Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. . Zeile 3. feilsch aft für jüdische Einwanderer" in New York nachstehendes Schreiben erhalten, das hiermit all denen, die das Basler „Hilfskomitee" in seinem Wirken zum Wohle der vielen unglücklichen Emigranten unterstützen, zur Kenntnis gebracht wird. Nelvyork, 28. Januar 1908. „In der Jahresversammlung der „Hebrew Immigrant Aid SociMch", welche Sonntag, den 26. Januar 1908 im Hörsaale der Educational Alliance, Ecke Broadway und Jefferson Street, in Newyork stattfandhaben sämtliche Teilnehmer, ca. 1500 Personen, Ihrer edlen Organisation für die wertvollen Dienste, die sie im Laufe der Jahre der Sache der unglücklichen Auswanderer erwiesen hat, einstimmigen Dank gezollt. Für Ihr freundschaftliches Zusammenarbeiten mit der Vertretung unserer Gesellschaft, — ein Wirken, das so vielen Unglücklichen zum Tröste gereicht — wird Ihnen Dank und Anerkennung ausgesprochen. Indem wir Ihrer hochherzigen Organisation von diesem Beschlüsse Kunde geben, werden wir dem aus der Versammlung einmütig herrschenden Gefühle gerecht, und wir versichern Sie bei diesem Anlaß, daß das Votum dieser großen Versammlung die Gefühle des jüdischen Volkes in Amerika zum Ausdruck bringt. - Mit besten Grüßen von Seiten aller Beamten und Mitglieder der „Hebrew Immigrant Ai.d society" bin ich Ihr ganz ergebener (gez-) A. Franklin, Sekretär. Diese gewiß sehr beachtenswerte Anerkennung einer so ansehnlichen Versammlung dürfte den Förderern des Basler „Hilfskomitees" umsomehr zur Genugtuung gereichen, als unter den Anwesenden ohne Zweifel eine große Anzahl auch solcher amerikanischen Juden sich befunden hat, dir bei ihrer mühseligen Wanderung nach der neuen Heimat selbst der Unterstützung des Komitees teilhaftig worden sind. Großbritannien. London. Kriegsminister Haldane bei der „Jüdischen Knabenbrigade". — Zur Eröffnung des neuen Schießplatzes der Jüd. Knabenbrigade hatte sich der Kriegsminister angenieldct. Mit dem Generalsalut bewillkommt, inspizierte der Minister' die 702 Mann starke Brigade, folgte mit großem Interesse den Uebungen mit und ohne Waffe verschiedener Kompagnien und gab zum Schlüsse seiner höchsten Befriedigung über das Gesehene Ausdruck. Der Kriegsminister wies auf den Vorzug dieser Institution hin, die in den Knaben tadellose Haltung, gestählte Muskeln und Disziplin großzieht nnd sie so aufs beste fürs spätere Leben vorbereitet. Die Jüd. Knabenbrigadc wurde 1896 init 25 Knaben gegründet; heute zählt sie 27 große Kompagnien in London, Manchester, Liverpool, Birmingham und Dublin. Ter gegenwärtige Kommandant der Brigade ist Oberstleutnant Sir F. L. Nathan. Rußland. Petersburg. ArmeGetaufte! Das Bildungs- Ministerium hat angeordnet, daß bei getauften Juden in Zeugnissen und Diplomen vermerkt werden muß, daß sie jüdischer Abstammung sind. — DiefeierlicheEröfsnungderhöheren Kurse für jüdische Wissenschaft fand ain 2. dss. Mts. im Alexandersaal der Großen Synagoge statt. Reden hielten: Baron David Ginzburg, der die Kurse ins Leben gerufen hat, der Duchowner Raw H. Katzenelbogen, Kulischer, Dnbnow, Sljosberg und A. Ginzburg. Petersburg. .Revrfionen" des jüd. Wohnrechts. Täglich mehren sich in den Zeitungen die Nachrichten aus den verschiedensten Gegenden des Reichs — aus Sibirien sowohl wie aus dem Wolga-Gouvernement — daß die Ortspolizei Revisionen der Rechte vornimmt, auf Grund derer in den betreffenden Orten Juden wohnen. Was diese Revisionen bezwecken, 