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Neue jüdische Presse · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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gf tan&futUt frarlilifdirs fauilirnblatt. i — > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. WonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— L.-- —.. edaKtion und SranXkrl r. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße T-r-fo« 10507. HeransgeVev: Saks che Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzelle. 25 Psg. Die Reklamezelle. MO „ Platz- und Daten-Borschrtft ohne Verbindlichkeit. Beilage«: Preis nach Ueberrinkunst. i. 6. Jahrgang. Freitag, den 6. Adar 5668 (7. Februar 1908). Ro. 6. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jüdische Probleme. —Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Der Prior. — Wo ch en-Kal end er. — Briefkasten. — Familiennachrichten. Indische Probleme. Bon Maxime Le Nt alt re - Bern. I. B o m jüdischen Sein. (Schluß). Wir wollen noch kurz den Kulturprozcß schildern, durch den das Judentum im späteren Mittelalter in das Kultnrwerk hincingezogen >vurde. Ein Jahrhundert nach der begrifflichen Ausbildung des Katholizismus durch Augustin erhebt sich in Vorderasien ein neuer Kulturbau — der Islam, der ebenfalls direkt aus dem Judentum hervorgegangen. Der Islam wie das Christentum haben ihren inneren Gehalt dem Judentum entnommen — der noch durch Aristoteles schwach nachzitternde hellenische Kultnrgeist war nur ein äußerer Damm. Im sechsten nachchristlichen Jahrhundert verliert sich die platonische Gedankenwelt ans dem damaligen gesamten Kulturumkreis und Aristoteles Geist und Lehre erlangt eine dominierende Stellung. Im Lause des sechsten, siebenten und achten Jahrhunderts wird er successive syrisch, arabisch uttb hebräisch übersetzt. Auf ihm konzentriert schließlich das gesamte Kulturzentrum der damaligen Generationen. In Aristoteles treffen sich Araber, Juden und Christen. Auf jüdischer Seite führte die spät-mittelalterliche Aristoteles-Kultur zu Maimonides. Maimonides bildet schon deshalb eine Epoche in der Geschichte der Kultur des Mittelalters, weil er — wie es Joel-Breslau und Frank-Köln fein nachgewiesen haben — auf der einen Seite zum philosophischen Begründer des spätmittelalterlichen Katholizismus, Thomas d'Aquino, auf der ändern Seite zu Albertus Magnus führt. Am Ende des elften Jahrhunderts ist die christliche Philosophie, respektive der christlich zugeschnittene Aristotelismus an einem toten Punkt angelangt. Man durfte Aristoteles deuten und deuteln, wie man wollte, über eine Frage kam man nicht hinaus, über die Frage nach dem Ursprung alles Seins. Und mochte man Aristoteles noch so verhunzen, der Wunderglaube und die autopozentrische Weltanschauung ließen sich schlechthin nicht vereinbaren. Und der aller Mystik feindliche Maimonides hat bei aller Hochachtung für Aristoteles ■, die Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo) bejaht, einer autopozentrischen Weltanschauung gehuldigt und die ganze emanatistischc Richtung des erneuerten Neuplatonismus völlig abgestreift. Darin besteht sein Verdienst, und es genügt, irgend eine Schrift des Albertus Magnus zur Hand zu nehmen, um die gewaltige Bedeutung Maimonides für die Philosophie des späteren Mittelalters zu erkennen. 'Albertus Magnus ist der erste christliche Denker, der die Ergebnisse der arabisch-jüdischen Philosophie gekannt und verarbeitet. Auch er ist Aristoteliker, aber er nimmt den: Meister gegenüber diejenige Stellung ein, die Maimonides anzunchmen gewagt. — Gleich Maimonides tadelt er ihn, weil er die Möglichkeit der „Schöpfung aus dem Nichts" leugnet und die Ewigkeit der Welt lehrt. Albertus hat Maimonides gekannt und verehrt. Bei Albertus aber erfährt die theologische philosophische Wahrheit zum ersten Mal eine Gcbietstrennung. Hier liegt schon der Keini der Renaissance, denn nur die Einsicht, daß Philosophie und christliche Theologie trotz aller Theorien von der doppelten Wahrheit schlechthin Gegensätze sind, hat zum Kampf gegen das „Inmeu superuatnrales" geführt, und mit diesem Kampf setzt das 14. Jahrhundert ein. Thomas d'Aquino aber systematisiert den Standpunkt des Albertus und scheidet noch schärfer die Gebiete des Glaubens und des Wissens, als sein Vorgänger. Von Albertus führt der Weg zu der