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Neue jüdische Presse · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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(Sette lö. ' Wegs unb Möglichkeiten beschaffen, auf denen die jüdischen Arbeiter aus eigener Kraft zu selbständigen Bauern aufsteigen können. Die Arbeiter sollen zuerst auf einer größeren Gutswirtfchaft der Gesellschaft mehrere Jahre hindurch gegen Tageloh» arbeiten, sie sollen hier mit den besten landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden vertraut werden, dem palästinensischen Klima und Boden angcpaßt, und es soll ihnen durch einen Gewinnanteil an den Erträgnissen des Gutes ermöglicht werden, Vieh und Saatgut für sich zu erwerben. Alsdann sollen sie von der Gesellschaft ein hinreichend großes und in wirtschaftsfähigem Zustand gesetztes Stück Land zuerst in Pacht und später gegen langjährige Amortisationsrenten zum Eigentum erhalten können, eine Methode der Kolonisation, welche die deutsche Regierung sowie private Institutionen seit einer Reihe von Jahren mit großem Erfolge erprobt haben. Trotzdem die Gesellschaft hiermit einem gemeinnützigen Zwecke dient, wird sie ihre Geschäftsführung lediglich nach kaufmännischen Gesichtspunkten cinrichtcn und nichts unternehmen, was nicht zugleich vom Standpunkte einer Erwcrbsgesellschaft zweckmäßig erscheint. Da die Landwirtschaft in Palästina bei sachgemäßem Betriebe überall sehr rentabel ist, glaubt die Gesellschaft schon vom ersten vollen Wirtschaftsjahr an befriedigende Dividenden verteilen zu können. Voranschläge, die von fachmännischer Seite für die beabsichtigte Bewirtschaftung eines großen Gutes in Daleika und llmcldschuni am Tiberias-Sce mit größter Vorsicht ausgestellt sind, haben die hohe Rentabilität des Betriebes bestätigt. Das große zionistische Aktionskomitee hat nach eingehender Diskussion des Planes der Gesellschaft in seiner Sitzung vom 6. Januar 1908 folgenden Beschluß gefaßt: Das Lroße Aktionskomitee begrüßt die Begründung der Palestine Land Development Company und fordert die Gesinnungsgenossen aller Länder auf, eine energische Propaganda zu Gunsten dieser Organisation zu entfalten. Der Jüdische Nationalfonds hat ebenfalls den Plan der Gesellschaft in mehreren Sitzungen voni 4. bis 7. Januar 1908 ausführlich beraten und sich dahin ausgesprochen, daß die Errichtung der Gesellschaft in jeder Weise zu befördcru sei. Zugleich hat der Jüdische Nationalfonds sich bereit erklärt, aus Ansuchen der Gesellschaft seine 600 Hektar großen Ländereien in Daleika und Umcldschum am Tiberias-See auf 99 Jahre zu verpachten, als Entgelt für dieses Pachtrecht Anteile der Gesellschaft in Zahlung zu nehmen und der Gesellschaft auf Erfordern ein Darlchn von 3000 bis 4000 Lstrl. zu gewähren. Dafür ist dem Jüdischen Natioualfonds ein gewisser Einfluß auf die Geschäftsführung der Gesellschaft dadurch gesichert worden, daß er 80 von den 200 Grunderaktien erhalten soll, welche die Gesellschaft ausgcben und mit besonderen Vorrechten hinsichtlich des Stimmrechts ausstatten wird. Die Gesellschaft soll als englische Aktiengesellschaft mit einem Kapital von SO 000 Lstrl. zerlegt in 50000 Anteile zu je 1 Lstrl. in England gerichtlich eingetragen werden. Gesinnungsgenossen! An Euch liegt es jetzt, durch Zeichnung von Aktien derGescllschaft,deren« ndgültigeKonstituierung zu ermöglichen. Möge ein Jeder nach Maßgabe seiner Kräfte hierzu beitragen! Möge ein Jeder sich bewußt sein, daß hier der erste Schritt zu einer wirklich'großen Aufgabe getan wird, zu der Aufgabe, altes jüdisches Land durch jüdische Arbeit von Neuem wieder jüdisch zu niachcn! Das Palästina-Ressort, gez. Pros. Dr. O. Marburg. