Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11 Nr. 6_ er bedenkt nicht, daß im Gegenteil die klärende Kritik nur im Interesse dieser Einigung liegt und huldigt so unbewußt einem Bevormunduugssystem, das wahrlich den demokratischen Grundsätzen des traditionellen Judentums sremd ist. Manch' einer wiederum benutzt gern eine solch' mühelose und bequeme Gelegenheit, seine waschechte Gesiniiiiiigstreue zu demonstrieren; und schließlich gibt es auch einzelne Leute, — dies kommt, es sei einmal hier offen ausgesprochen, uns gegenüber noch hinzu — die ans gewissen Interessen nicht gern die Gelegenheit vorüber gehen lassen, Stimmung gegen uns zu machen. Doch, wie dem auch sei! — Ter etwaige Vorwurf einer Störung der von uns selbst heiß 'ersehnten Einigung mußte uns zur beobachtenden Zurückhaltung nötigen. Run aber ist ohne unser Zutun der Würfel gefallen, und wir müssen sprechen! — Da sei denn folgendes gesagt: Auch -uns ist es sofort ausgefallen, daß die Leiter der „Freien Vereinigung" die erste Gelegenheit, bei der es gegolten hätte, zu zeigen, daß die Trennnng von den Nichtgesetzestrenen nur auf religiösem Gebiete als eine conditio sine qua non vollzogen und sonst die Einheit Israels gewahrt werden soll, nicht zu Gunsten dieser Auffassung, sondern zu Gunsten einer durchgehenden Trennung nach ungarischem Muster entschieden haben. Die Gefahr dieser Trennnng, die an Stelle des traditionellen jüdischen Volles zivei jüdiche Konfessionen setzt, hatte imS, als die Einigung bekannt geworden war, — veranlaßt durch gewisse Erscheinungen — unsere warnende Stimme erheben lassen; die letzte Kundgebung der „Freien Bereinigung" scheint nun ein weiteres Moment hinzngefügt zu haben, durch das bewiesen wird, daß unsere Besürchtnng nicht unberechtigt war. Es sollte nns freuen, wenn die Leiter der reorganisierten „Freien Bereinigung für die In teressen des orthodoxen Judentums" uns einer irrtümlichen Ansfassung belehren würden, und wir lassen es deshalb vorläufig mit diesen kurzen Zeilen bewenden. D. Redakt. * * * Stettin, Ende Januar. Nette Früchte zeitigt die Assimilation in der Stadt, in welcher sich die Inden die hohe Aufgabe znschreiben, die Mission zu haben, das Judentum und den jüdischen Monotheismus in aller Welt zn verbreite». So veranstaltete der hiesige „I s - r a e l i t i s ch e Franc nverei n" an einem der letzten Sonntage einen großen Bazar. Ans diesem war vom „Israelitischen" keine Spur zu finden, dagegen um so mehr bei allen 'Anwesenden — auch den Mitwirkenden, trotz ihrer schönen Biedermeher- Kostnme — ei» jüdisches Aussehen, gegen dessen Vorhandensein in einer Versammlung des Vereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens zn Anfang dieses Monates unsere Gemcindemitglieder so energischen Protest erhoben hatten. Doch das nebenbei. — Das Schönste und Beste ist aber, daß diese „israelitischen" Frauen eine Wiederholung ihrer V e r » anstaltung für den letzten Freitag geplant und auch ausgeführt haben; also am Freitag-Nachmittag um 5 Uhr zn einer Zeit, w o der Gottes dien st im Go ttes h a u se be g an n. Ist dies nicht traurig? Wäre es nicht richtiger, in dieser Zeit im Gotteshanse zn weilen, als de» heiligen Sabbat durch derartige Vergnügungen, auf denen doch schwere Verstöße gegen die Gesetze und Vorschriften des ««abbat unvermeidlich sind, zn entweihen. Brauchen wir nns aber dann zu wundern, daß unsere Jugend, wenn sie die Schule verläßt, schon entjndet ist und für das Judentum kein Interesse hat. Die hehre Aufgabe und Pflicht der jüdischen Mutter ist, ihre Kinder nicht nur zu Menschen, sondern zu starken, selbstbelvußten Juden