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Neue jüdische Presse · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M Ht. 6 fe femfefnrfec I|metitiflea laniiKenütaffcs. J«hatt -er Beilage: Artikel: Aus der Zeit — für die Zeit. — Pbo kaisstins Land Development Co. Ltd. — Sprechfaul. — Aus der zionistischen Bewegung. — Ans den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Personalien. — Bunte Chronik — Vereins-Kalender. Aus der Zeit — für die Zeit. Gedanken und Betrachtungen. Von Rabbiner Dr. PH. Fischer, Palanka. Wissenschaft und Leben. Zwei große Mächte, beide absolute und unumschrän-kte Herrscher, haben dem Judentum, der jüdischen Welt- und Lebensanschauung ihre Geltung und Wirksamkeit in unserer Zeit streitig gemacht; diese beiden Mächte heißen: Wissenschaft und Leben. Die moderne Wissenschaft greift die idealen Inhalte unseres Judentums an, das Leben hindert wieder die praktische Erfüllung seiner Forderungen. Oder >vir sagen vielleicht richtiger: Unsere modernen Juden glauben, die Wissenschaft habe die religiösen Anschauungen des Judentums widerlegt, und das Leben habe dem praktischen Judentum den Boden entzogen. Das ist ein trauriger, unheilvoller Irrtum. Er entsteht aus dem bedauernswürdigen Mißverhältnis, in welchem unsere modernen Juden zu Wissenschaft und Leben stehen. Die Anschauungen des modernen Juden werden zwar nicht von der Wissenschaft, aber von den „wissenschaftlichen" Schlagworten beherrscht, und sein Tun, zwar nicht vom Leben, aber von den Lebensverhältnissen geleitet. Der wahre Jude, dessen Geist und Gemüt von den Gedanken und Lehren unserer ewiggültigen Thora erfüllt sind und dessen Tun und Schaffen von den Forderungen ihrer Gesetze geleitet und geregelt werden, steht zu Wissenschaft und Leben in einem anderen, viel würdigeren Berhältnis. Mit seiner aus bcu Lehren der Thora gewonnenen Welt- und Lebensanschannng prüft er 'die Ergebnisse der Wissenschaft und mit seinem von den Thoragesetzcn geregelten Wirken gestaltet er das Leben. Zu dieser Selbständigkeit im Denken und Tun ist aber ein solches Maß jüdischer Bildung und jüdischer Gesinnung notwendig, wie es leider bei unseren modernen Juden, bei den Gebildeten unserer Zeit nur in sehr seltenen Fällen rorauszusetzen ist. Diesem Mangel müßte und könnte auch abgeholfen werden; die Abhilfe müßte aber allch moderner Art sein: Eine moderne jüdische Apologetik*) müßte geschaffen werden, die auf allen Gebieten des Wissens und des öffentlichen und privaten Wirkens die Berechtigung des Judentums, seiner Ideen und seiner praktischen Forderungen, erweist. Diese jüdische Apologetik müßte dem modernen Juden, der inmitten des modernen, warmpulsierendeu Lebens steht und sich in einer, von der modernen Wissenschaft beeinflußten, geistigen Sphäre bewegt, solche geistige und moralische Waffen in die Hand geben, mit deren Hilfe er, ohne dem Leben und der Wissenschaft zu entsagen, seinem Judentum treu bleiben kann. Eine jüdische Apologetik hat natürlich nicht die Aufgabe, alle Gebiete fachwissenschaftlich zu erschöpfen; das kann sie ja auch nicht, das muß Einzeluntersuchungen überlassen werden. Aber sie soll doch soviel bieten, daß sie die gebildeten jüdischen Kreise, die von der Meinung beherrscht werden, die wissenschaftlichen Wahrheiten stünden mit den Prinzipien der jüdischen Lehre in Widerspruch, und das moderne Leben mache die volle Erfüllung der jüdischen Pflichten unmöglich, aufkläre, sie von der Falsch¬ *) Die vorhandenen Apologetiken beschäftigen sich in der Hauptsache mit den christlichen Anschauungen über das Judentum. heit ihrer Voraussetzungen überführe, damit so die Hindernisse weggeräumt werden, die einer vorurteilslosen Beurteilung des JudentuniS für diese Kreise, die ganz in einer