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Löbliche Redaktion! Als aufmerksanier Leser Ihrer gesch. Zeitung möchte ich Sie um die Veröffentlichung .folgender Zeilen angehen. Bevor ich aber zur Sache selbst schreite, finde ich es —: um Mißverständnisse zu vermeiden — für angebracht, folgendes vorauszuschicken. Ich bin kein Parteimann und Halle mich von der hohen Poliitk im jüdischen wie im allgemeinen staatlichen Leben fern; ich bin ein einfacher Mensch, der seinem Berufe nachgcht und als Jude die Satzungen seiner Väter ohne Grübeleien streng beobachtet. Nur — Sic gestatten mir bitte diese Freiheit — bin ich mit eineick Fehler behaftet, nämlich: laut zu sagen, was ich als Irrung ansehe; ich meine nämlich, daß Jrrtümer nicht nur dazu da sind, um sie zu begehen, sondern auch, um auf sie Krärch-urter Jsr»«ÜttWüß tzaMieMatt. ausmerksam zu machen, damit die Zahl der Jrrtniner sich vermindere. Und so will ich die Spalten Ihrer Zeitung dazu benutzen, um auf einen Irrtum hinzuweiscn: ich tue es — ich gestehe es offen —> mit Widerwillen, denn wie gesagt — ich bin kein Partcimaim und halte mich von Parteisachen umsomehr fern, wenn cs in die Oeffentlichkeit hinüberglcitet; aber die Sache ist viel zu wichtig, um über sic mit Stillschweigen hinwcgzngehen. ' Zur Sache selbst: Zwei Veröffentlichnngcn beieinander las ich in Nummer 3 Ihrer gesch. Zeitung; die eine rührt von dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" die andere von „Verband der Deutschen Inden". Die erste lautet wörtlich: „Wenn auch die vom Finanzminister für das kommende Etatjahr bewilligte Summe von JA 40000 dem vorhandenen Bedürfnisse leider nicht im entferntesten entspricht, so ist es doch als ein erfreulicher Fortschritt zu begrüßen, daß die moralische Verpflichtung des Staates zur materiellen Fürsorge für die religiöse Unterweisung der jüdischen Jugend durch diese zum ersten Male erscheinende Etatsposition anerkannt ist. Es dürfte nicht aussichtslos sein, Staatsrcgieruiig und Abgeordnetenhaus durch die von den einzelnen Synagogengemeinden zu liescrnden Nachweise mangelnder Leistungsfähigkeit davon zu überzeuge», daß eine allmähliche Erhöhung der Position im Rahmen der allgemeinen staatlichen Aufwendung dringend notwendig und daß es vor allem ein Gebot der Billigkeit ist, gerade die kleinsten, leistungsschwachen Gemeinden mit weniger als zwölf Schülern von den Wohltaten des Gesetzes nicht auszuschließen." Die zweite: „Es muß auffallen, 'daß die Regierung das Wort „leistungsschwach" in die Vorlage hincingcbracht hat, welches in der Resolution ‘ des Landtages fehlt. Tie Negierung scheint danach auf dem Standpunkt zu stehen, und hat dies auch durch die Hohe des Fonds zum Ausdruck gebrachst, daß es sich nur um ein Art Almosen handelt, das man Bedürftigen aus allgemeinen Mitteln reicht. Zn der Kvmmissio» des Abgeordnetenhauses, in ivelcher die Resolution beraten wurde, wurde dieser Standpunkt nicht vertreten; vielmehr erachtete man cs .als eine 'Forderung ansglcichender Gerechtigkeit, daß ebenso wie die jüdischen Steuerzahler die Kosten des christlichen Religionsunterrichts