 1908/09 fcstgestellt — it. a. wurden Mittel für eine Kolo nie sch ule bewilligt, womit der erste Schritt vom Hilfsvercin getan ist, auch in den Dörfern Schulen zu errichten — und verschiedenen Schulen in Rußland, Bulgarien, Rumänien usw. Unterstützungen bewilligt. Berlin. Der .Hilfsverein der Deutschen Juden erhält aus Kiew folgendes Telegramm: Die Kiewer Polizei veranstaltet neuerdings förmliche Treibjagden auf diejenigen Juden, die ihr Wohnrecht in Kiew nicht Nachweisen können. Gestern Rächt wurden 40 Inden arretiert, die per Schub ans dem Etappenwcge nach ihren Wohnorten znrückgebracht werden. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Inden hat gemeinsam mit dem Frankfurter Komitee für die o st e n r o p ä i s ch e n Inden für die Geschädigten der abgebrannten russischen Städte Razelowo, Uchan, Aialati und Rntzki JL 4250 überwiese it. Berlin. Das .Bert. Tagebl." schreibt: Herr v. Oldenburg hatte zur Verherrlichung der preußischen Junker im Reichstage eine hübsche Episode aus dem südwestafrikanischen Feldzüge erzählt, wo ein Gardedukorpsossizier einem schwer verwundeten Reiter unter Drangabe seines eigenen Lebens Hilfe zu bringen versuchte. Ein Leser unseres Blattes übermittelt uns folgenden Brief aus den Tagen nach Königgrätz: „Herrn H e y m a n n H i r s ch b e r g, Gnesen. Leider habe ich die schmerzliche Pflicht, Ihnen anzuzeigen, daß Ihr Sohn Leopold Hirschberg der 10. Komp. 2. Garde-Regts. in der großen «chlacht am 3. July beim Sturm ans das Dorf Rosberitz als Held gefallen ist, wo er seinen verwundeten Major Von Eckert aus dem heftigsten Kugelregen forttragen wollte. Eine Flintenkugel in den Kopf tödtete ihn sofort. Er fiel als braver Soldat treu seinem König. Gott stütze Sie in Ihrem Kummer. Ihr Graf Rantzau, Premier-Leutn. im 2. Gardc-Regim. Führer der 10. Komp. Rosberitz, d. 5. Jnly 1866." Gießen. Auf dem' neuen Friedbofe für alle Bekenntnisse wurde unter Gegenwart des Oberbürgermeisters und der Vorstandsmitglieder der israel. Gemeinde letzten Montag die erste jüdische Leiche gebettet. Die israelitische Gemeinde hat ein von einem Weg umgrenztes Terrain und eine besondere Leichenhalle; auch beansprucht von ihr die Stadt das Recht der Wiederbelegung der Grabstätten erst nach 90 Jahren (bei den Andersgläubigen nach 30 Jahren). Ein besonderes Eingangstor für den israelit. Teil des Friedhofs und die Ucbergabe des Eigentumsrechts an die israel. Gemeinde hatte die Stadt abgelehnt. Köln N. Rh., 19 Febr. Die feierliche Eröffnung des S ch w e st e r n h e i m s ging am 10. ds. Mts. vor sich. In Köln-Ehrenfeld, an -er Ottostraße, auf weitem Terrain, durch Gartenanlägen mit dem Asyl für Kranke und Altersschwache verbunden, befindet sich das Schwesternheim. Empfangszimmer,