anßcrjüdischcn Gedankenwelt erzogen und groß geworden, im Wege standen und der Boden vorbereitet werde für ein richtiges Verständnis und eine wünscheuswerte Empfänglichkeit des Judentums. So denken wir diese moderne jüdische Apologie als eine Vorhalle, die denkende Juden passieren sollen, um in die heiligen Hallen der jüdischen Welt- und Lebensanschauung eintreten zu können. Diese jüdische Welt- und Lcbeüsanschanung aber muß immer noch aus den alten, aber ewig frischen Quellen geschöpft werden, so wie es unsere Altvordcreu getan: für diese gibt es keinen Ersatz, sie ist durch kein modernes Surrogat zu ersetzen. * B o r a u s s e tz u n g s l o s e Wissenschaft. Niein Freund ist ein aufrichtiger Liebhaber der Wissenschaft und ein eifriger, kühner Kämpfer für ihre wahren und vermeintlichen Rechte. An einem Abend unterhielten wir uns über die Bedeutung und Berechtigung des neu geprägten Wortes: „Boranssetzungslose Wissenschaf t". Wir waren beide eines Sinnes in der Hochschätzung der Wissenschaft, der wir übereinstimmend eine hohe Stelle im Kulturleben der Menschheit einräumten, deren erfolgreiches und aussichtsvollcs Wirken für die soziale Wohlfahrt, für die Verwirklichung der Ideen der Humanität und für die Erziehung des Menschengeschlechts wir gleichermaßen bewundernd anerkannten. Doch über die Bestimmung ihrer Rechte waren wir verschiedener Meinung. Ich meinte: Die freie Forschung sei der Wissenschaft unbenommen, aber ganz voraussetzungslos kann sie doch nicht sein. Es gibt Postulate — und es muß solche geben —, die die Wissenschaft anerkennen muß, oder — da sie auf dem Wege der wissenschaftlichen Forschung gar nicht erledigt werden können — die Wissenschaft wenigstens unberührt lassen muß; wie z. B. das Postulat von der Existenz Gottes. Mein Freund vertrat mit Eifer eine gegensätzliche Meinung: Die Wissenschaft ist souverän, die Wissenschaft ist autonom; sie setzt nichts voraus, sie respektiert nur das, was sie selbst bewiesen, und was sie nicht bewiesen, das existiert für sie nicht. Die Wissenschaft ist eben eine unumschränkte Herrscherin: keine religiöse Uebcrzeugung hat neben ihr Daseinsberechtigung und Geltung; keine Voraussetzung darf den Gang ihrer Untersuchungen beeinflussen, auch nicht die Voraussetzung von der Existenz Gottes. Die echte Wissenschaft muß eine voraussetzungslose sein. Ich nahm nun Veranlassung, über die Bedeutung des Ausdruckes „Voraussetzungslose Wissenschaft" meine Meinung zu sagen: „Voraussetzuugslose Wissenschaft" ist eines der vielen Schlagworte, über deren schönen Klang man deren Sinnlosigkeit leicht vergißt. Analysieren wir einmal ruhig die beiden Worte. Was heißt „Wissenschaft" und was heißt „voraussetzungslose"? Wissenschaft ist sichere Erkenntnis aus den Gründen der Sache, aus inneren und äußeren. Wissenschaft setzt sich also notwendig zusammen aus sicherer und unmittelbarer Erkenntnis einfacher Tatsachen und Grundsätze — die keines Beweises bedürfen, weil sie unmittelbar einleuchten und dann aus sicheren und richtigen Schlüssen und Beweisen. Beweise stützen sich und folgen aus Prämissen. Ohne Voraussetzung, in diesem Sinne richtig gefaßt, etwas beweisen wollen, hieße einen Syllogismus ohne Prämissen konstruieren zu wollen, oder ein Dreieck ohne Grundlinie. Man soll fteilich nichts voraussetzen ans Willkür. Als sicher läßt ein vernünftiger Mensch nur gelten, was er auf irgend eine Weise klar erkannt hat. Das ist möglich durch eigene Sinneswahrnehmung, durch klare Vergleichung der Begriffe, Schlüsse und auch durch zuverlässige und als zuverlässig erkannte Bezeugung Anderer. Ohne auf alle, auch diese letzte Erkenntnisquelle Rücksicht zu nehmen, kommt man nicht an's Ziel. Was man aber auf irgend eine dieser Weisen als sicher erkannt