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Neue jüdische Presse · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 6. Geist zum neuen Leben. 1632 kommt Barnch Spinoza zur Welt. Gewiß ist Spinoza kein jüdischer Philosoph, aber dieser größte Bcgrisssdichter aller Zeiten — um mich eines Windelband'sche» Ausdrucks zu bedienen — konnte ebensowenig sein Judentum ganz verleugnen, wie später Heinrich Heine oder Jacob» oder Ferdinand Lassallc. Erinnert nicht sein „Amor .lei intellectualis au das jesajahnische Amoloh kol hoorez deioh? Seine Einzelsubstanz, im Gegensatz zur Decartes'schen Doppelsnbstanz, an das jüdische Einheitsbewußtscin? Ein Jude Paulus hat ihnen den Bau errichtet, ein anderer Jude Spinoza hat denselben Ban zerstört. Ist cs nicht merkwürdig? Und für „ihre" Kultur sind Paulus und Spinoza die zwei Gegenpole, iimerhalb deren sich ihr Geist bewegt. Soll ich von Spinozas Einfluß auf die deutsche Kultur sprechen? Nehmet Goldschmidts „Spinoza in Deutschland" zur Hand, und ihr iverdet erfahren, daß der größte aller Deutschen, Johann Wolfgang Goethe, sein Schüler war. Und dann sind Mendelsohn-Lessing und die deutsche Aufklärung, Maimo-Fichte, Heine und die Romantik, Börne und das junge Deutschland, Marx, Lassallc und die Sozialdemokratie, von Stahl und der deutsche Konservatismus, Laskcr und der Liberalismus nur Episoden? Es gibt keine große Kultnrbewegung, an der wir nicht als Kollektivum oder als Teile des Kollektivums Anteil genommen. Vom Christentum bis zu den großen Strömungen des neunzehnten Jahrhundert sind wir — gewollt oder ungewollt — bewußt oder unbewußt — als Einzelne oder als Gesamtheit — mit den Erzeugnissen unseres Kulturbewußtseins oder als einzelne Träger derselben an allen welthistorischen Begebenheiten und Geschehnissen, Episoden und Dramen beteiligt gewesen. Den Einfluß der Bibel auf die germanische Kultur habe ich vor kurzen! an dieser Stelle in knappen Umrissen nachzuweiscn gesucht. Nachträglich habe ich meinen Jdeengang in dem Werke eines italienischen Soziologen bestätigt gefunden. Und ein jüdischer Historiker in Paris, Prof. Dr. N a ch u m S l o u s ch hat in einem bald zu erscheinenden, groß angelegten Werk über den Einfluß der Juden auf die slavische Kultur und chre Teilnahme an derselben den Beweis zu führen gesucht, daß die Slaven ihren ganzen kulturellen Habitus dem jüdischen Genius verdanken. Mancher Ivird einwenden, daß wir uns nur als Individuen, aber nicht als historisch-kulturelle Einheit an der Bereicherung der Weltgeschichte beteiligen. Wer so spricht, der arbeitet mit einer intellektuellen Untcrbilanz. Jedes Glied und Träger einer Rassen- und Nationalkultur, wie cs die jüdische ist, bildet einen Teil der Gesamtheit, er ist ein Glied ihrer Einheit. Ter Einzelne stellt aber nicht mu° physiologisch und anatomisch die Summa vererbter Eigenschaften dar, sondern auch psychisch und kulturell. Und je älter die Kultur, desto mehr hereditäre Merkmale beim Individuum. Und, was soll es heißen, wenn Augustinus, der eigentliche Begründer des Katholi-- zismus, in das Arsenal unserer Kulturgüter eindringt und dort die Pläne für seinen Ban holt — heißt das nicht eine passive Aeußcrung des jüdischen Seins in der Weltgeschichte? Bedenkt man aber die Konsequenzen der augustinischen Tat, die moralische Begründung