Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692569--03773-2698521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. VfrV 7. / . Linderung für die ihr widerfahrene Unbill. Denn die exklusiven Zirkel und rassenreinen Faymagyaren-Klubs haben sie mit Höflichkeit aus ihrer Mitte komplimentiert. Dafür sind unsere Leute weitherzig genug, bei den von den großen Pester und Neupester israelitischen Frauenvereinen arrangierten Sylvesterkränzchen und Fastnachtsfesten nur in Gesellschaft von dreizehnkarätigen, waschechten Renommier-Äricrn zu walzen. Und das, wie sie verkünden, aus wohlweiser interkonfessionell liberalisierender Politik. Denn diese ist jetzt Trumpf; die ganze Klaviatur unseres sozialen Zusammenlebens pfeift jetzt ihr poli tisch Lied. Was Wunder, daß sich unsere Brüder rechter und linker Hand. auch in ihrem Zauberbann befinden. Stellen wir ja auch sonst ein hübsches Kontingent talentierter Juden in selbstloser Hingebung in den Dienst der rotweißgrüncn Politika. Sind ja unsere 24 jüdischen Volkstribunen kraft ihrer goldenen Köpfe die bewegungslosen Blitzableiter, die den Sturm sämtlicher Parteien auf sich konzentrieren, ohne diesen in die Tiefe zu versenken. Konnten es ja diese Kronpfeiler der Regierung nicht verhindern, daß man von oben, nachdem alle Elemente gegen uns losgelassen wurden, die teuflischste Waffe Roms, das System von divide et impera (teile und herrsche), in Anwendung bringt, um uns für den Gnadenstoß vorzubereiten. Erst wurde der Orthodoxie geschmeichelt, um durch die ihr gegebenen schwülstigen Phrasen, hinter denen sich aber wirllich uur potenzierte Nullen verbargen, die neologe Bcrkünderin des Einjudentums vor den Kopf zu stoßen. Nun geschieht durch das Jnaussichtstellen des Judentags, der die orthodoxe Autonomie ins Herz trifft, das Gegenteil. Während nun unsere Juden politisieren, gehen unsere Gegner mit dem habsburgischen viribus unitis (den vereinten Kräften) auf das durch Verhetzung geschwächte und zerrissene Israel los. Und wahrlich, sie sind in chren Mitteln gar nicht wählerisch. Hat ja Prof. Schächter beim letzten Distrillstag Tatsachen erwähnt, die nur in der jüdischen Eeschichtsperiode der spanischen Zeit ihre Amllogie finden. — „Es werden jährlich fast 250 jüdische Kinder u-nehelichcr Geburt gegen Gesetz und Recht systematisch weggctauft und zu verbissenen Antisemite herangezüchtet." Und zu diesem konventionellen Kinderraub schweigen unsere talentierten Juden! Es ist nur selbstredend, daß bei solchen Gcschchnissen das Vorgehen des Alsvkubiner jüdischen Gemeindevorstandes an Bedeutung verliert. Dieser hat das letzte Bindeglied, das dieses Gemeinwesen zur Judcnheit der Diaspora knüpft, die hebräische Sprache, aus der Kahalstube gebannt und, — man darf staunen — in dieser von fanatisch slovakischen Nationalisten überwucherten Gegend — „Ungarisch" zur Verhandlungssprache erhoben. Selbstverständlich aus rein polittsch patriottschem Erwägen. Daß nunmehr zu dem einen Täufling Palyi, der die orthodoxe Jeschiwa in neue Bahnen lenken will, sich auch der Meschumed: Sumegi (nebenbei ein übertünchter keiner Kohn) gesellt, um im Namen des magyarischen Empfindens gegen die „Koscherfirmen" zu wettern, ist auch eine betrübende Erscheinung, die nur das Land der unbegrenztcn Unmöglichkeiten bieten kann. Wie ein Fastnachtsulk llingt es aber, wenn der Minister für Kultus die Statuten der altehrwürdigen Eisenstädter Judengemeinde annulliert, well