mit aufzubringen haben, so auch der Staat als solcher in entsprechendem Maße für den jüdischen Religionsunterricht mitsorgen müsse. Es ist anzunehmen, daß im Landtage der frühere Standpunkt in Erinnerung gebracht wird. Daß die Heranwachsende Jugend, auch die jüdische, nirgends ohne Religionsunterricht bleibt, liegt sicher nicht bloß im Interesse der jüdischen Gemeinden, sondern des Staates in seiner Gesamtheit." Liest man diese beiden Kundgebungen, so fällt unwillkürlich die Grundverschicdenhcit deren Tones auf. Der Verband der Deutschen Juden schlägt ein e n t s ch i e d e n e n, s e l b st b e w u ß t e n Ton ein, er spricht von einer „Forderung a u s g l e i ch e u - der Gerechtigkeit", von einem „Müssen" des Staates, der Religion der jüdische» Bürger und Steuerzahler, die auch „die Kosten des christlichen Religionsunterrichts mit aufzubriiigen haben", gerecht zu werden. All' dies vermissen »vir aber in der Kundgebung der „Freien Vereinigung". Auch in der Auffassung der oben 'genannten Körperschaften von der 40000 .-/(-Bewilligung selbst liegt ein himmelweiter Unterschied. Die „Freie Vereinigung" will darin „die in o r a l i s ch e Verpflichtung des Staates zur materiellen Fürsorge für. die religiöse Unterweisung der jüdischen JNgend anerkannt" tvissen und begrüßt darum die GeivKhruilg der Sumine als einen „erfreulichen Fortschritt". Anders aber der Verband der Deutschen Juden, der glaubt, in dem Akt der Negierung eine M i ß - a ch t u n g der Rechte der Juden zu erblicken; er sieht es als aussälkig air, daß die Regierung das Wort „I e i st u n g s s ch w a ch" in die Vorlage hineingebracht hat, obgleich dieses Wort in der von der Kommission des Abgeordnetenhauses gefaßten 'Resolution fehlt, — und die „Höhe des Fonds" in Betracht ziehend, koinmt der Verband zu der Annahine, daß die Regierung den Juden 'diesen Betrag nicht als rech tsmäßig zukoininend« Schuld abgetragen hat, sondern ihn als Geschenk, als eine ArtAlinosen, das man Bedürftigen aus allge in einen Mitteln reicht,dar bot. Doch wie ist diese Grundverschiedenhcit der Auffassung und des Tones zu erkiären? Daß die Kundgebung der „Freien Vereinigung" kein bloßer Zufall ist, beweist das Herausstreichen des Gegensatzes in ■ _ Sftr. 6 der Auffassung der Bewilligung des Zuschusses und das Veröffentlichen der gegenteiligen Ansicht. Wohl kau» mau von einer und derselben Sache zweierlei Meinung haben; um aber eine gegenteilige Ansich» in die Oeffentlichkeit zu bringen, muß inan eine gewisse Absicht verfolgen. Die Frage ist demnach, welche Absicht zu Grunde lag. Will »nan auf der Oberfläche bleiben, so hätte man es dahingehend begründen können: Die „Freie Berciiiigilng" ist orthodox, sie steht ganz auf dem Boden der Väter und ist bestrebt, nicht nur die Gebote der Väter zu beobachten, sondern auch d e r e n P o l i t i k d c r II n t c r w ü r f i g kc i t zn besolgen. Freilich sind die Zeiten ganz andere geworde»», und eine Politik, die für Kamin er kn echte angebracht Ivar, paßt nicht mehr für freie Männer und ist nichr mehr zeitgemäß — aber der Begriff „Frei" beruht' ans subjektiven Empsindnngen — und so kann es für Männer, die die Freiheit anders empfinden, ein Gebot der Pietät sein, auch politisch i» den Bahnen der Väter zu »vaiideln. So hätte mau es erklären können. — Will mau die 'S ad): aber genauer betrachten, so sieht »nan sich genötigt, auch diese Begründung