des Katholizismus, seine Blüte, seinen Niedergang usw., dann wird man ermessen, in welchem Maße wir den Werdegang der 'Geschichte bestimmen. Wer hat die Macht des Klerus gebrochen? Die reine, ursprüngliche Bibel, wie sie der Humanismus und die Reformation wieder entdeckt, hat über die verhunzte Bibel des Augustin den Sieg davongetragen. Aus dem Versuch, das mittelalterliche Päpocesarentum mit der durch den Humanismus wieder entdeckten Bibel zu korrigieren, ist eine Spaltung in unseren! Kulturkreis hervorgegangen. Da trennen sich Nord und Süd. Es ist aber eine hinkende Analogie, wenn man deni größten Erzeugnisse des jüdischen Kulturgenies denjenigen Einfluß auf die Geschichte und auf die Menschheitskultur zubilligt, den inan Frankfurt« JsraÄktiWes FamiÜenblott. cineni Platon oder A r i st o t e l e s gewährt. Wir waren auch Zeugen des großen Kulturprozesses und haben je nach Zeit und Umständen aktiven Anteil an dem Werdegang genommen. So erweist sich unser Sein in der Weltgeschichte in mannigfachster Art, und in der großen Kette von Ursachen, die die Gestalt und Znsmi-meiisetziing unserer heutigen Kultur bewirkt, haben ivir immer ein großes, merkbares Glied gebildet Jetzt kommt es nun darauf an, die Natur unseres Seins, d. h. die Naturgeschichte unseres Geistes und die Psychologie unseres Kulturtnnis, zu - erkennen. Darüber im nächsten Artikel. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die 5. regelmäßige Jahressitzung der deutschen Konferenz-Gemeinschaft der A t l i a n c c I s r a e I i t c Universelle wird am 25. Februar, vormittags 9% Uhr, im Saal des Brüdervercins (Knrfürstciistr. 115) ihren Anfang nehmen. Voraussichtlich wird der Tagung ein Alliancet a g ungegliedert werden Berlin. Wir. die „Allg-Ztg. d. Indent." mitteilt, ist die Begründung einer großen, ganz Deutschland umfassenden Liberalen jüdischen Vereinigung gesichert und der Zusammenschluß der liberalen Vereine siir jüdische Angelegenheiten zu diesem Zwecke bereits perfekt. Leipzig. Der Leipziger Handlungsgeh i l f e n - V c r b a n d dürste sich in Kürze mit dem antisemitischen d e n t s ch n a t i o n a l e n H a n dlnngs ge Hilfe n- Verband der einigen und damit auch ofsiziell antisemitisch werden. Oesterreich-Ungarn. Wien. Statistik. Die soeben erschienene Nummer der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" in Berlin, bringt' n. a. eine eingehende Arbeit Dr. Jakob Thon's über die „Taufbewegung der Juden in Oesterreich", die zu dem Ergebnis kommt, das; die Zahl der durch Austritt vom Judentum abfallenden Inden i n allen österreichischen Krön ländern znsammen auf 810—900 j ü tz r 1 i ch zu veranschlagen ist und somit 1 Austritt auf je 1360—1480 Juden Oesterreichs entfällt. Wien. 740t Juden im Alter von unter 14 Jahren sind in den 18 Jahren von 1886 bis 1903 in Wien z n in C h r i st e n t u m n berge t r e t e n. Hiervon waren 5474 ledig. 3966 traten zum Katholizismus, der herrschenden Kirche des Landes, 1713 zum Protestantismus über und 1471 erklärten sich konfessionslos. 