'wird nicht gesagt. Die Rechte der Niederlassung sind ganz gewiß offenbar einmal im Moment der ersten Niederlassung der betreffenden Juden am angegebenen Orte geprüft worden: neue Gesetze über das jüdische Wohnrecht sind in der letzten Zeit nicht erlassen worden. Es bleibt also nur ein Grund für die augenblicklichen Revisionen — freilich ein sehr schwerwiegender — der Wunsch, sich auf Kosten der unglücklichen Juden wieder einmal zu bereichern. Die Fragen des jüdischen Wohnrechts sind bekarintlich die strittigsten und kompliziertesten, die es geben kann. Die erfahrensten Rechtsgelehrten können oft aus denselben nicht klug werden. — Auf welche Weise unter diesen Umständen die niederen Beamten der'Ortspolizei diese Rechte deuten werden, kann man sich'leicht vorstellen. — Wer diese Gesetzesauslagen bezahlen kann, wird bleiben, über die mittellosen Be« Völkerungsgruppen werden diese „Revisionen" neues Unglück in großem Maße verbreiten. „Rufs. Korresp." Petersburg. Ein Kaiserwort. Die lange Reihe der Begnadigungen der Verbrecher vom Verbände d«S russischen Volkes vermehrt sich durch die neuerdings erfolgte Begnadigung der Unholde, welche im Oktober 1905 den Pogrom in? Tschernighoff veranstaltet haben und im vergangenen Jahre vom Gericht zum' Verlust aller bürgerlichen Rechte und einigen Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden waren. — Die große Zahl der Begnadigungen war auch bisher ein Beweis dafür, daß man es hier mit e i n e m S y st e in — der Ermutigung der Räuber und Mörder zu tun hat, die man als Bundesgenossen im Kampfe gegen die' Revolution willkommen heißt. Nun erfahren wir, daß der Zar in einer Audienz, die er dem Grafen Konownitzyn gewährte, offen die Versicherung abgegeben hat, daß er keine von den Personen, die wegen der Pogrome verurteilt worden sind, eine Strafe erleiden lassen werde. — „E s i st wahr," erwiderte der Monarch auf die Klagen Konownitzyns, „daß die Gerichte oft formell Vorgehen und die Angeklagten verurteilenmüssen. Ich gebe Ihnen aber mein Kaiserwort darauf, daß den Verurteilten die Strafe erlassen werden wir d." Die Straflosigkeit ist auch wirklich für diese Verbrecher allgemein geworden. Die Angeklagten ini Prozeß wegen des Pogroms in Orscha riefen den Richtern zu: „Verurteilt uns, so viel ihr wollt. — Wir haben unseren Beschützer — den Kaiser." „Rufs. Korresp." Klikoli (Kurland). Eine ganze jüdische Familie ermordet! — Des Nachts brachen Bauern aus einenr benachbarten Dorfe unbemerkt in ein Haus, das inmitten unseres Städtchens steht, ein und ermordeten die gesamte, aus 4 Frauen bestehende Faniilie. Die Mörder sind verhaftet. Bulgarien. Philippopel. Das Ende des Lehrerstreiks. Nachdem die Zionisten in einer Versammlung beschlossen hatten, den Kampf mit ihren Gegnern ernst aufzunehmen und ihnen bis zur letzten Minute die Spitze zu bieten, nachdem die Territorialisten unter die Masse aufrührerische Appelle verteilt, nachdem ferner 15 Volksabgeordneten sich um einen Ausgleich vergeblich bemüht hatten, fand Sonntag, den 2. Februar, im Hofe der Mädchenschule das erwartete Meeting statt. Der Schulhop'faßte ungefähr 500 Personen, meistens dem Proletariat angehörig. Der Redner, der 20jähriqe Albert Romano, schilderte in grellen Karben die erbärmliche Lage der Lehrer, die, weil sie sechs Monate keinen Gehalt erhielten, Hunger leiden, abgerissen und deprimiert umhergehen nnd zudem noch stark verschuldet sind. Er schlug vor, daß das Schulkomitee, obwohl