hat, muß man iinmer und überall bei weiterem wissenschaftlichen Studium v o r a n s s e tz e n. Jeder Mensch kann durch richtiges Denken die Allgcmeingiiltigkeit des Satzes vom Widerspruch, des Satzes vom hinreichenden Grunde usw. als sichere Wahrheit erkennen. Dadurch läßt sich dann schon weit, sehr weit kommen, auch zur vollen Einsicht in die Notwendigkeit einer höchsten Ursache, und zivar eines persönlichen Gottes. Wenn ein Philosoph die Tatsachen und die sicheren Resultate der Naturwissenschaften nicht voraussetzen soll, so bleiben ihm ganze Gebiete der Forschung verschlossen. Der Physiker und Chemiker setzt doch bei seinen Berechnungen die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit der Mathematik vor« u s. Kurz, das Wort „Voraussetzungslose Wissenschaft" ist ein Mißbrauch. Natürlich darf ich nie voraussetzen, was ich hier und jetzt erst beioeiscit will. Wenn ich z. B. das Dasein Gottes Jemand oder mir selbst beweisen >vill, muß ich in den Prämissen nicht schon die Existenz Gottes voraussetzen. Aber daß ich und oie Dinge, die um mich da sind, veränderlich, vergänglich, zeitlich sind usw. darf ich doch wohl, ich will nicht sagen „voraussetzen", sondern vorher schon einsehen. Wenn es aber ganz „voraussetzungslos" sein soll, so dürfen wir gar nichts annehmen, weder unsere eigene Existenz, noch unsere Fähigkeit, etwas zu begreifen; d. h. wir müßten mit der absoluten Negation oder dem absoluten Zweifel beginnen. — Zum Glück ist der Verstand zu mächtig, sonst käme diese Art der modernen Voraussetzungslosigkeit — nie über das Studium des absoluten Nichtwissens hinaus. Sie sehen: Das Epitheton „voraussetzungslos" macht die Wissenschaft unmöglich; die echte Wissenschaft fordert vielmehr „Voraussetzungen". Ich weiß nicht, ob ich meinen Freund völlig überzeugt habe; aber ich hoffe, daß er den modernen Schlagworten nunmehr nicht so leicht trauen wird. The Palesüoe Land Development Co. Ltd. Berlin W. 15, Januar 1908. llhlandstraße 175. ('> e s i ii ii u u g s g e n o s s e u! Di,' llcberzeugung von der Notwendigkeit praktischer Arbeit in Palästina ist heute in alle zionistischen Kreise gedrungen. Jetzt gilt es, die Forderung nach praktischer Arbeit in die Tat nmzusetzen und die systematische Arbeit zu beginne». Womit begonnen werden muß, kann nicht zweifelhaft sein. Mehr als in irgend einem anderen Lande beruht im Orient, beruht in Palästina die ökonomische Macht auf dem Besitze an Land. Eine jüdische Bevölkerung in Palästina ohne größeren Landbesitz ist wurzellos; sie wird in den palästinensischen Städten wohl neue Ghetli gründen, aber niemals aus gedrückten wirtschaftlichen Verhältnissen Herausrommen, niemals den Keim zu wirtschaftlichem Wohlstand und zu machtvoller Entfaltung jüdischen Lebens pflanzen können. Das kann nur eine Bevölkerung, die wenigstens zu einem großen Teile auf eigener Scholle sitzt und aus diesem Boden, dem außerordentlich fruchtbaren Boden Palästinas ihre Nahrung zieht. Mit einem Worte: wir brauchen in Palästina mehr jüdische Bauern! Nur der jüdische Tauer ist imstande, mit der Hand am Pfluge Acker um Acker unser altes Vaterland wieder für uns zu gewinnen und dauernd für uns zu bewahren. Aus diesen Erwägungen heraus ist die Palest i n e Land D e v e l o p in e n t E o m p a n y gegründet worden. Sie stellt sich die Aufgabe, unbemittelten jüdischen Arbeitern, die in so erheblicher Zahl von Osteuropa nach Palästina kommen und es bisher nicht zu einer selbständigen bäuerlichen Existenz bringen konnten, die Erringung einer solchen Existenz zu erleichtern. Die Gesellschaft will nicht kolonisieren, noch will sie Wohltätigkeit üben, wie das andere Gesellschaften tun, sondern sie will nur 4785

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