diese ihren steuerzahlenden weiblichen Mitgliedern das allive Wahlrecht verleiht; und dieses mit der Begründung, well solches gegen das strengreligiöse jüdische Prinzip verstößt. Zioni. Der Konflikt zwischen dem Falascha-Komitee «nt der Alliance Jsraelite Universelle. Der geschäftsführende Vorstand des italienischen Falascha-Äomiiees, dein die Herren vberrabbiner Dr. Margulies in Florenz, Professor Finzi ebenda und W»vokat R. Ottoleughi in . Acqui angetzöreü, veröffentlicht folgende Kundgebung: Das Unterzeichnete Präsidium des italienischen Falascha-Komitees sieht sich veranlaßt, öffentlich über seine bisherige Tätigkeit Bericht zu erstatten und bittet Ew. Hochwohlgeboren um Aufnahme der folgenden Erklärung: Wie allgenrein bekannt, bewilligte die Jea nach Bemühungen unseres Präsidenten zunächst auf 3 Jahre eine jährliche Subvention von 10009 Frs. zu dem Zwecke, für die Falascha in Eritrea eine jüdische Schule zu errichten. Gleichzeitig beschloß die Jea, daß die Leitung der geplanten Schulgründung zugunsten der Falascha und dcinnach die Auszahlung der besagten Subvention der Alliance Jsraölite Universelle in Paris anvcrtraut würde. Diese setzte sich durch ihren Präsidenten, der auch Präsident der'Jea ist, sofort mit dem italienischen Komitee in Verbindung, und es schien zunächst, daß sie geneigt war, mit dem Komitee an der Gründung der Schule in Eritrea initzuarbcitcn, entsprechend dem Aufträge, den sie von der Jea empfangen hatte, und dem Zwecke, für welchen diese in unzweideutiger Weise ihre Subventton bestimmt hatte. Mer mit einem Male änderte das 'Präsidium der Alliance seine Meinung und erklärte, daß, bevor man an die Durchführung des Schulwerkes gehen könnte, es unerläßlich wäre, eine neue Mission zu senden, um besser die Lage der Falascha und ihre Bedürfnisse zu studieren. Obwohl das italienische Komttee diese Ansicht nicht teilte, vielmehr die Entsendung einer neuen Mission als unnützen Zeit- und Geldverlust betrachtete, gab es, um einen Konflikt zu vermeiden, dem Wunsche der Mliance nach. Da aber kam eine neue Frage aufs Tapet, die ohne Verschulden des italienischen Komitees zu einem Konflikt geführt hat. Das Zentral-Komitce der Alliance in Paris wollte aus persönlichen Gründen und auf Grund subjektiver Bewertung der bisherigen Tätigkeit und der Fähigkeiten des Dr. Faitlowitsch diesen von der Mission ausschließen. Das italienische Komitee erachtete ein solches Vorgehen als Ungerechtigkeit und als Fehler. Als Ungerechtigkeit, weil Herr Faitlowitsch derjenige ist, der die ganze gegenwärtige Bewegung zugunsten der Falaschas eingeleitet, und allein gefördert hat; als Fehler, weil Herr Faitlowitsch vermöge seiner ausgezeichneten Kenntnis des Landes, der Bewohner und ihrer Sprache, vermöge des Vertrauens und des Ansehens, das er sich bei den Falaschas erworben hat, im gegenwärtigen Augenblick als die einzige Persönlichkeit gelten kann, die sichere Gewähr für einen glücklichen Ausgang der Mission bietet. Als alle Bitten und bescheidene Vorstellungen, von diesem Beschluß znrückzutrcten, die vom italienischen Komitee schriftlich bei der Leitung der Alliance vorgebracht wurden, ungchört blieben, begab kich der Unterzeichnete Präsident persönlich nach Paris, uni die Frage zu regeln. Dank dem Eingreifen zweier angesehener Mitglieder der Jca entschloß sich das Zentral-Komitee der Alliance zu einer Vereinbarung, in der es zustimmte, daß Herr Faitlowitsch als