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Neue jüdische Presse · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Seite 3. London. Während des Gottesdienstes in der Großen Synagoge erlitt letzten SamStag der 74jährige Mark N c w ni a n n einen Schlaganfall und verschied. — Ein merkwürdiges Testament hinterließ der jüngst in Cambridge verstorbene Hausierer Harris Norm an n: er vermachte nämlich sein Besitztum im Werte von 200 000—250 000 ,li zur Hälfte denr „Addenbrokc's Hospital" und zur Hälfte der „Londoner Synagoge für arme und bedürftige Juden" — einer Synagoge, die es selbstverständlich nicht gibt. Das Gericht hat vorläufig die Verhandlung über diese Angelegenheit vertagt. Bulgarien. Philippopel. Streik der j ü d. Lehrer. Vor einigen Wochen wurden in dieser Zeitung die Verhältnisse der hiesigen jüd. Gemeinde und Die in ihr obwaltenden Streitigkeiten zwischen Gemeindernt und Schulkomitee besprochen. Die Lehrer der jüd. Schule, welchen man noch vom v o r i g c n S ch u l - jahr Gehalt schuldet, richteten vor 6 Wochen ein Schreiben an das Schulloinitce, in dem sie die Schularbeit einzustellcn drohten, falls ihnen binnen 14 Tagen ihr Gehalt nicht ansgezahlt wird. Unglücklicherweise wurde gleich darauf die Schule wegen epidemischer Krankheiten, von welchen Philippopcl seit acht Monaten heimgesucht wird, geschlossen, und die ihrer einzigen Waffe beraubten Lehrer mußten stillschweigen. Als die Schule am 21. Januar wieder eröffnet werden konnte, wurde die Streikerklärung dem Schulkomitee wiederholt gemacht. Da letzterem die Mittel zur Besoldung der 20 Lehrer fehlen, wandte cs sich an den Gemcinderat, aber ohne Erfolg. Sonntag, den 26. Januar, wurde nun die Schule lrcgen Lehrerstreiks geschloffen. Die beiden Lehrer des Hilfsvereins der Deutschen Jude», die sich bezüglich der Gehaltauszahlung nicht zu beschweren brauchen, versuchten zuerst ihre Tätigkeit fortzusetzen, aber sie sahen bald ein, daß es unnütz ist. Da eine friedliche Einigung der beiden Parteien sehr unwahrscheinlich ist, so kann die Lösung der Frage nur dann erfolge», wenn eine von beiden demissioniert. Aber auch das ivird schwerlich gehen. Herr Dr. R o in a n o, Präsident des SchulkomiteeS, erklärte bereits in einer zionistischen Sitzung, das; er unter keiner Bedingung zurücktreten wird; 'denn er stütze sich ans die ihm von Herrn Tr. Paul Nathan bei seiner Anwesenheit in Philippopel gemachten Versprechungen zu Gunsten der schule. Allein Herr Dr. Romano vergißt, daß diese Versprechungen nur für den Fall des Friedens Geltung haben. Die anderen, die sogen. Antizioniste», steifen sich aber darauf, daß das Schnlkomitee abdanke; sei das cinnial geschehe», dann lverdcn schon die Lehrer zu ihrem Rechte gelangen. Es handelt sich hier keineswegs um Zwistigkeiten zwischen den Zionisten und ihren Gegnern; es kommen vielmehr beiderseitige Kaprize» und besonders ein eingefleischter Haß gegen den verdienstvollen Tr. Romano in Betracht. Wie sich diese unüberwindliche Feindseligkeit zu erklären ist, ist 'in diesem Blatte des öfteren erörtert worden. Uebrigens hat die Gemeinde auch Interesse daran, daß Herr Dr. Romano sich zurückzieht, denn die Allianceisraslitc, welche vor drei Jahren ans seine Veranlassung von hier verwiesen worden ist, erklärte sich auf Ersuchen der Philippopeler Gemeinde unter der Bedingung bereit zurückznkchren, daß ein anderer Schulpräsident gewählt werde. Das ist der Kernpunkt der ganzen Sache — die Rehabilitation der Alliance in Philippopcl. Man hat die Lage absichtlich sich derart zuspitzeu lassen, um die Notwendigkeit der Alliance außer Zweifel zu bringen. Wie die Schlacht nusfallen wird, läßt sich nicht vormissehen. Beu-Hoamitti. Palästina. Jerusalem. Um das Eindringer: der in dem türkischen Mertel ausgebrochenen Pocke u-Epid e m i e in das Judenviertel zu verhindern, ordneten die Aerzte die sofortige Impfung der Kinder an. Anfangs blieb die jüdische Bevölkerung gleichgültig, als aber die Epidemie sich immer weiter ausbreitete, da stürmte sie plötzlich mit solcher Gewalt die Poliklinik des „Lemaan Zion", daß mehrere Scheiben und Türen eingebrochen wurden. Hier waren ständig 3 Aerzte mit dem Impfen beschäftigt. Es ivar ein Glück, daß sich