Renaissance, Thomas d'Aquino ist der Philosoph des spätmittelalterlichen Katholizismus. Beide aber gehen vielfach auf Maimonides zurück, beide haben an einem echtjüdischen Quell geschöpft. Die Stellung der Juden in der arabischen Kultur ist bekannt. — Namen wie Avice - brai, Salomo ben Gebirole, von dem ein Spinoza mit Hochachtung spricht. Samuel H a n a s s i, I e h u d a ben H a l e v y, Mai - m o n i d e s und andere würden auch jedem andern Volke einen Kulturkredit sichern. Und während die arabische Kultur in Blüte stand, waren es auch die Juden, die an ihrer reinen Erhaltung Anteil nahmen und sie vor einer Vermischung unt einem decadenten Pseudo-Hellenismus bewahrten. Zeugnis davon legt der Ausspruch Rabbi Jehuda Ben Halevys ab, der im Urtext lautet: W'al jaschiacho chochmoh jewonis, ascher ein lo pri ki im prochim. So äußert das jüdische Sein sich während des ganzen frühen und späten Mittelalters in mächtigen Kulturakkorden und diese Akkorde verdichten sich zu einer Symphonie, als ein Pico de Mirandola auf italienischer und ein Erasmus auf deutscher Seite mit den Werten des Judentums alle anderen Werte zu entwerten suchen. Im 15. Jahrhundert taucht zuerst Johannes Pico von Mirandola auf und versucht, dem stets wachsenden Ansehen und Einfluß der heidnischen Antike mit rein jüdischen Werten entgegenzutreten. Er ruft seinen Zeitgenossen zu: „Mit der Regeneration llassischer Kultur kommt ihr nicht weiter. Die Bibel, der Talmud und die Kabbala bilden ebenso bedeutende Bestandteile der Allgemeinkultur, wie Homer, Hesiot und Platon!" Und je inehr seine Zeitgenossen sich aus die klassische 'Antike beriefen, desto mehr hob er den Kulturwert des Judentums hervor. Seit 1482 bis zu seinem erfolgten Tod (1494) führte er einen förmlichen Kampf für Glcichbewertung der jüdischen Kulturgüter. Er lud sogar alle europäischen Gelehrten auf seine Kosten nach Rom zu einer Disputation ein: er wollte ihnen 900 Thesen vorlegen; — allein der Papst verurtelltc seinen Plan. Unter deui Einfluß Pios stand später der geistesgewaltige schweizerische Reformator Zwingli. Dieselben Bahnen wandelten später Johannes Picos Reffe I. F. Pico und der Benetianer Franziskus Georgius Zorzi. 'Aus dieser Strömung ist der wissenschaftliche Begründer des Studiums der hebräischen Literatur für die christliche Welt. Joh. Reuchlin, hervorgewachsen. Jacob Burkhard hat das Wesen der Renaissance auf die Formel gebracht: „Zu der Entdeckung der Welt fügt die Kultur der Renaissance eine noch größere Leistung, indem sie zuerst den vollen ganzen Gehalt des Menschen entdeckt und zu Tage fördert". Der zukünftige Historiker der großgermanischen Kultur wird diese Formel umdeuten, indem er statt der Entdeckung des vollen Gehaltes des Menschen die Entdeckung des Judentums, das das Mittelalter aufzureiben drohte, feiern wird. Was Pico und Georgius Franziskus Zorzi in der Renaissance postuliert, das haben die Träger des Humanismus, mächtige Germanengestalten wie Erasmus, Reuchlin u. A. energisch vertreten und durchgeführt. Sie haben, sofern ihr Kulturinteresse es ihnen ermöglicht hat, Judentum und Juden in die neue Geisteskultur eingeführt und damit der germanischen Gesamtkultur eine solide Grundlage gegeben und die Juden vor der vollständigen Zermalmung von mittelalterlicher Päpocesarie gerettet. Dabei ist der wirtschaftlichen Rolle nicht zu vergessen, die die Juden in allen Westländern während des ganzen Spätmittelalters gespielt. Die Wirtschaftsgeschichte gedenkt immer ihrer Verdienste für ihre Förderung von Handel und Verkehr. Die Juden als wirtschafllicher Faktor haben auch den politischen Lauf der Dinge mächtig beeinflußt und durch ihre Förderung des Verkehrs zur Humanisierung der halb vertierten Menschen des ausgehenden Mittelalter beigetragen. Mit dem Sieg Englands über Philipp II., mit der Lostrenmmg der Niederlande von Spanien, kurzuni mit der Entfaltung der germanischen Macht, die von der Reformation und von dem Humanismus geistig genährt und sittlich gestählt wurde, beginnt ein neues Kapitel Welt- und Judengeschichte. Aber der Beginn der neuen Epoche wäre ohne das Judentum nicht möglich, denn der jüdische Kulturgeist war es, der zwischen Nord und Süd hat Bresche geschlagen. Und mit dem Beginn der Kulturvorherrschast des Germanentums erwacht der Mische

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