zu erziehen, die später imstande sind, das harte Judenlos zu tragen. Wie darf man aber dann den Kindern mit schlechtem Beispiele vorangehen und ihnen den einzigen Tag der Woche rauben, der sie ihres Judentums erinnert. Schämeil sollten sich diese israelitisch sein wollenden Mütter! Und jede tvahre Jüdin wird solche Israelitinnen verachten und ihrer spotten. Wo aber blieben die israelitischen Männer Stettins mit ihrer Mission? Hatten sie nicht die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihre Frauen aufmerksam zn machen, daß es verboten und jedenfalls — inan kann noch so jüd.-liberal denkend sein — nicht schicklich und passend sei, am Freitag - Abend seiner Vergnügupgssucht zn sröhnen. Und mußten nicht unsere «eelsorger die Ausführung dieser Veranstaltung vereiteln? Oder haben auch sie voir irgend einer Seite das Wort zn fürchten, welches der Vorsteher der Berliner jüdischen Gemeinde im Falle Cohn gebrauchte: „Sie sind bei uns in Lohn und Brot"? Auch Frau Rabbiner Dr. Vogelstein, die im Vorstände des Vereins ist, hätte ihr Veto eintegen können und irahrscheinlich nicht ohne Erfolg. Z.—M. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Ans der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M Bei der Kommission für den jüd. Nationalfonds gingen ein Herr David Hamburger zum Gedächtilis seines Vaters (ö. Adar) einen Oelbanm 6,— J/. Gesamnielt beim Vortrag von Herrn Dr. Blöde - 5,70 „ In der vorwöchentlichen Aufstellung mußte es heißen: Frau Hermine Schneider, Obermoschel (nicht Oberorschel). Frankfurt a. M. Bei der Expedition gingen für den Nationälsonds ein: Baraker gratuliert Herrn Fritz Sondheimer zur Geburt eines Mädchens 0,50 JL Familie S. H. Goldmann und Saly Geis gratulieren Familie Fritz Sondheimer zur Geburt einer Tochter und Familie Dr. Jacob Fenchtwanger zur Geburt eines Sohnes und spende» je 1 Jk — 2,— „ Frankfurt a. M. Zionist. Vereinigung. Dienstag Llbend sprach in überaus glänzender, formvollendeter Weise Herr Dr. Blöde- Hamburg über das Thema „V v m Ghetto zum Z i o n i s m n S". Es würde uns zu weit führen, den Bartrag in seinen Einzelheiten wiederzugeben, was sich schon deshalb erübrigt, weil die Grundgedanken des Zionismus längst allbekannt sind. Nur einiges sei aus dein Bortrag herausgegriffen. Redner meint, 'daß bei der Emanzipation von de» Juden ein großer Irrtum begangen worden ist, indein sie glaubten, den Wirtsvölkern als Entgelt für die Emanzipation die Verleugnung des Judentums schuldig zn sein und sich so weit vergaßen, daß sie sich des Namen „Jude" schämten. Inzwischen arbeiteten die Juden sich wirtschaftlich empor, und ihre wirtschaftlich günstige Position erweckte den Neid, und der alte Haß der Nichtjudeu — jetzt unter dem Namen „Antisemitismus" — trat wieder an die Oberfläche und erinnerte die Inden wieder an ihre Zugehörigkeit znm Judentum. Alles, was Rückgrat besitzt, scharte sich nm die Fahne Zions. Der Zionsgedanke rief zuerst bei den sich assimilieren wollenden Juden Widerstand hervor, man machte den ersten Zionistenkongreß in München unmöglich, doch ''allmählich gewann der Zionismus an Einfluß: so wurde durch ihn der Idee eines „Judentages" Platz gemacht. Nun kommt noch mancher mit allerlei Einwänden gegen den Zionismus. Die einen vermissen Organisationstalent, die anderen die Fähigkeit, einen Bauernstand großznziehen, bei den Juden. Die Tatsachen beweisen das Gegenteil: ein Ballin, Wertheim, Rathenau zeugen von jüdischem Organisationstalent und unsere Kolonien in Argentinien von landwirtschaftlichen Fähigkeiten. Warum aber nicht eine Ausiedlunq der Juden in Argentinien usw. und gerade in