1172 C h r i st c n traten hier in dem gleichen Zeitraum z n in Judentum übe r. Der Grund ist anscheinend in der Mehrzahl der Fälle Heirat gewesen. Wahrscheinlich sind darunter auch eine Anzahl getaufter Juden, die zum Judentum zurücktreten. Budapest. Eine Deputation jüdischorthodoxer Kanflcute begab sich zum Handelsmiiiister Franz K o s s n t h und zum Staatssekretär Joseph S z t ä r s n y i zwecks Ueberreichung eines Memorandums in Angelegenheit d e s S o n n t a g s r n h c g e s c tz e s. Als Sprecher der Deputation fungierte Redakteur Leopold Großbcrg von der Budapcstcr „Allgeui. Jüd. Ztg.", der in seiner Ansprache ausführte, daß die strenggläubigen jüdischen Kauslcute, die allwöchentlich von Freitag Abend bis Samstag Albend ihre Geschäfte geschlossen halten und überdies an einer Reihe von jüdischen Feiertagen ihre Lokale nicht öffnen, schon durch das bisher in Geltung befindliche Sonntagsruhe-Gesetz gegenüber den andersgläubigen Kanflcnten stark im Nachteile sind. Da nun gegenwärtig an der definitive» Regelung der Sonntagsruhe gearbeitet wird, ja sogar eine Verschärfung der gegenwärtigen Borschristen bevorsteht, so stehen die strenggläubigen jüdischen Käufleute vor dem Dileinnia, entweder materiell zugrunde zu gehen oder aber das strenge Gebot der jüdischen Religion, den Sabbat zu halten, übertreten zu müssen. Da nun der größte Teil der orthodoxen Kaufleute das Erstere wählen ivird, wäre der Staat der Tatsache gegenübcrgestellt. Tausende von Steuerzahlern zu verlieren. Die Deputation bittet daher im Namen ihrer Mandanten, der Minister möge mit ihnen keine Ausnahnie machen, sondern im neu zu schaffenden Gesetze den vor einigen Jahren bestandenen Zustand wieder Herstellen, daß speziell in der Provinz allen Kaufleuten ohne Unterschied der Konfession das Offenhalten der Geschäfte an Sonntagen bis 12 Uhr mittags gestattet werde. Handelsminister K o s s u t h nahm das vom Sprecher der Deprckation »überreichte Memorandum entgegen und erwiderte Folgendes: „Werte Deputation! Geehrter Herr Redner! Sie werden eS begreiflich finden, daß ich jetzt, nach der bloßen Anhörung Ihrer Bitte, Ihnen keine definitive Antwort erteilen kann. Ich muß ja die Frage, um. welche cs sich bei Ihrem Verlangen handelt, vorerst zum Gegenstand des Studiums machen, auch muß die Angelegenheit mit Bei-ücksichtigung der Interessen der übrigen Bevölkerung des Landes gelöst werden. Der Regelung der Sonntagsruhe-Vorschriften wird wahrscheinlich eine Enqnöte vorangchen, und da werde ich einigen Mitgliedern aus Ihrer Mitte Gelegenheit geben', Ihre Wünsche daselbst ausführlich zu begründen, oder aber, falls keine Enquete stattfinden sollte, werden die interessierten Kreise anfgeforderk werde», ihre Ansichten schriftlich darzulege», und so wird eine bezügliche Aufforderung auch an Sic ergehen. Aber Sie mögen vollauf versichert sein, daß ich Ihr Verlangen einer ernsten Erwägung unterziehen werde, und seien Sie überzeugt, daß mich hierbei nt ein b e st es Wohlwollen leiten wir d." Nach der mit lebhaften Eljenrufen aufgeiiommenen Rede verließ die Deputation bas Ministerium. Kraka». In einem Ausrufe der astpotnischen Partei, der auch von den jüdischen — Pardon! — Polnischen Abgeordneten Dr. Nathan Löwenst e i ii, Dr. Josef Gold, Rudolf Galt und Dr. Henryk Ko lisch er unterzeichnet ist, heißt cs: „Von der tiefen Uebcrzcugnng durchdrungen, daß der tatsächliche Fortschritt nur durch das friedliche Zusammenwirken aller Volksschichten des Landes, die sich in ihrer ungeheuren Mehrzahl zur katholischen Kirche bekennen, zu erreichen ist, muß d i e Bevölkerung im ganzen öffentlichen