der „Lemaan Zion" mit Lymphe vorgesehen hatte, denn an keiner zweiten Stelle in Jerusalem war der kostbare Stoff vorhanden. Personalien. Berlin. Die Tochter des vormaligen Universitäts- Professors Dr. M. Näther in Erlangen, Fräulein Näther, hat als eine der ersten deutschen Damen den Doktorgrad summa cum laude ans dem Gebiete der Mathematik erworben. — Professor Dr. L n d >v i g B o r ch a r d , Direktor des deutschen Instituts für cghptische Altertninskundc in Kairo, erhielt den K r o n e n o r d c u 3. Klasse, L. Mendel in Elmshorn und Dr. med. Ben Israel in Aachen die Rote Kreuzmedaillc 3. Klasse und Professor Dr. Kutner das Ritterkreuz des schwedischen Nordsternordens. — Frankfurter JsraelltiWS Familienblakt. Jur Alter von 42 Jahren verschied der angesehene Nervenarzt Dr. Martin Bloch, ständiger Mitarbeiter des Neurologischen Zentralblattes und der Grotjahn-Kriegelschen Jahresberichte über soziale Hygiene und Demographie und Mitbegründer der Gesellschaft für soziale Medizi», Hygiene und Medizinalstatisrik. Mannheim. Im Alter von 63 Jahren v e rschied der bedeutende Tabatindustrielle Kommcrzienrat und Stadtrat Fritz H i r s ch h o r n. Marienbad. Der Vorsteher der isracl. Gemeinde, Ignaz Fischl verschied int Aller von 74 Jahren. Breslau. Bei der Univetsitätsfeier am Kaiser- Geburtstag wurde cand. phil. Bruno Silberb e r g und cand. jur. S i e g ni u u d P i ck in i t de m Preise gekrönt und ersterem außerdem kostenfreie Promotion in Aussicht gestellt. (L.) Posen. Frau Kommerzienrat I d a Wolfs erhielt die Rote Krcuzmedaille 3. Klasse. — In S chönlanke ivnrden als Repräsentanten der jüd. Gemeinde für 6 Jahre gewählt: Moses Fabian, Isidor Joseph, Ludwig W i l l, Julius A. Rose u st r a u ch und H e h - nie. nn Sinasohn, als Rcpräsentanteii-Stcllvertreler: I u l i u s H. Cohn, Soll» E » g e l und H e y m a n n Wolfen st c i n. Budapest. Jag u cs Simon. Bizcpläsident der hiesigen Börse, wurde in den A d e l s ft a n d erhoben. Konstautinopel. Der Sultan hat seinem Leibarzt Professor Dr. B i c r zu seinem A d j u t a » - t e n ernannt. Bukarest. Roneti Moise Roman, einer der bedeutendsten Schriftsteller und Dichter Rumäniens, ist — 60 Jahre alt — verschiede n. Sein bestes Werk ist das Drama „Menajse", das den Zwiespalt des mvderiieil jüdischen Lebens und die Folgen der Assimilatiousbestrebuiigeu der Jndeii schildert. Tunis (Nord-Asrika). Der soeben im 'Alter von 57 Jahren verschiedene Kommandant I s n a c L e v v, Haupt-Interpret der sranzösischen Armee in Tunis, war nicht nur ein ausgezeichneter Offizier, sondern mich ein guter Jude. Allmorgeiitlich konnte man ihn niit Tcsillin und Tallis unter dem Arme in die Synagoge gehen sehen; auch hat er eigenhändig eine Sefer-Thora geschrieben. Wie groß sei» Ansehen war, zeigte das Leichenbegängnis, dem mehr als 10 000 Personcu folgten und während dessen sämtliche Geschäfte der Stadt schlossen. 0 leniffefon. 0 Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Eine Blntwelle überflutete für einen Moment das ansdrucksvolle Angesicht des Aclteren. „Ich habe doch recht. Du möchtest mit dem Grvßiuguisitor konkurrieren." „Verzeihe! — ich habe Dich verletzt?" „Das hast Tn allerdings." „Ich bitte Dich, verzeihe es mir, Tn weißt, ich habe cs nicht gern getan." „Das weiß ich, und ich will Dir auch verzeihen, aber die Verletzung schmerzt dadurch nicht weniger." „Das tut mir aufrichtig leid, aber ich weiß faktisch nicht —" „Daß cs mich schmerzen muß, daß Tu mir die niedrigsten Motive unterschiebst? - das weißt Tn nicht?" „Aber nein. Du hast mich mißverstanden." „Das glaube ich nicht; ich glanbe im Gegenteil, Dich sehr wohl verstanden zu habe», daß Du der Ansicht bist, daß ich nur um meiner ehrenvollen äußern Stellung willen dieses tu,glückselige Zand nicht verlassen. will, wo ich, wie Dcc Dich ausdrückst, uuaushörlich lügen und heucheln m>iß." „Nein, ganz gewiß, wenn ich mich auch vielleicht so dumm ausgedrückt haben sollte, den Sinn dieser Worte habe ich nicht gedacht, sicherlich nicht! — Kennen wir uns auch erst seit heute, so habe ich doch genug vo» Dir gesehen und gehört, um überzeugt zu sciic, daß Du keiner nnedeln Regung fähig bist. Komm, sei inir wieder gut und vergiß den Unsinn, den