Vertreter des italienischen Komitees an der Mission teilnahm, hingegen die Forderung stellte, daß er „unter der Order" des Herrn Nahoum stehen sollte, der von der Alliance zum Chef der Mission ernannt worden war. Es war nicht ausgeschlossen, daß das italienische Komitee aus Liebe zum Frieden diesem Vorschlag zugestimmt hätte, wenn Herr Faitlowitsch die ihm zugemutete untergeordnete Stellung angenommen hätte. Da er aber dies entschieden ablehnte, faßte das italienische Komitee — in Erwägung, daß ihm auf diese Weise jede Möglichkeit, einen Einfluß auf das Hilfswerk zu üben, und jede Kontrolle über den Bericht der Mission genommen war, und in der Ueberzeugung, daß ohne die Mithilfe des Herrn Faitlowitsch die Mission niemals den erwünschten Erfolg haben könne — in seiner Sitzung vom 25. Dezember 1907 den Beschluß, auf jede Beteiligung an der Mission der Alliance zu verzichten. Gleichzeitig behielt sich das Komitee vor, bei der Jca dahin vorstellig zu werden, daß sie die dem italienischen Komitee zugesicherte Subvention der ursprünglichen Bestimmung gemäß zur Verwendung bringen werde, nämlich zugunsten der Gründung einer jüdischen Schule für die Falascha in Eritrea. Das Komitee wird ferner andere Mittel suchen, um sein Ziel zu er-- reichen und wird zu diesem Zwecke die Unterstützung der anderen großen jüdischen Organisattonen der ganzen Welt erbitten. Dr. Margulies, Präsident. Advokat Moise Finzi, Sekretär. Advokat Raphaele Ottolenghi, Schatzmeister. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Man ersucht uns mitzuteilen, daß die von Herrn Deutsch in Wiesbaden eröffnet« Restauration nicht der Aussicht des Herrn Rabbiner Dr. Breuer untersteht und daß auch die Frankfurter Israelitische Religionsgesellschaft dem Unternehmen durchaus fernsteht. Berlin. - Aus dem soeben erschienenen 6. Jahresberichte der Jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee kann mit Genugtuung entnommen werben^ daß die Anstalt im abgelaufenen Jahre wiederum 594 , Kolonisten ausgenommen hat. Darunter war diesmal kein einziger, der berells in früheren Jahren die Kolonie frequenziert hätte. Hieraus und aus zahlreichen Dankschreiben ehemaliger Insassen geht hcrvor^daß das Institut seinen Hauptzweck erfüllt, sein? Schützlinge nicht nur vorübergehend zu beherbergen und zu beschäftigen, sondern sie dauernd erwerbsfähig zu machen. Seit Eröffnung der Anstalt hat-dieselbe bereits an mehr als 2590 Unglücklichen ihre nachhaltig segensreiche Wirkung erprobt. Es ist schade, daß das Rechnungsjahr auch diesmal mit einem Defizit von etwa 4000 Mark abschließt. Leider muß hier mit einer Dauererscheinung gerechnet werden, wofern es nicht gelingt, weiter« Einnahmen — vor allem feste Beiträge — in gleicher Höhe zu gewinnen. Im Interesse des sozial so helljam wirkenden Unternehmens ist das dringend zu wünschen. Posen. In einer Propagandaversammlung die der Zentral verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hier äbhielt, ergriff Geheimer Sanitätsrat D r. Cohn das Wort. Er habe von Anfang an dem Zentralverein jede Förderung und Unterstützung zuteil werden lasse«, heute aber nehme er ihm gegenüber eine feindlich« Stellung ein. Daß man jetzt von den früher üblichen Mschlachtungen der Zionisten Abstand genommen habe, begrüße er als einen Fortschritt; die Art, wie namentlich der erste Vorsitzende diese geistige Bewegung mit ein paar Phrasen und Verächtlichmachungen abzutun glaubte, habe ihn