es sich im Rechte fühlt, im Interesse der Schule und des Friedens abdanken soll. Allein Herr Dr. Romano, der Präsident des Schulkomitees, ergriff das Wort und erklärte, daß er nicht eher zurücktreten werde, als bis man ihm von 'Seiten des Volkes irgend ein Vergehen Nachweise; blos zum Gefallen der anderen Partei, damit diese nachher mit der Alliance israelite in Beziehung treten könne, trete er nicht zurück. Schon Herr Dr. Romano wurde von der erregten Masse mehrmals unterbrochen, nach ihm vermochte keiner mehr seine Rede zu Ende zu. führen. Denn eine nervöse Ungeduld bemächtigte sich der nach Taten lechzenden Masse, die sich im wilden Schreien, Pfeifen und Zischen und endlich in tatsächlichen Schlägereien, die etliche Male einen Auseinanderlauf des ganzen Publikums verursachten, äußerte. Es war ein wahres Chilul-haschem für die wenigen Nichtjnden, die dem Tumult niit Kopsschütteln zuschauten. Schließlich wurde eine Kommission von '10 unparteiischen Personen gewählt, der von den 500 Versammelten das Recht zuerkannt wurde, nach Gutdünken Pas eine oder das andere Komitee, gegebenenfalls auch beide, z» stürzen. Die Kommission hat eine Bersöhnungspolitik vorgezcgen. Nach viertägiger Verhandlung willigte das Synagogenkomitee ein, Herrn Dr. Romano 5000 Frcs. als Vorschuß zu geben. Mit dieser Summe konnten die Lehrer bis Dezember 1907 bezahlt werden, und so gingen sie gestern wieder an die Arbeit. Für die Zukunft verpflichtet sich die Kommission, für regelmäßige Gehaltsauszahlung zu sorgen. Der Gemeindekonflikt ist nun bis Mitte Mai — Mitte Mai läuft nämlich die Präsidentenfrist des Herrn Dr. Romano ab — beigelegt. Nach dem neuen bulgarischen Schulgesetz, welches die Schulkomitees überhaupt annulliert, hat er keine Aussicht mehr, noch weiter dieses Amt zu bekleiden. Was dann aus der jüd. 'Schule werden wird, ob und wie die sie unterstützenden großen Institutionen sich ausgleichen werden, läßt sich jetzt nicht mit Bestimmtheit sagen. . Ben Hoamitti. Personalien. Berlin. Die hiesige Hofoversängerin Emmy Destinn hat soeben m der Zunge ihrer Heimat, in tschechischer Sprache, ein sogenanntes Ghettodrarna vollendet. Das Laktige Drama betitelt sich „Rache" und spielt im alten Prager Ghetto. — Privatdozent Dr. Adolf Busch ke, dirigierender Arzt am Rudolf Birchow-Krankenhaufe, erhielt den Titel Professor. — Rechtsanwalt Dr. Erich Weigert ist zum Landrichter in Kottbus ernannt worden. Bayreuth. Generalarzt Dr. Stein. Inhaber des Eisernen Kreuzes, ist im Alter von 85 Fahren geflrben Berlin. Dem Großkaufmann Adolf Jandorf wurde das montenegrische Komturkreuz des OrbensDanilol. und der persische Sonnen- und Löwen-Ordens El. Klaffe verliehen. Jandorf, der Inhaber der bekannten Warenhäuser, entstammt einer religiösen Familie aus dem würitembergischen Dorfe Hengstfeld. Saarburg. Nachdem Herr August Levy in den Gemeinderat gewählt worden ist, sitzen in diesem jetzt zwei Juden. Bekanntlich ist Herr Silvain Berr, Mitglied des israel. Konsistoriums, schon seit fünf Jahren Bürgermeister. Zempelburg i. Westvr. Der langjährige Borsitzende des Repräsentantenkolleginms der israelitischen Gemeinde Benedikt Bocher ist im Alter von 77 Jahren verschieden.. Paris. Charles Lyon-Cohen wurde zum Vizepräsidenten des Senats der Universität, Dr. Samuel Bernheim zum Ritter der Ehrenlegion und Leutnant Albert Levaillant zum Hauptmann ernannt. Kiew. Eine Märtyrerin. Ern gestern erfolgte das Ableben der Frau Sara Hörnst