L e b c n i in Geiste der christlichen Moral geleitet werden." — In der letzten Sitzung des Ge m e i n d e r a t e s ergriff der Vizepräsident der israelitischen Gemeinde Gcmeinderat Dr. 9k a s a e l Landau, das Wort, um über die Zurücksetzung der Juden Klage zu führen. Er beschwerte sich n. a. darüber, daß die Handwerkerinnungen keine Juden aufn e h m e n und daß die Stadt g r un d s ä tz l i ch keinen jüdischen Lehrer anstelle. Stanislau lGalizien). Das Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung hat die hier von dieser Slistuug begründete und unterhaltene Schule mit der merkwürdigen Begründung, daß sie ihre» Zweck, die jüdische Bevölkerung zu zivilisieren, erfüllt habe, aufgehoben. Rußland. Radomisel. Die Teuerung läßt nicht nach, im Gegenteil, alltäglich steigen noch die Preise. Das Brot wird jetzt ans geriebenen Kartoffeln gebacken, und die Kartoffeln sind ebenfalls unglaublich in die Höhe gegangen. Infolge dieser Zustände wächst die Auswanderung nach Iren Vereinigten Staaten, trotz der amerikanischen Krisis, von Woche zu Woche in so großen, geradezu b e än g sti g e n d e n D imen s io - neu, daß der Zeitpunkt nahe gekommen scheint, bet dein die freiwillige Liebestätigkeit der deutschen Inden nicht mehr genügen dürste. Ganz besonders zeigt mein Wohnort Radomisel ein trauriges Bild. Die Bewohner — alle „Chassidim" — sind altmodisch und dürftig gekleidet; man sieht hier kaum einen einzigen Juden, der gut genährt ist. Die Bethäuser sind kaum noch außen kenntlich und aus Mangel an Gemeindemitteln schlecht gehalten; die Privatschulen sind miserabel. Die Badeanstalt ist in einem solch schmutzigen Zustand, daß der Eintritt lebensgefährlich ist. Durch Not und Elend hat man cs hier verlernt, sich für das Leben vorzubcreiten, und hat einer einen Berns ergriffen, nützt es ihm wenig, da man durch Mangel an Tätige feit immer wieder etwas anderes zu suchen gezwungen ist. Die Zahl der Läden ist so groß, daß' die tägliche Einnahme eines solchen sich auf Kopeken beläuft. Die Krämer sind immer zu Hause oder in Beth- Kamidrasch, wo geraucht und geplaudert wird; der Käufer holt sie, wenn er etwas zu kaufen wünschet, ans dem Hause oder aus dem „Beth-Hamidrasch". Die Früchte der Arbeit sind also bis auf das Minimum gesunken, und unsere hiesigen Brüder leben ohne Brot, ohne Luft und ohne äußeren Schutz. I. I. B r a u n. Radomisel. Hier und im übrigen Kiewer Gouvernement herrscht die Influenza, und die Zahl der Erkrankungen ist enorm. Auch'kommen sehr zahlreiche'Scharlachfälle und Gehirnhautuntznndnngen bei Kindern vor. I. I. Braun. Großbritannien. London. Die größte Schule der Welt dürfte die jüdische Schule in der Middlesex - Streit sein, da sie 3500 Schüler zählt. Louis Abrahams, ihr Direktor, wirkt bereits seit 55 Jahren an der Schule; damals — 1853 — war sic ein schniales Gebäude, in dem 600 Knaben und 300 Mädchen Platz hatten. Abrahams interessierte die Familie Rothschild für die Schule, und diese machte ihr verschiedentlich namhafte Zuwendungen; auch ließ die jüd. Gemeinde zu Ehren Lord Rothschilds einen großen Anbau mit 400000 JL Kosten errichten. Der südafrikanische Minenkönig Barnato war Freischüler der Schule, und der berühmte Schriftsteller Israel Zangwill wirkte an ihr als Lehrer.

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