Palästina? Bereits in Argentinien macht sich heute der Antisemitismus breit und gibt damit wieder einmal den Beweis, daß die Völker Juden nur in einem ganz kleinen Quantum vertragen, wie das Hirschhornsalz den Kuchen nur in bestimmter Dosis gut macht. In der Diskussion stellte sich Herr H e ß als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vor und rührte ans, daß das Heit des deutschen Juden in seiner Zugehörigkeit zu den Nationalliberalen liegt. Man »küsse es den Inden überlassen, wenn sie sich assimilieren wollen. Der Antisemitismus sei nur eine vereinzelte Erscheinung. Herr Dr. Blöde erwiderte, daß zum Assimilieren auch der Wille der anderen nötig sei — und die Völker lehnen eine Assimilation der Inden ab. Mer auch die Inden können sich, wenn sie auch wollen, nicht ohne weiteres assimilieren, dazu sind sie zu individuell geartet u. dazu ist ihre Kultur zn grandios. Dem iüd. Volke steht »och eine große Aufgabe in seinem Leben bevor, heute sind noch die Besten in seiner Mitte mir halbe Menschen, nur Golusjnden. Die Ausführungen des Redners ernteten brausendes Bravo. Herr Dr. Blöde hat sich als ein glanzender Agitationsredner, der berufen ist, den 5!cdanken des Zionismus zu propagieren, gezeigt, und es feie» alte Ortsgruppe» auf diese» Redner aufmerftmit gemacht. Berlin. UeBer die Kun st gewerbe-Schule „33es nlcl" erhalten wir von maßgebender Seite günstigere Nachrichten. Die Leitung Hirßeubergs soll bereits bedeutende Verbesserungen gebracht habe». Recht wünschenswert bliebe es, wenn die durch den „B-zal-l" neu geschaffenen Erwerbsmöglichkeiten in erster Linie dazu dienten, bereits in Palästina ansässige Inden dem Proleiariate zu entreißen. Alle Inden, welcher Richtung sie auch angehören mögen, sollten in Änerkeminnq der großen Ziele, welche sich der Bezalel gestellt hat, durch Unterstützung und Propaganda dazu beitragen, daß recht vielen palästinensischen Jude» Arbeit und Verdienst geboten werden kann. Berlin. Die von der, Kommission ,ur Eriorkibung Palästinas" bisher in zwanglosen Heften herausgegcbene Zeitschrift „Palästina" wird in diesem Jahr — wahrscheinlich im Oktober — als Jahrbuch er sch ei neu. Hamburg. Am 2. d. Mts. veranstaltete die Zion. Frauengruppe den zweiten Unterhaltungsnachmittag für junge Mädchen, die in Geschäften tätig sind. Mieder waren ra. 100 Mädchen erschienen, die init lebhaftem Interesse den ausgezeichneten und geschickt arrangierten Darbietungen folgten. — Frau Constanze Mathias« n entwarf in fesselnder, von poetischem Schwung und nationaler Begeisterung erfüllten Rede ein Charakterbild von Theodor Herzl. Frl. H e n s ch e l sang treffliche Lieder, Frl. Hedwig Engel rezitierte meisterhaft die „Beruriah" von Löwenberg und eine humoristische Kindergeschichte von Josefa Hetz, Frl. Erna L e Wando w s k y erfreute anr Klavier durch das Spiel jüdischer Volksmelodien, deren letzte („Dort wo die Ceder") vom Chor gesungen wurde. Frl. Hedwig L ü b k e gebührt das Verdienst der Anregung und des Gelingen dieser regelmäßigen Veranstaltungen, durch welche der zionistische Gedanke in Kreise getragen wird, die uns sonst unerreichbar sind. Ändere Ortsgruppen mögen dem Beispiele folgen! Wien. Orangen-Ausfuhr aus Palästina. Nach der „Oesterr. Monatsschrift für den Orient" läßt sich die gesamte Orangen-Ausfuhr von Jaffa im Jahre 1907 niit 600 000 Kisten im Werte von 3—1 Millionen Mark annehmen. Paris. Der Konftantinoveler Korrespondent der „Teinps" beschäftigt sich in einem seiner jüngsten Briefe eingehend mit dem Zionismus. Er führt darin ans, daß die Herrschaft des Sultans schwächer und schwächer ivird, denn nicht