Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IsranKfHrrter frnrlitifdirs forailirnlilntt. -S Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,80, sonstige Länder Mk. 2.— Ae-aKtion und chsschLftsDette: Sranksurt 2. m.. vrlbelerstraße 4/ö, Ecke Lleichstraße T-refo« 10507. AörüUKgsSer: AalZ , ' . Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 6 Jahrgang. Freitag, den 20. Adar 5668 (21. Februar 1908). No. 8. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Palästina. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Der Prior. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Palästina. Die Entwicklung der Industrie. Von unserm Spezialberichterstatter. Wenn man aus die Industrie Palästinas zu sprechen kommt, begegnet man heute noch bisweilen einem mitleidigen Lächeln. Wie irrig aber diese überlegene Selbstgewißheit unserer Gegner ist, läßt sich an cineni einzigen Beispiel dartun. In Folgendem sollen Geschichte und Zustände eines palästinensischen industriellen Unternehmens kurz skizziert werden. Im Jahre 1890 wurde in Jasfa von Herrn L. Stein eine mechanische Werkstätte erössnct. Es war dies ein recht bescheidenes Gebäude, im ganzen etwa 300 Quadratmeter umfassend. Die Nachfrage nach technischen Hilfsmitteln und Arbeitsmethoden war damals in Syrien und in Palästina noch in ganz primitivem Zustand. Die Besitzer der Orangcngürten und anderer Plantationcn, die Müller, die Oel- und 'Seifesabrikanten bedienten sich bei ihren Betrieben einzig und allein der menschlichen und tierischen Kraft und kannten keinen anderen Motor. Die Bevölkerung verhielt sich mißtraurisch gegen jede technische Neuerung, namentlich hatte man kein Vertrauen zu den Dampfmaschinen und mechanischen Motoren. Man mußte nun den Widerstand der Bevölkerung brechen und dem Motorbetrieb die Bahn ebnen, indem die Vorzüge desselben jedermann einleuchtend dargetan wurden. Diese eminent kulturelle Tat vollzog nun Herr Stein. Mit großer Mühe gelang es ihm, einen Autochthonen zu bewegen, in seiner „Boyare" (Orangegarten) eine Pumpmaschine mit Gasmotor zu installieren. Der Versuch gelang, viele sahen sich nun veranlaßt, ihre Vorurteile gegen mechanische Betriebe abzulegen, die Werkstätte Steins gewann immer mehr Boden, es kamen immer neue Bestellungen von Seiten der judäischcn und galileischcn Kolonisten, der lokalen Regierung, ja sogar von Seiten der arabischen Bevölkerung Palästina's und Syriens. Die Zahl der in der Werkstätte beschäftigten Arbeiter erreichte jetzt 20, der Raum erwies sich nun als zu klein, und es stellte sich die Notwendigkeit heraus, ein - neues geräumiges Gebäude zu errichten und moderne Maschinen von den neuesten Systemen einzuführen. Bald erwies sich auch eine Eisen- und Kupfergießerei als notwendig. Einige Zeit darauf wurde die Werkstätte nach, dem Zentrum der Stadt verlegt und in einem großen Bau untergebracht; auch die Gießerei wurde eröffnet, sodaß man jetzt eine regelrechte, nach allen Gesetzen der Baukunst errichtete Fabrik vor, sich hatte. In dem Maße aber, als die Bestellungen und Nachfragen nach Pumpmaschincn, Gasmotoren, Mühlen, Oelpressen, Eismaschinen, Mäh- und Pflugmaschinen u. dergl. znnahmen, stellte sich das Bedürfnis nach entsprechendem wcitgehendein Kredit ein. Da nun die Herrn Stein zur Verfügung stehenden Mittel für die sich immer mehr häufenden Bestellungen nicht ausrcichten, so wurde vor zwei Jahren die Steinschc Fabrik zwecks weiterer Vergrößerung in eine Aktien-Gesellschaft verwandelt, die am 25. Mai 1906 vom englischen Konsulat in Jaffa genehmigt wurde. Gegenwärtig steht nun die Gesellschaft unter dem Schutz der englischen Regierung und der Kontrolle der Anglo Palestine Company. Der Direktor der A. P. C., Herr D. Levontin, ist Gcneralrevisor der Gesellschaft. Die „Gießerei und Maschinenfabrik L. Stein & Co., A.-G." steht in geschäftlicher Verbindung mit der R. P. C. und den anderen lokalen Banken. Das Grundkapital der A.