fallen zu lassen. Eine bloße Meinungsäußerung der „Freien Vereinigung" bedürfte nicht der »veilen Veröffentlichung, und indem man die Sache breit trat, befolgte man anscheinend noch eine andere Politik. Es gab eine Zeit — sie ist nicht lange her —, da glaubte säst alle Welt und auch ich, daß die „Freie Vereinigung", indem sie sich reorganisierte, neue Bahnen zu beschreite»» gewillt sei, daß die alten exklusiven und treiinendcu Aloinente nach und nach fallen gelassen »vürden und an deren Stelle Zugängliches und Einigendes treten werde»»; allein diese Kundgebung, »venu sie auch an und für sich »och so »»»»bedeutend ist, erschüttert »iciuen Glauben und läßt die Befürchtung auflonimen, daß die „Freie Vereinigung das alte Erbe der Trennung, der sog. „reiuliche»» Scheidung, augetreteu hat, daß nicht neue Bahnen ei »gesch läge u, viel in ehr der alte Weg erweitert und gangbarer für eine größere Menge, für die gesamte Orthod o xi e D e u t s ch, l a n d s g em acht w c r den s o l l. Auch die Methoden, mit denen »na»» operiert, sind die a l t e n; in den Kreisen der Trem»ung hatte mau von jeher das Bestreben, der Negierung als äußerst l o j a l zu erscheine»» — und daher das Anlehnen an Natioiialliberale und Zentrum — und auch die obencrirähiltc Kundgebung der „Freien Vereinigung" bezweckte vor allem, sich, der Regierung lojal zu zeigen. Freilich ist die Politik einer beständigen Lojalität kein Unglück; schlimm ist aber, daß die „Freie Vereinigung", indem sic sich, nicht in ein Einvernehmen mit den» Verband der Deutschen Juden setzen will und iin großen wie im kleinen ihre eigenen bcsoilderen Wege zu gehe»» sucht, dies notwendigerweise zu ei»»er völligen Spalt»»ng und Ent - ziveihung der deutschen Juden heit führen in n ß. Die deutsche Judenheit wird also gezweiteilt, die Regierung wird statt einer, zwei Jndenheiten vor sich haben, und die ohnehin schtvache Position der deutschen Juden erleidet alsdann eine noch, viel größere S ch »räch» n g. Eine Organisation der traditionellen Judenheit — mag sie noch so sehr von Vorteil für die Tradition sein — muß sich innerhalb der Judenheit bewegen, darf sich aber nie und iiiinmer außerhalb einer Judenheit zum Schaden aller stellen; Männer, die » »i all e m ihren Vätern gleich sein wollen, müsse»: auch die alte Einheit respektieren. Die „Freie Verinrigung" muß sich jetzt am Beginn ihrer Tätigkeit die Tragtveite ihrer Aktionen voll und ganz bewußt iverden, sonst läuft sie Gefahr, auch bei uns zu Lande die ungarischen Zustände herauf zu beschlvören, was ich trotz allem und allem zu ihren Gunsten noch nicht glauben kann. Oder »väre es nicht seitens der ,;Freien Vereinigung" am Platze, sich offen z» äußern, wohin der Kurs geht? Dr.—r. Der vorstehende, von sehr geschätzter Seite zngesandte Sprechsaalartikcl zwingt uns, in einer Angelegenheit das Wort zu ergreifen, in der wir am liebsten geschwiegen hätten. Geschwiegen — nicht, weil wir nicht auch die Bedenken - des Schreibers teilen, sondern, weil »vir die Erfahrung geinacht haben, daß Anschauungen, die sich nicht mit denjenigen der Organisatoren der Einigung der deutschen Orthodoxie decken, des Vorwurfs geziehen werben, das Einigungswerk zu stören. Die Gründe für dieses Verwerfen einer jeden Kritik sind verschieden: Manch' einer fürchtet ehrlich eine Schädigung der so lange ersehnten Einigung;

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