allein, daß seine Position in Europa durch das Abreißen bedeutender Gebietsteile eine sehr schwache geworden ist, ist jetzt auch seine Gewalt bei den Mohamedanern gesunken; so kämpjen schon seit 10 Jahren die Araber um ihre Freiheit. Der Sultan glaubte, mit 500 Millionen Francs all' der Aufstände in seinem Reich Herr zn werden und bot deshalb den Zionisten die Autonomie von Palästina an; aber die Zionisten konnten die Summe nicht ausbringen, da hinter ihnen wohl das jüdische Volk, das arm ist, aber nicht die jüdische Geldaristokratie steht. Doch — so schließt der Korrespondent seine Ausführungen — in einigen Jahrzehnten dürfte der Zeitpunkt der Teilung des türkischeic Reiches herangekommen sein, und dann werden auch die Juden sich ihre Unabhängigkeit nehmen können und nicht zu kaufen brauchen; die christlichen Nationen werden sie dabei nicht hindern. New-Aork. Eine Sitzung des Zentralkomitees der Föderation amerikanischer Z i o n i st e n wurde hier am 19. Januar unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Harry F r i e d e n w a l d abgehalte». — Der Präsident gedachte in seiner Ansprache der verstorbenen Julie Herzl und des in den letzten Tagen verstorbenen Ehrenpräsidenten der Föderation Dr. Felsenthal. — Aus den Verhandlungen sei erwähnt, daß der Sekretär. Dr. I. L. M a g n e s einen Plan über die Gründung einer Filiale der Iüd. Kolonialbank in New 3j o r k vorlegte. Jaffa. Die Schwierigkeiten beim Landerwerb entspringen nur der Willkür des gegenwärtigen Gouverneurs, aber nicht dem Gesetze. Wir Juden haben bereits 400000 Dunani Land in Palästina im Besitz und werden unseren Besitz auch weiterhin vergrößern, denn die Regierung in Konstantinopel steht den jüd. Kolonisationsbestrebungen durchaus freundlich gegenüber. Aus de« Vereinen. Frankfurt a. M. Weibliche Fürsorge (Vorsitzende: Frl. Bertha Pappenheim). Dem 5Be» richte dieses Vereins über das am 30. Septbr. beendete Bereinsjahr entnehmen wir: Die F ü r s o r g e k o m m i s s i o n behandelte ICO Fälle. — Die Kommission für Säuglingsfürsorge überwachte 82 «muglinge und gab, soweit nötig, entsprechende Unterstützungen. — Die Kostkind e r k o m in i s s i o n beaufsichtigte 25 Pfleglinge. — Die Kommission für Stellenvermittlung vermittelte 128 Stellen; sie spricht ihr Bedauern darüber aus, daß der weitaus größte Teil der die Schule verlassenden Mädchen sich dem kaufniännischen, event. auch dem gewerblichen Berufe zu- Ivendet, während für die hauswirtschaftliche Arbeit, für die geschulte Kräfte gut bezahlt werden, sich nur verhältnismäßig wenige melden. 'Auch als selbständiger Frauenverein entwickelte die „Weibliche Fürsorge" eine rege Tätigkeit. Zur Zeit der Reichstagswahlen sprach Herr Dr Alfred Geiger über das „deutsche Wahlrecht". Ein Vortrag des Herrn Dr. Deutsch beschäftigte sich mit der „Notwendigkeit einer Milchküche für Säuglinge". Kurz nach diesem Vortrag wurde eine Milchküche gegründet, durch die nun die Säuglingskommission zum großen Teil überslüssig gemacht worden'ist. Letzterer Umstand, sowie der, daß ein Beamter des Almosenkastens der Israel. Gemeinde die Kvllcktivvormnndschast für jüdische uneheliche Kinder übernommen hat, erlaubt, daß nunmehr in gemeinsamer Beratung all' das erwogen wird, was sonst an drei verschiedenen «teilen zur Besprechung kam. Ten dritten Vortrag hielt Fräulein Pappe »heim, und zwar über „Tie Ziele des Jüd. Frauenbundes". Der Schluß des Berichtes berichtet über die Tätigkeit des Vereins in Galizien (Kindergärten, Krankenschwestern, Bekämpfung des Mädchenhandels). Frankfurt a. M. Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Letzten Montag