-G. betrügt Francs 125000, auf 125 Aktien verteilt. Anfangs 1907 ivurdcn neue Aktien im Betrage von Fr. 17 000 unter die Leute gebracht. Die Bilanzen der letzten zivei Jahre zeigen sehr günstige Resultate. Im Jahre 1905 ergab die Bilanz einen Reinertrag von 21»/o, 1906 — sogar 25°/o. Die Stein* sche Fabrik ist das einzige Institut in Palästina, das eine so hohe Dividende zahlt. Während des Jahres 1906 waren in der Fabrik 60 bis 75 jüdische Arbeiter beschäftigt, die insgesamt rund Francs 60000 an Arbeitslöhnen bezogen. Als technische und kaufmännische Leiter des Geschäfts waren 5 Personen tätig, die in Summa Francs 15000 an Gehältern erhielten. Gegenwärtig hat sich wiederum das Bedürfnis nach tveiterer Vergrößerung der Fabrik entsprechend der immer zunehmenden Nachfrage herausgestellt. Bei einer bedeutenden Vermehrung — etwa Verdreifachung — des Betriebskapitals könnte diese Fabrik von größter Bedeutung für die Kolonisation Palästinas werden. Jetzt schon steht die Stcinsche Fabrik weit und breit in bestem Ruf. Sie erhält regelmäßig Bestellungen aus Pumpmaschinen aus Beirut, Damaskus, Haifah, Jerusalem, Safsed, Tiberias, Transjordanien usw., bisweilen sogar aus Alexandrien in Egypten. Es wird zur Zeit geplant, einen neuen Bauplatz von 12000 Quadratmetern zu erwerben und ein neues geräumigeres Fabrikgebäude zu errichten. Die Zahl der Arbeiter, die in der Fabrik ihre Beschäftigung und Ernährung sinden, soll zugleich ganz bedeutend vermehrt werden. — Die Gesellschaft wendet sich dementsprechend an kapitalkräftige Gesinnungsgeiwssen und ladet sie ein, sich mit ihren Kapitalien an der Gesellschaft zu beteiligen und so zur Entwicklung der jüdischen Industrie in Palästina beizutragen. lieber die Solidität und Zuverlässigkeit der Geschäftsführung kann man sich aus folgendem Briefe des Generalrevisors der Gesellschaft, Herrn D. Levontin, Direktor der A. P. C., eine Ansicht bilden: ,,Jch bestätige den Empfang Ihrer Bilanz nebst Geschäftsbericht und nehme von dem Resultat Ihrer vorjährigen Tätigkeit mit Genugtuung Kenntnis. Ich habe die Bilanz nebst einem Auszug des Berichts an die Herren Moser, Präsident Wolsfsohn und Direktor Kann, wie auch an einige andere meiner Freunde geschickt. Mit Rücksicht auf die großen Ansdehnungsmöglichkeiten, die Ihr Unternehmen bei neuem Kapital-Zufluß bietet, wie auch mit Rücksicht darauf, daß es die einzige Fabrik in Palästina ist, die ständig einer großen Anzahl jüdischer "Arbeiter Beschäftigung gibt, habe ich den Herren die Beteiligung als Aktionäre warn: empfohlen und sie auch gebeten, in Freundeskreisen auf Ihr Unternehmen aufmerksam zu machen." Gegenwärtig steht die Eröffnung einer Filiale der Fabrik in Petach-Tikwah bevor. Ter Mitinhaber der Gesellschaft „Athid". der bekannte hebräische Schriftsteller Markus Kahan (Mordchai beu Hillel Ha'kohen) begab sich am 27. November mit dem von Odessa abgehenden Dampfer der Russischen Schiffahrtsgesellschaft nach Palästina zwecks dauernder Niederlassung, nachdem er bereits im verflossenen Sommer mehrere Monate in Palästina weilte. In M. Kahan gewinnt der neue „Jischub" in Palästina eine tüchtige, aufs Praktische gerichtete Kraft. Während seines erwähnten Aufenthaltes in Palästina verstand er es, mit den wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes gründlich bekannt zu werden. Auf Grund seiner Studien der Import- und Export- Verhältnisse Palästinas reichte er der russischen „Konferenz der Vertreter der Industrie und des .Handels" einen Bericht über den russischen Export im nahen Orient ein, der das offizielle Organ des Finanzministeriums „Wjestnik Finansow" veranlaßt hat, ihn um eine diese Frage betreffende Abhandlung anzugehen. Diese Abhandlung ist soeben erschienen. Ein Referat über diese Abhandlung ist bereits am 1. November in einem anderen Organ des Finanzministeriums, in der „Torgowo-Promyschlennaja Gaseta", erschienen. Nachdem die Tatsache konstatiert wird, daß der russische Export nach dem nahen Orient ein recht geringfügiger ist, wird zur Abänderung dieses Umstandes in Vorschlag gebracht, „in weitgehender Weise die Zehntausende russischer Juden, die in den letzten 25 Jahren nach Syrien und Palästina emigrierten, zu utilisieren". „In diesen! Elemente müssen der russische Handel und die russische Industrie nicht allein einen bereits gegebenen Kontingent von Konsumenten der angewöhnten Artikel erblicken, sondern dieses Element ist in Anbetracht gewisser Bedingungen dazu berufen, der beste Vermittler zu werden in der Angelegenheit der Befestigung unseres Warenabsatzes auf den Märkten des nahen Orients." Agrikultur. Auf dem Gebiete der Kolonisation ist das bedeutendste Ereignis der letzten Zeit die Perfektmachung des Uebereinkommens zwischen dein