ein, Frau des Herrn Marcus Hornstein. Nach dem furchtbaren Krawall hatte sich bekanntlich der Kiewer Juden eine Panik bemächtigt, man befürchtete weitere Krawalle, und so versteckte sich auch die Familie Hornstein, die ein prachtvolles Haus auf der Hauptstraße „Kreschtschatik" hatte, in der Laube des Gartens. In großer, unsäglicher Angst verbrachten die Armen 5 Tage darin. Den Launen dev Witterung au-gesetzt, erkältete sich die Heimgegangene und bekam eine Lähmung. Auf Anraten der Aerzte führte mau sie nach St. Remo, dort aber verschlimmerte sich ihr Zustand noch mehr, und mit großer Anstrengung und Kostenaufwand brachte man sie nach hier zurück, wo sie 2 Jahre, der Sprache beraubt, zu Bette lag und erst gestern verschied. I. F. Braun., Philadelphia. Salomon Blumenthal. Vizepräsident der „Jewish Publication Society of America", verschied im Alter von 59 Jahren. Blumenthal stammte aus Deutschland und machte den Krieg 1870/71 mit. A«s der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Rabbiner Dr. M. Horovitz wird am 1. April in die städtische Schulkommission eintreten. Potsdam. Für den nach Danrig berufenen Rabbiner Dr. Kälter wurde Rabbinatskandidat Dr. Schreiber, ein Schüler des Jüd.-Theolog. Seminars in Breslau, zum Rabbiner der hiesigen jüd. Gemeinde gewählt. Anhalt. Der .Anhaltische Staats anzeig er" schreibt: „Wie uns mitgeteilt wird, hat die von der Baronin von Cohn-Oppenheim--Stiftung gegründete „Baronin von Cohn-Oppenheim-Kasse für die anhaltischen israelitischen Kultusbeamten" durch landesherrliche Resolution vom 24. Dezember. 1907 das Recht einer juristischen Person erhalten. Die Kasse wird den Beamten der anhaltischen israelitischen Kultusgemeinden Ruhegehalt, das nach fünfjähriger. Dienstzeit mit einem Drittel ihres Gehaltes beginnt und sich um jährlich 2 Prozent bis zu 75 Prozent steigert, uird ferner den Witwen der Beamten, die Hälfte des etwaigen Ruhegehaltes als Wktwengehalt gewähren. Um das Interesse der Beamten zu erhalten, werden dieselben mit einem Prozent ihres Einkommens zu Beiträgen herangezogen.. Im übrigen gibt die errichtete Stiftung neben einem angesammelten Fonds von etwa 20,000 Jt. einen jährlichen Beitrag von 6000 JL, wodurch die Erfüllung der Aufgaben der Kasse gesichert erscheint. Die Verwaltung liegt in den Händen eines siebengliedrigen Vorstandes, der sich aus vier Mitgliedern der Verwaltung der Kultusgemeinden zu Dessau, Bernburg und Cöthen, ferner dem Landesrabbiner und zwei weitern Beamten zusammensetzt. Handelt es. sich, hier auch nur um einen kleinen Kreis von Personen,, so ist doch vom sozialen Standpunkte aus die Wohltat, die wiederum mit den Mitteln der edlen Barönin von Cohn-Oppenheim ermöglicht wird, freudig zu begrüßen. Zweibrücke«. Die Shnagogenvorstänbe des Rabbirmtsbezirks genehmigten einstimmig den Antrag des Bezirksrabbiners Dr. Meyer auf B e r - legung des Rabbinatssitzes nach Homburg (Pfalz). — Der Beschluß bedarf noch der - Genehmigung der Regierung. Lberaula. Lehrer B rundes feiert am 24. d. Mts. sein 50jähriges Amtsjubiläum. Munkacz (Ungarn). Rabbi David Salzer Dajan der hiesigen jüdischen Gemeinde, ist im- 67. Lebensjahre verschieden. Paris. Zum Großrabbiner von Franb reich — als Nachfolger des vor 2 Jahren verstorbenen Zaddock Kahn — wurde Alfred. Lepy, bisher Oberrabbiner von Lyon» gewählt. Der Ge- 7 wählte ist 67 Jahre alt und hat zahlreiche Studien über die Geschichte des französischen Judentums veröffentlicht.? . .??