geradezu angenidert. Er habe erwartet, daß der Zentralverein dafür Sorge tragen würde, daß bei der Dislussion über die „Enteignungsvorlage" im preußischen Landtage einer der 7 jüdische» Abgeordneten, die stets schweigen, wenn es sich um jüdische Interessen handelt, den Mund öffne» und schildern werde, wie eine Polittk, die sich gegen die Juden in der Oftmark richtet, in erster Reihe den Polen zugute kommt; denn die Juden sind von jeher Pioniere des Deutschtums in der Ostmark. gewesen, und die antisemitische Polittk der Behörden hat sie in den letztcu Jahrzehnten zu einer solch' starken Abwanderung gezwungen, baß dieselbe in einzelnen Gegenden 50—60 Prozent beträgt. Statt den jüdischen Abgeordneten bei der Polenvorlage das Rückgrat zu stärken, statt eine Denkschrift über die Lage der Juden in der Ostmark auszuarbeiten, wozu ihm ja bei 50 000 M. Jahreseinnahme die Mittel zur Verfügung stehen, statt eine jüd. Politik zu betreiben, — habe sich der Zentralverein zum Verbündeten der Blockpolitik gemacht. Redner schließt: „Wenn unsere 'jüdischen Abgeordneten, die eine so große Rolle im Zentralverein und im Verband der Deutschen Juden spielen, in jüdischen Fragen gerade dort, wo ihre Stimme gehört wird, im Parlament, sich als solche Jammerlappen erweisen, wenn ein Wolff-Lissa, ein Aronsohn, ein Peltasohn, die die Dinge in unserer Ostmark genau kennen, nicht den Mut finden, auch einmal für ihre Glaubensgenossen in der Ostmark eine Lanze zu brechen, dann haben wir gar kein Interesse au der Wahl solcher jüdischer Abgeordneten. Und wenn ein Zentralverein und ein Verband der Deutschen Juden die vitalsten Lebensinteresscn unserer jüdischen Bewohner des Ostens mit Füßen treten, Hann haben auch wir ein Recht, solchen jüdischen Institutionen ihre Lebensberechtigung abzusprechen und sic nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten zu beurteilen." Oesterreich-Ungarn. Tetscheu. Ein netter Stadtvertreter. In der Nacht auf Dienstag wurde der in Kröglitz wohnhafte Ingenieur, Herr F., der Jude ist, von sechs Herren auf der Straße ohne jeden Grund angehalten und verhobnt. Als ihn einer der Tapferen, der alldeutsche Staoträt und Mitglied der Bczirksvertretung, Georg Tränka, am Arm faßte, verbat sich dies Herr F., worauf alle sechs mit Stöcke» auf ihn einschlugen. Tränka schrce immer wieder: „Jüdischer L . . . büb, Saujud, jüdischer Frechling!" Schließlich rissen die sechs wieder aus, nachdem Herr F. eine bluttge, von einem Stockhieb herrührende Verletzung an der linken Wange erlitten hatte. Herr F. ersuchte einen vorbeikommenden Herrn um seine Zeugenschaft, die ihm dieser verweigerte. Das demokratische Blatt „Freie Stimme" in. Bobenbach, dem wir diese Darstellung entnehmen, schließt mit folgenden Worten seinen Artikel: „Der feige Ueberfall des Tränka und Konsorten auf den Ingenieur F. kann mit Rücksicht auf Vorfälle der letzten Zeit nicht mehr als Einzelerscheinung betrachtet werden. Wir richten daher an alle Bürger, die nicht das Opfer ähnlicher Vorkommnisse werden wollen, die dringende Aufforderung, sich mit Revolvern Kn bewaffnen. Sie werden so am besten in der-Lage sein, Leuten, die gleich Strolchen friedliche -Passanten zu nächtlicher Stunde überfallen, wirksam entgegenzutreten." Schweiz. ' Bitfel» 10.. Februar. Das hiesige »H i l ssfomltee für jüdische Auswanderer" hat dieser. Tage von. der-Repräsentanz der,Lilfsge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.