ich gesprochen habe." Er hielt ihm die Hand hin, die der andere ergriff und herzlich drückte. „Du lieber, guter, närrischer Junge, — glaubst Du denn in Wirtlichkeit, daß ich Dir auch nicht gut sein könnte?" „Berechtigt wärst Du dazu." „Ich weiß nicht einncal das. Wenn Du dich auch vorhin im Schwadronieren den Brüdern gegenüber um fünf Jahre älter gemacht hast, so weiß ich ja doch, daß Du Dein siebzehntes Jahr noch nicht vollendet hast." „Und da meinst Du, ich wäre »och ein Kind, dem mau sein Geschwätz nicht verübeln könnte? Das ist grade kein Kompliment für mich." „Ich hatte auch nicht die Absicht, Dir Kompliineiite zu machen." „Ach Du — wie alt bist Du denn eigentlich? — auch noch nicht gar so alt." „Jedenfalls mehr als noch einmal so alt wie Du." „Ja, ich weiß schon, zwölf Jahre ivarst Dil alt, als Du in's Kloster gekommen bist, und drei und zivanzig Jahre sind seitdem verflossen: also bist Du jetzt füiisniiddreißig Jahre. — Doch nun erzähle mir Deinen ganzen Lebenslauf, wir sind Brüder und wissen eigentlich noch gar nichts von einander." „Du hast recht! — Und wenn ich Dir alles erzählt habe, dan>! wirst Du auch einschen, daß ich denc freiwillig erwählten Berus nicht leichtfertig den Rücken kehren darf." „Du darfst Deinen Berns nicht anfgeben?" „Ich bitte mir zuznhören, ich ivill Dir alles erzählen. Komm', setzen wir iliis an's osfene Fenster, die Luft ist hier erfrischend, sie hat über den Wald hiogestreift." Sie setzten sich einander gegenüber an das offene Fenster und atmeten in tiefen Zügen die frische balsamische Nachtlnft ein. Der Vollmond stand hoch am Himmel, zahllose Sterne erglänzten am Firmament, und leuchtende Käfer schwirrten hin und wieder über dem leicht bewegten Fluß, der sich zwischen dem Kloster und dem gegenüberliegenden Wald dahinzog. „Schön ist'» hier," sagte der Bruder des Priors nach längerem Schweigen, „die heiligen Väter mit dem Blick in's Jenseits haben mich das Diesseits zu würdigen gewußt." „Das ist bekannt." „Nun selbstverständlich. — Aber Du wolltest mir doch erzählen —" „Ja, ich ivill Dir erzählen, was ich noch keinem erzählt habe, doch nur von meinem Leben im Kloster, denn das im Elternhansc wirst Du Dir ohne meine Schilderung vorstellen können. — Also Du ireist, kurz nach meineni zuräckgekegten zwölften Jahr wurde ich meinen Eltern geraubt: auf wessen Anregung, das habe ich nie erfahren, das ist mir noch heute ein Rätsel. — Ich befand mich in dem Gehölz, das an den Garten grenzte, der unsere Billa nnischloß. Ich sammelte duftende Kräuter, kleine langstielige lila Blüten, die meine Mutter zwischen die Wäsche zu legen pflegte. Ich hatte schon genügend gesammelt und wollte mich eben auf den Heimweg »lachen, als ich es hinter mir im Gebüsch rascheln hörte. Ich dachte es wäre mein Lehrer, der mich zum Unterricht rufe» wollte und ohne mich umzuwenden, ries ich: „ich komme schon!" In diesem Moment wurden mir gleichzeitig pv» miiidesteus zwei Personcu eine Binde über die Augen gelegt, ein Knebel in den Mund geschoben und die Hände mir auf dem Rücken zusammengebuiiden. Du kannst Dir iiieiile Verzweiflung denken, unfähig auch nur einen Laut hervorzubriugeu oder mich irgendwie zu wehren, ivar ich machtlos in den Händen der Räuber, die ich nicht einmal sehen konnte. Eine Strecke weit stießen und zerrten sie mich — vcrmut- bis außerhalb des Gehölzes —, dann ward ich in einen Wagen gehoben, die Räuber stiegen gleichfalls ein, und dann rannten die Pferde davoic in rasendem Galopp. Nach einigen Stunden nahmen inir die Räuber die Binde von den Augen, ich befand mich in einer mir vollständig üiibekannten Gegend; sie erboten sich mich den Knebel zu entfernen, wenn ich versprechen wollte, keinen Lank von inir zu geben; doch, bei denr geringsten Laut — sie zeigte» mir eine» spitzen gkäuzeiiden Dolch — drohten sie, mir denselben in die Brust zu stoßen. Was sollte ich machen? ich tat alles, was sie wollten, verhielt mich regungslos und schweigend, wenn auch häufig Tränen meine» 'Augen entstürzten. Dreimal im Tag wurden die Pferde gewechselt, und auch in der Nacht fuhren wir iveiter, bis wir am andern Morgen dieses Kloster hier erreichten. Die Männer,

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